Es gibt hungernde Menschen. Es gibt hungernde Menschen.

Der sechsundzwanzigste Newsletter (2022).

Saloua Raouda Chou­cair (Liba­non), Chores, 1948.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Das Inter­na­tio­nale Kinder­hilfs­werk der Verein­ten Natio­nen (UNICEF) berich­tet, dass jede Minute ein Kind in den fünf­zehn von der welt­wei­ten Nahrungs­mit­tel­krise am stärks­ten betrof­fe­nen Ländern in den Hunger getrie­ben wird. Zwölf dieser fünf­zehn Länder liegen in Afrika (von Burkina Faso bis Sudan), eines in der Kari­bik (Haiti) und zwei in Asien (Afgha­ni­stan und Jemen). Endlose Kriege haben die Fähig­keit der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen in diesen Ländern geschwächt, die kaska­den­ar­ti­gen Krisen von Schul­den und Arbeits­lo­sig­keit, Infla­tion und Armut zu bewäl­ti­gen. Zu den beiden asia­ti­schen Ländern kommen die Staa­ten der afri­ka­ni­schen Sahel­zone hinzu (vor allem Mali und Niger), in denen der Hunger inzwi­schen fast außer Kontrolle gera­ten ist. Als ob die Lage nicht schon schlimm genug wäre, wurde Afgha­ni­stan letzte Woche von einem Erdbe­ben heim­ge­sucht, bei dem mehr als tausend Menschen ums Leben kamen – ein weite­rer verhee­ren­der Schlag für eine Gesell­schaft, in der 93 % der Bevöl­ke­rung in den Hunger abge­rutscht sind.


In diesen krisen­ge­schüt­tel­ten Ländern wird die Nahrungs­mit­tel­hilfe von den Regie­run­gen und dem Welt­ernäh­rungs­pro­gramm der Verein­ten Natio­nen (WFP) bereit­ge­stellt. Millio­nen Flüch­tende in diesen Ländern sind fast voll­stän­dig von den UN-Orga­ni­sa­tio­nen abhän­gig. Das WFP stellt gebrauchs­fer­tige thera­peu­ti­sche Nahrungs­mit­tel bereit, die aus Butter, Erdnüs­sen, Milch­pul­ver, Zucker, Pflan­zenöl und Vitami­nen herge­stellt werden. In den nächs­ten sechs Mona­ten werden die Kosten für diese Zuta­ten voraus­sicht­lich um bis zu 16 % stei­gen, weshalb das WFP am 20. Juni ankün­digte, die Ratio­nen um 50 % zu kürzen. Diese Kürzung wird sich auf drei von vier Flücht­lin­gen in Ostafrika auswir­ken, wo etwa fünf Millio­nen Flücht­linge leben. «Wir sehen, wie das Pulver­fass der Bedin­gun­gen für die extreme Auszeh­rung von Kindern Feuer fängt», sagte UNICEF-Exeku­tiv­di­rek­to­rin Cathe­rine Russell.

Uzo Egonu (Nige­ria), Stateless People, An Assem­bly, 1982.

 

Der sprung­hafte Anstieg des Hungers hängt eindeu­tig mit der Infla­tion der Lebens­mit­tel­preise zusam­men, die ihrer­seits durch den Konflikt in der Ukraine noch verschärft wurde. Russ­land und die Ukraine sind die welt­weit führen­den Expor­teure von Gerste, Mais, Raps, Sonnen­blu­men­ker­nen, Sonnen­blu­menöl und Weizen sowie von Dünge­mit­teln. Obwohl der Krieg kata­stro­phale Auswir­kun­gen auf die Welt­markt­preise für Lebens­mit­tel hat, ist es ein Fehler, den Krieg als Ursa­che für den Preis­an­stieg anzu­se­hen. Die Welt­markt­preise für Lebens­mit­tel began­nen vor etwa zwan­zig Jahren zu stei­gen und gerie­ten dann 2021 aus verschie­de­nen Grün­den außer Kontrolle, unter anderem:

 

    • Während der Pande­mie führ­ten die stren­gen Lock­downs inner­halb der Länder und an den Gren­zen zu erheb­li­chen Unter­bre­chun­gen der Bewe­gun­gen von Wanderarbeiter*innen. Es ist inzwi­schen allge­mein bekannt, dass Arbeitsmigrant*innen – einschließ­lich Geflüch­te­ten und Asylbewerber*innen – eine Schlüs­sel­rolle in der land­wirt­schaft­li­chen Produk­tion spie­len. Die einwan­de­rungs­feind­li­che Stim­mung und die Lock­downs haben ein lang­fris­ti­ges Problem für die Groß­be­triebe geschaffen.
    • Eine Folge der COVID-19-Pande­mie war der Zusam­men­bruch der Liefer­ket­ten. Da China – das Epizen­trum eines beträcht­li­chen Teils der welt­wei­ten Produk­tion -– eine Null-COVID-Poli­tik verfolgte, setzte dies ein kaska­den­ar­ti­ges Problem für die inter­na­tio­nale Schiff­fahrt in Gang; aufgrund der Lock­downs wurden Häfen geschlos­sen und Schiffe blie­ben mona­te­lang auf See. Die Rück­kehr des inter­na­tio­na­len Seever­kehrs zu einer annä­hern­den Norma­li­tät und die Rück­kehr der indus­tri­el­len Produk­tion – einschließ­lich Dünge­mit­teln und Lebens­mit­teln – erfolgte nur lang­sam. Die Lebens­mit­tel­ver­sor­gungs­ket­ten verküm­mer­ten aufgrund der logis­ti­schen Probleme, aber auch wegen des Perso­nal­man­gels in den Verarbeitungsbetrieben.
    • Extreme Wetter­ereig­nisse spie­len eine wich­tige Rolle bei dem Chaos im Lebens­mit­tel­sys­tem. In den letz­ten zehn Jahren waren zwischen 80 und 90 % der Natur­ka­ta­stro­phen auf Dürren, Über­schwem­mun­gen oder schwere Stürme zurück­zu­füh­ren. In den letz­ten vier­zig Jahren hat der Planet jedes Jahr 12 Millio­nen Hektar Acker­land durch Dürre und Wüsten­bil­dung verlo­ren; in diesem Zeit­raum haben wir auch ein Drit­tel unse­res Acker­lan­des durch Erosion oder Verschmut­zung verlo­ren.

In den letz­ten vier­zig Jahren ist der welt­weite Fleisch­kon­sum (vor allem Geflü­gel) drama­tisch ange­stie­gen, und dieser Anstieg wird sich fort­set­zen, obwohl es Anzei­chen dafür gibt, dass wir den «Höhe­punkt des Fleisch­kon­sums» erreicht haben. Die Fleisch­erzeu­gung hinter­lässt einen enor­men ökolo­gi­schen Fußab­druck: 57 % der Gesamt­emis­sio­nen der Land­wirt­schaft stam­men aus der Fleisch­pro­duk­tion, während die Vieh­zucht 77 % der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che des Plane­ten bean­sprucht (obwohl Fleisch nur 18 % der welt­wei­ten Kalo­rien­zu­fuhr ausmacht).

 

Yolanda Váldes Remen­te­ría (Mexiko), Diver­sidad , 2009.

 

Der Welt­markt für Lebens­mit­tel war bereits vor dem Konflikt in der Ukraine ange­spannt, und die Preise stie­gen während der Pande­mie in vielen Ländern auf ein noch nie dage­we­se­nes Niveau. Der Krieg hat das geschwächte Nahrungs­mit­tel­sys­tem jedoch fast zum Zusam­men­bruch gebracht. Das größte Problem stellt der Welt­markt für Dünge­mit­tel dar, der während der Pande­mie stabil war, sich jetzt aber in einer Krise befin­det: Russ­land und die Ukraine expor­tie­ren 28 % des Stick­stoff- und Phos­ph­or­dün­gers sowie 40 % der welt­wei­ten Ausfuh­ren von Kali, während Russ­land allein 48 % des welt­wei­ten Ammo­ni­um­ni­trats und 11 % des welt­wei­ten Harn­stoffs ausführt. Die Verrin­ge­rung des Dünge­mit­tel­ein­sat­zes durch die Landwirt*innen wird in Zukunft zu gerin­ge­ren Ernte­er­trä­gen führen, es sei denn, die Landwirt*innen und Agrar­un­ter­neh­men sind bereit, auf Biodün­ger umzu­stei­gen. Aufgrund der Unsi­cher­heit auf dem Lebens­mit­tel­markt haben viele Länder Ausfuhr­be­schrän­kun­gen erlas­sen, die die Hunger­krise in Ländern, die sich nicht selbst versor­gen können, weiter verschärfen.

 

Trotz aller Diskus­sio­nen über die Nahrungs­mit­tel-Selbst­ver­sor­gung zeigen Studien, dass es an Maßnah­men mangelt. Bis zum Ende des 21. Jahr­hun­derts, so sagt man uns, werden welt­weit 141 Länder nicht selbst­ver­sor­gend sein und die Nahrungs­mit­tel­pro­duk­tion wird den Nahrungs­mit­tel­be­darf von 9,8 der prognos­ti­zier­ten 15,6 Milli­ar­den Menschen auf der Erde nicht decken können. Nur 14 % der Staa­ten der Welt werden sich selbst versor­gen können, wobei Russ­land, Thai­land und Osteu­ropa die führen­den Getrei­de­pro­du­zen­ten der Welt sind. Eine solch düstere Prognose erfor­dert eine radi­kale Umge­stal­tung des Welt­ernäh­rungs­sys­tems; eine vorläu­fige Liste von Forde­run­gen findet sich in A Plan to Save the Planet, entwi­ckelt von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch und dem Network of Rese­arch Institutes.

 

Der Konflikt in der Ukraine und die Sank­tio­nen gegen Russ­land, dies sagte  UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Guter­res deut­lich, müssen schnellst­mög­lich been­det werden, damit diese wich­ti­gen Produ­zen­ten von Nahrungs­mit­teln und Dünge­mit­teln ihre Produk­tion für den Welt­markt wieder aufneh­men können.

 

 

Eine aktu­elle Studie des brasi­lia­ni­schen Forschungs­net­zes für Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät und ‑sicher­heit (Rede Pens­san) stellt fest, dass fast 60 % der brasi­lia­ni­schen Fami­lien keinen Zugang zu ange­mes­se­nen Nahrungs­mit­teln haben. Von den 212 Millio­nen Einwohner*innen des Landes ist die Zahl derer, die nichts zu essen haben, seit 2020 sprung­haft von 19 Millio­nen auf 33,1 Millio­nen gestie­gen. «Die von der Regie­rung gewählte Wirt­schafts­po­li­tik und der rück­sichts­lose Umgang mit der Pande­mie führen zu einem noch skan­da­lö­se­ren Anstieg der sozia­len Ungleich­heit und des Hungers in unse­rem Land», so Ana Maria Segall, medi­zi­ni­sche Epide­mio­lo­gin bei Rede Pens­san. Noch vor weni­gen Jahren setz­ten sich die Verein­ten Natio­nen für die brasi­lia­ni­schen Programme Fome Zero und Bolsa Famí­lia ein, mit denen Hunger- und Armuts­ra­ten dras­tisch gesenkt werden konn­ten. Unter der Führung der ehema­li­gen Präsident*innen Lula da Silva (2003–2010) und Dilma Rouss­eff (2011–2016) erreichte Brasi­lien die UN-Ziele für nach­hal­tige Entwick­lung. Die nach­fol­gen­den Regie­run­gen von Michel Temer (2016–2018) und Jair Bolso­naro (2019-heute) haben diese Errun­gen­schaf­ten wieder zunichte gemacht und Brasi­lien in die schlimms­ten Tage des Hungers zurück­ka­ta­pul­tiert, als der Dich­ter und Sänger Solano Trindade sang: «tem gente com fome» («es gibt hungernde Menschen»):

 

es gibt hungernde Menschen

es gibt hungernde Menschen

es gibt hungernde Menschen

 

 

wenn es hungernde Menschen gibt

gib ihnen etwas zu essen

wenn es hungernde Menschen gibt

gib ihnen etwas zu essen­wenn es hungernde Menschen gibt

gib ihnen etwas zu essen

 

 

Herz­lichst,

 

Vijay

 

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.