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Die Zukunft bringt nur das, was wir heute anlegen.

Der dreiundfünfzigste Newsletter (2020).

Tings Chak, Bolivia
Bild zu Ehren des Wider­stands des boli­via­ni­schen Volkes von Tings Chak (China)

Liebe Freund*innen

 

Grüsse vom Schreib­tisch des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Ende Novem­ber sprach der Gene­ral­se­kre­tär der Verein­ten Natio­nen, Antó­nio Guter­res, vor dem Deut­schen Bundes­tag anläss­lich des 75-jähri­gen Bestehens der Verein­ten Natio­nen (UNO). Das Herz­stück der UNO ist ihre Charta, jener Vertrag, der die Natio­nen in einem globa­len Projekt zusam­men­bin­det und der inzwi­schen von allen 193 Mitglieds­staa­ten der UNO rati­fi­ziert worden ist. Es lohnt sich, die vier Haupt­ziele der UN-Charta in Erin­ne­rung zu rufen, da die meis­ten von ihnen mitt­ler­weile im öffent­li­chen Bewusst­sein nur noch wenig präsent sind:



      1. die kommen­den Genera­tio­nen vor der «Geißel des Krie­ges» zu bewahren;
      2. den «Glau­ben an die Grund­rechte des Menschen, an Würde und Wert der mensch­li­chen Persön­lich­keit … erneut zu bekräftigen»;
      3. die Achtung des Völker­rechts gewährleisten;
      4. den «sozia­len Fort­schritt und einen besse­ren Lebens­stan­dard» bei größe­rer Frei­heit zu fördern.

 

Guter­res wies darauf hin, dass  der Weg zur Verwirk­li­chung der Ziele der Charta nicht nur von Neofa­schis­ten versperrt wird, die er euphe­mis­tisch als «popu­lis­ti­sche Strö­mun­gen» bezeich­net, sondern auch von den übels­ten Ausprä­gun­gen des Impe­ria­lis­mus, wie sie zum Beispiel im «Impf­na­tio­na­lis­mus» von Ländern wie den Verei­nig­ten Staa­ten von Amerika zum Ausdruck kommen. «Es ist klar», so Guter­res, «dass die Zukunft nur durch Welt­of­fen­heit gewon­nen werden kann» und nicht durch eine «Abschot­tung des Geistes».

Coro­naS­hock: A Virus and the World («Coro­noa-Schock: Das Virus und die Welt»). Titel­bild von Vikas Thakur (Indien).

Am Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch begrei­fen wir die UN-Charta als Grund­lage für unsere Arbeit. Ihre Ziele voran­zu­trei­ben ist ein wesent­li­cher Bestand­teil für die Erschaf­fung der Mensch­lich­keit. Mensch­lich­keit – ein Begriff, der eher ein Wunsch­bild als einen Tatbe­stand beschreibt; wir sind noch keine Menschen, aber wir stre­ben danach, Menschen zu werden. Stel­len Sie sich vor, wir würden in einer Welt ohne Krieg und mit Respekt vor dem Völker­recht leben, in einer Welt, in der  grund­le­gende Menschen­rechte geach­tet werden und in der das Bestre­ben ist, den größt­mög­li­chen sozia­len Fort­schritt voran­zu­trei­ben? In dieser Welt,   würden Produk­ti­ons­mit­tel nicht mehr für die Herstel­lung mili­tä­ri­scher Hard­ware miss­braucht, sondern zur Abschaf­fung des Hungers, des Analpha­be­tis­mus, der Armut und der Obdach­lo­sig­keit, – mit ande­ren Worten – zur Abschaf­fung aller struk­tu­rel­len Merk­male der Entwür­di­gung eingesetzt.

 

Im Jahr 2019 gaben die Staa­ten dieser Welt fast 2 Billio­nen US-Dollar für Waffen aus, und die reichs­ten Menschen der Welt 36 Billio­nen US-Dollar in ille­ga­len Steu­er­pa­ra­die­sen versteck­ten. Man bräuchte nur einen Bruch­teil dieses Geldes, um  Hunger zu besei­ti­gen, mit Schätz­wer­ten, die von 7 Milli­ar­den bis 265 Milli­ar­den Dollar pro Jahr reichen. Vergleich­bare Summen werden benö­tigt, um ein umfas­sen­des öffent­li­ches Bildungs­we­sen und eine univer­selle medi­zi­ni­sche Grund­ver­sor­gung zu finan­zie­ren. Die Reichen bedie­nen sich der Produk­ti­ons­mit­tel, und nutzen dann ihre Geld­macht, um sicher­zu­stel­len, dass die Zentral­ban­ken die Infla­tion nied­rig halten, anstatt Stra­te­gien zur Voll­be­schäf­ti­gung zu verfol­gen. Bei genauem Hinse­hen ist das eine reine Gaunerei.

 

Zwei neue Studien der Welt­bank zeigen, dass aufgrund des Mangels an Ressour­cen und Einfalls­reich­tum während dieser Pande­mie zusätz­lich 72 Millio­nen Kinder im Grund­schul­al­ter in «Lern­ar­mut» abrut­schen werden, ein Begriff, der  die Unfä­hig­keit beschreibt, bis zum Alter von zehn Jahren einfa­che Texte zu lesen und zu verste­hen. Eine UNICEF-Studie zeigt, dass in Subsa­hara-Afrika im Verlauf der Pande­mie zusätz­lich 50 Millio­nen Menschen in extreme Armut abge­rutscht sind, davon die Mehr­heit Kinder; 280 Millio­nen der 550 Millio­nen Kinder in Subsa­hara-Afrika haben mit Ernäh­rungs­un­si­cher­heit zu kämp­fen, und für Millio­nen von Kindern, «die wahr­schein­lich nie wieder in das Klas­sen­zim­mer zurück­keh­ren werden», ist jegli­ches Lernen völlig zum Erlie­gen gekommen.


Die Kluft zwischen der Not der Milli­ar­den, die ums Über­le­ben kämp­fen, und den Exzes­sen eini­ger ganz Weni­ger ist ekla­tant. Der Wohl­stands­be­richt der UBS hat einen unan­ge­neh­men Titel: Riding the storm: Market turbu­lence acce­le­ra­tes diver­ging fortu­nes («Auf den Wellen reiten: Markt­tur­bu­len­zen beschleu­ni­gen das Ausein­an­der­drif­ten der Vermö­gen»). Die 2.189 Milli­ar­däre dieser Welt schei­nen diese Welle der Pande­mie zu ihrem großen Vorteil gerit­ten zu sein, denn ihr Vermö­gen erreichte im Juli 2020 ein Rekord­hoch von 10,2 Billio­nen Dollar (im Vergleich zu 8,0 Billio­nen Dollar im April). Beson­ders obszön ist die Tatsa­che, dass ihr Reich­tum während des Großen Lock­downs von April bis Juli um mehr als ein Vier­tel (27,5%) gestie­gen ist. Dies geschah zu einem Zeit­punkt, als Milli­ar­den von Menschen in der kapi­ta­lis­ti­schen Welt arbeits­los wurden und mit äußerst beschei­de­nen staat­li­chen Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen auskom­men muss­ten, während ihr Leben auf den Kopf gestellt wurde.

Coro­naS­hock and Patri­ar­chy («Coro­noa-Schock und Patri­ar­chie»). Titel­bild von Daniela Ruggeri (Argen­ti­nien).

Unsere jüngste Studie, Coro­naS­hock and Patri­ar­chy («Coro­noa-Schock und Patri­ar­chie»), sollte zur Pflicht­lek­türe werden; sie liefert eine scharf­sin­nige Einschät­zung der sozia­len – und geschlech­ter­spe­zi­fi­schen – Auswir­kun­gen des Corona-Schocks. Unser Team wurde durch den akuten Zustand der Bedürf­tig­keit ange­trie­ben, in dem sich Milli­ar­den von Menschen befin­den. Diese Bedürf­tig­keit wandelt grund­le­gende soziale Bindun­gen in Rich­tung einer extre­men Ausbeu­tung und Unter­drü­ckung von spezi­fi­schen Teilen der Bevöl­ke­rung. Der Bericht schließt mit einem acht­zehn Punkte umfas­sen­den Forde­rungs­ka­ta­log, der eine Orien­tie­rung für unsere zukünf­ti­gen Kämpfe darstellt. Wir machen deut­lich, dass die kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten von Eliten kontrol­liert werden, die nicht in der Lage sind, die grund­le­gen­den Probleme unse­rer Zeit wie Arbeits­lo­sig­keit, Hunger, patri­ar­chale Gewalt und die mangelnde Wert­schät­zung, Preka­ri­tät und Unsicht­bar­keit der sozia­len Repro­duk­ti­ons­ar­beit zu lösen.

 

Die Texte, die wir in diesem Jahr veröf­fent­licht haben – von unse­ren Red Alerts zum Coro­na­vi­rus bis hin zu den Studien zum Corona-Schock – versu­chen, eine nüch­terne Beur­tei­lung der rasan­ten Entwick­lun­gen zu ermög­li­chen, die zudem in der Welt­an­schau­ung der Massen­be­we­gun­gen der Arbeiter*innen, Bäuer*innen und Unter­drück­ten verwur­zelt ist. Wir haben uns die Auffas­sung der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion zu Herzen genom­men, unsere Studien auf «Soli­da­ri­tät statt Stig­ma­ti­sie­rung» zu grün­den. Ausge­hend von den verblüf­fend nied­ri­gen Infek­ti­ons­zah­len und Todes­fäl­len in Ländern mit sozia­lis­ti­schen Regie­run­gen wie Viet­nam und Kuba unter­such­ten wir, warum diese Regie­run­gen besser mit der Pande­mie umge­hen konnten.

 

Wir erkann­ten, dass dies auf die wissen­schaft­li­che Heran­ge­hens­weise   zurück­zu­füh­ren war, sowie darauf, dass es einen öffent­li­chen Sektor gab, der die notwen­di­gen Ausrüs­tun­gen und Medi­ka­mente herstellte, dass die Regie­run­gen sich auf gesell­schaft­li­che Initia­ti­ven stüt­zen konn­ten, die orga­ni­sierte Bevöl­ke­rungs­grup­pen zusam­men­brach­ten, um sich gegen­sei­tig zu helfen, und dass sie eine inter­na­tio­na­lis­ti­sche – und nicht rassis­ti­sche – Heran­ge­hens­weise an die durch das Virus ausge­löste Pande­mie verfolg­ten, die den Austausch von Infor­ma­tio­nen, Gütern und – im Falle Chinas und Kubas – medi­zi­ni­schem Perso­nal beinhal­tete. Aus diesem Grund haben wir uns  zusam­men mit ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen  der Kampa­gne zur Verlei­hung des Frie­dens­no­bel­prei­ses an die kuba­ni­schen Ärzt*innen angeschlossen.

 

Wir haben eine beacht­li­che Samm­lung von Mate­rial zum Corona-Schock und zur Welt, die er hervor­ge­bracht hat, zusam­men­ge­stellt. Dazu gehört eine vorläu­fige Zehn-Punkte-Agenda für eine Post-COVID-Welt. Dieses Posi­ti­ons­pa­pier wurde erst­mals auf einer  Konfe­renz über die Post-Pande­mie-Wirt­schaft vorge­tra­gen, die von der Boli­va­ri­schen Alli­anz für die Völker unse­res Ameri­kas (ALBA) orga­ni­siert wurde. In den ersten Mona­ten des Jahres 2021 werden wir ein ausführ­li­che­res Doku­ment über die Welt nach Corona veröffentlichen.

Coro­naS­hock and Socia­lism («Coro­noa-Schock und Sozia­lis­mus»). Titel­bild von Ingrid Neves (Brasi­lien), nach einer Vorlage des People’s Medi­cal Publi­shing House (China), 1977.

Persön­lich möchte ich dem gesam­ten Team von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch meinen Dank ausspre­chen für ihre Wider­stands­fä­hig­keit während der Pande­mie, ihre Fähig­keit, mit  deut­lich höhe­rem Tempo als zuvor zu arbei­ten, und für die Heiter­keit in ihrem Umgang mitein­an­der in dieser Zeit.

Wir trei­ben in   unse­ren Bewe­gun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen wie im Wasser, sie schüt­zen uns   die oppor­tu­nis­ti­sche und zyni­sche Ausnut­zung der Krise durch die kapi­ta­lis­ti­schen Regie­run­gen, sie beflü­geln uns und machen uns Mut. Letzte Woche wurde in diesem News­let­ter die gedul­dige und enga­gierte Arbeit der jungen Genoss*innen der Kommu­nis­ti­schen Partei Indi­ens (Marxis­tisch) in Kerala gewür­digt, die sich für den Aufbau einer huma­nen und gerech­ten Gesell­schaft einset­zen. Die glei­che Art von Arbeit ist auch in der Bewe­gung der Land­lo­sen Arbeiter*innen in Brasi­lien (MST) zu sehen, und sie ist im Kupfer­gür­tel Sambias zu sehen, wo die Mitglie­der der Sozia­lis­ti­schen Partei einen Wahl­kampf für die Präsi­dent­schafts­wah­len im nächs­ten Jahr führen, genauso wie in Südafrika, wo die Natio­nale Metall­ar­bei­ter­ge­werk­schaft (NUMSA) dafür kämpft, die Arbeiter*innen vor Entlas­sun­gen während der Pande­mie zu schüt­zen, und wo Abah­l­ali baseM­jon­dolo Vertrauen und Macht unter Slumbewohner*innen aufbaut. 

 

Wir sehen dieses Durch­hal­te­ver­mö­gen und die Hingabe bei unse­ren Genoss*innen der Arbei­ter­par­tei Tune­si­ens und des Demo­kra­ti­schen Weges Marok­kos, die eine Wieder­be­le­bung der Linken im arabisch­spra­chi­gen Raum anfüh­ren, und im gran­dio­sen Einsatz der Völker Boli­vi­ens, Kubas und Vene­zue­las, Chinas, Laos’, Nepals und Viet­nams, die sich um den Aufbau des Sozia­lis­mus in armen Ländern bemü­hen, und die perma­nent Angrif­fen auf diesen sozia­lis­ti­schen Weg ausge­setzt sind. Wir schöp­fen Kraft aus den Bezie­hun­gen zu unse­ren Genoss*innen in Argen­ti­nien, die dafür kämp­fen, die Kräfte der ausge­schlos­se­nen Arbeiter*innen zu konso­li­die­ren und eine Gesell­schaft jenseits des Patri­ar­chats aufzu­bauen. Wir sind ein von Bewe­gun­gen getra­ge­nes Forschungs­in­sti­tut; wir stüt­zen uns bei allem, was wir tun, auf unsere Bewe­gun­gen und Organisationen.

Anlässe und Publi­ka­tio­nen unse­rer Regionalbüros


Bei Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch träu­men wir von einem besse­ren Leben. Wir möch­ten über den Hori­zont hinaus­schauen, um zu erken­nen, welche Art von Gesell­schaft Menschen jetzt aufbauen, die auf die Möglich­kei­ten eines post-kapi­ta­lis­ti­schen, nicht-antago­nis­ti­schen Lebens hinweist. Für uns ist diese neue Gesell­schaft nicht etwas, das in einer ferti­gen Zukunft auf uns wartet; viel­mehr entsteht sie  in der Gegen­wart durch die Kämpfe der Arbei­ter­schaft und der Bauern­schaft gegen die großen mate­ri­el­len Entbeh­run­gen und durch das Erträu­men einer Welt jenseits dieses Lebens der Unwür­dig­keit und des Mangels. Die Zukunft, so glau­ben wir, wird nichts ande­res brin­gen als das, was wir heute anlegen.


Wir freuen uns, wenn ihr über unsere Website für unsere Arbeit spen­det.


Happy New Year.


Herz­lich,


Vijay

Aijaz Ahmad

Senior Fellow im inter­re­gio­na­len Büro

 

Ich lebe in extre­mer Selbst­iso­la­tion, auf ärzt­li­che Anord­nung, und unter­richte meine Klas­sen über Zoom. Unter­des­sen schreibe ich einen Aufsatz über die histo­ri­schen Grund­la­gen des ameri­ka­ni­schen Natio­na­lis­mus. Grund­le­gend für die Entste­hung dieses Natio­na­lis­mus war der messia­ni­sche Glaube, dass die USA eine gott­ge­ge­bene, provi­den­ti­elle Mission hätten, die Welt nach ihrem eige­nen Bild neu zu gestal­ten. Dieser Glaube diente zur Recht­fer­ti­gung von Kolo­ni­sie­rung, Völker­mord, Rassen­skla­ve­rei, konti­nen­ta­ler und dann globa­ler Expan­sion. Die deut­schen Nazis und die südafri­ka­ni­schen Archi­tek­ten der Apart­heid haben das US-Modell sehr genau studiert und ihre wich­tigs­ten Ideo­lo­gien und Prak­ti­ken auf das voran­ge­gan­gene US-Beispiel gestützt. Dieser Aufsatz ist Teil einer größe­ren, auf ein Buch ange­leg­ten Studie über die histo­ri­schen und philo­so­phi­schen Grund­la­gen des Rechts­na­tio­na­lis­mus in Europa und den Verei­nig­ten Staaten.

Aus dem Engli­schen über­setzt von Claire Louise Blaser.