Afrikas Aufstand ist erstarrt, sein Schrei ist voller Hoffnung.

Der fünfunddreißigste Newsletter (2021).

Bertina Lopes (Mosam­bik), Dimen­são (‘Dimen­sion’), 1972.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Am 26. August wurden bei zwei tödli­chen Anschlä­gen auf das Gelände des inter­na­tio­na­len Flug­ha­fens von Kabul über hundert Menschen getö­tet, darun­ter ein Dutzend US-Soldat*innen. Die Bomben­an­schläge trafen Menschen, die verzwei­felt versuch­ten, den Flug­ha­fen zu errei­chen und aus Afgha­ni­stan zu flie­hen. Kurze Zeit später bekannte sich der Isla­mi­sche Staat von Chora­san (IS‑K) zu dem Anschlag. Zehn Tage vor diesem Anschlag waren Tali­ban-Kämp­fer in das Pul-i-Charkhi-Gefäng­nis in Kabul einge­drun­gen und hatten den IS-K-Anfüh­rer Abu Umar Khora­sani, auch bekannt als Zia ul Haq, hinge­rich­tet. Zwei Tage vor seiner Hinrich­tung, als die Tali­ban in Kabul einmar­schier­ten, sagte Abu Umar dem Wall Street Jour­nal: «Sie werden mich frei­las­sen, wenn sie gute Muslime sind». Doch die Tali­ban töte­ten ihn und acht weitere IS-K-Führer.

 

Seit seiner Grün­dung im Okto­ber 2014 hat der IS‑K, der in Afgha­ni­stan und Paki­stan operiert, über 350 Anschläge auf afgha­ni­sche, paki­sta­ni­sche und US-ameri­ka­ni­sche Ziele in diesen Ländern verübt. Die ursprüng­li­che Führung der Gruppe, Hafiz Saeed Khan und Sheikh Maqbool, kam von der paki­sta­ni­schen Tehrik‑e Tali­ban (TTP); sie schlos­sen sich mit einem ehema­li­gen Tali­ban-Befehls­ha­ber, Abdul Rauf Khadim, zusam­men, um den IS‑K in der östli­chen Provinz Nangar­har in Afgha­ni­stan zu grün­den. Im Jahr 2018 wies ein Bericht der Verein­ten Natio­nen darauf hin, dass die ISIS-Führung im Irak und in Syrien «die Verle­gung eini­ger ihrer wich­tigs­ten Agen­ten nach Afgha­ni­stan» unter­stützte, darun­ter Abu Qutaiba aus dem Irak und ande­rer Kämp­fer aus Alge­rien, Frank­reich, Russ­land, Tune­sien und den fünf zentral­asia­ti­schen Staa­ten. Im Jahr 2016 stufte die US-Regie­rung IS‑K als terro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tion ein; drei Jahre später warfen die USA eine massive Bombe auf IS-K-Stel­lun­gen in Nangar­har ab. Am 27. August bombar­dier­ten die USA als Vergel­tung für den Bomben­an­schlag in Kabul Ziele in Nangar­har. «Wir wissen von keinen zivi­len Opfern», verkün­dete das US Central Command leicht­fer­tig. Wenige Tage später wurden bei einem US-Droh­nen­an­griff, der sich angeb­lich gegen IS-K-Ziele rich­tete, zehn afgha­ni­sche Zivilist*innen getö­tet, darun­ter auch kleine Kinder.

 

Seit 2014 haben die Tali­ban immer weitere Gebiete in Afgha­ni­stan erobert. In dieser Zeit kam es immer wieder zu Zusam­men­stö­ßen zwischen den IS-K-Kräf­ten und den Tali­ban, wobei der IS‑K den Anspruch der Tali­ban auf den poli­ti­schen Islam bestritt und die sektie­re­ri­schen Angriffe auf die Minder­hei­ten in Afgha­ni­stan verstärkte. Die Hinrich­tung von Abu Umar Khora­sani und der Sieg der Tali­ban haben den IS‑K sicher­lich zu den tödli­chen Anschlä­gen auf dem Flug­ha­fen von Kabul veran­lasst. Die Gefahr einer Rück­kehr zum Bürger­krieg der 1990er Jahre scheint gering, da der IS‑K mit seinen Hunder­ten von Kämp­fern nicht die Kapa­zi­tät hat, den Tali­ban die Macht strei­tig zu machen; den Eifer aber, einem durch Krieg und Korrup­tion bereits schwer zerrüt­te­ten Land Scha­den zuzu­fü­gen, hat er.

Malan­ga­tana Ngwenya (Mosam­bik), A fonte de sangue (Der Blut­brun­nen), 1961.

Weit im Südwes­ten von Nangar­har, jenseits des Arabi­schen Meeres, liegen die nörd­li­chen Provin­zen Mosam­biks. Hier dran­gen bewaff­nete Kämp­fer 2017 in die Provinz Cabo Delgado ein und grif­fen die Stadt Mocím­boa da Praia an. Die Kämp­fer nann­ten sich al-Shabab («Die Jugend»), stehen aber nicht mit der gleich­na­mi­gen Terror­or­ga­ni­sa­tion aus Soma­lia in Verbin­dung. In kürzes­ter Zeit dehn­ten die Kämp­fer ihren Krieg auf sechs der wich­tigs­ten nörd­li­chen Bezirke Mosam­biks aus und nahmen fünf ihrer Haupt­städte ein. Die einzige Haupt­stadt, die in der ersten Phase des Krie­ges nicht erobert wurde, Palma, ist das Zentrum eines Groß­pro­jekts des fran­zö­si­schen Ener­gie­kon­zerns Total und des ameri­ka­ni­schen Ener­gie­kon­zerns Exxon­Mo­bil. Sie haben an einem der größ­ten Erdgas­vor­kom­men Afri­kas Inter­esse, das einen Wert von mehr als 120 Milli­ar­den Dollar hat. Beide Unter­neh­men stell­ten ihre Akti­vi­tä­ten ein, als die Kämp­fer auf Palma vorrück­ten, das sie im März 2021 einnah­men.

Edward Said Tinga­tinga (Tansa­nia), Ohne Titel, 1960.

Forscher von Obser­va­tó­rio do Meio Rural (OMR) und Cabo Ligado haben gezeigt, dass diese Kämp­fer aus der Region stam­men und keiner inter­na­tio­na­len isla­mis­ti­schen Bewe­gung ange­hö­ren. João Feijó vom OMR fand heraus, dass die Anfüh­rer von al-Shabab haupt­säch­lich aus Mosam­bik kommen, einige wenige auch aus Tansa­nia. Der wich­tigste Anfüh­rer von al-Shabab ist Bono­made Machude Omar, der in Palma gebo­ren wurde, in den staat­li­chen und isla­mi­schen Schu­len von Mocím­boa da Praia aufwuchs und in den mosam­bi­ka­ni­schen Streit­kräf­ten ausge­bil­det wurde, bevor er mehrere Jugend­li­che unter seine Fitti­che nahm, um gegen die extreme Armut in den nörd­li­chen Provin­zen Mosam­biks zu kämp­fen. Sie grün­de­ten al-Shabab.

 

Nach dem raschen Vormarsch von al-Shabab soll Bono­made Machude Omar über seine Verbin­dung zum Isla­mi­schen Staat gespro­chen haben, obwohl es keine Beweise für eine orga­ni­sa­to­ri­sche Verbin­dung zwischen den Grup­pen in West­asien und im südli­chen Afrika gibt. Nichts­des­to­trotz hat das US-Außen­mi­nis­te­rium am 6. August al-Shabab – oder ISIS-Mosam­bik, wie die Verei­nig­ten Staa­ten sie nennen – als terro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tion einge­stuft und Bono­made Machude Omar als «Specially Desi­gna­ted Global Terro­rist» bezeich­net. Sobald al-Shabab als ISIS-Mosam­bik bezeich­net wurde, konnte die volle mili­tä­ri­sche Gewalt im Norden Mosam­biks einge­setzt werden.

Ernesto Shik­hani (Mosam­bik), Ohne Titel, 1979.

Ein leiten­der Bera­ter der Entwick­lungs­ge­mein­schaft des Südli­chen Afrika (SADC) erzählte mir, dass in den afri­ka­ni­schen Haupt­städ­ten die Angst umgeht, die Verei­nig­ten Staa­ten und Frank­reich würden einen Angriff auf den Norden Mosam­biks star­ten, um die Vermö­gens­werte von Total und Exxon­Mo­bil zu schüt­zen. «Das ist viel­leicht der Grund, warum man die Kämp­fer ISIS-Mosam­bik nannte», sagte er mir an dem Tag, als die Tali­ban in Kabul einmar­schier­ten. Am 28. April traf der mosam­bi­ka­ni­sche Präsi­dent Filipe Nyusi in Kigali mit dem ruan­di­schen Präsi­den­ten Paul Kagame zusam­men, um über al-Shabab zu spre­chen. Zehn Tage später trafen ruan­di­sche Offi­ziere zu einer Aufklä­rungs­mis­sion in Cabo Delgado ein, kurz darauf folg­ten 1.000 ruan­di­sche Solda­ten. Der hoch­ran­gige Bera­ter sagt, dass die Verei­nig­ten Staa­ten und Israel – das Kagame nahe­steht – die Mission geneh­migt haben. Kurz darauf entsandte die SADC eine Mission in Mosam­bik (SAMIM) mit Trup­pen aus den SADC-Ländern (Bots­wana, Leso­tho und Südafrika) sowie Trup­pen aus Angola und Tansa­nia. Sie haben den Einfluss von al-Shabab auf die Städte im Norden Mosam­biks geschwächt.

 

Sowohl Ster­go­mena Tax von der SADC (dessen Amts­zeit als Exeku­tiv­se­kre­tär am 31. August endete) als auch Südafri­kas Vertei­di­gungs­mi­nis­ter Nosi­viwe Mapisa-Nqakula beschwer­ten sich über die einsei­tige Entschei­dung Ruan­das, zu inter­ve­nie­ren. Obwohl es sich sowohl bei Ruanda als auch bei SAMIM um Inter­ven­tio­nen afri­ka­ni­scher Staa­ten handelt, hat die wich­tigste Insti­tu­tion des Konti­nents – die Afri­ka­ni­sche Union (AU) – in ihrem Frie­dens- und Sicher­heits­rat nicht darüber bera­ten (der AU-Vorsit­zende Moussa Faki Maha­mat begrüßte jedoch die Inter­ven­tion Ruan­das). Weder Mosam­bik noch die SADC oder die AU haben einen umfas­sen­den Plan für den Norden Mosam­biks ausge­ar­bei­tet; die Probleme des Landes sind in seiner Ungleich­heit, Armut und Korrup­tion verwur­zelt, die durch den Einfluss fran­zö­si­scher und US-ameri­ka­ni­scher trans­na­tio­na­ler Ener­gie­un­ter­neh­men noch verstärkt werden.

Eddy Kamuanga Ilunga (Mosam­bik), Frágil 8 (Fragile 8), 2018.

Das Dossier des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch über die US-ameri­ka­nisch-fran­zö­si­sche Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen auf dem afri­ka­ni­schen Konti­nent bietet eine Grund­lage, um die Rolle der US-ameri­ka­nisch-fran­zö­si­schen Handels­in­ter­es­sen zu verste­hen. Im Juni erklärte der fran­zö­si­sche Präsi­dent Emma­nuel Macron, dass er die Hälfte der fran­zö­si­schen Trup­pen der Opera­tion Bark­hane aus Mali abzie­hen werde; diese Art von «Rück­zug» ist Teil von Macrons Präsi­dent­schafts­wahl­kampf für die Wahlen 2022 und kein wirk­li­cher Rück­zug. Frank­reichs wirk­li­che Einmi­schung besteht in der Schaf­fung von Platt­for­men wie der G‑5 Sahel (ein von Frank­reich gelei­te­tes Mili­tär­pro­jekt, in das Mali, Niger, Maure­ta­nien, Tschad und Burkina Faso einbe­zo­gen sind), dessen Exis­tenz die Weiter­ent­wick­lung der Afri­ka­ni­schen Union und der afri­ka­ni­schen Souve­rä­ni­tät unter­gräbt. Grup­pen wie die G‑5 Sahel recht­fer­ti­gen ihre Exis­tenz mit der Behaup­tung, Grup­pen wie den Isla­mi­schen Staat zu bekämp­fen. Sie geben ihre Ziele nicht offen an: die Kontrolle über Schlüs­sel­re­gio­nen und ‑länder des Konti­nents aufrecht­zu­er­hal­ten und so den exklu­si­ven Zugang zu ihren Boden­schät­zen und natür­li­chen Ressour­cen zu sichern.

 

Die UNO hat Recht, wenn sie in ihrem Bericht vom Juli schreibt, dass die Ausbrei­tung des Isla­mi­schen Staa­tes in Afrika eine «auffäl­lige Entwick­lung» ist. Noch auffäl­li­ger sind jedoch die zugrun­de­lie­gen­den Probleme: die Kontrolle und der Dieb­stahl von Ressour­cen und die damit einher­ge­hen­den sozia­len Probleme, nämlich die große Not der Menschen in Afrika. So leidet beispiels­weise die Hälfte der Bevöl­ke­rung der Zentral­afri­ka­ni­schen Repu­blik (ZAR) an Hunger; der Einzug ruan­di­scher Trup­pen in das Land im Jahr 2019 ist kaum eine Lösung für die Krise. In Afgha­ni­stan lebt ebenso wie in der ZAR die Hälfte der Bevöl­ke­rung in Armut, ein Drit­tel ist von Ernäh­rungs­un­si­cher­heit betrof­fen, und zwei Drit­tel haben keinen Zugang zu Strom.

In Mosam­bik hinge­gen können sich schät­zungs­weise 80 % der Bevöl­ke­rung keine ange­mes­sene Ernäh­rung leis­ten, und 2,9 Millio­nen Menschen sind von akuter Ernäh­rungs­un­si­cher­heit betrof­fen. Die wirk­li­chen Sicher­heits­pro­bleme sind die Ernäh­rungs­un­si­cher­heit und die Demü­ti­gun­gen der Armut, die alle Arten von Unru­hen hervor­ru­fen – einschließ­lich al-Shabab.

Die Befrei­ung Mosam­biks begann 1975 in Cabo Delgado, das heute von dem aktu­el­len Konflikt zerris­sen ist. Dieser Befrei­ungs­krieg begann 1962 und wurde von der Mosam­bi­ka­ni­schen Befrei­ungs­front (FRELIMO) ange­führt. Ein wich­ti­ger Teil des Befrei­ungs­krie­ges war der Kampf um die Entko­lo­nia­li­sie­rung der Kultur, aus dem die Moçam­bi­ca­ni­dade hervor­ging, die Sensi­bi­li­tät der neuen Revo­lu­tion. Noémia de Sousa war eine der großen Dich­te­rin­nen der Moçam­bi­ca­ni­dade, deren Werke in der mosam­bi­ka­ni­schen Zeit­schrift O Brado Afri­cano («Der afri­ka­ni­sche Schrei») veröf­fent­licht wurden. Ihre Worte von 1958 tanzen durch diesen Newsletter:

 

Wenn du mich verste­hen willst

komm, beuge dich über meine afri­ka­ni­sche Seele,

das Stöh­nen der schwar­zen Hafenarbeiter,

die rasen­den Tänze der Tshopi,

die Rebel­lion der Shanganas,

die selt­same Melo­die, die aus einem

Lied der Einhei­mi­schen durch die Nacht fließt.

 

Und fragt mich nicht mehr

wenn du mich kennen­ler­nen willst …

denn ich bin nichts als eine fleisch­li­che Hülle

wo der Aufstand Afri­kas erstarrte,

sein Schrei von Hoff­nung voll.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.