Das Land in Südafrika soll unter denjenigen geteilt werden, die es bearbeiten.

Der dreiundzwanzigste Newsletter (2022).

Sbon­gile Tabhe­the arbei­tet im Gemü­se­gar­ten der eKhen­ana Land­be­set­zung in Cato Manor, Durban, 9. Juni 2020. Credit: New Frame / Mlun­gisi Mbele

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Im März 2022 warnte der Gene­ral­se­kre­tär der Verein­ten Natio­nen (UN), Antó­nio Guter­res, vor einem «Wirbel­sturm des Hungers» als Folge des Krie­ges in der Ukraine. Fünf­und­vier­zig Entwick­lungs­län­der, die meis­ten davon auf dem afri­ka­ni­schen Konti­nent, so Guter­res, «impor­tie­ren mindes­tens ein Drit­tel ihres Weizens aus der Ukraine oder Russ­land, 18 von ihnen sogar mindes­tens 50 Prozent». Russ­land und die Ukraine expor­tie­ren 33 % der welt­wei­ten Gers­ten­be­stände, 29 % des Weizens, 17 % des Mais und fast 80 % des welt­wei­ten Ange­bots an Sonnen­blu­menöl. Landwirt*innen außer­halb Russ­lands und der Ukraine, die versu­chen, die fehlen­den Exporte auszu­glei­chen, haben nun mit den eben­falls kriegs­be­ding­ten höhe­ren Kraft­stoff­prei­sen zu kämp­fen. Die Kraft­stoff­preise wirken sich sowohl auf die Kosten für chemi­sche Dünge­mit­tel als auch auf die Möglich­kei­ten der Landwirt*innen aus, ihre eige­nen Pflan­zen anzu­bauen. Maximo Torero Cullen, Chef­öko­nom der Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion der Verein­ten Natio­nen, erklärte, dass eine von fünf Kalo­rien, die die Menschen zu sich nehmen, mindes­tens eine inter­na­tio­nale Grenze über­quert hat, was einen Anstieg von mehr als 50 Prozent im Vergleich zu vor 40 Jahren bedeu­tet. Diese Turbu­len­zen im welt­wei­ten Lebens­mit­tel­han­del stel­len ein Problem für die Ernäh­rung und die Nahrungs­auf­nahme dar, insbe­son­dere für die ärms­ten Menschen auf der Welt.


Die ärme­ren Länder haben nicht viele Möglich­kei­ten, den Hunger einzu­däm­men. Das liegt vor allem an Regeln der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­tion (WTO), die Subven­ti­ons­re­ge­lun­gen für reichere Länder privi­le­gie­ren, ärmere Länder jedoch bestra­fen, wenn sie staat­li­che Maßnah­men zuguns­ten ihrer eige­nen Landwirt*innen und der Hungern­den ergrei­fen. Ein aktu­el­ler Bericht – verfasst von der WTO, dem Inter­na­tio­na­len Währungs­fonds, der Welt­bank und der Orga­ni­sa­tion für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Entwick­lung – lieferte Beweise für diese Subven­ti­ons­vor­teile, von denen die reiche­ren Länder profi­tie­ren. Auf der 12. WTO-Minis­ter­kon­fe­renz Mitte Juni werden die G‑33-Länder versu­chen, die Anwen­dung der (2013 einge­führ­ten) «Frie­dens­klau­sel» auszu­wei­ten, um es ärme­ren Ländern zu ermög­li­chen, den Lebens­un­ter­halt ihrer Land­wirte durch die staat­li­che Beschaf­fung von Lebens­mit­teln und verbes­serte öffent­li­che Lebens­mit­tel­ver­tei­lungs­sys­teme zu schützen.

Zwei junge Mädchen kehren in ihre Häuser zurück, nach­dem sie Wasser aus einem Bach geschöpft haben, den sich die Bauern­ge­mein­schaft mit wilden Tieren teilt, 29. Juli 2020. Credit: New Frame / Magni­ficent Mndebele

Dieje­ni­gen, die unsere Lebens­mit­tel anbauen, leiden Hunger, doch erstaun­li­cher­weise wird kaum über die Armut und den Hunger der Landwirt*innen, Kleinbäuer*innen und Landarbeiter*innen selbst gespro­chen. Mehr als 3,4 Milli­ar­den Menschen – fast die Hälfte der Welt­be­völ­ke­rung – leben in länd­li­chen Gebie­ten; unter ihnen befin­den sich 80 % der Armen der Welt. Für die meis­ten armen Landbewohner*innen ist die Land­wirt­schaft die Haupt­ein­nah­me­quelle und bietet Milli­ar­den von Arbeits­plät­zen. Die länd­li­che Armut repro­du­ziert sich nicht, weil die Menschen nicht hart arbei­ten, sondern weil den Landarbeiter*innen der Grund­be­sitz sowie die staat­li­che Unter­stüt­zung entzo­gen wurden.

 

Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch (Südafrika) hat die Notlage der Landarbeiter*innen in der Region im Rahmen unse­res Gesamt­pro­jekts zur Beob­ach­tung des «Wirbel­sturms des Hungers» sehr genau ange­schaut. Unser jüngs­tes Dossier, This Land Is the Land of Our Ances­tors («Dieses Land ist das Land unse­rer Vorfah­ren»), ist eine detail­lierte Studie über Landarbeiter*innen aus ihrer eige­nen Perspek­tive. Die Forsche­rin Yvonne Phyl­lis reiste von KwaZulu-Natal in die West- und Nord­kap-Provin­zen, um Inter­views mit Landarbeiter*innen und ihren Orga­ni­sa­tio­nen zu führen und mehr über das Schei­tern der Land­re­form in Südafrika und ihre Auswir­kun­gen auf ihr Leben zu erfah­ren. Es ist eines der weni­gen Dossiers, das in der Ich-Perspek­tive geschrie­ben ist, was die intime Natur der Poli­tik rund um die Land­frage in Südafrika wider­spie­gelt. «Was bedeu­tet das Land für dich?», fragte ich Yvonne, als wir kürz­lich gemein­sam in Johan­nes­burg waren. Sie antwortete:

 

Ich bin auf einer Farm in Bedford, in der Provinz Ostkap, aufge­wach­sen. Das hat mir einige der besten Lektio­nen meines Lebens beschert. Eine davon war die Gemein­schaft der Farmarbeiter*innen und Farmbewohner*innen; sie lehr­ten mich, wie wich­tig es ist, in einer Gemein­schaft mit ande­ren Menschen zu leben. Sie lehr­ten mich auch, was es bedeu­tet, Land zu pfle­gen und zu kulti­vie­ren, und wie ich meine eigene Bedeu­tung von Land für mich selbst finden kann. Diese Lektio­nen haben meine persön­li­chen Über­zeu­gun­gen über die Natur des Landes geprägt. Alle Menschen verdie­nen es, vom Land zu leben. Land ist nicht nur wich­tig, weil wir auf ihm produ­zie­ren können; es ist Teil der Geschichte, der Mensch­lich­keit und des kultu­rel­len Erbes der Menschen.

Sechs Genera­tio­nen der Fami­lie Phyl­lis haben in diesem Haus gelebt und auf dieser Farm gear­bei­tet. Credit: New Frame / Andy Mkosi

Im Zuge der Kolo­nia­li­sie­rung durch nieder­län­di­sche (Buren) und briti­sche Sied­ler wurden afri­ka­ni­sche Bäuer*innen enteig­net und entwe­der zu land­lo­sen Arbeiter*innen, unbe­zahl­ten Pächter*innen oder Arbeits­lo­sen auf dem Land gemacht. Dieser Prozess wurde durch den Native Land Act (Nr. 27 von 1913) verschärft, dessen Auswir­kun­gen bis heute zu spüren sind. Der sieb­zehn­jäh­rige Kompo­nist Reuben Caluza (1895–1969) reagierte auf das Gesetz mit seinem «Umteto we Land Act» («Das Land­ge­setz»), das zu einer der ersten Hymnen der Befrei­ungs­be­we­gung des Landes wurde:

 

Das Recht, für das unsere Lands­leute kämpften

Unser Ruf für die Nation

ist es, unser Land zu haben

Wir schreien für die heimatlosen

Söhne unse­rer Väter

Die keinen Platz haben

an diesem Ort unse­rer Vorfahren


In der Frei­heits­charta (1955) des Afri­ka­ni­schen Natio­nal­kon­gres­ses (ANC) und seiner Verbün­de­ten wurde denje­ni­gen, die gegen die 1994 formell been­dete Apart­heid kämpf­ten, verspro­chen: «Das Land soll unter denen geteilt werden, die es bear­bei­ten». Auf dieses Verspre­chen wurde in der südafri­ka­ni­schen Verfas­sung von 1996 in Kapi­tel 2, Abschnitt 25.5 erneut ange­spielt, wobei jedoch die Landarbeiter*innen nicht ausdrück­lich erwähnt werden.

Das ist der Stand­ort des Ahnen­fried­hofs der Fami­lie Phyl­lis, auf dem Yvonnes Vater Jacob und ihre Fami­lie arbei­te­ten, 6. Juni 2021. Credit: New Frame / Andy Mkosi 

Bereits in der Inte­rims­ver­fas­sung von 1993 schützte das neue Post-Apart­heid-System die Rechte von Farmbesitzer*innen durch eine «Eigen­tums­klau­sel» in Kapi­tel 2, Abschnitt 28. Diffe­ren­zen inner­halb des ANC führ­ten dazu, dass das progres­si­vere Wieder­auf­bau- und Entwick­lungs­pro­gramm (RDP) zuguns­ten der neoli­be­ra­len Stra­te­gie für Wachs­tum, Beschäf­ti­gung und Umver­tei­lung (GEAR) aufge­ge­ben wurde – ein selbst aufer­leg­tes Struk­tur­an­pas­sungs­pro­gramm. Dies bedeu­tete, dass es schlicht nicht genü­gend poli­ti­schen Wille und staat­li­che Mittel für die Programme zur Land­rück­gabe, Land­be­sitz­re­form und Land­um­ver­tei­lung gab. Wie in unse­rem Dossier fest­ge­stellt wird, sind die Verspre­chen der Frei­heits­charta bis heute nicht erfüllt worden.


Anstatt Land von der über­wie­gend weißen Land­be­sit­zer­klasse zu enteig­nen, um histo­ri­sches Unrecht zu kompen­sie­ren, bietet der Staat den Landbesitzer*innen eine Entschä­di­gung an und arbei­tet nach dem Prin­zip «willi­ger Käufer, willi­ger Verkäu­fer». Büro­kra­ti­sche Hürden und fehlende Mittel haben jedes echte Land­re­form­pro­jekt sabo­tiert. In seiner Ruth-First-Vorle­sung 2014 wies Irvin Jim, Gene­ral­se­kre­tär der größ­ten Gewerk­schaft des Landes, der Natio­nal Union of Metal­wor­kers of South Africa (NUMSA), darauf hin, dass der hundertste Jahres­tag des Land­ge­set­zes von 1913 nicht von der Regie­rung, sondern nur durch den mili­tan­ten Streik der Landarbeiter*innen in den Jahren 2012 und 2013 began­gen wurde. «Der Streik ist uns noch frisch in Erin­ne­rung», sagte Jim. «Er verdeut­licht nach wie vor die kolo­niale histo­ri­sche Tatsa­che, dass das Land und die daraus gewon­ne­nen Produkte nicht gerecht unter denje­ni­gen aufge­teilt werden, die das Land bear­bei­ten.» Aufgrund der neoli­be­ra­len Ausrich­tung der Land­frage haben einige der für die Rück­gabe und Umver­tei­lung aufge­leg­ten Programme letzt­lich eher den Großgrundbesitzer*innen statt den Subsistenzbäuer*innen und den lebens­lang in der Land­wirt­schaft Täti­gen Vorteile gebracht.

Ehema­lige Land­ar­bei­te­rin­nen Freeda Mkha­bela, Lucia Foster und Gugu Ngubane (von links nach rechts) gehö­ren zu den Aktivist*innen, die gegen Land­lo­sig­keit sowie schlechte Lohn- und Arbeits­be­din­gun­gen und für eine bessere Behand­lung von Landarbeiter*innen kämp­fen, 26. Mai 2021. Kredit: New Frame / Mlun­gisi Mbele

Ein echtes Agrar­re­form­pro­jekt in Südafrika würde nicht nur den Ruf nach Gerech­tig­keit auf dem Lande erfül­len, sondern auch einen Weg zur Bewäl­ti­gung der Hunger­krise auf dem Lande bieten. Unser Dossier endet mit einem Sechs-Punkte-Forde­rungs­ka­ta­log, der aus unse­ren Gesprä­chen mit Landarbeiter*innen und ihren Orga­ni­sa­tio­nen entstan­den ist:

 

      1. Die südafri­ka­ni­sche Regie­rung muss Landarbeiter*innen und Landbewohner*innen konsul­tie­ren, um ihre Perspek­ti­ven in die Entwick­lung eines Land­re­form­pro­gramms einzu­be­zie­hen, das ihre Bedürf­nisse berücksichtigt.
      2. Den Ansprü­chen der Landarbeiter*innen auf Land­be­sitz sollte Vorrang einge­räumt werden, um eine Land­re­form zu vermei­den, die ausschließ­lich Schwarze Eliten bereichert.
      3. Das Minis­te­rium für Land­wirt­schaft, Land­re­form und länd­li­che Entwick­lung sollte es weißen Landbesitzer*innen erleich­tern, einen Teil ihres Farm­lan­des an lebens­lange Ange­stellte und Nach­kom­men von Fami­lien, die seit mehre­ren Genera­tio­nen auf ihren Farmen arbei­ten, abzutreten.
      4. Die Regie­rung muss Farmen für Landarbeiter*innen kaufen und sie mit Kapi­tal für Start­kos­ten, land­wirt­schaft­li­chen Gerä­ten und land­wirt­schaft­li­chen Kennt­nis­sen unterstützen.
      5. Die Land­re­form in Südafrika muss die sozia­len Fakto­ren berück­sich­ti­gen, die zur Ernäh­rungs­un­si­cher­heit beitra­gen, und die Möglich­kei­ten aner­ken­nen, diese durch Land­um­ver­tei­lung zu beheben.
      6. Der Prozess der Land­re­form muss sich mit der Margi­na­li­sie­rung von Frauen in der Land­wirt­schaft und dem fehlen­den Land­be­sitz von Bäue­rin­nen befas­sen, um die Geschlech­ter­pa­ri­tät in beiden Berei­chen zu gewährleisten.

 

Loo ngumhlaba wook­hokho bethu! Dies ist das Land unse­rer Vorfah­ren! Das ist der Slogan, der unse­rem Dossier seinen Titel gibt. Es ist an der Zeit, dass dieje­ni­gen, die das Land bear­bei­ten, auch Eigen­tü­mer des Landes werden.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.