Wir wollen keinen geteilten Planeten; wir wollen eine Welt ohne Mauern.

Der fünfzehnte Newsletter (2022).

Ever Fonseca (Kuba), Homenaje a la paz, 1970.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Als die Verei­nig­ten Staa­ten 2003 ihren ille­ga­len Krieg gegen den Irak began­nen, sprach Kubas Präsi­dent Fidel Castro in Buenos Aires, Argen­ti­nien. «Unser Land wirft keine Bomben auf andere Völker», sagte er, «und schickt auch nicht Tausende von Flug­zeu­gen, um Städte zu bombar­die­ren … Die Zehn­tau­sen­den von Wissen­schaft­lern und Ärzten in unse­rem Land wurden in der Idee ausge­bil­det, Leben zu retten». Kuba habe zwar eine Armee, aber keine Armee für den Krieg; Castro nannte sie «eine Armee von Weiß­kit­teln». In jüngs­ter Zeit hat die kuba­ni­sche Henry-Reeve-Brigade von Mediziner*innen selbst­los in der ganzen Welt gear­bei­tet, um die Flut der COVID-19-Pande­mie einzudämmen.

 

Castro erin­nert uns daran, dass es zwei Möglich­kei­ten gibt, in dieser Welt zu leben. Wir können in einer Welt leben, in der Krieg herrscht, die mit Waffen über­schwemmt und durch Einschüch­te­rung  in Schach gehal­ten wird, in einer Welt, die sich stän­dig auf einen Kampf vorbe­rei­tet. Oder wir können in einer Welt von Lehrer*innen und Ärzt*innen, Wissenschaftler*innen und Sozialarbeiter*innen, Geschichtenerzähler*innen und Sänger*innen leben. Wir können unser Vertrauen in Menschen setzen, die uns helfen, eine bessere Welt zu schaf­fen als die, in der wir heute leben, diese erbärm­li­che Welt des Krie­ges und des Profits, in der uns das Häss­li­che zu über­wäl­ti­gen droht.


Die Angst sitzt in unse­ren Poren, dass ein neuer eiser­ner Vorhang fällt, dass man China und Russ­land einkes­seln und die Welt in Lager auftei­len will. Aber das ist unmög­lich, denn – wie schon im News­let­ter der letz­ten Woche erwähnt – wir leben in einem Wirr­warr von Wider­sprü­chen und nicht in einer sauber sortier­ten Welt der Gewiss­hei­ten. Selbst enge Verbün­dete der USA, wie Austra­lien, Deutsch­land, Japan und Indien, können ihre wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Bezie­hun­gen zu Russ­land und China nicht abbre­chen. Es würde sie in eine Rezes­sion stür­zen und ein wirt­schaft­li­ches Chaos verur­sa­chen, wie es durch Krieg und Sank­tio­nen bereits in Hondu­ras, Paki­stan, Peru und Sri Lanka gesche­hen ist. In diesen Ländern, die bereits vom Inter­na­tio­na­len Währungs­fonds, von der Gier der Eliten und von auslän­di­sche Botschaf­ten gebeu­telt sind, haben die stei­gen­den Kraft­stoff­preise eine Wirt­schafts­krise in eine poli­ti­sche Krise verwandelt.

Sergey Grine­vich (Bela­rus), Tank, 2013.

 

Kriege enden entwe­der mit der Zerstö­rung der poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen und der sozia­len Kapa­zi­tä­ten eines Landes oder sie enden mit Waffen­still­stän­den und Verhand­lun­gen. Der Krieg der Nord­at­lan­tik­ver­trags-Orga­ni­sa­tion (NATO) gegen Libyen im Jahr 2011 endete damit, dass das Land mit dem Geruch von Kordit in der Luft und einer zerbro­che­nen sozia­len Ordnung vor sich hin taumelte. Das Schick­sal Liby­ens sollte sich nirgendwo wieder­ho­len, schon gar nicht in der Ukraine. Doch es ist ein Schick­sal, das den Menschen in Afgha­ni­stan, Soma­lia und Jemen vorbe­stimmt ist, die in Krie­gen erstickt sind, die vom Westen ange­heizt wurden – Kriege, die vom Westen bewaff­net wurden und für den Westen profi­ta­bel waren.

 

Als das heutige Russ­land aus dem Zusam­men­bruch der UdSSR hervor­ging, putschte Boris Jelzin mit bren­nen­den Panzern gegen das russi­sche Parla­ment. Die derzei­ti­gen Macht­ha­ber in Russ­land handeln im Lichte dieser gewalt­sa­men Anfänge und der Erfah­run­gen ande­rer kriegs­ge­plag­ter Natio­nen. Sie werden nicht zulas­sen, dass ihnen das Schick­sal Liby­ens, Jemens oder Afgha­ni­stans wider­fährt. In der weiß­rus­si­schen Region Homels­kaja Woblasz (oder Gomel) laufen Verhand­lun­gen zwischen Russ­land und der Ukraine, doch muss das Vertrauen gestärkt werden, bevor ein Waffen­still­stand eine reale Möglich­keit wird. Jeder Waffen­still­stand sollte sich nicht nur auf den Krieg inner­halb der Ukraine bezie­hen – was unbe­dingt notwen­dig ist –, sondern auch die Been­di­gung der brei­te­ren Druck­kam­pa­gne der USA auf ganz Eura­sien beinhalten.

 

Svet­lana Rumak (Russ­land), Endless Green Fields, 2017.

 

Was ist das für eine Druck­kam­pa­gne und warum sollte man jetzt darüber reden? Soll­ten wir nicht nur sagen: Russ­land raus aus der Ukraine? Ein solcher Slogan ist zwar rich­tig, geht aber nicht auf die tiefe­ren Probleme ein, die diesen Krieg über­haupt erst provo­ziert haben.

 

Als die UdSSR zusam­men­brach, übten die west­li­chen Länder ihre Ressour­cen und ihre Macht über Boris Jelzin (1991–1999) und dann über Wladi­mir Putin (ab 1999) aus. Zunächst stürzte der Westen das russi­sche Volk in Armut, indem er das soziale Netz des Landes zerstörte und der russi­schen Elite erlaubte, den gesell­schaft­li­chen Reich­tum des Landes zu verschlin­gen. Dann verlei­tete er die neuen russi­schen Milliardär*innen dazu, in die vom Westen betrie­bene Globa­li­sie­rung zu inves­tie­ren (einschließ­lich engli­scher Fußball­mann­schaf­ten). Der Westen unter­stützte Jelzins bluti­gen Krieg in Tsche­tsche­nien (1994–1996) und dann Putins Krieg in Tsche­tsche­nien (1999–2000). Der ehema­lige briti­sche Premier­mi­nis­ter Tony Blair (1997–2007) unter­zeich­nete Geneh­mi­gun­gen für den Kauf briti­scher Waffen durch Russ­land, bis ihm die Hand wehtat, und begrüßte Putin im Jahr 2000 in London mit den Worten: «Ich möchte, dass Russ­land und der Westen zusam­men­ar­bei­ten, um Stabi­li­tät und Frie­den zu fördern». Im Jahr 2001 sagte der ehema­lige US-Präsi­dent George W. Bush, dass er in Putins Augen blicken und seine Seele sehen könne, und nannte ihn «aufrich­tig und vertrau­ens­wür­dig». Im selben Jahr ermu­tigte Thomas Fried­man von der New York Times seine Leser, Putin weiter­hin «anzu­feu­ern». Es war der Westen, der der russi­schen Milli­ar­därs­klasse half, den Staat zu erobern und die russi­sche Gesell­schaft zu beherrschen.

 

Sobald die russi­sche Regie­rung entschied, dass eine Inte­gra­tion mit Europa und den USA nicht möglich war, begann der Westen, Putin zu verteu­feln. Dieser Film wird immer wieder abge­spielt: Der iraki­sche Saddam Hussein war ein großer Held der USA und dann ihr Böse­wicht, dasselbe gilt für den ehema­li­gen Mili­tär­füh­rer Manuel Anto­nio Noriega in Panama. Jetzt sind die Einsätze unver­zeih­lich höher, die Gefah­ren größer.

 

Shakir Hassan al-Said (Irak), The Victims, 1957.

 

Unter der Ober­flä­che des gegen­wär­ti­gen Moments liegt eine Dyna­mik, die wir in unse­rem zehn­ten News­let­ter dieses Jahres in den Vorder­grund gestellt haben. Die USA haben die inter­na­tio­nale Rüstungs­kon­troll­ar­chi­tek­tur einsei­tig beschä­digt, indem sie aus dem Vertrag über den Schutz vor ballis­ti­schen Rake­ten (2001) und dem Vertrag über nukleare Mittel­stre­cken­waf­fen (INF) (2018) ausge­stie­gen sind und damit die Poli­tik der Abschre­ckung ausge­höhlt haben. Im Dezem­ber 2018 dräng­ten die USA ihre Verbün­de­ten dazu, die Verab­schie­dung einer Reso­lu­tion zur Vertei­di­gung des INF-Vertrags durch die Gene­ral­ver­samm­lung der Verein­ten Natio­nen mit knap­per Mehr­heit zu verhin­dern. Putin begann von der Notwen­dig­keit von Sicher­heits­ga­ran­tien zu spre­chen, nicht von der Ukraine oder gar von der NATO, die ein aufge­bla­se­nes troja­ni­sches Pferd für Washing­tons Ambi­tio­nen ist: Russ­land brauchte Sicher­heits­ga­ran­tien direkt von den USA.


Und warum? Weil die US-Regie­rung 2018 einen Wech­sel in der Außen­po­li­tik ange­kün­digt hat, der signa­li­siert, dass sie ihren Wett­be­werb mit China und Russ­land verstär­ken wird. Auch die NATO-geführ­ten Mari­ne­übun­gen in der Nähe beider Länder gaben Russ­land Anlass zur Sorge um seine Sicher­heit. Die Kriegs­lust der USA ist in der Natio­na­len Vertei­di­gungs­stra­te­gie 2022 veran­kert, in der es heißt, dass die Verei­nig­ten Staa­ten «bereit sind, sich in Konflik­ten durch­zu­set­zen, wenn dies erfor­der­lich ist, wobei sie der Heraus­for­de­rung [Chinas] im indo­pa­zi­fi­schen Raum Vorrang vor der russi­schen Heraus­for­de­rung in Europa einräu­men». Der Schlüs­sel­satz ist, dass die USA bereit sind, sich in einem Konflikt durch­zu­set­zen. Die gesamte Haltung der Vorherr­schaft und der Unter­wer­fung ist eine Macho-Haltung gegen die Mensch­lich­keit. Die Druck­kam­pa­gne der USA rund um Eura­sien muss been­det werden.

 

Abel Rodrí­guez (Kolum­bien), Terri­to­rio de Mito, 2017.

 

Wir wollen keine geteilte Welt. Wir wollen eine reelle Welt: eine Welt der Mensch­lich­keit, die ange­mes­sen mit der Klima­ka­ta­stro­phe umgeht. Eine Welt, die den Hunger und das Analpha­be­ten­tum been­det. Eine Welt, die uns aus der Verzweif­lung in die Hoff­nung führt. Eine Welt mit mehr Armeen von Weiß­kit­teln und statt Armeen mit Gewehren.

 

 

Bei Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch stär­ken wir das Leben und die Stim­men der Menschen, die eine Welt der Hoff­nung gegen die Angst aufbauen, eine Welt der Liebe gegen den Hass. Eine dieser Perso­nen ist Nela Martí­nez Espi­nosa (1912–2004), die im Mittel­punkt der drit­ten Studie in unse­rer Reihe Women of Struggle, Women in Struggle steht. Nela, wie wir sie nennen, war eine führende Persön­lich­keit in der Kommu­nis­ti­schen Partei Ecua­dors und eine Erbaue­rin von Insti­tu­tio­nen, die den Massen Vertrauen einflöß­ten. Zu diesen Orga­ni­sa­tio­nen gehör­ten anti­fa­schis­ti­sche Fron­ten und Frau­en­ver­bände, die sich für die Rechte der ecua­do­ria­ni­schen Ureinwohner*innen einsetz­ten, sowie Platt­for­men zur Vertei­di­gung der kuba­ni­schen Revo­lu­tion. 1944, während der glor­rei­chen Maire­vo­lu­tion, war Nela kurz­zei­tig Regie­rungs­chefin. Ihr ganzes Leben lang arbei­tete sie uner­müd­lich daran, die Grund­la­gen für eine bessere Welt zu schaffen.

 

Im Jahr 2000 kämpfte Nela als Präsi­den­tin der Konti­nen­ta­len Frau­en­front für Frie­den und gegen Inter­ven­tion gegen die Einrich­tung einer US-Mili­tär­ba­sis in der Stadt Manta. «Die Kolo­ni­sie­rung kehrt zurück», sagte Nela. «Wie werden wir dieser Kolo­ni­sie­rung entkom­men? Wie könn­ten wir uns recht­fer­ti­gen, wenn wir feige wären?»

 

Diese letzte Frage schwebt über uns. Wir wollen nicht in einer geteil­ten Welt leben. Wir müssen handeln, um zu verhin­dern, dass sich der eiserne Vorhang senkt. Wir müssen gegen unsere Angst ankämp­fen. Wir müssen für eine Welt ohne Mauern kämpfen.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.