Wir umarmen Bäume, weil Bäume keine Stimme haben.

Der zweiundzwanzigste Newsletter (2021).

Setu Legi (Indo­ne­sien), Take Care of this Land («Kümmert euch um diesen Boden»), 2010.

Liebe Freund*innen

 

Grüße vom Schreib­tisch des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch,

 

Auf der Konfe­renz der Verein­ten Natio­nen zum Thema mensch­li­che Umwelt im Jahr 1972 beschlos­sen die Dele­gier­ten, einen jähr­li­chen Welt­um­welt­tag abzu­hal­ten. 1974 forderte die UNO die Welt auf, diesen Tag am 5. Juni mit dem Slogan «Only One Earth» zu feiern; in diesem Jahr lautet das Thema «Ecosys­tem Resto­ra­tion» (Wieder­her­stel­lung der Ökosys­teme) und betont, wie das kapi­ta­lis­ti­sche System die Fähig­keit der Erde, Leben zu erhal­ten, zerstört hat. Das Global Foot­print Network gibt an, dass wir momen­tan nicht auf einer Erde leben, sondern auf 1,6 Erden. Wir leben auf mehr als einer Erde, weil wir unse­ren Plane­ten ausschlach­ten durch das Eindrin­gen in und die Zerstö­rung von Biodi­ver­si­tät, die Verwüs­tung von Land und die Verschmut­zung von Luft und Wasser.

 

Dieser News­let­ter dreht sich um den Red Alert von Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch über die Umwelt­ka­ta­stro­phe, die uns bevor­steht. Mehrere wich­tige Wissenschaftler*innen haben dazu beigetra­gen. Der Red Alert kann nach­fol­gend gele­sen und hier als PDF herun­ter­ge­la­den werden; wir hoffen, dass ihr ihn weit verbrei­ten werdet.

Ein neuer Bericht des Umwelt­pro­gramms der Verein­ten Natio­nen (UNEP), Making Peace with Nature (2021), hebt die «Schwere der drei­fa­chen ökolo­gi­schen Notla­gen unse­rer Erde hervor: Klima, Verlust der biolo­gi­schen Viel­falt und Verschmut­zung». Diese drei «selbst­ver­schul­de­ten plane­ta­ri­schen Krisen», so das UNEP, gefähr­den «das Wohl­erge­hen heuti­ger und zukünf­ti­ger Genera­tio­nen auf unan­nehm­bare Weise». Dieser Red Alert, der zum Welt­um­welt­tag (5. Juni) veröf­fent­licht wurde, wird zusam­men mit der Inter­na­tio­nal Week of Anti-Impe­ria­list Struggle herausgegeben.

 

Was ist das Ausmaß der Zerstörung?

 

Die Ökosys­teme verschlech­tern sich in alar­mie­ren­dem Tempo. Der Bericht der Inter­go­vern­men­tal Science-Policy Plat­form on Biodi­ver­sity and Ecosys­tem Services (IPBES) aus dem Jahr 2019 liefert erschüt­ternde Beispiele für das Ausmaß der Zerstörung:

 

    • Eine Million der geschätz­ten acht Millio­nen Pflan­zen- und Tier­ar­ten sind vom Ausster­ben bedroht.
    • Der Mensch hat seit 1500 mindes­tens 680 Wirbel­tier­ar­ten zum Ausster­ben gebracht, wobei der welt­weite Bestand an Wirbel­tier­ar­ten in den letz­ten 50 Jahren um 68 % zurück­ge­gan­gen ist. 
    • Der Bestand an wilden Insek­ten ist um 50 % zurückgegangen.
    • Mehr als 9 % aller domes­ti­zier­ten Säuge­tier­ras­sen, die für Nahrung und Land­wirt­schaft genutzt werden, waren 2016 ausge­stor­ben, weitere tausend Rassen sind derzeit vom Ausster­ben bedroht.

 

Die Schä­di­gung von Ökosys­te­men wird durch den Kapi­ta­lis­mus beschleu­nigt, indem dieser die Verschmut­zung und Verschwen­dung, die Abhol­zung, die Land­nut­zungs­än­de­rung und ‑ausbeu­tung sowie kohlen­stoff­ge­trie­bene Ener­gie­sys­teme voran­treibt. Der Bericht des Zwischen­staat­li­chen Ausschus­ses für Klima­wan­del, Climate Change and Land (Januar 2020), stellt beispiels­weise fest, dass nur noch 15 % der uns bekann­ten Feucht­ge­biete übrig sind, während der Rest so weit zerstört wurde, dass eine Erho­lung nicht mehr möglich ist. Im Jahr 2020 doku­men­tierte das UNEP, dass die Koral­len­riffe von 2014 bis 2017 unter der längs­ten schwe­ren Blei­che seit Beginn der Aufzeich­nun­gen litten. Es wird prognos­ti­ziert, dass die Koral­len­riffe bei stei­gen­den Tempe­ra­tu­ren drama­tisch zurück­ge­hen werden; wenn die globale Erwär­mung auf 1,5 °C ansteigt, werden nur 10–30 % aller Riffe erhal­ten blei­ben, und wenn die globale Erwär­mung auf 2 °C ansteigt, werden weni­ger als 1 % aller Riffe erhal­ten bleiben.

René Mederos Pazos (Kuba), Cuba 1952, 1973.

Nach derzei­ti­gem Stand der Dinge ist es wahr­schein­lich, dass der Arkti­sche Ozean bis 2035 eisfrei sein wird, was sowohl das arkti­sche Ökosys­tem als auch die Zirku­la­tion der Meeres­strö­mun­gen stören und mögli­cher­weise das globale und regio­nale Klima und Wetter verän­dern wird. Diese Verän­de­run­gen der arkti­schen Eisde­cke haben bereits einen Wett­lauf zwischen den Groß­mäch­ten um die mili­tä­ri­sche Vorherr­schaft in der Region und um die Kontrolle über wert­volle Ener­gie- und Mine­ra­li­en­res­sour­cen ausge­löst, was einer verhee­ren­den ökolo­gi­schen Zerstö­rung die Tür noch weiter öffnet. Im Januar 2021 charak­te­ri­sierte das US-Mili­tär in einem Papier mit dem Titel Regai­ning Arctic Domi­nance («Arkti­sche Vorherr­schaft zurück­ge­win­nen») die Arktis als «sowohl eine Arena des Wett­be­werbs, eine Angriffs­front in Konflik­ten, ein lebens­wich­ti­ges Gebiet, in dem viele der natür­li­chen Ressour­cen unse­rer Nation lagern, als auch eine Platt­form für globale Machtprojektion».

 

Die Erwär­mung des Ozeans geht einher mit der jähr­li­chen Verklap­pung von bis zu 400 Millio­nen Tonnen Schwer­me­tal­len, Lösungs­mit­teln und gifti­gen Schläm­men (zusam­men mit ande­ren Indus­trie­ab­fäl­len) – radio­ak­tive Abfälle nicht einge­rech­net. Dies sind die gefähr­lichs­ten Abfall­stoffe, aber sie machen nur einen winzi­gen Teil des gesam­ten in den Ozean gewor­fe­nen Mülls aus, darun­ter Millio­nen Tonnen Plas­tik­müll. Eine Studie aus dem Jahr 2016 kommt zu dem Ergeb­nis, dass es bis 2050 nach Gewicht voraus­sicht­lich mehr Plas­tik im Ozean geben wird als Fische. Im Ozean sammelt sich Plas­tik in stru­deln­den Wirbeln an, einer davon ist der Great Paci­fic Garbage Patch, eine geschätzte Masse von 79.000 Tonnen Ozean­plas­tik, die in einem konzen­trier­ten Gebiet von 1,6 Millio­nen Quadrat­ki­lo­me­tern trei­ben (das entspricht etwa der Größe des Irans). Das ultra­vio­lette Licht der Sonne zersetzt den Müll in «Mikro­plas­tik», das nicht gerei­nigt werden kann, das Nahrungs­ket­ten stört und Lebens­räume zerstört. Die Verklap­pung von Indus­trie­ab­fäl­len in Gewäs­sern, auch in Flüs­sen und ande­ren Süßwas­ser­kör­pern, verur­sacht jähr­lich mindes­tens 1,4 Millio­nen Todes­fälle durch vermeid­bare Krank­hei­ten, die mit erre­ger­be­las­te­tem Trink­was­ser in Verbin­dung stehen.

 

Edgar ‘Saner’ Flores (Mexiko), Hijos del lago perdido («Die Kinder des verlo­re­nen Sees»), 2017.

Der Abfall in den Gewäs­sern ist nur ein Bruch­teil des von den Menschen produ­zier­ten Mülls, der auf 2,01 Milli­ar­den Tonnen pro Jahr geschätzt wird. Nur 13,5 % dieser Abfälle werden recy­celt, nur 5,5 % kompos­tiert; die rest­li­chen 81 % werden auf Müll­de­po­nien entsorgt, verbrannt (wodurch Treib­haus­gase und andere giftige Gase frei­ge­setzt werden) oder finden ihren Weg ins Meer. Bei der derzei­ti­gen Rate an Abfall­pro­duk­tion wird geschätzt, dass diese Zahl bis 2050 um 70 % auf 3,4 Milli­ar­den Tonnen anstei­gen wird.

 

Keine einzige Studie weist einen Rück­gang der Umwelt­ver­schmut­zung, einschließ­lich der Abfall­erzeu­gung, oder eine Verlang­sa­mung des Tempe­ra­tur­an­stiegs nach. So zeigt der Emis­si­ons Gap Report des UNEP (Dezem­ber 2020), dass die Welt bei der derzei­ti­gen Emis­si­ons­rate auf dem siche­ren Weg ist, sich bis zum Jahr 2100 um mindes­tens 3,2°C gegen­über dem vorin­dus­tri­el­len Niveau zu erwär­men. Dies liegt weit über den im Pari­ser Abkom­men fest­ge­leg­ten Gren­zen von 1,5°-2,0°C. Die Erwär­mung des Plane­ten und die Umwelt­zer­stö­rung bedin­gen sich gegen­sei­tig: Zwischen 2010 und 2019 trugen Land­de­gra­dation und ‑umwand­lung – einschließ­lich Rodung und Verlust von Boden­koh­len­stoff in Anbau­flä­chen – zu einem Vier­tel der Treib­haus­gas­emis­sio­nen bei, wobei der Klima­wan­del die Wüsten­bil­dung und die Störung der Nähr­stoff­kreis­läufe im Boden weiter verschlimmert.

Farida Batool (Paki­stan), Nai Reesan Shehr Lahore Diyan («Lahore ist unver­gleich­bar»), 2006.

 

Was sind die gemein­sa­men und die diffe­ren­zier­ten Verantwortlichkeiten?

 

In der Erklä­rung der Konfe­renz der Verein­ten Natio­nen über Umwelt und Entwick­lung von 1992 legt das siebte Prin­zip der «gemein­sa­men, aber diffe­ren­zier­ten Verant­wor­tung» — auf das sich die inter­na­tio­nale Gemein­schaft geei­nigt hat — fest, dass alle Natio­nen eine gewisse «gemein­same» Verant­wor­tung für die Verrin­ge­rung der Emis­sio­nen über­neh­men müssen, dass aber die Indus­trie­län­der die größere «diffe­ren­zierte» Verant­wor­tung tragen aufgrund der histo­ri­schen Tatsa­che ihres weit­aus größe­ren Beitrags zu den kumu­la­ti­ven globa­len Emis­sio­nen, die den Klima­wan­del verur­sa­chen. Ein Blick auf die Daten des Global Carbon Project des Carbon Dioxide Infor­ma­tion Analy­sis Centre zeigt, dass die Verei­nig­ten Staa­ten von Amerika seit 1750 die größ­ten Verur­sa­cher von Kohlen­di­oxid­emis­sio­nen gewe­sen sind. Die wich­tigs­ten histo­ri­schen Kohlen­di­oxid-Emit­ten­ten waren alle­samt Indus­trie- und Kolo­ni­al­mächte, haupt­säch­lich euro­päi­sche Staa­ten und die Verei­nig­ten Staa­ten von Amerika. Seit dem 18. Jahr­hun­dert haben diese Länder nicht nur den Groß­teil des Kohlen­stoffs in der Atmo­sphäre emit­tiert, sondern sie über­schrei­ten auch weiter­hin ihren fairen Anteil am globa­len Kohlen­stoff­bud­get im Verhält­nis zu ihrer Bevöl­ke­rungs­zahl. Die Länder, die am wenigs­ten Verant­wor­tung für die Verur­sa­chung der Klima­ka­ta­stro­phe tragen – wie z.B. kleine Insel­staa­ten – sind am stärks­ten von deren kata­stro­pha­len Folgen betroffen.

Billige Ener­gie aus Kohle und Kohlen­was­ser­stof­fen sowie die Plün­de­rung der natür­li­chen Ressour­cen durch die Kolo­ni­al­mächte ermög­lich­ten es den Ländern Euro­pas und Nord­ame­ri­kas, den Wohl­stand ihrer Bevöl­ke­run­gen auf Kosten der kolo­ni­sier­ten Welt zu stei­gern. Heute ist die extreme Ungleich­heit zwischen dem Lebens­stan­dard der Durchschnittseuropäer*innen (747 Millio­nen Menschen) und der Durchschnittsinder*innen (1,38 Milli­ar­den Menschen) genauso krass wie vor einem Jahr­hun­dert. Die Abhän­gig­keit Chinas, Indi­ens und ande­rer Entwick­lungs­län­der von Kohlen­stof­fen – insbe­son­dere von Kohle selbst – ist in der Tat hoch; aber selbst der seit kurzem anstei­gende Kohlen­stoff­ver­brauch Chinas und Indi­ens liegt weit unter dem der Verei­nig­ten Staa­ten. Die Zahlen für 2019 für die Pro-Kopf-Kohlen­stoff­emis­sio­nen von Austra­lien (16,3 Tonnen) und den USA (16 Tonnen) sind mehr als doppelt so hoch wie die von China (7,1 Tonnen) und Indien (1,9 Tonnen).

Jedes Land der Welt muss Anstren­gun­gen unter­neh­men, um von der Abhän­gig­keit von kohlen­stoff­ba­sier­ter Ener­gie loszu­kom­men und die groß­flä­chige Zerstö­rung der Umwelt zu verhin­dern, aber die entwi­ckel­ten Länder müssen für zwei drin­gende Kern­maß­nah­men in die Pflicht genom­men werden:

 

    1. Reduk­tion schäd­li­cher Emis­sio­nen. Die Indus­trie­län­der müssen drin­gend bis 2030 dras­ti­sche Emis­si­ons­sen­kun­gen von mindes­tens 70–80% gegen­über dem Stand von 1990 errei­chen und sich auf einen Plan zur weite­ren Vertie­fung dieser Senkun­gen bis 2050 festlegen.

    2. Kapa­zi­tä­ten zur Eindäm­mung und Anpas­sung schaf­fen. Die Indus­trie­län­der müssen die Entwick­lungs­län­der durch Tech­no­lo­gie­trans­fer für erneu­er­bare Ener­gie­quel­len sowie durch die Bereit­stel­lung von Finanz­mit­teln zur Minde­rung der Auswir­kun­gen des Klima­wan­dels und zur Anpas­sung an diese unterstützen. 

Die UN-Klima­rah­men­kon­ven­tion von 1992 erkannte die Bedeu­tung der geogra­fi­schen Kluft des indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­mus zwischen dem Globa­len Norden und dem Süden und deren Auswir­kun­gen auf die entspre­chend ungleich­mä­ßi­gen Anteile am globa­len Kohlen­stoff­bud­get. Deshalb haben sich alle Länder auf den zahl­rei­chen Klima­kon­fe­ren­zen darauf geei­nigt, auf der Cancun-Konfe­renz von 2016 einen Green Climate Fund zu schaf­fen. Das aktu­elle Ziel sind 100 Milli­ar­den Dollar jähr­lich bis 2020. Die Verei­nig­ten Staa­ten haben unter der neuen Biden-Admi­nis­tra­tion zuge­sagt, ihre inter­na­tio­na­len Finanz­bei­träge bis 2024 zu verdop­peln und ihre Beiträge für die Anpas­sung zu verdrei­fa­chen, aber ange­sichts der sehr nied­ri­gen Ausgangs­ba­sis ist dies abso­lut unge­nü­gend. Die Inter­na­tio­nale Ener­gie­agen­tur schlägt jedes Jahr in ihrem World Energy Outlook vor, dass der tatsäch­li­che Betrag für die inter­na­tio­nale Klima­fi­nan­zie­rung im Billio­nen­be­reich liegen sollte. Keine der west­li­chen Mächte hat auch nur annä­hernd eine Zusage in dieser Größen­ord­nung für den Fonds angedeutet.

 

 

Hiro­shi Naka­mura (Japan), Suna­gawa #5, 1955.

 

Was ist zu tun?

 

    1. Umstel­lung auf null Kohlen­stoff-Emis­sio­nen. Die Natio­nen der Welt als Ganzes, ange­führt von der G20 (die für 78 % aller globa­len Kohlen­stoff­emis­sio­nen verant­wort­lich ist), müssen realis­ti­sche Pläne zur Umstel­lung auf null Netto-Kohlen­stoff­emis­sio­nen verab­schie­den. Prak­tisch gese­hen bedeu­tet dies, dass bis 2050 keine Kohlen­stoff­emis­sio­nen mehr anfallen.
    2. Redu­zie­ren des Umwelt-Fußab­drucks des US-Mili­tärs. Derzeit ist das US-Mili­tär der größte insti­tu­tio­nelle Einzel­ver­ur­sa­cher von Treib­haus­ga­sen. Die Redu­zie­rung des mili­tä­ri­schen Fußab­drucks der USA würde die poli­ti­schen und ökolo­gi­schen Probleme erheb­lich verringern.
    3. Klima­kom­pen­sa­tion für Entwick­lungs­län­der sicher­stel­len. Gewähr­leis­ten, dass Indus­trie­län­der eine Klima­kom­pen­sa­tion für Verluste und Schä­den leis­ten, die durch ihre Klima­emis­sio­nen verur­sacht wurden.  Länder, die Gewäs­ser, Boden und Luft mit gifti­gen und gefähr­li­chen Abfäl­len – einschließ­lich Atom­müll – verschmutzt haben, auffor­dern, die Kosten für die Wieder­her­stel­lung zu tragen; die Einstel­lung der Produk­tion und Verwen­dung von Gift­müll fordern.

Bereit­stel­lung von Finanz­mit­teln und Tech­no­lo­gie für Entwick­lungs­län­der zur Eindäm­mung und Anpas­sung. Zusätz­lich müssen die Indus­trie­län­der 100 Milli­ar­den Dollar pro Jahr bereit­stel­len, um die Bedürf­nisse der Entwick­lungs­län­der zu decken, einschließ­lich der Anpas­sung und Wider­stands­fä­hig­keit gegen­über den realen und kata­stro­pha­len Auswir­kun­gen des Klima­wan­dels. Diese Auswir­kun­gen werden bereits von den Entwick­lungs­län­dern getra­gen (insbe­son­dere von tief­lie­gen­den Ländern und klei­nen Insel­staa­ten). Außer­dem müssen Tech­no­lo­gien zur Minde­rung und Anpas­sung in die Entwick­lungs­län­der trans­fe­riert werden.

 

 

Am 21. Mai ist Sundarlal Bahu­guna (1927–2021), einer der Begrün­der der Chipko-Bewe­gung, von uns gegan­gen. 1973 wurde im indi­schen Distrikt Chamoli ein ganzer Eschen­wald von der Regie­rung an ein priva­tes Unter­neh­men verge­ben. Gaura Devi, Sude­sha Devi, C.P. Bhatt, Sunderlal Bahu­guna und andere beschlos­sen, dass sie die Abhol­zung stop­pen würden, um – wie Gaura Devi es ausdrückte – ihr Maika («Mutter­haus») zu vertei­di­gen. Die Frauen des Dorfes Reni zogen in den Wald und umarm­ten die Bäume, um zu verhin­dern, dass die Holz­fäl­ler sie fäll­ten. Dieser Akt des Umar­mens, oder Chipko, gab der Bewe­gung ihren Namen. Dank des immensen Kamp­fes der Menschen von Chamoli sah sich die indi­sche Regie­rung gezwun­gen, ein Gesetz zum Schutz der Wälder (1980) zu verab­schie­den und ein Umwelt­mi­nis­te­rium (1980) zu schaffen.

 

In seinen letz­ten Jahren beob­ach­tete Bahu­guna, wie Indi­ens derzei­tige Regie­rung aktiv die Abhol­zung und Land­de­gra­die­rung zuließ. Laut Global Forest Watch hat Indien zwischen 2019 und 2020 14 % seines Baum­be­stan­des verlo­ren, wobei 36 % der Wälder stark brand­ge­fähr­det sind. Es ist fast so, als würden die Wälder nach einer weite­ren Chipko-Bewe­gung rufen. Dies­mal nicht nur in Chamoli oder in Indien, sondern von einem Ende des Plane­ten zum anderen.

 

Herz­lichst, 

 

Vijay

 

 

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.