Die gefährlichste Situation, mit der die Menschheit je konfrontiert war.

Der vierzigste Newsletter (2022).

León Ferrari (Argen­ti­nien), Sin título (Sermón de la sangre), 1962.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Seit 1947 misst die Welt­un­ter­gangs­uhr die Wahr­schein­lich­keit einer von Menschen verur­sach­ten Kata­stro­phe, um die Welt vor der Möglich­keit eines nuklea­ren Holo­causts zu warnen. Das Bulle­tin of the Atomic Scien­tists, das sich um diese Uhr kümmert, hatte sie ursprüng­lich auf sieben Minu­ten vor Mitter­nacht einge­stellt, wobei Mitter­nacht im Grunde das Ende der Welt bedeu­tet. Am weites­ten von Mitter­nacht entfernt stand die Uhr 1991, als sie auf 17 Minu­ten vor Mitter­nacht einge­stellt war. Näher an Mitter­nacht als jetzt stand die Uhr nie. Seit 2020 zeigt sie 100 Sekun­den vor Mitter­nacht, an der Schwelle des Unter­gangs. Der Grund für diese alar­mie­rende Einstel­lung war der einsei­tige Ausstieg der Verei­nig­ten Staa­ten aus dem Vertrag über nukleare Mittel­stre­cken­waf­fen im Jahr 2019. Dies sei die «gefähr­lichste Situa­tion, mit der die Mensch­heit je konfron­tiert war», sagte Mary Robin­son, die frühere irische Präsi­den­tin und ehema­lige Hoch­kom­mis­sa­rin für Menschen­rechte bei den Verein­ten Nationen.

 

Als Beitrag zum Dialog über diese «gefähr­lichste Situa­tion» hat das Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch eine neue Reihe von Texten mit dem Titel Studies on Contem­porary Dilem­mas heraus­ge­ge­ben. Zu diesen Dilem­mas gehö­ren die drän­gen­den Fragen der Klima- und Umwelt­ka­ta­stro­phe, die Erhö­hung von Mili­tär­aus­ga­ben und die Gefah­ren der Kriegs­füh­rung sowie die zuneh­mende Anfäl­lig­keit für Verzweif­lung und Verein­ze­lung. Diese Dilem­mas zu lösen liegt nicht jenseits unse­rer Möglich­kei­ten; unser Planet verfügt über die notwen­di­gen Ressour­cen, um sie anzu­ge­hen. Es mangelt uns nicht an Ideen oder Mate­rial; das Problem ist, dass es uns an poli­ti­scher Macht fehlt. Seit Jahr­zehn­ten liegen einige der in der Welt notwen­di­gen poli­ti­schen Maßnah­men wie in Bern­stein einge­schlos­sen in der Charta der Verein­ten Natio­nen und werden von denje­ni­gen igno­riert, die Macht, Privi­le­gien und Eigen­tum horten. Unsere Studien über zeit­ge­nös­si­sche Dilem­mas sollen Debat­ten über die großen Themen unse­rer Zeit anre­gen, in der Hoff­nung, dass diese Debat­ten die gesell­schaft­li­chen Kräfte mobi­li­sie­ren, um den drohen­den Welt­un­ter­gang zu verhindern.

 

Takano Aya (Japan), Dun Huan­g’s Room, 2006.

 

Die erste Studie in dieser Reihe, die in Zusam­men­ar­beit mit Monthly Review und No Cold War entstan­den ist, trägt den Titel The United States Is Waging a New Cold War: A Socia­list Perspec­tive («Die Verei­nig­ten Staa­ten führen einen Neuen Kalten Krieg: Eine sozia­lis­ti­sche Perspek­tive»). Die Texte liefern eine genaue Einschät­zung der Poli­tik der Verei­nig­ten Staa­ten, die darauf abzielt, ihre Kontrolle über das inter­na­tio­nale System aufrecht­zu­er­hal­ten, auch durch ihr Stre­ben nach nuklea­rer Vorrang­stel­lung und ihre Bereit­schaft, sogar einen «begrenz­ten Atom­krieg» zum Errei­chen ihrer Ziele zu begin­nen. Eine von der Prince­ton Univer­sity im Jahr 2020 durch­ge­führte Simu­la­tion eines Atom­kriegs hat gezeigt, dass ein einzi­ger takti­scher Schlag durch eine belie­bige Atom­macht den sofor­ti­gen Tod von 91,5 Millio­nen Menschen zur Folge haben würde; «Todes­fälle durch nuklea­ren Fall­out und andere lang­fris­tige Auswir­kun­gen würden diese Schät­zung erheb­lich erhö­hen», konsta­tie­ren die Forscher*innen.


In unse­rer Studie schreibt John Bell­amy Foster, Heraus­ge­ber der Monats­zeit­schrift Monthly Review: «Genauso wie die volle zerstö­re­ri­sche Trag­weite des Klima­wan­dels, der die Exis­tenz der Mensch­heit bedroht, von den Macht­ha­bern größ­ten­teils geleug­net wird, werden auch die komple­xen plane­ta­ri­schen Auswir­kun­gen eines Atom­kriegs geleug­net, der laut wissen­schaft­li­chen Befun­den über den nuklea­ren Winter die Bevöl­ke­rung jedes Konti­nents der Erde auslö­schen würde». Unsere Rufe nach Frie­den müssen daher ebenso laut sein wie unsere Aufrufe zur Rettung des Plane­ten vor der Klimakatastrophe.

 

Dia Al-Azzawi (Irak), Ijlal li Iraq, 1981.

 

Nach den US-Atom­an­grif­fen auf Hiro­shima und Naga­saki im Jahr 1945 veröf­fent­lichte der Welt­frie­dens­rat den Stock­hol­mer Appell:

 

«Wir fordern das abso­lute Verbot der Atom­waffe als einer Waffe des Schre­ckens und der Massen­ver­nich­tung der Bevöl­ke­rung. Wir fordern die Errich­tung einer stren­gen inter­na­tio­na­len Kontrolle, um die Durch­füh­rung des Verbo­tes zu sichern.

 

Wir sind der Ansicht, dass die Regie­rung, die als erste die Atom­waffe gegen irgend­ein Land benutzt, ein Verbre­chen gegen die Mensch­heit begeht und als Kriegs­ver­bre­cher zu behan­deln ist. Wir rufen alle Menschen der Welt, die guten Willens sind, auf, diesen Appell zu unterzeichnen.»

 

Inner­halb von zwei Wochen unter­zeich­ne­ten 1,5 Millio­nen Menschen den Appell.

 

1947 riefen die Hiba­ku­sha (die Über­le­ben­den des Atom­an­griffs) und der dama­lige Bürger­meis­ter von Hiro­shima, Shinzo Hamai, den Hiro­shima-Tag ins Leben, der seit­her jähr­lich am 6. August began­gen wird. Die Frie­dens­glo­cke im Hiro­shima Peace Memo­rial Museum and Park läutet um 8:15 Uhr, dem exak­ten Zeit­punkt der Bomben­ex­plo­sion, und Papier­kra­ni­che und Papier­la­ter­nen schwim­men auf dem Wasser in der Nähe des Genbaku Dome, dem einzi­gen Gebäude, das von dem Gemet­zel noch steht. Die Bedeu­tung und die Leben­dig­keit des Hiro­shima-Tages sind inzwi­schen verblasst. Es ist zwin­gend notwen­dig, diesen Tag als Teil des Prozes­ses zur Rettung des kollek­ti­ven Lebens wieder­zu­be­le­ben.

 

 

Unsere zweite Studie in dieser Reihe nahm einen Monat nach Beginn des Krie­ges in der Ukraine Gestalt an, als Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch ein Gespräch mit Jeremy Corbyn, Mitglied des briti­schen Parla­ments und ehema­li­ger Vorsit­zen­der der briti­schen Labour-Partei, und seinem Team vom Peace and Justice-Projekt begann. Wir fanden, dass es drin­gend notwen­dig ist, die Frie­dens­be­we­gung anzu­re­gen mit Diskus­sio­nen über die unter­schied­li­chen Kata­stro­phen, die von der Ukraine ausge­hen, einschließ­lich der Infla­tion, die außer Kontrolle gera­ten ist. Wir luden eine Reihe von Schriftsteller*innen – von Brasi­lien bis zum Verei­nig­ten König­reich, von Südafrika bis Indien – ein, um anhand des wich­ti­gen Konzepts der Block­frei­heit, das aus den anti­ko­lo­nia­len Kämp­fen des 20. Jahr­hun­derts hervor­ge­gan­gen ist, über die gegen­wär­tige Krise nach­zu­den­ken. Diese Essays, die in Zusam­men­ar­beit mit Morning Star, Globe­trot­ter und dem Peace and Justice Project entstan­den sind, wurden nun als Looking Over the Hori­zon at Nona­lign­ment and Peace («Blicke über den Hori­zont hinaus auf Block­frei­heit und Frie­den»), Studies on Contem­porary Dilem­mas no. 2 veröf­fent­licht.

 

In seinem Beitrag zu dieser Broschüre denkt Corbyn über die Idee des Frie­dens in unse­rer Zeit nach:

 

«Manche sagen, dass es ein Zeichen von Schwä­che ist, in einer Zeit des Krie­ges über Frie­den zu spre­chen; das Gegen­teil ist der Fall. Es ist der Mut von Friedensaktivist*innen auf der ganzen Welt, der einige Regie­run­gen davon abge­hal­ten hat, sich in Afgha­ni­stan, im Irak, in Libyen, in Syrien, im Jemen oder in einem der Dutzen­den ande­ren Konflikte zu engagieren.

 

Frie­den ist nicht nur die Abwe­sen­heit von Krieg; er ist echte Sicher­heit. Die Sicher­heit zu wissen, dass man zu essen hat, dass seine Kinder eine Ausbil­dung erhal­ten und versorgt werden und dass die Gesund­heits­ver­sor­gung gewähr­leis­tet ist, wenn man sie braucht. Für Millio­nen von Menschen ist das heute nicht mehr gege­ben; die Folgen des Krie­ges in der Ukraine werden dies für weitere Millio­nen Menschen bedeuten.

 

In der Zwischen­zeit erhö­hen viele Länder ihre Rüstungs­aus­ga­ben und inves­tie­ren ihre Ressour­cen in immer gefähr­li­chere Waffen. Die Verei­nig­ten Staa­ten haben gerade ihren bisher größ­ten Vertei­di­gungs­haus­halt verab­schie­det. Diese Mittel, die für Waffen verwen­det werden, sind alle­samt Mittel, die nicht für Gesund­heit, Bildung, Wohnen oder Umwelt­schutz einge­setzt werden.

 

Wir leben in einer gefähr­li­chen und bedroh­li­chen Zeit. Wenn wir dem Grauen zuse­hen und uns auf weitere Konflikte in der Zukunft einstel­len, werden wir die Klima­krise, die Armut­s­krise oder die Nahrungs­mit­tel­ver­sor­gung nicht in den Griff bekom­men. Es liegt an uns allen, Bewe­gun­gen aufzu­bauen und zu unter­stüt­zen, die einen ande­ren Kurs für Frie­den, Sicher­heit und Gerech­tig­keit für alle einschlagen».

 

Ein solch klares Bekennt­nis zu einer Welt des Frie­dens ist das Gegen­mit­tel, das wir brau­chen, um das zu bewäl­ti­gen, wovor Mary Robin­son gewarnt hat, nämlich die «gefähr­lichste Situa­tion, mit der die Mensch­heit je konfron­tiert war».

 

 

Am Rande der Gene­ral­ver­samm­lung der Verein­ten Natio­nen trafen sich 19 Mitglied­staa­ten der Freun­des­gruppe zur Vertei­di­gung der Charta der Verein­ten Natio­nen, um über die Notwen­dig­keit zu disku­tie­ren, den Multi­la­te­ra­lis­mus zu stär­ken und «kollek­tive, inte­gra­tive und wirk­same Lösun­gen für die gemein­sa­men Heraus­for­de­run­gen und Bedro­hun­gen des 21. Jahr­hun­derts zu erar­bei­ten«. Kollek­tiv und gemein­sam: das müssen unsere Schlüs­sel­wör­ter sein. Weni­ger Spal­tung, mehr Gemein­sam­keit; nicht für den Krieg rüsten, sondern für den Frie­den bauen.

 

Die Spra­che der Freun­des­gruppe steht in der Tradi­tion der Bewe­gung der Block­freien und der Afri­ka­nisch-Asia­ti­schen Konfe­renz, die 1955 in Bandung, Indo­ne­sien, statt­fand. Als sich die Anführer*innen der neuen post­ko­lo­nia­len Staa­ten in Bandung trafen und über Block­frei­heit und Frie­den spra­chen, schrieb der malay­si­sche sozia­lis­ti­sche Dich­ter Usman Awang (1929–2001) das Gedicht Bunga Popi («Mohn­blu­men») über die Häss­lich­keit des Krieges:

 

Aus Blut, aus Eiter, der im Boden verrottet,

aus Skelet­ten, die ihr Leben verloren,

entris­sen durch Waffen,

das Werk von Kriegs­be­ses­se­nen, die die Liebe töten,

blühen die roten Blumen wunderschön,

und verlan­gen, ange­be­tet zu werden.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

 

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.