Wann werden die Sterne in Burkina Faso wieder leuchten?

Der einundvierzigste Newsletter (2022).

Wilfried Balima (Burkina Faso), Les Trois Cama­ra­des, 2018.

Liebe Freund*innen, 

Grüße aus dem Büro von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch

Am 30. Septem­ber 2022 führte Haupt­mann Ibra­him Traoré eine Mili­tär­ab­tei­lung von Burkina Faso an, um Oberst­leut­nant Paul-Henri Sandaogo Damiba abzu­set­zen, der im Januar durch einen Staats­streich an die Macht gelangt war. Dieser zweite Staats­streich verlief schnell und führte zu kurzen Zusam­men­stö­ßen in der Haupt­stadt Ouag­adou­gou, in der Resi­denz des Präsi­den­ten, dem Kosyam-Palast, und im Camp Baba Sy, dem Haupt­quar­tier der Mili­tär­ver­wal­tung. Haupt­mann Kiswendsida Farouk Azaria Sorgho erklärte im natio­na­len Rund­funk Radio­dif­fu­sion Télé­vi­sion du Burkina (RTB), dass Haupt­mann Traoré nun Staats­ober­haupt und Chef der Streit­kräfte sei. «Die Dinge kehren allmäh­lich zur Ordnung zurück», sagte er. Damiba ging ins Exil nach Togo. 

 

Dieser Staats­streich rich­tet sich nicht gegen die herr­schende Ordnung, eine mili­tä­ri­sche Platt­form, die sich Patrio­ti­sche Bewe­gung für Schutz und Wieder­her­stel­lung (Mouve­ment patrio­tique pour la sauvegarde et la restau­ra­tion, MPSR) nennt, sondern geht auf junge Komman­dan­ten inner­halb der MPSR zurück. Während Dami­bas kurzer Amts­zeit nahm die bewaff­nete Gewalt um 23 % zu, und er erfüllte keines der Verspre­chen, die das Mili­tär machte, als es den ehema­li­gen Präsi­den­ten Roch Kaboré stürzte, einen Ex-Banker, der das Land seit 2015 regiert hatte. L’Unité d’Ac­tion Syndi­cale (UAS), eine Platt­form von sechs Gewerk­schaf­ten in Burkina Faso, warnt vor dem «Verfall der natio­na­len Armee», deren ideo­lo­gi­sche Zerris­sen­heit sich in den hohen Gehäl­tern der Putschis­ten manifestiert.

 

Kaboré war der Nutz­nie­ßer eines Massen­auf­stands, der im Okto­ber 2014 gegen Blaise Compa­oré begann, der seit der Ermor­dung von Thomas Sankara im Jahr 1987 an der Macht war. Es muss erwähnt werden, dass Compa­oré wegen seiner Rolle bei diesem Mord im April in seinem Exil an der Côte d’Ivoire in Abwe­sen­heit zu lebens­lan­ger Haft verur­teilt wurde. Viele der sozia­len Kräfte der Massen­auf­stände gingen mit Bildern von Sankara auf die Straße und hiel­ten an seinem sozia­lis­ti­schen Traum fest. Das Verspre­chen dieser Massen­be­we­gung wurde durch Kabo­rés begrenzte Agenda erstickt, vom Inter­na­tio­na­len Währungs­fonds erstickt und durch den sieben­jäh­ri­gen dschi­ha­dis­ti­schen Aufstand im Norden von Burkina Faso behin­dert, der fast zwei Millio­nen Menschen vertrie­ben hat. Während der Putsch der MPSR verwor­rene Aussich­ten hat, reagiert er auf die tiefe soziale Krise, die den viert­größ­ten Gold­pro­du­zen­ten auf dem afri­ka­ni­schen Konti­nent heimsucht.

 

 

Adokou Sana Kokouvi (Togo), L’un pour l’autre, 2020.

 

Im August 2022 besuchte der fran­zö­si­sche Präsi­dent Emma­nuel Macron Alge­rien. Als Macron durch die Stra­ßen von Oran ging, bekam er den Zorn der alge­ri­schen Bevöl­ke­rung zu spüren, die ihm Belei­di­gun­gen zurief — va te faire foutre! («go f**k yourself») — und zwan­gen ihn, eilig abzu­rei­sen. Die Entschei­dung Frank­reichs, die Zahl der Visa für Marok­ka­ner und Tune­sier zu redu­zie­ren, führte zu Protes­ten von Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen in Rabat (Marokko), und Frank­reich sah sich gezwun­gen, seinen Botschaf­ter in Marokko abzu­be­ru­fen.

 

Die anti-fran­zö­si­sche Stim­mung vertieft sich in ganz Nord­afrika und der Sahel­zone, der Region südlich der Sahara. Es war diese Stim­mung, die die Staats­strei­che in Mali (August 2020 und Mai 2021), Guinea (Septem­ber 2021) und dann in Burkina Faso (Januar 2022 und Septem­ber 2022) provo­zierte. Im Februar 2022 warf die mali­sche Regie­rung das fran­zö­si­sche Mili­tär raus und beschul­digte die fran­zö­si­schen Streit­kräfte, Gräu­el­ta­ten gegen Zivi­lis­ten began­gen und mit dschi­ha­dis­ti­schen Aufstän­di­schen zusam­men­ge­ar­bei­tet zu haben. 

 

In den letz­ten zehn Jahren hatten Nord­afrika und die Sahel­zone mit den Folgen des NATO-Krie­ges gegen Libyen zu kämp­fen, den Frank­reich und die Verei­nig­ten Staa­ten geführt haben. Die NATO ermu­tigte die dschi­ha­dis­ti­schen Kräfte, die durch ihre Nieder­lage im alge­ri­schen Bürger­krieg (1991–2002) und durch die anti-isla­mis­ti­sche Poli­tik der Regie­rung von Muammar Qaddafi in Libyen orien­tie­rungs­los gewor­den waren. Tatsäch­lich holten die USA hart­ge­sot­tene Dschi­ha­dis­ten, darun­ter Vete­ra­nen der Liby­schen Isla­mi­schen Kampf­gruppe, von der syrisch-türki­schen Grenze, um den Krieg gegen Qaddafi zu unter­stüt­zen. Diese so genannte «Ratten­li­nie» verlief in beide Rich­tun­gen, da Dschi­ha­dis­ten und Waffen aus dem Libyen der Post-Qaddafi-Zeit zurück nach Syrien gelangten.

 

Inoussa Simpore (Burkina Faso), Rue de Ouaga, 2014.

 

Grup­pen wie al-Qaida (im isla­mi­schen Maghreb) sowie al-Moura­bi­toun, Ansar Dine und Kati­bat Macina – die sich zur Jama’at Nusrat al-Islam wal-Musli­min („Gruppe zur Unter­stüt­zung des Islam und der Muslime“) ) im Jahr 2017 – von Südal­ge­rien bis Côte d’Ivoire, von West­mali bis Ostni­ger. Diese Dschi­ha­dis­ten, viele von ihnen Afgha­ni­stan-Kriegs­ve­te­ra­nen, haben sich durch eine gemein­same Sache mit loka­len Bandi­ten und Schmugg­lern verbun­den. Diese soge­nannte «Bandi­sie­rung des Dschi­had» ist eine Erklä­rung dafür, warum diese Kräfte so tief in der Region verwur­zelt sind. Ein weite­rer Grund ist, dass die Dschi­ha­dis­ten ältere soziale Span­nun­gen zwischen den Fulani (einer größ­ten­teils musli­mi­schen ethni­schen Gruppe) und ande­ren Gemein­schaf­ten nutz­ten, die jetzt in Miliz­grup­pen namens Koglweogo («Busch­wäch­ter») zusam­men­ge­fasst sind. Das Einbe­zie­hen verschie­de­ner Wider­sprü­che in den dschi­ha­dis­tisch-mili­tä­ri­schen Konflikt hat das poli­ti­sche Leben in weiten Teilen von Burkina Faso, Mali und Niger effek­tiv mili­ta­ri­siert. Frank­reichs Betei­li­gung durch die Opera­tion Bark­hane, eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion in Mali im Jahr 2014, und die Errich­tung von Mili­tär­stütz­punk­ten hat es nicht nur versäumt, die Aufstände und Konflikte einzu­däm­men oder auszu­rot­ten; es hat sie verschlimmert. 

 

Die Union d’Ac­tion Syndi­cale hat einen Zehn-Punkte-Plan veröf­fent­licht, der sofor­tige Hilfe für die vom Hunger­tod bedroh­ten Gebiete (z. B. Djibo), eine unab­hän­gige Kommis­sion zur Unter­su­chung der Gewalt in bestimm­ten Gebie­ten (z. B. Gaskindé) und die Erstel­lung eines Akti­ons­plans umfasst mit der Krise der Lebens­hal­tungs­kos­ten und ein Ende des Bünd­nis­ses mit Frank­reich, das den «Abzug auslän­di­scher Stütz­punkte und Trup­pen, insbe­son­dere fran­zö­si­scher, aus dem Staats­ge­biet» beinhal­ten würde.

 

Fran­çoise Hugu­ier (Frank­reich), Pays Lobi, Burkina Faso, 1996.

 

Ein kürz­lich veröf­fent­lich­ter Bericht der Verein­ten Natio­nen zeigt, dass 18 Millio­nen Menschen in der Sahel­zone «am Rande des Hunger­tods» stehen. Die Welt­bank stellt fest, dass 40 % der Burkin­abé unter­halb der Armuts­grenze leben. Weder die Zivil- noch die Mili­tär­re­gie­run­gen in Burkina Faso oder in ande­ren Sahel-Ländern haben ein Projekt zur Über­win­dung dieser Krise formu­liert. Burkina Faso zum Beispiel ist kein armes Land. Mit einem Gold­um­satz von mindes­tens 2 Milli­ar­den Dollar pro Jahr ist es selt­sam, dass dieses Land mit 22 Millio­nen Einwoh­nern in solcher Armut versinkt. 

 

Statt­des­sen wird der Groß­teil der Einnah­men von Berg­bau­un­ter­neh­men aus Kanada und Austra­lien – Barrick Gold, Goldrush Resour­ces, Semafo und Gryphon Mine­rals – sowie deren Part­ners in Europa abge­schöpft. Diese Firmen über­wei­sen die Gewinne auf ihre eige­nen Bank­kon­ten und einige, wie Rand­gold Resour­ces, in die Steu­er­oase der Kanal­in­seln. Weder wurde eine lokale Kontrolle über Gold etabliert, noch war das Land in der Lage, eine Souve­rä­ni­tät über seine Währung auszu­üben. Sowohl Burkina Faso als auch Mali verwen­den den west­afri­ka­ni­schen CFA-Franc, eine Kolo­ni­al­wäh­rung, deren Reser­ven in der Bank von Frank­reich gehal­ten werden, die auch ihre Geld­po­li­tik verwaltet. 

 

Die Putsche in der Sahel­zone sind Putsche gegen die Lebens­be­din­gun­gen der meis­ten Menschen in der Region, die durch den Souve­rä­ni­täts­raub multi­na­tio­na­ler Konzerne und der alten Kolo­ni­al­herrn geschaf­fen wurden. Anstatt dies als das zentrale Problem anzu­er­ken­nen, lenken die west­li­chen Regie­run­gen ab und bestehen darauf, dass die wahre Ursa­che der poli­ti­schen Unru­hen die Inter­ven­tion russi­scher Söld­ner, der Wagner-Gruppe, ist, die gegen den dschi­ha­dis­ti­schen Aufstand kämpft (Macron beschrieb beispiels­weise ihre Präsenz in der Region als «räube­risch»). Yevgeny Prigo­zhin, ein Grün­der der Wagner-Gruppe, sagte, dass Traoré «das Notwen­dige getan hat … zum Wohl seines Volkes«. Unter­des­sen warnte das US-Außen­mi­nis­te­rium die neue Regie­rung von Burkina Faso, Alli­an­zen mit der Wagner-Gruppe einzu­ge­hen. Es scheint jedoch, dass Traoré nach Mitteln sucht, um den Aufstand zu besie­gen, der 40 % des Terri­to­ri­ums von Burkina Faso einge­nom­men hat. Trotz einer von Damiba getrof­fe­nen und von Traoré fort­ge­führ­ten Verein­ba­rung mit der Wirt­schafts­ge­mein­schaft der west­afri­ka­ni­schen Staa­ten (ECOWAS), dass Burkina Faso bis Juli 2024 unter die Zivil­herr­schaft zurück­keh­ren wird, scheint die Nieder­lage der Aufstän­di­schen die notwen­dige Bedin­gung für diese Über­tra­gung zu sein.

 

Fran­cis Mampuya (Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kongo), Sankara, 2018.

1984 ging Präsi­dent Thomas Sankara zur UNO. Als er im Jahr zuvor die Macht in seinem Land über­nahm, lautete der kolo­nia­ler Name Ober­volta, der ausschließ­lich durch seinen geogra­fi­schen Status als das Land nörd­lich des Volta-Flus­ses defi­niert wurde. Sankara und seine poli­ti­sche Bewe­gung änder­ten diesen Namen in Burkina Faso, was «Land der aufrech­ten Menschen» bedeu­tet. Die Burkin­abé würden nicht länger den Kopf einzie­hen und beim Gehen auf den Boden schauen. Mit der natio­na­len Befrei­ung began­nen die «Sterne am Himmel unse­res Heimat­lan­des zu leuch­ten», sagte Shan­k­ara bei den Verein­ten Natio­nen, als sie die Notwen­dig­keit der «Revo­lu­tion, des ewigen Kamp­fes gegen jede Herr­schaft» erkann­ten. «Wir wollen unsere Gesell­schaft demo­kra­ti­sie­ren», fuhr er fort, «um unse­ren Geist für ein Univer­sum kollek­ti­ver Verant­wor­tung zu öffnen, damit wir mutig genug sind, die Zukunft zu erfin­den». Sankara wurde im Okto­ber 1987 ermor­det. Seine Träume haben sich in den Herzen vieler fest­ge­setzt, aber sie haben noch kein ausrei­chend star­kes poli­ti­sches Projekt beeinflusst. 

 

Im Geiste Sanka­ras veröf­fent­lichte die mali­sche Sänge­rin Oumou Sang­aré im Februar 2022 ein wunder­ba­res Lied, Kêlê Magni («Krieg ist eine Pest»), das für die gesamte Sahel­zone spricht: 

 

Krieg ist eine Pest! Mein Land könnte verschwinden! 

Ich sage euch: Krieg ist keine Lösung! 

Der Krieg hat weder Freunde noch Verbün­dete, und es gibt keine wirk­li­chen Feinde. 

Alle Menschen leiden unter diesem Krieg: Burkina, Côte d’Ivoire … alle! 

 

Es braucht andere Instru­mente: neue Sterne am Himmel, neue Revo­lu­tio­nen, die auf Hoff­nung und nicht auf Hass bauen. 

 

Herz­lichst, 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.