Werden unsere Kinder lesen und schreiben können? Werden sie mit Würde in die Zukunft blicken?

Der achtundzwanzigste Newsletter (2022)

Nú Barreto (Guinea-Bissau), A Esperar, 2019.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Die Welt treibt in den Gezei­ten des Hungers und der Verwüs­tung. Es ist schwie­rig, über Bildung oder irgend­et­was ande­res nach­zu­den­ken, wenn die eige­nen Kinder nicht in der Lage sind, zu essen. Und doch zwingt uns der massive Angriff auf die Bildung in diesem Jahr­zehnt dazu, darüber nach­zu­den­ken, welche Art von Zukunft jungen Menschen hinter­las­sen wird. Im Jahr 2018, also vor der Pande­mie, gingen nach Berech­nun­gen der Verein­ten Natio­nen 258 Millio­nen oder eines von sechs Kindern im schul­pflich­ti­gen Alter nicht in die Schule. Im März 2020, dem Beginn der Pande­mie, schätzte die UNESCO, dass 1,5 Milli­ar­den Kinder und Jugend­li­che von Schul­schlie­ßun­gen betrof­fen waren; bei unglaub­li­chen 91 % der Schü­ler welt­weit wurde die Ausbil­dung durch die Lock­downs unter­bro­chen.

 

Eine neue UN-Studie, die im Juni 2022 veröf­fent­licht wurde, ergab, dass sich die Zahl der Kinder, die in ihrer Bildung beein­träch­tigt sind, seit 2016 fast verdrei­facht hat und von 75 Millio­nen auf heute 222 Millio­nen gestie­gen ist. «Diese 222 Millio­nen Kinder», so das UN-Programm «Educa­tion Cannot Wait» (Bildung kann nicht warten), «sind mit einem Spek­trum an Bildungs­pro­ble­men konfron­tiert: Etwa 78,2 Millio­nen (54 % Frauen, 17 % mit funk­tio­na­len Schwie­rig­kei­ten, 16 % gewalt­sam Vertrie­bene) gehen nicht zur Schule, während 119,6 Millio­nen trotz Schul­be­such in den ersten Klas­sen­stu­fen keine Mindest­kennt­nisse in Lesen oder Mathe­ma­tik errei­chen». Viel zu wenig Aufmerk­sam­keit wird der Kata­stro­phe gewid­met, die sich daraus für die kommen­den Genera­tio­nen ergibt.

 

Die Welt­bank hat in Zusam­men­ar­beit mit der UNESCO darauf hinge­wie­sen, dass die Mittel für die Bildung in den Ländern mit nied­ri­gem und mitt­le­rem Einkom­men zurück­ge­gan­gen sind. 41 % dieser Länder hätten ihre Bildungs­aus­ga­ben mit dem Ausbruch der Pande­mie im Jahr 2020 gekürzt, im Durch­schnitt um 13,5 %. Während die reiche­ren Länder das Finan­zie­rungs­ni­veau von vor der Pande­mie wieder erreicht haben, sind die Mittel in den ärms­ten Ländern unter die Durch­schnitts­werte von vor der Pande­mie gesun­ken. Der Rück­gang der in Bildung inves­tier­ten Mittel wird zu einem Verlust von fast 21 Billio­nen Dollar an Lebens­ein­kom­men führen, viel mehr als die geschätz­ten 17 Billio­nen Dollar im Jahr 2021. Da die Wirt­schaft lahmt und die Kapi­tal­eig­ner sich mit der Tatsa­che abge­fun­den haben, dass sie Milli­ar­den von Menschen, die sie demnach als «Über­schuss­be­völ­ke­rung» betrach­ten, einfach nicht anstel­len werden, ist es kein Wunder, dass der Fokus auf Bildung so margi­nal ist.

Ein Lehrer schreibt auf die Wand­ta­fel einer PAIGC-Schule in den befrei­ten Gebie­ten in den guine­si­schen Wäldern, 1974. Quelle: Roel Cout­inho, Guinea-Bissau and Sene­gal Photo­graphs (1973–1974)

Ein Blick auf die natio­na­len Befrei­ungs­ver­su­che einer frühe­ren Ära offen­bart ein völlig ande­res Werte­sys­tem, bei dem die Been­di­gung des Hungers, die Verbes­se­rung der Alpha­be­ti­sie­rung und andere soziale Fort­schritte, die die Menschen­würde stär­ken, im Vorder­grund stan­den. Das Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch gibt eine neue Reihe mit dem Titel Studies in Natio­nal Libe­ra­tion heraus. Die erste Studie in dieser Reihe, The PAIGC’s Poli­ti­cal Educa­tion for Libe­ra­tion in Guinea-Bissau, 1963–74, ist ein wunder­ba­rer Text, der auf den Archiv­re­cher­chen von Sónia Vaz-Borges, Histo­ri­ke­rin und Autorin von Mili­tant Educa­tion, Libe­ra­tion Struggle, and Conscious­ness: The PAIGC educa­tion in Guinea Bissau, 1963–1978 (Peter Lang, 2019) basiert.

 

Die PAIGC, kurz für Partido Afri­cano para a Inde­pen­dên­cia da Guiné e Cabo Verde (Afri­ka­ni­sche Partei für die Unab­hän­gig­keit von Guinea und Kap Verde) wurde 1956 gegrün­det. Wie viele natio­nale Befrei­ungs­pro­jekte begann die PAIGC im poli­ti­schen Rahmen des portu­gie­si­schen Kolo­ni­al­staa­tes. Im Jahr 1959 streik­ten die Hafenarbeiter*innen in den Docks von Pidji­guiti für höhere Löhne und bessere Arbeits­be­din­gun­gen, muss­ten jedoch fest­stel­len, dass die Portu­gie­sen mit der Waffe verhan­del­ten, als diese etwa fünf­zig Arbeiter*innen töte­ten und viele andere verletz­ten. Dieses Massa­ker über­zeugte die PAIGC, sich einem bewaff­ne­ten Kampf zu widmen und von der Kolo­ni­al­herr­schaft befreite Zonen im dama­li­gen Guinea (heute Guinea-Bissau) einzurichten.

 

In diesen befrei­ten Zonen baute die PAIGC ein sozia­lis­ti­sches Projekt auf, zu dem auch ein Bildungs­sys­tem gehörte, das darauf abzielte, das Analpha­be­ten­tum abzu­schaf­fen und ein würdi­ges kultu­rel­les Leben für die Bevöl­ke­rung zu schaf­fen. Die PAIGC verfolgte ein egali­tä­res Bildungs­kon­zept, das unsere Aufmerk­sam­keit erregte, denn selbst in einem armen Land, das der bewaff­ne­ten Unter­drü­ckung des Kolo­ni­al­staa­tes ausge­setzt war, hat die PAIGC wert­volle Ressour­cen vom bewaff­ne­ten Kampf abge­zo­gen, um die Würde des Volkes zu stär­ken. 1974 erlangte das Land seine Unab­hän­gig­keit von Portu­gal; die Werte des natio­na­len Befrei­ungs­pro­jekts wirken bis heute in uns nach.

Schüler*innen in einem PAIGC-Schul­zim­mer einer Primär­schule in den befrei­ten Gebie­ten, 1974. Quelle: Roel Cout­inho, Guinea-Bissau and Sene­gal Photo­graphs (1973–1974)

Das natio­nale Befrei­ungs­pro­jekt, das die PAIGC verfolgte, hatte zwei gleich­zei­tige Ziele:

 

      1. Die kolo­nia­len Insti­tu­tio­nen der Unter­drü­ckung und Ausbeu­tung zu stürzen.
      2. Ein Projekt des natio­na­len Wieder­auf­baus zu schaf­fen, um die wirt­schaft­li­che, poli­ti­sche und soziale Befrei­ung des Volkes zu errei­chen. Dieses Projekt sollte die toxi­schen Rück­stände bekämp­fen, die die kolo­nia­len Struk­tu­ren in den Körpern und Köpfen des Volkes hinter­las­sen haben.

Bis 1959 gab es in Guinea-Bissau, das seit 1588 von der portu­gie­si­schen Monar­chie kontrol­liert wurde, keine weiter­füh­ren­den Schu­len. 1964 versprach der erste Kongress der PAIGC unter der Leitung von Amíl­car Cabral folgendes:

 

Einrich­tung von Schu­len und Ausbau des Unter­richts in allen befrei­ten Gebie­ten … Verbes­se­rung der Arbeit in den bestehen­den Schu­len, Vermei­dung einer hohen Anzahl von Schüler[*innen], die den Vorteil für alle beein­träch­ti­gen könnte. Grün­dung von Schu­len, aber das reale Poten­tial im Auge behal­ten, das uns zur Verfü­gung steht, damit wir später nicht einige Schu­len aus Mangel an Mitteln wieder schlie­ßen müssen … stetige Verstär­kung der poli­ti­schen Ausbil­dung von Lehrer[*innen] … Kurse einrich­ten, um Erwach­se­nen Lesen und Schrei­ben beizu­brin­gen, unab­hän­gig davon, ob sie kämp­fen oder Teile der Bevöl­ke­rung sind … nach und nach einfa­che Biblio­the­ken erschaf­fen in den befrei­ten Gebie­ten, ande­ren die Bücher auslie­hen, die wir besit­zen, und ihnen helfen, ein Buch oder die Zeitung lesen zu lernen und das Gele­sene zu verstehen.


Alle, die etwas wissen, müssen dieje­ni­gen unter­rich­ten, die nichts wissen, sagten die Kader der PAIGC, die sich sehr für die Vermitt­lung von Grund­kennt­nis­sen, der Geschichte ihres Landes und der Bedeu­tung ihres Kamp­fes für die natio­nale Befrei­ung einsetzen.

Ein Schü­ler benutzt ein Mikro­skop während einer medi­zi­ni­schen Unter­su­chung der PAIGC in einem College in Campada, 1973. Quelle: Roel Cout­inho, Guinea-Bissau and Sene­gal Photo­graphs (1973–1974)

In unse­rer Studie wird der gesamte Prozess des von der PAIGC einge­rich­te­ten Bildungs­sys­tems erläu­tert, einschließ­lich einer Bewer­tung der Bildungs­for­men und ‑prak­ti­ken. Im Mittel­punkt der Studie stehen die Pädago­gik der PAIGC und ihr anti­ko­lo­nia­ler, auf Afrika ausge­rich­te­ter Lehr­plan. Unsere Studie stellt fest:

 

Die Erfah­run­gen der afri­ka­ni­schen Menschen, ihre Vergan­gen­heit, ihre Gegen­wart und ihre Zukunft muss­ten im Mittel­punkt dieser neuen Bildung stehen. Die Lehr­pläne muss­ten sich mit den Wissens­for­men ausein­an­der­set­zen, die in den loka­len Gemein­schaf­ten exis­tier­ten und von diesen geprägt sein. Mit diesen neuen Ansät­zen des Wissens wollte die PAIGC bei den Lernen­den ein persön­li­ches Gefühl der Verpflich­tung gegen­über sich selbst, ihren Mitschüler*innen und ihren Gemein­schaf­ten wecken. Bereits 1949 plädierte Cabral aufgrund seiner Forschungs­er­fah­run­gen mit den land­wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen in Portu­gal und seinen afri­ka­ni­schen Terri­to­rien dafür, die Wissens­pro­duk­tion auf die bestehen­den afri­ka­ni­schen Reali­tä­ten auszu­rich­ten. Er vertrat die Ansicht, dass eine der besten Möglich­kei­ten, das Land zu vertei­di­gen, darin besteht, zu lernen und zu verste­hen, wie man den Boden nach­hal­tig nutzen und den Nutzen, den wir aus ihm ziehen, bewusst verbes­sern kann. Das Land zu kennen und zu verste­hen sei eine Form der Vertei­di­gung der Menschen und ihres Rechts, ihre Lebens­be­din­gun­gen zu verbessern.

 

Die Studie ist fesselnd, ein Fens­ter in eine Welt, die von der Struk­tur­an­pas­sungs­po­li­tik des Inter­na­tio­na­len Währungs­fonds verdrängt wurde, die Guinea-Bissau seit 1995 in den Abgrund reißt, mit einer Alpha­be­ti­sie­rungs­rate von knapp 50 %, scho­ckie­rend für ein Land mit den Möglich­kei­ten der natio­na­len Befrei­ung, wie sie von der PAIGC in Gang gesetzt wurden. Die Lektüre der Studie öffnet frühere Fens­ter, Hoff­nun­gen, die leben­dig blei­ben, solange unsere Bewe­gun­gen aufmerk­sam blei­ben und zur Quelle zurück­keh­ren, um eine bessere Zukunft aufzubauen.

Der Anfüh­rer der PAIGC, Amíl­car Cabral, wurde am 20. Januar 1973 ermor­det, ein Jahr bevor der portu­gie­si­sche Kolo­nia­lis­mus eine histo­ri­sche Nieder­lage erlitt. Die PAIGC hatte mit dem Verlust ihres Anfüh­rers zu kämp­fen. Im Jahr 1946 schrieb Cabral ein lyri­sches Gedicht, Regresso («Rück­kehr»), das auf die Ethik der Bewe­gung hinwies, für die er sein Leben gab. «Rück­kehr» war ein wich­ti­ger Begriff in Cabrals Voka­bu­lar, der Ausdruck «Rück­kehr zum Ursprung» zentral für seine Auffas­sung, dass die natio­nale Befrei­ung die Vergan­gen­heit als Ressource und nicht als Ziel behan­deln muss. Hört, wie die große Sänge­rin aus Cabo Verde, Cesá­ria Évora, das obige Gedicht von Cabral singt, und lest es hier, ein Tor zu den Hoff­nun­gen, die wir für eine Bildung der Befrei­ung haben:

 

Alte Mama, komm, lass uns lauschen

dem Schlag des Regens gegen die Tür.

Es ist ein freund­li­cher Rhythmus,

der in meinem Herzen pocht.

 

Unser Freund, der Regen, alte Mama, der Regen

der nicht mehr so gefal­len ist …

seit langer Zeit…

Ich habe gehört, dass die Cidade Velha

– die ganze Insel – 

ein Garten wird

in ein paar Tagen …

 

Sie sagen, das Land sei in Grün gehüllt,

die schönste Farbe, weil es die Farbe der Hoff­nung ist.

Dass das Land jetzt wirk­lich wie Kap Verde aussehe – 

Ruhe hat jetzt den Sturm ersetzt …

 

Komm, alte Mama, komm

finde deine Kraft wieder und komm zum Tor.

Unser Freund, der Regen, hat uns bereits gesagt, wir sollen durchhalten

und er schlägt in meinem Herzen.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.