Aus dem verwundeten Lateinamerika kommt die Forderung, den irrationalen Krieg gegen Drogen zu beenden. 

Der neununddreißigste Newsletter (2022).

Óscar Muñoz (Kolum­bien), Línea del destino, 2006.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Jedes Jahr in den letz­ten Septem­ber­wo­chen versam­meln sich die führen­den Politiker*innen aus aller Welt in New York City, um auf dem Podium der Gene­ral­ver­samm­lung der Verein­ten Natio­nen zu spre­chen. Die Reden kann man in der Regel schon lange im Voraus einschät­zen: Es sind entwe­der müde Bekun­dun­gen zu Grund­sät­zen, die dann nicht befolgt werden, oder aggres­sive Stim­men, die in einer Insti­tu­tion, die zur Verhin­de­rung von Krie­gen geschaf­fen wurde, mit Krieg drohen.

 

Doch hin und wieder sticht eine Rede heraus, dringt eine Stimme wegen ihrer Klar­heit und Aufrich­tig­keit aus dem Plenar­saal hinaus und findet in der ganzen Welt Wider­hall. In diesem Jahr kam diese Stimme von dem kürz­lich in sein Amt beru­fe­nen kolum­bia­ni­schen Präsi­den­ten Gustavo Petro, der in seinen kurzen Ausfüh­run­gen mit poeti­scher Präzi­sion die Probleme unse­rer Welt und die Kaska­den von sozia­lem Elend, Geld- und Macht­sucht, Klima­ka­ta­stro­phe und Umwelt­zer­stö­rung auf den Punkt brachte. «Es ist Zeit für Frie­den», sagte Präsi­dent Petro. «Wir stehen auch mit unse­rem Plane­ten im Krieg. Ohne Frie­den mit dem Plane­ten wird es keinen Frie­den zwischen den Natio­nen geben. Ohne soziale Gerech­tig­keit gibt es auch keinen sozia­len Frieden».

Heri­berto Cogollo (Kolum­bien), Carni­val Los Cabil­dos de Carta­gena, 1999.

Kolum­bien wird seit seiner Unab­hän­gig­keit von Spanien im Jahr 1810 von Gewalt heim­ge­sucht. Diese Gewalt ging von den kolum­bia­ni­schen Eliten aus, deren uner­sätt­li­ches Stre­ben nach Reich­tum zur abso­lu­ten Verar­mung des Volkes führte und die Entwick­lung des Landes verhin­derte. Die jahr­zehn­te­lan­gen poli­ti­schen Bemü­hun­gen, das Vertrauen der Bevöl­ke­rung in Kolum­bien zu gewin­nen, gipfel­ten in einem Zyklus von Protes­ten, der 2019 begann und zum Wahl­sieg von Petro führte. Die neue Mitte-Links-Regie­rung hat sich verpflich­tet, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen in Kolum­bien aufzu­bauen und das Land von der Gewalt­kul­tur zu befreien. Obwohl die kolum­bia­ni­sche Armee, wie Streit­kräfte auf der ganzen Welt, auf Krieg geeicht ist, sagte Präsi­dent Petro im August 2022, sie solle sich nun «auf Frie­den vorbe­rei­ten» und «eine Armee des Frie­dens» werden.

 

Wenn man über die Gewalt in einem Land wie Kolum­bien nach­denkt, ist die Versu­chung groß, sich auf Drogen, allen voran Kokain, zu konzen­trie­ren. Die Gewalt, so wird oft behaup­tet, sei ein Auswuchs des ille­ga­len Koka­in­han­dels. Das ist jedoch eine ahis­to­ri­sche Einschät­zung. Kolum­bien erlebte schreck­li­ches Blut­ver­gie­ßen, lange bevor hoch­ver­ar­bei­te­tes Kokain ab den 1960er Jahren immer belieb­ter wurde. Die Elite des Landes wandte mörde­ri­sche Gewalt an, um jegli­che Schwä­chung ihrer Macht zu verhin­dern, darun­ter auch die Ermor­dung von Jorge Gaitán, des Bürger­meis­ters der kolum­bia­ni­schen Haupt­stadt Bogotá, im Jahr 1948, auf welche eine Peri­ode folgte, die als La Violen­cia («Die Gewalt») bekannt ist. Libe­rale Politiker*innen und aktive Kommunist*innen sahen sich der Gewalt der kolum­bia­ni­schen Armee und Poli­zei ausge­lie­fert, die im Namen eines eiser­nen, von den Verei­nig­ten Staa­ten unter­stütz­ten Macht­blocks vorgin­gen, die Kolum­bien nutz­ten, um ihren Einfluss in Südame­rika auszu­wei­ten. Feigen­blät­ter verschie­de­ner Art wurden verwen­det, um die Ambi­tio­nen der kolum­bia­ni­schen Elite und ihrer Gönner in Washing­ton zu verschlei­ern. In den 1990er Jahren war eine solche Tarnung der Krieg gegen Drogen.

Enri­que Grau Araújo (Kolum­bien), Prima Cola­zione a Firenze, 1964.

Nach Anga­ben des Büros der Verein­ten Natio­nen für Drogen- und Verbre­chens­be­kämp­fung und der US-ameri­ka­ni­schen Drug Enfor­ce­ment Agency (DEA) kommen die meis­ten Konsument*innen ille­ga­ler Drogen (Canna­bis, Opio­ide und Kokain) aus Nord­ame­rika und West­eu­ropa. Eine aktu­elle UN-Studie zeigt, dass «der Koka­in­kon­sum in den Verei­nig­ten Staa­ten nach 2013 schwankte und anstieg, wobei 2019 ein stabi­le­rer Trend zu beob­ach­ten war». Die von den Verei­nig­ten Staa­ten und den west­li­chen Ländern initi­ierte Stra­te­gie des «War on Drugs» verfolgt einen zwei­glei­si­gen Ansatz zur Bewäl­ti­gung der Drogen­krise: erstens die Krimi­na­li­sie­rung der Händler*innen in den west­li­chen Ländern und zwei­tens die Bekämp­fung der Bäuer*innen, die in Ländern wie Kolum­bien den Rohstoff für solche Drogen produzieren.

 

In den Verei­nig­ten Staa­ten zum Beispiel sind fast zwei Millio­nen Menschen – unver­hält­nis­mä­ßig viele Schwarze und Latinxs – in Gefäng­nis­kom­ple­xen gefan­gen. 400.000 von ihnen sind wegen gewalt­freier Drogen­de­likte inhaf­tiert oder haben eine Bewäh­rungs­strafe erhal­ten (meist als kleine Dealer inner­halb eines äußerst profi­ta­blen Drogen­im­pe­ri­ums). Die fehlen­den Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten für junge Menschen in den Arbei­ter­vier­teln und die Verlo­ckung der Einnah­men aus der Drogen­öko­no­mie trei­ben trotz der Gefah­ren dieses Jobs nach wie vor Ange­hö­rige der unte­ren Schich­ten in die globale Drogen­han­dels­kette. Der Krieg gegen Drogen hat diese Spirale kaum beein­träch­tigt, weshalb inzwi­schen viele Länder begon­nen haben, den Drogen­be­sitz und den Drogen­kon­sum (insbe­son­dere von Canna­bis) zu entkri­mi­na­li­sie­ren.

Débora Arango (Kolum­bien), Rojas Pinilla, 1957.

Die Unnach­gie­big­keit der kolum­bia­ni­schen Elite, die von der US-Regie­rung unter­stützt wird, hat dazu geführt, dass die Linke 1964 den bewaff­ne­ten Kampf aufnahm und erneut zur Waffe griff, als dieselbe Elite in den 1990er Jahren den verspro­che­nen demo­kra­ti­schen Weg verwehrte. Im Zuge des Krie­ges gegen die bewaff­nete Linke und des Krie­ges gegen Drogen haben das kolum­bia­ni­sche Mili­tär und die Poli­zei jede abwei­chende Meinung im Lande nieder­ge­schla­gen. Trotz der nach­ge­wie­se­nen finan­zi­el­len und poli­ti­schen Verbin­dun­gen zwischen der kolum­bia­ni­schen Elite, den para­mi­li­tä­ri­schen Narko-Einhei­ten und den Drogen­kar­tel­len initi­ierte die US-Regie­rung 1999 den Plan Colom­bia, als Teil welches sie verdeckt 12 Milli­ar­den Dollar an das kolum­bia­ni­sche Mili­tär leitet, um diesen Krieg zu stär­ken (2006, als Sena­tor, enthüllte Petro die Verflech­tung zwischen diesen teuf­li­schen Kräf­ten, worauf­hin seiner Fami­lie Gewalt ange­droht wurde).

 

Im Rahmen dieses Krie­ges warfen die kolum­bia­ni­schen Streit­kräfte die schreck­li­che chemi­sche Waffe Glypho­sat auf die Land­be­völ­ke­rung ab (2015 erklärte die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion, dass diese Chemi­ka­lie «wahr­schein­lich krebs­er­re­gend für den Menschen» ist, und 2017 entschied das kolum­bia­ni­sche Verfas­sungs­ge­richt, dass ihre Verwen­dung einge­schränkt werden muss). 2020 wurde in der Harvard Inter­na­tio­nal Review die folgende Einschät­zung abge­ge­ben: «Anstatt die Koka­in­pro­duk­tion zu redu­zie­ren, hat der Kolum­bien-Plan dazu geführt, dass sich die Koka­in­pro­duk­tion und der Koka­in­trans­port in andere Gebiete verla­gert haben. Darüber hinaus hat die Mili­ta­ri­sie­rung des Krie­ges gegen Drogen zu einem Anstieg der Gewalt im Land geführt». Genau das sagte Präsi­dent Petro der Welt bei den Verein­ten Nationen.

Sandra Vásquez de la Horra (Chile), Los Vientos, 2016.

Der jüngste DEA-Bericht stellt fest, dass der Koka­in­kon­sum in den Verei­nig­ten Staa­ten konstant bleibt und dass «die Zahl der Todes­fälle durch Drogen­ver­gif­tun­gen im Zusam­men­hang mit Kokain seit 2013 jedes Jahr zuge­nom­men hat». Die US-Drogen­po­li­tik konzen­triert sich auf die Straf­ver­fol­gung und zielt ledig­lich darauf ab, die inlän­di­sche Verfüg­bar­keit von Kokain zu verrin­gern. Washing­ton gibt 45 % seines Drogen­bud­gets für die Straf­ver­fol­gung aus, 49 % für die Behand­lung von Drogen­ab­hän­gi­gen und nur 6 % für die Präven­tion. Dass der Schwer­punkt gerade nicht auf der Präven­tion liegt, ist aufschluss­reich. Anstatt die Drogen­krise als ein nach­fra­ge­sei­ti­ges Problem anzu­ge­hen, geben die USA und andere west­li­che Regie­run­gen vor, dass es sich um ein ange­bots­sei­ti­ges Problem handelt, das durch den Einsatz mili­tä­ri­scher Gewalt gegen kleine Drogenhändler*innen und Bäuer*innen, die die Koka­pflanze anbauen, gelöst werden kann. Petros Aufschrei vor den Verein­ten Natio­nen war ein Versuch, die Aufmerk­sam­keit auf die eigent­li­chen Ursa­chen der Drogen­krise zu lenken:

 

«Der irra­tio­na­len Macht der Welt zufolge ist nicht der Markt schuld, der die Exis­tenz vernich­tet, sondern der Dschun­gel und die Menschen, die in ihm leben. Die Bank­kon­ten sind uner­schöpf­lich gewor­den; das Geld, das die mäch­tigs­ten Menschen der Erde gehor­tet haben, könn­ten sie nicht einmal im Laufe von Jahr­hun­der­ten ausge­ben. Das leere Dasein, das durch den erzwun­ge­nen Konkur­renz­kampf erzeugt wird, ist von Lärm und Drogen erfüllt. Die Sucht nach Geld und Besitz hat noch ein ande­res Gesicht: die Drogen­sucht der Menschen, die den Konkur­renz­kampf in diesem unna­tür­li­chen Wett­be­werb der Mensch­heit verlie­ren. Die Krank­heit der Einsam­keit wird nicht dadurch geheilt, dass man Glypho­sat auf die Wälder sprüht; der Wald ist nicht schuld. Schuld ist eure Gesell­schaft, die zum endlo­sen Konsum erzo­gen wird wegen der törich­ten Verwechs­lung von Konsum und Glück, und die es den Mäch­ti­gen erlaubt, ihre Taschen mit Geld zu füllen.»

 

Der Krieg gegen Drogen, so Petro, ist ein Krieg gegen die kolum­bia­ni­sche Bauern­schaft und ein Krieg gegen die prekä­ren Armen in den west­li­chen Ländern. Wir brau­chen diesen Krieg nicht, sagte er; statt­des­sen müssen wir für den Aufbau einer fried­li­chen Gesell­schaft kämp­fen, die den Menschen, die in der Gesell­schafts­lo­gik als Über­schuss betrach­tet werden, nicht den Sinn aus den Herzen reißt.

Fernando Botero (Kolum­bien), La Calle, 2013.

Als junger Mann gehörte Petro der Gueril­la­be­we­gung M‑19 an, einer der Orga­ni­sa­tio­nen, die versuch­ten, den Würge­griff in dem die kolum­bia­ni­schen Eliten die Demo­kra­tie des Landes hiel­ten zu brechen. Eine seiner Mitstrei­te­rin­nen war die Dich­te­rin María Merce­des Carranza (1945–2003), die in ihrem Buch Hola, Soledad («Hallo, Einsam­keit») (1987) die Gewalt, die ihrem Land ange­tan wurde, auf erschüt­ternde Weise beschrieb und die Verwüs­tung in ihrem Gedicht La Patria («Das Vater­land») festhielt:

 

In diesem Haus liegt alles in Trümmern,

in Trüm­mern liegen Umar­mun­gen und Musik,

jeder Morgen, das Schick­sal, das Lachen liegen in Trümmern,

Tränen, Stille, Träume.

Die Fens­ter zeigen zerstörte Landschaften,

Fleisch und Asche in den Gesich­tern der Menschen,

Worte verbin­den sich mit Angst in ihren Mündern.

In diesem Haus sind wir alle leben­dig begraben.

 

Carranza nahm sich das Leben, als die Höllen­feuer über Kolum­bien hinwegfegten.

 

Ein Frie­dens­ab­kom­men im Jahr 2016, ein Zyklus von Protes­ten ab 2019 und nun die Wahl von Petro und Fran­cia Márquez im Jahr 2022 haben die Asche von den Gesich­tern der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung gewischt und ihnen die Möglich­keit gege­ben, zu versu­chen, ihr Haus wieder aufzu­bauen. Das Ende des Krie­ges gegen Drogen, d.h. des Krie­ges gegen die kolum­bia­ni­sche Bauern­schaft, wird den zerbrech­li­chen Kampf Kolum­bi­ens um Frie­den und Demo­kra­tie nur voranbringen.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.