Ein Kind im Jemen zu sein ist der Stoff, aus dem Alpträume sind.

Der dreiundvierzigste Newsletter (2021)

Murad Subay (Jemen), Fuck War, 2018.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Im März 2015 began­nen Saudi-Arabien und die Verei­nig­ten Arabi­schen Emirate – zusam­men mit ande­ren Mitglie­dern des Golf-Koope­ra­ti­ons­ra­tes (GCC) – den Jemen zu bombar­die­ren. Diese Länder grif­fen in einen Konflikt ein, der bereits seit mindes­tens einem Jahr andau­erte, als der Bürger­krieg zwischen der Regie­rung von Präsi­dent Abdrab­buh Mansur Hadi, der Ansar-Allah-Bewe­gung der schii­ti­schen Zaidi und al-Qaida eska­lierte. Der Golf-Koope­ra­ti­ons­rat – ange­führt von der saudi­schen Monar­chie – wollte verhin­dern, dass irgend­ein schii­ti­sches poli­ti­sches Projekt, ob mit dem Iran verbün­det oder nicht, an der Grenze zu Saudi-Arabien die Macht über­nimmt. Der Angriff auf den Jemen kann daher als ein Angriff der sunni­ti­schen Monar­chen auf die von ihnen befürch­tete mögli­che Macht­über­nahme eines schii­ti­schen poli­ti­schen Projekts auf der arabi­schen Halb­in­sel bezeich­net werden.

 

Dieser Krieg wird fort­ge­setzt, wobei die Saudis und die Emirate von den west­li­chen Ländern unter­stützt werden, die ihnen Waffen im Wert von Milli­ar­den von Dollar verkauf­ten, um sie gegen das verarmte jeme­ni­ti­sche Volk einzu­set­zen. Saudi-Arabien, das reichste arabi­sche Land, führt nun schon seit sechs­ein­halb Jahren einen weit­ge­hend erfolg­lo­sen Krieg gegen den Jemen, das ärmste arabi­sche Land. Der Jemen mit seinen 30 Millio­nen Einwoh­nern hat durch diesen Konflikt inzwi­schen mehr als 250.000 Menschen verlo­ren, die Hälfte davon durch Kriegs­ge­walt, die andere Hälfte durch Hunger und Krank­hei­ten, einschließ­lich Cholera. Keines der mili­tä­ri­schen oder poli­ti­schen Ziele der Saudis und der Emira­tis wurde im Laufe des Krie­ges erreicht (die VAE zogen sich 2020 zurück). Das einzige Ergeb­nis dieses Krie­ges sind die Verwüs­tun­gen, die er dem jeme­ni­ti­schen Volk hinterließ.

Saba Jallas (Illus­tra­tion) / Moham­med Aziz (Foto), Vom heuti­gen Bomben­an­griff auf Sana’a, 7.3.2021 n.Chr., Jemen, 2021.

 

Seit Februar 2021 versu­chen die mili­tä­ri­schen Kräfte der Ansar Allah die zentrale Stadt Marib einzu­neh­men, die nicht nur das Zentrum des beschei­de­nen jeme­ni­ti­schen Ölraf­fi­ne­rie­pro­jekts ist, sondern auch einer der weni­gen Teile des Landes, die noch von Präsi­dent Hadi kontrol­liert werden. Andere Provin­zen, wie die im Süden, befin­den sich in den Händen von al-Qaida, während abtrün­nige Frak­tio­nen der Armee die West­küste kontrol­lie­ren. Der Angriff auf Marib hat den Rachen des Todes noch weiter geöff­net und eine Flücht­lings­welle ausge­löst. Wenn Marib an Ansar Allah fällt, was wahr­schein­lich ist, wird die Mission der Verein­ten Natio­nen schei­tern, Hadi als Präsi­dent des Landes zu halten. Ansar Allah wird dann versu­chen, das Land wieder zu inte­grie­ren, indem sie gegen Al-Qaida auf der Arabi­schen Halb­in­sel (AQAP) vorgeht, die in der Provinz Abyan weiter­hin das Sagen hat; die AQAP wird nun vom neu gegrün­de­ten Isla­mi­schen Staat im Jemen heraus­ge­for­dert. Die punk­tu­el­len US-Angriffe gegen die AQAP gehen einher mit einer saudi­schen Alli­anz, die sich auf die AQAP verlässt, um die Ansar Allah vor Ort zu bekämp­fen, u. a. durch den Einsatz von Atten­ta­ten zur Einschüch­te­rung von Zivi­lis­ten und Friedensbefürworter*innen.

 

Fouad al-Futaih (Jemen), Mother and Child, 1973.

 

Am 19. Okto­ber infor­mierte der UNICEF-Spre­cher James Elder die Presse in Genf nach seiner Rück­kehr aus dem Jemen. Er schrieb: «Der Jemen-Konflikt hat gerade einen weite­ren beschä­men­den Meilen­stein erreicht: 10.000 Kinder wurden seit Beginn der Kämpfe im März 2015 getö­tet oder verstüm­melt. Das sind vier Kinder pro Tag». Der Bericht von Elder ist scho­ckie­rend. Von den 15 Millio­nen Menschen (50 % der jeme­ni­ti­schen Bevöl­ke­rung), die keinen Zugang zu grund­le­gen­den Einrich­tun­gen haben, sind 8,5 Millio­nen Kinder. Im August sagte die UNICEF-Exeku­tiv­di­rek­to­rin Henri­etta Fore vor der UN-Voll­ver­samm­lung: «Ein Kind im Jemen zu sein ist der Stoff, aus dem Alpträume sind. Im Jemen», so Fore, «stirbt alle zehn Minu­ten ein Kind an vermeid­ba­ren Ursa­chen, darun­ter Unter­ernäh­rung und durch Impfung vermeid­bare Krankheiten».

 

Das, liebe Freund*innen, sind die Kosten des Krie­ges. Der Krieg ist eine Krank­heit, die schreck­li­che Folgen hat. Wo in der Geschichte kann man mit dem Finger auf einen Krieg zeigen, der den Preis wert war? Selbst wenn man eine Liste solcher Kriege aufstel­len könnte, würde der Jemen nicht darauf stehen, genauso wenig wie so viele weitere Länder, die bluten muss­ten aufgrund der fehlen­den Vorstel­lungs­kraft ande­rer Menschen.

 

Millio­nen von Menschen haben ihr Leben verlo­ren, dutzen­den Millio­nen wurden die Lebens­grund­la­gen entzo­gen. Der leere Blick des Menschen, der stän­di­gen Tod und Elend gese­hen hat, bleibt, wenn die Bomben aufhö­ren zu fallen, neben dem leeren Blick des hung­ri­gen Menschen, dessen Land den ande­ren, stil­len aber tödli­chen Krie­gen der Wirt­schafts­sank­tio­nen und Handels­strei­tig­kei­ten ausge­setzt ist. Für die Menschen, die Opfer dieser Kriegs­trei­be­rei sind, kommt nichts Gutes davon. Mäch­tige Länder können die Schach­fi­gu­ren zu ihren Guns­ten verschie­ben und Waffen­händ­ler können neue Bank­kon­ten eröff­nen, um ihr Geld zu sichern – so geht es immer weiter.

 

Ilham al-Arashi (Jemen), Nature is Beau­ti­ful, 1990.

 

Der Krieg im Jemen wird nicht nur von der Innen­po­li­tik des Landes befeu­ert, er ist auch weit­ge­hend das Ergeb­nis der schreck­li­chen regio­na­len Riva­li­tät zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Diese Riva­li­tät scheint auf die konfes­sio­nel­len Diffe­ren­zen zwischen dem sunni­ti­schen Saudi-Arabien und dem schii­ti­schen Iran zurück­zu­füh­ren zu sein, hat in Wirk­lich­keit aber einen tiefe­ren Grund: Das monar­chi­sche isla­mi­sche Saudi-Arabien kann eine repu­bli­ka­ni­sche isla­mi­sche Regie­rung in seiner Nach­bar­schaft nicht dulden. Saudi-Arabien hatte kein Problem, als der Iran von den Pahl­avi-Schahs (1925–1979) regiert wurde. Seine Feind­se­lig­keit wuchs erst nach der irani­schen Revo­lu­tion von 1979, als klar wurde, dass eine isla­mi­sche Repu­blik auf der arabi­schen Halb­in­sel möglich sein könnte (diese war eine Wieder­ho­lung des von saudi­schen und briti­schen Kräf­ten inspi­rier­ten Krie­ges gegen die Repu­blik Nord­je­men zwischen 1962 und 1970).

 

Es ist daher zu begrü­ßen, dass hoch­ran­gige Beamte aus dem Iran und Saudi-Arabien zunächst im April dieses Jahres und dann erneut im Septem­ber in Bagdad zusam­men­tra­fen, um die Weichen für eine Dees­ka­la­tion zu stel­len. Bei den Gesprä­chen wurden bereits die regio­na­len Riva­li­tä­ten im Irak, Liba­non, Syrien und Jemen ange­spro­chen – alles Länder, die von den Proble­men zwischen Saudi-Arabien und Iran betrof­fen sind. Wenn eine Über­ein­kunft zwischen Riad und Tehe­ran erzielt werden kann, kann dies zu einer Dees­ka­la­tion mehre­rer Kriege in der Region führen.

 

 

Im Jahr 1962 führte Abdul­lah al-Sallal, ein Offi­zier aus der Arbei­ter­klasse, einen natio­na­lis­ti­schen Mili­tär­putsch an, der den letz­ten Herr­scher des muta­wakki­li­ti­schen König­reichs Jemen stürzte. Viele progres­sive Menschen eilten in die neue Regie­rung, darun­ter der bril­lante Rechts­an­walt und Dich­ter Abdul­lah al-Bara­do­uni. Al-Bara­do­uni arbei­tete von 1962 bis zu seinem Tod 1999 beim Rund­funk in der Haupt­stadt Sana’a und belebte den kultu­rel­len Diskurs in seinem Land. Zu seinem Diwan (Gedicht­samm­lung) gehö­ren Madi­nat Al Ghad («Die Stadt von morgen», 1968), und Al Safar Ela Ay Ayyam Al Khudr («Reise zu den grünen Tagen», 1979). «Von Exil zu Exil» ist eines seiner klas­si­schen Gedichte:

 

Mein Land wird von einem Tyrannen

an den nächs­ten, noch schlim­me­ren Tyran­nen gereicht;

von einem Gefäng­nis zum anderen,

von einem Exil zum anderen.

Es wird kolo­ni­siert von dem sichtbaren

Eindring­ling und dem unsichtbaren;

von einem Tier an zwei weitergereicht

wie ein ausge­mer­gel­tes Kamel.

 

In den Höhlen seines Todes

stirbt mein Land weder

noch erholt es sich. Es gräbt

in den stum­men Gräbern auf der Suche

nach seinen reinen Ursprüngen

nach seinem früh­lings­haf­ten Versprechen

das hinter seinen Augen schlief

nach dem Traum, der kommen wird

nach dem Phan­tom, das sich versteckt hat.

Es bewegt sich von einer überwältigenden

Nacht zu einer noch dunk­le­ren Nacht.

 

Mein Land trauert

in seinen eige­nen Grenzen

und im Land ande­rer Leute

und sogar auf seinem eige­nen Boden

leidet es unter der Entfremdung

des Exils.

 

 

Abbas al-Junaydi (Jemen), Adult Educa­tion and Work­force, ca. 1970er Jahre.

 

Al-Bara­do­u­nis Land trau­ert in seinen eige­nen Gren­zen nicht nur um die Zerstö­rung, sondern auch um sein «Früh­lings­ver­spre­chen», um seine verlo­rene Geschichte. Wie Afgha­ni­stan, der Sudan und so viele andere Länder auf der Welt war auch der Jemen einst ein Zentrum linker Zukunfts­per­spek­ti­ven. Von 1967 bis 1990 herrschte im Süden des Landes die Demo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Jemen (PDRY). Die PDRY ging aus einem anti­ko­lo­nia­len Kampf gegen die Briten hervor, der von Gewerk­schaf­ten (Aden Trade Union Congress und seinem charis­ma­ti­schen Führer Abdul­lah al-Asnag) und marxis­ti­schen Forma­tio­nen (Natio­nal Libe­ra­tion Front) geführt wurde, die sich nach inter­nen Kämp­fen 1978 in der Jeme­ni­ti­schen Sozia­lis­ti­schen Partei unter der Führung von Präsi­dent Abdul Fattah Ismail zusam­men­schlos­sen. Die PDRY versuchte, Land­re­for­men durch­zu­füh­ren und die land­wirt­schaft­li­che Produk­tion voran­zu­trei­ben, schuf ein natio­na­les Bildungs­sys­tem (das die Ausbil­dung von Frauen förderte), baute ein leis­tungs­fä­hi­ges Gesund­heits­sys­tem auf (einschließ­lich Gesund­heits­zen­tren auf dem Land) und setzte das Fami­li­en­ge­setz von 1974 durch, das die Eman­zi­pa­tion der Frauen an die Spitze der Agenda stellte. All dies wurde zerstört, als die PDRY 1990 im Zuge der Verei­ni­gung des Jemen gestürzt wurde. Eine flüch­tige Erin­ne­rung an den Sozia­lis­mus ist in den Ecken des von Bomben zerrüt­te­ten Landes immer noch zu finden.

 

Herz­lichst,

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.