Ausschließlich wegen der zunehmenden Unordnung.

Der sechsunddreißigste Newsletter (2021).

Tshi­bumba Kanda-Matulu (DR Kongo), Die Märty­rer der Union Minière du Haut Katanga im Stadion, das früher «Albert I» hieß, jetzt «Mobutu», Kenia Town­ship, Lubum­ba­shi, 1975.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße vom Schreib­tisch des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Vor ein paar Tagen habe ich mit einer hohen Beam­tin der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) gespro­chen. Ich fragte sie, ob sie wisse, wie viele Menschen auf unse­rem Plane­ten ohne Schuhe leben. Der Grund, warum ich ihr diese Frage stellte, war, dass ich mich über Tungia­sis wunderte, eine Krank­heit, die durch eine Infek­tion verur­sacht wird, die durch das Eindrin­gen eines weib­li­chen Sand­flohs (Tunga pene­trans) in die Haut entsteht. Dieses Problem hat in verschie­de­nen Spra­chen unter­schied­li­che Namen – von jigger oder chigoe über niguá (spanisch) oder bicho do pé (portu­gie­sisch) bis hin zu funza (Kiswa­hili) oder tuku­tuku (Zande). Es handelt sich um eine schreck­li­che Krank­heit, die die Füße entstellt und die Mobi­li­tät erschwert. Schuhe verhin­dern, dass sich die Flöhe in die Haut bohren. Sie war sich über die Zahl nicht sicher, vermu­tete aber, dass mindes­tens eine Milli­arde Menschen ohne Schuhe leben muss. Tungia­sis ist nur eine von vielen Krank­hei­ten, die durch fehlen­den Zugang zu Schu­hen verur­sacht werden. Andere, wie die Podo­ko­niose, befällt Menschen, die auf rotem Vulkan­lehm laufen, der ihre Füße in Mittel­ame­rika, im afri­ka­ni­schen Hoch­land und in Indien entzündet.

 

Eine Milli­arde Menschen im 21. Jahr­hun­dert ohne Schuhe.Hunderte Millio­nen von ihnen sind Kinder, von denen viele mangels Schu­hen nicht zur Schule gehen können. Die welt­weite Schuh­in­dus­trie produ­ziert 24,3 Milli­ar­den Paar Schuhe pro Jahr, d. h. drei Paar Schuhe für jeden Menschen auf der Erde. In der Schuh­in­dus­trie geht es um viel Geld: Trotz der COVID-19-Krise wird der Welt­markt für Schuhe auf 384,2 Milli­ar­den Dollar (2020) geschätzt, der bis 2026 auf 440 Milli­ar­den Dollar anwach­sen soll. Die größ­ten Abneh­mer von Schu­hen leben in den Verei­nig­ten Staa­ten, Japan, Deutsch­land, Groß­bri­tan­nien, Frank­reich und Italien; die größ­ten Schuh­pro­du­zen­ten leben in China, Indien, Brasi­lien, Italien, Viet­nam, Indo­ne­sien, Mexiko, Thai­land, der Türkei und Spanien. Viele derje­ni­gen, die in einem Land wie Indien Schuhe herstel­len, können sich weder die von ihnen produ­zier­ten Schuhe noch die billigs­ten Flip­flops auf dem Markt leis­ten. Es gibt mehr als genug Schuhe auf dem Markt, aber es gibt nicht genug Geld in den Händen von Hunder­ten von Millio­nen Menschen, um diese Schuhe zu kaufen. Sie arbei­ten und produ­zie­ren, aber sie können es sich nicht leis­ten, genug zu konsu­mie­ren, um ein anstän­di­ges Leben zu führen.

Babak Kazemi (Iran), Der Ausflug von Shirin und Farhad, 2012.

Im Juni 2021 veröf­fent­lichte die Welt­bank ihre globa­len Wirt­schafts­pro­gno­sen, in denen «zum ersten Mal in einer Genera­tion» ein Anstieg der Armut fest­ge­stellt wurde. Die Analys­ten der Bank schrie­ben, dass «COVID-19 die Lebens­be­din­gun­gen der schwächs­ten Bevöl­ke­rungs­grup­pen nach­hal­tig beein­träch­ti­gen wird». In Ländern mit nied­ri­gem Einkom­men sind bereits 112 Millio­nen Menschen von Ernäh­rungs­un­si­cher­heit betrof­fen. «Die Pande­mie wird auch die Einkom­mens- und Geschlech­te­r­un­gleich­heit verschär­fen, da ihre nega­ti­ven Auswir­kun­gen beson­ders Frauen, Kinder, unge­lernte und infor­melle Arbeiter*innen tref­fen, indem Bildungs­chan­cen, Zugang zu Gesund­heit und Erhal­tung des Lebens­stan­dards extrem erschwert werden», heißt es in dem Bericht.

 

Vor der Pande­mie lebten 1,3 Milli­ar­den Menschen in mehr­di­men­sio­na­ler und anhal­ten­der Armut; ihre Entbeh­run­gen wurden durch die Art und Weise, wie Regie­run­gen und Unter­neh­men mit der Pande­mie umge­gan­gen sind, noch verschärft. Von den extrem Armen der Welt leben 85 % in Südasien und Subsa­hara-Afrika; die Hälfte lebt in nur fünf Ländern: Indien, Nige­ria, die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kongo, Äthio­pien und Bangla­desch. Die Welt­bank schätzt, dass zwei Milli­ar­den Menschen unter­halb der gesell­schaft­li­chen Armuts­grenze leben (was bedeu­tet, dass der Wohl­stand der Volks­wirt­schaf­ten bei der Messung der Armuts­grenze berück­sich­tigt wird).

Ronald Ventura (Phil­ip­pi­nen), Abzwei­gun­gen ins Nichts, 2014.

Letz­tes Jahr wies der bahn­bre­chende Bericht der Welt­bank Poverty and Shared Prospe­rity 2020: Rever­sals of Fortune darauf hin, dass «Menschen, die bereits arm und verletz­lich sind, die Haupt­last der Krise tragen». Der Bericht betonte die Rolle der COVID-19-Pande­mie bei der Zunahme der Armut, fügte aber auch die nega­ti­ven Auswir­kun­gen des Klima­wan­dels und der Konflikte an. Nach Anga­ben der Welt­bank sind «die Armen nach wie vor über­wie­gend länd­li­cher Herkunft, jung und unzu­rei­chend ausge­bil­det»; vier von fünf Menschen, die unter­halb der inter­na­tio­na­len Armuts­grenze leben, wohnen in länd­li­chen Gebie­ten. Frauen und Mädchen sind unter den Armen und Hungern­den über­re­prä­sen­tiert. Auf der Grund­lage dieser Analyse fordert die Welt­bank die Regie­run­gen auf, die Wohl­fahrts­maß­nah­men zu verstär­ken, um den Arbeits­lo­sen und den arbei­ten­den Armen zu helfen. Über die Landarbeiter*innen und Kleinbäuer*innen sowie die infor­mell Beschäf­tig­ten, deren produk­tive Arbeit so mick­rig entlohnt wird, hat die Bank jedoch nichts zu sagen. Deshalb befin­den sich Hunderte von Millio­nen von ihnen – in Ländern wie Indien, wie unser Dossier Nr. 41 zeigt – mitten in einer großen Revolte.

Dawit Abebe (Äthio­pien), Hinter­grund 2, 2014.

Keiner der Welt­bank­be­richte zeigt einen klaren Ausweg aus dieser Kata­stro­phe für uns alle auf. Die Formu­lie­run­gen in den Schluss­fol­ge­run­gen dieser Berichte sind lau und zurück­hal­tend. «Wir müssen uns verpflich­ten, zusam­men­zu­ar­bei­ten und besser zu arbei­ten», heißt es im Bericht der Welt­bank. Zwei­fels­ohne ist Zusam­men­ar­beit uner­läss­lich, aber Zusam­men­ar­beit in Bezug auf was, für wen und wie? Mit Blick auf einige der Pakete, die in Ländern wie Indo­ne­sien ange­bo­ten werden, bietet die Bank eine Reihe von poli­ti­schen Optio­nen an:

 

      1. Stär­kung des Gesundheitswesens.
      2. Aufsto­ckung der Sozi­al­schutz­pro­gramme für einkom­mens­schwa­che Haus­halte in Form von Bargeld­trans­fers, Strom­sub­ven­tio­nen und Nahrungs­mit­tel­hilfe sowie Auswei­tung der Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung für Arbeitnehmer*innen im infor­mel­len Sektor.
      3. Einfüh­rung von Steuerabzügen.

 

Dies sind attrak­tive Maßnah­men und grund­le­gende Forde­run­gen sozia­ler Bewe­gun­gen auf der ganzen Welt. Solche Forde­run­gen sind Teil des chine­si­schen Armuts­be­kämp­fungs­pro­gramms der «drei Garan­tien und zwei Zusi­che­run­gen» – Garan­tien für siche­ren Wohn­raum, Gesund­heits­ver­sor­gung und Bildung sowie Zusi­che­run­gen für Nahrung und Klei­dung. Sie sind in unse­rer Studie über die Besei­ti­gung der abso­lu­ten Armut in China ausführ­lich doku­men­tiert. Darin wird unter­sucht, wie das Land seit der chine­si­schen Revo­lu­tion von 1949 850 Millio­nen Menschen aus der Armut befreit hat, was 70 Prozent der gesam­ten Armuts­be­kämp­fung welt­weit entspricht. Im Gegen­satz zur chine­si­schen Regie­rung begibt sich die Welt­bank auf völlig wider­sprüch­li­ches Terrain, wenn sie eine Senkung der Unter­neh­mens­steu­ern als Teil des Program­mes für die Armuts­be­kämp­fung fordert!

 

In was für Zeiten leben wir, wenn wir aufge­for­dert werden, vernünf­tig zu blei­ben in einer Welt, in der Unord­nung die Norm ist – die Unord­nung von Krie­gen und Über­schwem­mun­gen, Seuchen der einen oder ande­ren Art. Selbst die Welt­bank stellt fest, dass schon vor der Pande­mie die Tendenz zur Unord­nung, zur Entmensch­li­chung bestand. Die Welt wird von den vier Reitern der moder­nen Apoka­lypse heim­ge­sucht: Armut, Krieg, soziale Verzweif­lung und Klima­wan­del. Dieses System hat keine Antwor­ten auf die Probleme, die es schafft.

 

Eine Milli­arde Menschen ohne Schuhe.

Lili Bernard (Kuba), Carlota, die das Volk führt (nach Eugene Dela­croix’ Die Frei­heit, die das Volk führt, 1830), 2011.

Eine verhee­rende Folge unse­rer gegen­wär­ti­gen Infla­tion von Gräu­el­ta­ten ist das Gefühl, dass nichts ande­res als dieser Albtraum möglich ist. Alter­na­ti­ven sind unvor­stell­bar. Spott verdrängt das Nach­den­ken über eine andere Zukunft. Wenn Versu­che unter­nom­men werden, eine solche andere Zukunft zu schaf­fen – wie wider­stän­dige Menschen es immer wieder ange­hen –, versu­chen die Macht­ha­ben­den, sie zu unter­bin­den. Das System drif­tet unauf­halt­sam in den Faschis­mus von oben (der «entbehr­li­che» Menschen in Gefäng­nisse und Ghet­tos sperrt) und in den Faschis­mus von unten (der gefähr­li­che rassis­ti­sche, frau­en­feind­li­che und frem­den­feind­li­che soziale Kräfte verstärkt). Es ist besser für die Mäch­ti­gen und die Besit­zen­den, dafür zu sorgen, dass kein Modell einer Alter­na­tive gedei­hen kann. Es würde die Behaup­tung in Frage stel­len, dass das, was die Welt jetzt regiert, ewig ist, dass wir am Ende der Geschichte ange­langt sind.

Nach der Macht­über­nahme der Nazis in Deutsch­land flüch­tete der Drama­ti­ker Bertolt Brecht nach Svend­borg (Däne­mark). Dort schrieb Brecht 1938 ein Gedicht, in dem er darauf hinwies, dass es an der Zeit sei, sich auf die Unord­nung zu konzen­trie­ren und die Tür zu einer ande­ren Zukunft aufzubrechen:

 

Ausschließ­lich wegen der zuneh­men­den Unordnung

In unse­ren Städ­ten des Klassenkampfs

Haben etli­che von uns in diesen Jahren beschlossen

Nicht mehr zu reden von Hafen­städ­ten, Schnee auf den Dächern, Frauen

Geruch reifer Äpfel im Keller, Empfin­dun­gen des Fleisches

All dem, was den Menschen rund macht und menschlich

Sondern zu reden nur mehr von der Unordnung

Also einsei­tig zu werden, dürr, verstrickt in die Geschäfte

Der Poli­tik und das trockene, «unwür­dige« Vokabular

Der dialek­ti­schen Ökonomie

Damit nicht dieses furcht­bare gedrängte Zusammensein

Von Schnee­fäl­len (sie sind nicht nur kalt, wir wissen’s)

Ausbeu­tung, verlock­tem Fleisch und Klas­sen­jus­tiz eine Billigung

So viel­sei­ti­ger Welt in uns erzeugte, Lust an

Den Wider­sprü­chen solch bluti­gen Lebens

Ihr versteht.

 

Unser Leben ist blut­be­fleckt. Unsere Vorstel­lungs­kraft ist ausge­trock­net. Das Bedürf­nis, die Unord­nung zu been­den, ist immens. Füße, mit oder ohne Schuhe, marschie­ren zum Duft reifer Früchte und dem Anblick von Städ­ten am Meer.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.