Mit geballten Fäusten geben sie Geld für Waffen aus, während der Planet verbrennt.

Der achtzehnte Newsletter (2022).

Dia Al-Azzawi (Irak), Sabra and Shatila Massa­cre, 1982–83.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Im vergan­ge­nen Monat wurden zwei wich­tige Berichte veröf­fent­licht, die beide nicht die Aufmerk­sam­keit erhiel­ten, die sie verdient hätten. Am 4. April wurde der Bericht der Arbeits­gruppe III des Zwischen­staat­li­chen Ausschus­ses für Klima­än­de­run­gen veröf­fent­licht, was den Gene­ral­se­kre­tär der Verein­ten Natio­nen, Antó­nio Guter­res, zu einer hefti­gen Reak­tion veran­lasste. Der Bericht, so Guter­res, «ist eine Lita­nei der gebro­che­nen Klima­ver­spre­chen. Es ist eine Akte der Schande, die die leeren Verspre­chen kata­lo­gi­siert, die uns auf den Weg in eine unbe­wohn­bare Welt brin­gen». Auf der COP26 verpflich­te­ten sich die Indus­trie­län­der, beschei­dene 100 Milli­ar­den Dollar für den Anpas­sungs­fonds auszu­ge­ben, um die Entwick­lungs­län­der bei der Anpas­sung an den Klima­wan­del zu unter­stüt­zen. Am 25. April veröf­fent­lichte das Inter­na­tio­nale Stock­hol­mer Frie­dens­for­schungs­in­sti­tut (SIPRI) seinen Jahres­be­richt, aus dem hervor­geht, dass die welt­wei­ten Mili­tär­aus­ga­ben im Jahr 2021 zum ersten Mal die 2‑Bil­lio­nen-Dollar-Marke über­schrei­ten werden. Auf die fünf größ­ten Geld­ge­ber – die Verei­nig­ten Staa­ten, China, Indien, das Verei­nigte König­reich und Russ­land – entfal­len 62 Prozent dieses Betrags; die Verei­nig­ten Staa­ten allein sind für 40 Prozent der gesam­ten Rüstungs­aus­ga­ben verantwortlich.

 

Es fließt unend­lich viel Geld für Waffen, aber weni­ger als ein Almo­sen, um eine plane­ta­ri­sche Kata­stro­phe abzuwenden.

Shahi­dul Alam (Bangla­desch), Shahi­dul Alam/Drik/Majority World (Bangla­desch), Die Wider­stands­fä­hig­keit des durch­schnitt­li­chen Bangla­de­schers ist bemer­kens­wert. Als diese Frau in Kama­la­pur durch die Fluten watete, um zur Arbeit zu gelan­gen, war das Foto­stu­dio “Dream­land Photo­graph­ers” noch geöff­net (1988).

Das Wort «Kata­stro­phe» ist keine Über­trei­bung. UN-Gene­ral­se­kre­tär Guter­res hat gewarnt: «Wir fahren auf der Über­hol­spur Rich­tung Klima­ka­ta­stro­phe … Es ist höchste Zeit, dass wir aufhö­ren, unse­ren Plane­ten abzu­bren­nen». Diese Worte stüt­zen sich auf die im Bericht der Arbeits­gruppe III enthal­te­nen Fakten. Es ist inzwi­schen wissen­schaft­lich erwie­sen, dass die histo­ri­sche Verant­wor­tung für die Zerstö­rung unse­rer Umwelt und unse­res Klimas bei den mäch­tigs­ten Ländern liegt, allen voran den Verei­nig­ten Staa­ten. Es wird kaum über diese Verant­wor­tung in der fernen Vergan­gen­heit gespro­chen, die eine Folge des rück­sichts­lo­sen Krie­ges der Mächte des Kapi­ta­lis­mus und Kolo­nia­lis­mus gegen die Natur ist.

 

Aber diese Verant­wor­tung erstreckt sich auch auf unsere Gegen­wart. Am 1. April wurde in der Zeit­schrift The Lancet Plane­tary Health eine neue Studie veröf­fent­licht, die zeigt, dass von 1970 bis 2017 Länder mit hohem Einkom­men für 74 Prozent des welt­wei­ten Mate­ri­al­über­schus­ses verant­wort­lich sind, allen voran die USA (27 Prozent) und die EU-28-Länder mit hohem Einkom­men (25 Prozent). Der über­mä­ßige Mate­ri­al­ver­brauch in den nord­at­lan­ti­schen Ländern ist auf die Nutzung abio­ti­scher Ressour­cen (fossile Brenn­stoffe, Metalle und nicht­me­tal­li­sche Mine­ra­lien) zurück­zu­füh­ren. China ist für 15 Prozent des welt­wei­ten über­mä­ßi­gen Mate­ri­al­ver­brauchs verant­wort­lich und der Globale Süden für nur 8 Prozent. Der über­schüs­sige Verbrauch in Ländern mit nied­ri­gem Einkom­men wird haupt­säch­lich durch bioti­sche Ressour­cen (Biomasse) verur­sacht. Diese Unter­schei­dung zwischen abio­ti­schen und bioti­schen Ressour­cen zeigt uns, dass der über­schüs­sige Ressour­cen­ver­brauch des Globa­len Südens weit­ge­hend erneu­er­bar ist, während der der nord­at­lan­ti­schen Staa­ten nicht erneu­er­bar ist.

 

Eine solche Unter­su­chung hätte auf den Titel­sei­ten der Zeitun­gen der Welt, insbe­son­dere im Globa­len Süden, erschei­nen müssen, und ihre Ergeb­nisse hätten auf den Fern­seh­ka­nä­len breit disku­tiert werden müssen. Aber sie wurde kaum zur Kennt­nis genom­men. Sie beweist eindeu­tig, dass die einkom­mens­star­ken Länder des Nord­at­lan­tiks den Plane­ten zerstö­ren, dass sie ihr Verhal­ten ändern und in die verschie­de­nen Anpas­sungs- und Eindäm­mungs­fonds einzah­len müssen, um Länder zu unter­stüt­zen, die das Problem nicht verur­sa­chen, aber unter seinen Auswir­kun­gen leiden.

 

Nach der Präsen­ta­tion dieser Daten stel­len die Verfasser*innen der Studie fest, dass «Länder mit hohem Einkom­men die über­wäl­ti­gende Verant­wor­tung für den globa­len ökolo­gi­schen Zusam­men­bruch tragen und daher beim Rest der Welt in einer ökolo­gi­schen Schuld stehen. Diese Länder müssen bei der radi­ka­len Redu­zie­rung ihres Ressour­cen­ver­brauchs die Führung über­neh­men, um eine weitere Verschlech­te­rung zu vermei­den, was wahr­schein­lich trans­for­ma­tive Post­wachs­tums- und Degrowth-Ansätze erfor­dern wird». Das sind inter­es­sante Gedan­ken: «Radi­kale Redu­zie­rung der Ressour­cen­nut­zung» und dann «Post­wachs­tums- und Degrowth-Ansätze».

Simon Gende (Papua-Neugui­nea), The US Army Find Osama bin Laden Hiding in a House and Kill Him, 2013.

Die nord­at­lan­ti­schen Staa­ten – ange­führt von den Verei­nig­ten Staa­ten – geben den größ­ten Teil des gesell­schaft­li­chen Reich­tums für Waffen aus. Das Penta­gon – die US-Streit­kräfte – «bleibt der größte Einzel­ver­brau­cher von Öl», so eine Studie der Brown Univer­sity, «und infol­ge­des­sen einer der größ­ten Treib­haus­gas­emit­ten­ten der Welt». Um die Verei­nig­ten Staa­ten und ihre Verbün­de­ten 1997 zur Unter­zeich­nung des Kyoto-Proto­kolls zu bewe­gen, muss­ten die UN-Mitglied­staa­ten zulas­sen, dass die Treib­haus­gas­emis­sio­nen des Mili­tärs aus der natio­na­len Emis­si­ons­be­richt­erstat­tung heraus­ge­nom­men werden.

 

Die Vulga­ri­tät dieser Tatsa­che lässt sich durch den Vergleich zweier Geld­werte verdeut­li­chen. Erstens haben die Verein­ten Natio­nen für 2019 berech­net, dass sich die jähr­li­che Finan­zie­rungs­lü­cke zur Errei­chung der Ziele für nach­hal­tige Entwick­lung (SDGs) auf 2,5 Billio­nen Dollar beläuft. Würde man die jähr­li­chen welt­wei­ten Mili­tär­aus­ga­ben in Höhe von 2 Billio­nen Dollar auf die SDGs über­tra­gen, könnte man die größ­ten Angriffe auf die Menschen­würde bekämp­fen: Hunger, Analpha­be­tis­mus, Obdach­lo­sig­keit, fehlende medi­zi­ni­sche Versor­gung usw. Es ist wich­tig, an dieser Stelle darauf hinzu­wei­sen, dass die 2 Billio­nen Dollar von SIPRI die anhal­tende Verschwen­dung von gesell­schaft­li­chem Reich­tum  durch Zahlun­gen an private Waffen­her­stel­ler für Waffen­sys­teme nicht mitein­be­zieht. Das Waffen­sys­tem F‑35 von Lock­heed Martin zum Beispiel wird voraus­sicht­lich fast 2 Billio­nen Dollar kosten.

 

Im Jahr 2021 gab die Welt über 2 Billio­nen Dollar für Kriege aus, inves­tierte aber nur – und das ist eine groß­zü­gige Berech­nung – 750 Milli­ar­den Dollar in saubere Ener­gie und Ener­gie­ef­fi­zi­enz. Die Gesamt­in­ves­ti­tio­nen in die Ener­gie­in­fra­struk­tur belie­fen sich im Jahr 2021 auf 1,9 Billio­nen Dollar, aber der Groß­teil dieser Inves­ti­tio­nen floss in fossile Brenn­stoffe (Erdöl, Erdgas und Kohle). Die Inves­ti­tio­nen in fossile Brenn­stoffe werden also fort­ge­setzt und die Inves­ti­tio­nen in Waffen stei­gen, während die Inves­ti­tio­nen für den Über­gang zu neuen Formen saube­rer Ener­gie unzu­rei­chend bleiben.

Aline Amaru (Tahiti), La Famille Pomare, 1991.

Am 28. April forderte US-Präsi­dent Joe Biden den US-Kongress auf, 33 Milli­ar­den Dollar für die Liefe­rung von Waffen­sys­te­men an die Ukraine bereit­zu­stel­len. Die Forde­rung nach diesen Mitteln geht einher mit aufrüh­re­ri­schen Äuße­run­gen des US-Vertei­di­gungs­mi­nis­ters Lloyd Austin, der sagte, dass die USA nicht versu­chen, die russi­schen Streit­kräfte aus der Ukraine zu entfer­nen, sondern «Russ­land zu schwä­chen». Die Äuße­rung Austins sollte nicht über­ra­schen. Sie spie­gelt die US-Poli­tik seit 2018 wider, die darauf abzielt, zu verhin­dern, dass China und Russ­land «fast gleich­starke Riva­len» werden. Es geht nicht um Menschen­rechte, sondern darum, jede Heraus­for­de­rung der US-Hege­mo­nie zu verhin­dern. Aus diesem Grund wird der gesell­schaft­li­che Reich­tum für Waffen verschwen­det und nicht dazu verwen­det, die Dilem­mata der Mensch­heit anzugehen.

Schuss Baker-Atom­test im Rahmen der Opera­tion Cross­roads, Bikini-Atoll (Marshall-Inseln), 1946.

Man denke nur an die Reak­tion der Verei­nig­ten Staa­ten auf ein Abkom­men zwischen den Salo­mo­nen und China, zwei Nach­bars­staa­ten. Der Premier­mi­nis­ter der Salo­mo­nen, Manas­seh Soga­vare, erklärte, dieses Abkom­men diene der Förde­rung des Handels und der huma­ni­tä­ren Zusam­men­ar­beit und nicht der Mili­ta­ri­sie­rung des Pazi­fi­schen Ozeans. Am selben Tag, an dem Premier­mi­nis­ter Soga­vare seine Rede hielt, traf eine hoch­ran­gige US-Dele­ga­tion in der Haupt­stadt Honiara ein. Sie teil­ten Premier­mi­nis­ter Soga­vare mit, dass die Verei­nig­ten Staa­ten «erheb­li­che Beden­ken hätten und entspre­chend reagie­ren würden», wenn die Chine­sen irgend­eine Art von «Mili­tär­ein­rich­tung» errich­te­ten. Das waren klare Drohun­gen. Einige Tage später erklärte der Spre­cher des chine­si­schen Außen­mi­nis­te­ri­ums, Wang Wenbin: «Die Insel­staa­ten im Südpa­zi­fik sind unab­hän­gige und souve­räne Staa­ten und kein Hinter­hof der USA oder Austra­li­ens. Ihr Versuch, die Monroe-Doktrin im Südpa­zi­fik wieder­zu­be­le­ben, wird keine Unter­stüt­zung finden und zu nichts führen».

 

Die Salo­mo­nen haben eine lange Erin­ne­rung an die Geschichte des austra­lisch-briti­schen Kolo­nia­lis­mus und die Narben der Atom­bom­ben­tests. Im 19. Jahr­hun­dert wurden Tausende von Salomon*innen zur Arbeit auf den Zucker­rohr­fel­dern in Queens­land, Austra­lien, verschleppt, was schließ­lich zum Kwaio-Aufstand von 1927 in Malaita führte. Die Salomon*innen haben sich gegen eine Mili­ta­ri­sie­rung gewehrt und 2016 gemein­sam mit der ganzen Welt für ein Verbot von Atom­waf­fen gestimmt. Das Verlan­gen, «Hinter­hof» der Verei­nig­ten Staa­ten oder Austra­li­ens zu sein, gibt es nicht. Das wird in dem leuch­ten­den Gedicht Peace Signs (1974) der salo­mo­ni­schen Schrift­stel­le­rin Celestine Kulagoe deutlich:

 

Ein Pilz sprießt aus

einem trocke­nen pazi­fi­schen Atoll

löst sich im Raum auf

Hinter­lässt nur einen Über­rest von Macht

an den sich für einen illusorischen

Frie­den und Schutz

der Mensch klammert.

 

In der Stille des frühen Morgens

am drit­ten Tag danach

fand die Liebe Freude

in der leeren Gruft

das hölzerne Kreuz der Schande

verwan­delt in ein Symbol 

der Liebe im Dienste des

Frie­dens.

 

In der Hitze der Nachmittagsflaute

flat­tert die UN-Flagge

verdeckt von den

natio­na­len Bannern

unter denen

Männer mit geball­ten Fäus­ten sitzen

und Frie­dens­ver­träge unterzeichnen.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.