„Anknüpfen an Solidaritätsarbeit” – INTERVIEW IN DER JUNGEN WELT

In der jungen Welt vom 06.05.2021 wurden zwei aus unse­rem Team über die Hinter­gründe, Metho­den und Ziele der Inter­na­tio­na­len Forschungs­stelle DDR (IF DDR) gefragt.

Anknüpfen an Solidaritätsarbeit

Inter­na­tio­nale Forschungs­stelle DDR” – Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus aufzei­gen. Ein Gespräch mit Floren­tine Mora­les Sando­val und Max Rodermund
 
Von Markus Bernhardt
»Reale Alter­na­tive zur kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft«: Vorbe­rei­tun­gen auf die Welt­fest­spiele in Halle (Saale) 1951

Sie haben im Jahr 2019 die »Inter­na­tio­nale Forschungs­stelle DDR« (IF DDR) gegrün­det. Was genau hat es damit auf sich?

 

Floren­tine Mora­les Sando­val: Nach der Inter­na­tio­na­len Rosa-Luxem­burg-Konfe­renz 2018 in Berlin fand ein DDR-Südafrika-Soli­da­ri­täts­tref­fen statt, bei dem wir uns mit Vertre­tern der südafri­ka­ni­schen Gewerk­schaft NUMSA und Mitar­bei­tern des Forschungs­in­sti­tuts Tricon­ti­nen­tal trafen. Auch ein ehema­li­ger ANC-Kämp­fer war dabei. Kern­frage war, wie fort­schritt­li­che Bewe­gun­gen welt­weit von den Erfah­run­gen der DDR lernen können. Darüber hinaus wurde deut­lich, dass es in vielen Ländern noch sehr posi­tive Erin­ne­run­gen an die Soli­da­ri­täts­ar­beit der DDR gibt und dass daran ange­knüpft werden sollte. 2019 wurde deshalb die IF DDR ins Leben gerufen.

 

Sie sind ein klei­nes Team junger Geis­tes­wis­sen­schaft­le­rin­nen und ‑wissen­schaft­ler aus Ost und West. Woher rührt das Inter­esse junger Menschen an der DDR?

 

Max Roder­mund: Es sind die wahr­nehm­ba­ren Krisen­er­schei­nun­gen des Kapi­ta­lis­mus heute, die tenden­zi­ell eine Verän­de­rung der Sicht auf die DDR erzwin­gen. Vor diesem Hinter­grund werden Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus für mehr, insbe­son­dere junge Menschen inter­es­sant. Das wird nicht dazu führen, dass sich der Charak­ter der offi­zi­el­len Geschichts­schrei­bung ändert, aber es fällt zuneh­mend schwe­rer, ein Bild von Über­wa­chung, Unrecht und Mangel­wirt­schaft aufrecht­zu­er­hal­ten ange­sichts heuti­ger Probleme etwa in der Wohnungs- und Gesund­heits­po­li­tik sowie der welt­wei­ten mili­tä­ri­schen Droh­ge­bär­den. Wir selbst haben die DDR nicht mehr erlebt, sind aber am sozia­lis­ti­schen Aufbau inter­es­siert, weil er wich­tige Erfah­run­gen für die gesell­schaft­li­chen Fragen unse­rer Zeit bereithält.

 

Aber warum sollte man sich mehr als drei Jahr­zehnte nach dem Schei­tern des ersten Sozia­lis­mus­ver­suchs hier­zu­lande noch mit der DDR beschäftigen? 

 

M. R.: In der DDR wurde die ökono­mi­sche und poli­ti­sche Macht des Privat­ei­gen­tums gebro­chen. Sie war eine reale Alter­na­tive zur kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Eine Kritik an bestehen­den Verhält­nis­sen muss diese Erfah­run­gen ernst nehmen und aufnehmen.

 

Die Igno­ranz und Über­heb­lich­keit mit der in Deutsch­land, auch in linken Krei­sen, der DDR oftmals begeg­net wird, ist aus unse­rer Sicht fatal. Hieran zeigt sich der Effekt der offi­zi­el­len Geschichts­auf­ar­bei­tung. Bezeich­nen­der­weise gibt es gerade aus Bewe­gun­gen ande­rer Länder das Inter­esse, mehr über die DDR zu erfah­ren. Und dafür wollen wir einen Zugang anbieten.

 

Wie genau muss man sich Ihre Arbeit vorstel­len, wenn Sie schrei­ben, dass Sie »die seiner­zeit im schar­fen Kontrast an der System­grenze zur kapi­ta­lis­ti­schen Bundes­re­pu­blik Deutsch­land entstan­de­nen sozia­lis­ti­schen Verhält­nisse der DDR« unter­su­chen und werten wollen? Wie gehen Sie vor? Welche Quel­len werten Sie aus? 

 

F. M. S.: Die System­kon­kur­renz, die sich über 40 Jahre direkt zwischen der BRD und der DDR mani­fes­tierte, bestimmte das poli­ti­sche Gesche­hen der Zeit wesent­lich. Dieser welt­po­li­ti­sche Zusam­men­hang konsti­tu­ierte die Rahmen­be­din­gun­gen der gesam­ten poli­ti­schen, ökono­mi­schen, sozia­len, kultu­rel­len Entwick­lun­gen der DDR und führte zu vielen Wider­sprü­chen und Schwie­rig­kei­ten beim Aufbau des Sozia­lis­mus. In unse­rem ersten Heft »Aufer­stan­den aus Ruinen« unse­rer Reihe »Studies on the DDR« stel­len wir diesen Kontext durch eine genaue Betrach­tung der Grün­dungs­be­din­gun­gen der DDR vor.

 

Für unsere Veröf­fent­li­chun­gen ziehen wir zeit­ge­nös­si­sche Quel­len aus Ost und West sowie aktu­elle wissen­schaft­li­che Lite­ra­tur heran. Zentra­les Anlie­gen der Forschungs­stelle sind darüber hinaus Inter­views mit Zeitzeugen.

 

Handelt es sich bei Ihrer Arbeit dann tatsäch­lich um wissen­schaft­li­che Forschun­gen oder steht mehr oder minder bereits fest, dass die DDR der rundum bessere deut­sche Staat war? 

 

M. R.: Wir wollen Errun­gen­schaf­ten und Nieder­la­gen aus 40 Jahren Sozia­lis­mus verste­hen, um daraus zu lernen. Es ist nichts damit gewon­nen zu behaup­ten, die DDR war einfach besser. Aber zur Frage der wissen­schaft­li­chen Objek­ti­vi­tät lässt sich sagen, dass es gerade die Prämisse des vorherr­schen­den Blicks auf die DDR ist, bei der das Ergeb­nis bereits fest­steht: Die DDR muss schlecht sein, weil der Sozia­lis­mus falsch ist. Nicht jeder Wissen­schaft­ler oder jede Wissen­schaft­le­rin star­tet unbe­dingt mit dieser Vorbe­din­gung, aber die Zwänge des Wissen­schafts­be­triebs, zual­ler­erst die Frage der Finan­zie­rung, aber auch der akade­mi­schen Aner­ken­nung, beför­dern immer wieder diese Grund­hal­tung zur DDR.

 

Sie arbei­ten, wie bereits von Ihnen erwähnt, eng mit dem global orga­ni­sier­ten Forschungs­in­sti­tut »Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch« zusam­men. Welcher Nutzen ergibt sich für Ihre Arbeit aus dieser Kooperation? 

 

F. M. S.: Es geht nicht um einen Nutzen für uns, sondern für unsere Leser­schaft. Der Impuls zur Grün­dung der Forschungs­stelle war, die Erfah­run­gen beim Aufbau des Sozia­lis­mus mit Bewe­gun­gen insbe­son­dere im Globa­len Süden zu teilen, die sich aktu­ell in sozia­len Kämp­fen befin­den, die von Debat­ten um gesell­schaft­li­che Alter­na­ti­ven beglei­tet werden. Genau dort wollen wir einen Beitrag leis­ten und uns soli­da­ri­sie­ren. Als Beispiel lässt sich hier gut die Boden­re­form auf dem Gebiet der späte­ren DDR anfüh­ren, an der es ein großes Inter­esse der Land­lo­sen­be­we­gun­gen in Südafrika und Brasi­lien gibt. Tricon­ti­nen­tal als Part­ner vermit­telt uns die Anlie­gen dieser Bewe­gun­gen, mit denen sie selbst aufs engste verbun­den sind.

 

Sie kündi­gen auf Ihrer Inter­net­seite an, einen genaue­ren Blick »auf den Inter­na­tio­na­lis­mus und die Bezie­hun­gen staat­li­cher und gesell­schaft­li­cher Akteure der DDR zu ande­ren Ländern und anti­ko­lo­nia­len Bewe­gun­gen« werfen zu wollen. War der Inter­na­tio­na­lis­mus der DDR tatsäch­lich so unei­gen­nüt­zig motiviert? 

 

M. R.: Natür­lich war er nicht unei­gen­nüt­zig. Entschei­dend ist, dass das Inter­esse der DDR mit den Inter­es­sen der Befrei­ungs­be­we­gun­gen und der Unter­drück­ten zusam­men­fiel. Aber man muss kein Kommu­nist sein, um zu sehen, dass die inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät der DDR für die Menschen vor Ort im schärfs­ten Gegen­satz zu der Außen­po­li­tik der impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten stand. Die Frage ist also, wem hat die Soli­da­ri­tät genützt? Nicht den kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­in­ter­es­sen, sondern der Arbei­ter­klasse welt­weit. Auf lange Sicht war es natür­lich das Ziel, das sozia­lis­ti­sche Lager zu stär­ken. »Unei­gen­nüt­zig­keit« führt hier in eine begriff­li­che Sackgasse.

 

In unse­rer Forschungs­reihe »Freund­schaft!« spüren wir den vielen Soli­da­ri­täts­pro­jek­ten der DDR nach, gerade auch um die Frage zu klären, was ihre inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen auszeichnete.

 

Sie wollen sämt­li­che Aspekte der DDR-Gesell­schaft beleuch­ten und damit den Blick auf grund­sätz­li­che Möglich­kei­ten und Schwie­rig­kei­ten alter­na­ti­ver sozia­ler, ökono­mi­scher und poli­ti­scher Entwick­lung weiten. Haben Sie sich für ein klei­nes Insti­tut damit nicht etwas viel vorgenommen? 

 

F. M. S.: Sicher, wir können nicht alles auf einmal stem­men. Wir wach­sen selbst mit den Themen. Unsere »Studies on the DDR« haben zunächst Über­blicks­cha­rak­ter. Dabei treibt uns die Nütz­lich­keit der Forschungs­ar­beit für fort­schritt­li­che Bewe­gung welt­weit an. Das und die Unter­stüt­zung von DDR-Exper­ten für unter­schied­li­che Themen­be­rei­che hilft uns dabei, unsere Arbeit zu fokus­sie­ren. So widmet sich beispiels­weise ange­sichts der Coro­na­pan­de­mie unser zwei­tes Heft der »Studies«-Reihe dem Gesund­heits­we­sen in der DDR.

 

Wer profi­tiert am Ende von Ihrer Arbeit? 

 

F. M. S.: Wir bieten Forschungs- und Bildungs­ma­te­ria­lien an, um einen inter­na­tio­na­len Austausch über einen Teil der Geschichte der Arbei­ter­be­we­gung voran­zu­trei­ben. Umge­kehrt müssen auch wir uns mit der Geschichte und den poli­ti­schen Prozes­sen in Chile, Südafrika, Viet­nam und anderswo beschäf­ti­gen, um Texte zu schrei­ben, zu denen sich unser inter­na­tio­na­les Publi­kum ins Verhält­nis setzen kann. Wir sehen uns als wissen­schaft­li­che Schnitt­stelle zwischen Diskurs und Aktion. Im Sinne der Popu­lar Educa­tion sind wir deshalb bestrebt, einen zugäng­li­chen Einstieg in das Thema zu schaf­fen – davon können alle profitieren.

 

Können ehema­lige Bürge­rin­nen und Bürger der DDR Ihre Forschun­gen unterstützen? 

 

M. R.: Unbe­dingt! Vor eini­ger Zeit hatten wir in der jungen Welt bereits einen Aufruf gestar­tet, in dem wir expli­zit nach Zeit­zeu­gen such­ten, die an den Soli­da­ri­täts­pro­jek­ten der DDR im In- und Ausland betei­ligt waren. Daraus erga­ben sich span­nende Kontakte. Wir infor­mie­ren nun einmal monat­lich in einem News­let­ter über den Arbeits­stand und über geplante Inter­view­vor­ha­ben und freuen uns über Rück­mel­dun­gen. Gerade weil wir mit unse­rer Forschung die Erfah­run­gen der DDR-Bürger nicht in die Erzäh­lung vom »Unrechts­staat« einbet­ten, erhal­ten wir bisher guten Zuspruch.

Hintergrund: Internationale Forschungsstelle DDR

Die in Berlin ansäs­sige Inter­na­tio­nale Forschungs­stelle DDR (IF DDR) rich­tet ihr Augen­merk insbe­son­dere auf den Inter­na­tio­na­lis­mus sowie die Bezie­hun­gen staat­li­cher und gesell­schaft­li­cher Akteure der DDR zu ande­ren Ländern und anti­ko­lo­nia­len Bewe­gun­gen. In vielen Ländern Latein­ame­ri­kas, Afri­kas und Asiens seien die posi­ti­ven Impulse zur ökono­mi­schen und poli­ti­schen Souve­rä­ni­tät, wie sie die DDR unter ande­rem mit zahl­rei­chen Soli­da­ri­täts­pro­jek­ten setzte, in Erin­ne­rung geblie­ben, schrei­ben die Wissen­schaft­le­rin­nen und Wissen­schaft­ler auf ihrer Inter­net­seite. Wo wirt­schaft­li­che und soziale Alter­na­ti­ven zum Bestehen­den erneut gefragt seien, wo sich erneut anti­ko­lo­niale, anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche Bewe­gun­gen formier­ten, da bestünde auch Inter­esse an den Erfah­run­gen und Entwick­lun­gen der DDR, heißt es weiter.

 

Mit einem klei­nen Team aus Ost und West sich­tet und sortiert die IF DDR vorhan­dene Lite­ra­tur, verbin­det sie mit Erfah­run­gen aus erster Hand in Zeit­zeu­gen­in­ter­views und erar­bei­tet auf dieser Basis wissen­schaft­lich fundierte und anschau­li­che Publi­ka­tio­nen in unter­schied­lichs­ten Medi­en­for­ma­ten. Mit ihren Studien möchte die IF DDR »einen Beitrag zu aktu­el­len Debat­ten um soziale Kämpfe und poli­ti­sche Alter­na­ti­ven leis­ten, der sich aus den Bedin­gun­gen und Erfah­run­gen des DDR-Sozia­lis­mus speist«.

 

Schon jetzt findet sich eine Reihe von Veröf­fent­li­chun­gen zu verschie­de­nen Aspek­ten der DDR auf der Home­page der Forschungs­stelle. In der ersten Ausgabe der »Studies on the DDR« wird beispiels­weise die Entste­hung der DDR nach dem Zwei­ten Welt­krieg nach­ge­zeich­net und »ihr Werden vom anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­schen Staat hin zum sozia­lis­ti­schen verfolgt«. Zentral sei »hier­bei die wirt­schaft­li­che Ausgangs­lage, welche nach dem Krieg und aufgrund der Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen eine beson­ders schwie­rige war und das wirt­schaft­li­che Leben bestimmte«, schluss­fol­gern die Wissen­schaft­ler. Folge­rich­tig befasst sich der Text schwer­punkt­mä­ßig mit der Wirt­schaft­lich­keit der DDR, ihren Leis­tun­gen wie ihren Wider­sprü­chen. Darüber hinaus wird über zentrale Charak­te­ris­tika der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft und Arbeit infor­miert: Inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät, kollek­tive Orga­ni­sie­rung in volks­ei­ge­nen Betrie­ben, Plan­wirt­schaft. In naher Zukunft sollen Veröf­fent­li­chun­gen über das Gesund­heits­we­sen in der DDR und die auf dem späte­ren Gebiet der DDR durch­ge­führte Boden­re­form folgen. Die Reihe soll »die Grund­lage für einen inter­na­tio­na­len Austausch über die DDR liefern, indem sie anhand ausge­wähl­ter Aspekte aus dem Alltag den Aufbau dieses sozia­lis­ti­schen Staa­tes und seine Lebens­wirk­lich­keit nach­zeich­nen«. Die Reihe »Freund­schaft!« befin­det sich in Vorbe­rei­tung, sie soll sich der sozia­lis­ti­schen Maxime der Inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­tät widmen und die inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen der DDR sowie ihre Aus- und Nach­wir­kun­gen erfor­schen. (bern)