DIE HISTORISCHEN LEHREN AUS DER NOVEMBER REVOLUTION

9. Novem­ber 1918: Die Revo­lu­tio­näre gehen in Berlin auf die Straße. 

 Es ist über hundert Jahre her, dass sich im Novem­ber 1918 Tausende von Solda­ten und Arbei­tern gegen die herr­schende Ordnung des Deut­schen Kaiser­reichs erho­ben. Die revol­tie­ren­den Massen erreich­ten damals das, was ihren Groß­el­tern 70 Jahre zuvor nicht gelun­gen war: den Sturz der Monar­chie und die Besei­ti­gung der Fürs­ten­herr­schaft. Aber ähnlich wie dem Revo­lu­ti­ons­märz 1848 wurde auch dem Revo­lu­ti­ons­no­vem­ber durch rück­schritt­li­che Kräfte Einhalt gebo­ten. Die Revo­lu­tion von 1918/19 blieb in ihrer Anfangs­phase stecken, als die Mehr­heits-SPD ein Bünd­nis mit dem reak­tio­när-kaiser­li­chen Mili­tär einging und die revo­lu­tio­nä­ren Kräfte im Land nieder­schlug. Mit der Waffe setzte die SPD ihre refor­mis­ti­schen Auffas­sun­gen durch: Die Arbei­ter­klasse sollte den Sozia­lis­mus nicht durch die Errich­tung eige­ner Staats­ap­pa­rate errei­chen, sondern durch den Eintritt in den bestehen­den Staat, durch den Kampf für Refor­men inner­halb des bürger­li­chen Parlaments.

 So entstand die Weima­rer Repu­blik, deren Verfas­sung nur so weit ging, eine formale poli­ti­sche Demo­kra­tie zu sichern. Im Namen der „Gewal­ten­tei­lung“ wurde die Legis­la­tive einer demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­tion unter­wor­fen, die Verwal­tung und die Justiz aber blie­ben in der Hand der alten kaiser­li­chen Büro­kra­tie. Gleich­zei­tig gelang es den reak­tio­nä­ren Kräf­ten – trotz begrenz­ter Zuge­ständ­nisse wie dem 8‑Stun­den-Arbeits­tag, der Einfüh­rung von Betriebs­rä­ten und dem Wahl­recht für Frauen – ihre wirt­schaft­li­che und soziale Macht­stel­lung zu wahren. So behiel­ten die Bour­geoi­sie die Indus­trien, die Junker ihren Land­be­sitz und das Mili­tär seinen Status als „Staat im und über dem Staat“. Dieje­ni­gen, die den Ersten Welt­krieg in Gang gesetzt hatten, um den deut­schen Mono­po­len gewalt­sam eine Führungs­po­si­tion in Europa zu sichern, blie­ben in ihren Schlüs­sel­po­si­tio­nen, was es ihnen ermög­lichte, zwei Jahr­zehnte später die deut­sche Kriegs­ma­schi­ne­rie erneut zu mobi­li­sie­ren, um ihre „Verluste“ von 1918 rück­gän­gig zu machen.

Die Revo­lu­tion beginnt mit dem Aufstand der Kieler Matro­sen am 3. Novem­ber 1918.

Wir haben den Jahres­tag der Novem­ber­re­vo­lu­tion zum Anlass genom­men, uns mit den Debat­ten inner­halb der Arbei­ter­be­we­gung nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges zu beschäf­ti­gen. Unsere kurze Unter­su­chung, die sich vor allem an unser inter­na­tio­na­les Publi­kum rich­tet, hat erneut gezeigt, dass man die Geschichte und Konti­nui­tät der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung verste­hen muss, wenn man die Entste­hung und Entwick­lung der DDR nach­voll­zie­hen und histo­risch einord­nen will.

Mit der Kapi­tu­la­tion des faschis­ti­schen Deutsch­lands wurde die Frage, wie die Fehler der Vergan­gen­heit vermie­den werden können, zu einem entschei­den­den Thema inner­halb der SPD und der KPD. Ein zentra­ler Moment dieser Debat­ten war die kriti­sche Refle­xion der Rolle der SPD-Führung in der Novem­ber­re­vo­lu­tion. Otto Grote­wohl, der in den Weima­rer Jahren Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter der SPD und zeit­weise Volks­bil­dungs- und Justiz­mi­nis­ter und nun Vorsit­zen­der der SPD in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zone war, wurde zu einer Schlüs­sel­fi­gur und leitete einen Prozess des Umden­kens in seiner Partei ein. In seinem Werk „Drei­ßig Jahre Später“ von 1948 legte Grote­wohl die kriti­sche Analyse der Ereig­nisse von 1918/19 dar:


„Heute wie damals wird von führen­den Vertre­tern der Sozi­al­de­mo­kra­tie die Bedeu­tung der forma­len Demo­kra­tie über­schätzt und dabei über­se­hen, dass solange die Klas­sen­ver­hält­nisse nicht geän­dert, die Macht­ver­hält­nisse in Staat und Gesell­schaft nicht gründ­lich umge­stal­tet sind, die Demo­kra­tie nur eine Tarn­kappe für die alten reak­tio­nä­ren Mächte ist, die beiseite gewor­fen wird, sobald Mono­pol­ka­pi­ta­lis­ten und Junker die Zeit dafür reif halten.” (Otto Grote­wohl: Drei­ßig Jahre später, Dietz-Verlag, Berlin, 1948, S. 10)
April 1946: Otto Grote­wohl, der spätere erste Minis­ter­prä­si­dent der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik, spricht auf einem Partei­tag der SPD.

Grote­wohl argu­men­tierte, dass die unent­schlos­sene Demo­kra­ti­sie­rung Deutsch­lands nach der Novem­ber­re­vo­lu­tion das Aufkom­men des Faschis­mus ermöglichte:

 

„Der grund­lie­gende Mangel dieser ‚Demo­kra­tie‘ bestand eben darin, dass sie gar keine wahre Demo­kra­tie war, kein wahrer Volks­staat, der den Massen des Volkes auch nur die Möglich­keit gewährt hätte, sich wirkungs­voll der aufstei­gen­den Dikta­tur zu wider­set­zen; denn wesent­li­che – ja, wir können heute sagen die wesent­lichs­ten – Zweige der staat­li­chen Macht­aus­übung lagen gar nicht in den Händen des Volkes, sie wurden in Funk­tion gesetzt und arbei­te­ten ohne oder jeden­falls fast ohne Kontrolle des Volkes.” (Grote­wohl: Drei­ßig Jahre später, S. 106)

 

Diese „Mängel“ der Weima­rer Repu­blik entspran­gen letzt­lich dem Staats­ver­ständ­nis der SPD-Führung. Sie fasste den Staat als eine neutrale Insti­tu­tion auf, als etwas, das über den Klas­sen steht, und nicht als Instru­ment der herr­schen­den Klasse:

 

„Für die Revo­lu­tion musste sich [diese Auffas­sung] tödlich auswir­ken, denn ihre Konse­quenz war nicht Kampf gegen den Staat, Bruch des Staa­tes, sondern unter dem Motto seiner ‚Ausnut­zung‘ und der Siche­rung von ‚Ruhe und Ordnung‘ führte sie faktisch zur Beugung der Arbei­ter­klasse unter den Staat. War aber die Frage der Zertrüm­me­rung des alten Staats nicht von Anbe­ginn als die zentrale Frage der Revo­lu­tion gestellt, so war der Kampf verlo­ren, bevor er über­haupt begon­nen hatte.“ (Grote­wohl: Drei­ßig Jahre später, S. 128)

 Die histo­ri­sche Lehre für Grote­wohl und seine Mitstrei­ter war klar. Nach 1945 musste gelin­gen, was 1918 nicht gelun­gen war: die voll­stän­dige Enteig­nung der Kriegs­trei­ber, die Zerschla­gung des alten Staats­ap­pa­ra­tes und des Beam­ten­tums sowie der Aufbau neuer, demo­kra­ti­scher Appa­rate der Verwal­tung, Poli­zei, Justiz und Bildung. Mit der Verei­ni­gung von SPD und KPD und dem Bünd­nis mit den ande­ren Kräf­ten des anti­fa­schis­ti­schen Blocks und der Sowje­ti­schen Mili­tär­ver­wal­tung begann die demo­kra­ti­sche Umwäl­zung in Ostdeutschland.

1. Mai 1946 in Berlin, eine Woche nach der Grün­dung der SED.

Ange­sichts der Nach­kriegs­zer­stö­rung, der Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen und der Spal­tungs­po­li­tik des Westens war dies ein schwie­ri­ger und wider­sprüch­li­cher Prozess. Er markierte jedoch den Kulmi­na­ti­ons­punkt des revo­lu­tio­nä­ren Prozes­ses, der 30 Jahre zuvor, im Novem­ber 1918, begon­nen hatte. Es ist dies auch der Punkt, der die entschie­den gegen­sätz­li­che Entwick­lung West- und Ostdeutsch­lands nach Kriegs­ende, mit der Zäsur der beiden Staats­grün­dun­gen im Jahr 1949, bis 1990 markiert: In der Bundes­re­pu­blik sorg­ten unter Nicht­an­tas­tung der bestehen­den Eigen­tums­ver­hält­nisse die bürger­li­chen Parteien mit Rück­halt der West­mächte dafür, dass der alte Staat restau­riert wurde, und die west­deut­sche SPD führte die Arbei­ter­klasse weiter mit der Ansicht in die Irre, der Sozia­lis­mus könne durch parla­men­ta­ri­sche Refor­men erreicht werden (wobei sie selbst diese Illu­sion im Godes­ber­ger Programm von 1959 aufgab). In der DDR hinge­gen wurde der konse­quente Bruch mit der Vergan­gen­heit voll­zo­gen. Sie verkör­perte einen neuen Staat – einen Staat, der sich nicht auf die aris­to­kra­ti­schen oder kapi­ta­lis­ti­schen Klas­sen, sondern auf die Macht der Arbei­ter und Bauern stützte. Dies war die histo­ri­sche Leis­tung derje­ni­gen, die aus ihren frühe­ren Irrtü­mern gelernt hatten. Wie es Grote­wohl sagte, „Man muss den Mut haben, Fehler der Vergan­gen­heit zu begrei­fen, zu verste­hen und rich­tig zu analysieren“.

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