Eine kleine Hoffnung, die nicht aus Miami kommt.

Der sechzehnte Newsletter (2021).

Mohsen Taasha Wahidi (Afgha­ni­stan), Rebirth of the Red («Rote Wieder­ge­burt»), 2017.

Liebe Freund*innen

 

Grüsse vom Schreib­tisch des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Nach zwan­zig Jahren werden die US-ameri­ka­ni­sche Regie­rung – und die Streit­kräfte der Nord­at­lan­tik­ver­trags­or­ga­ni­sa­tion (NATO) – aus Afgha­ni­stan abzie­hen. Sie haben gesagt, dass sie aus zwei Grün­den gekom­men waren: um al-Qaida zu zerstö­ren, die am 11. Septem­ber 2001 einen Angriff auf die Verei­nig­ten Staa­ten verübt hatten, und um die Tali­ban zu vernich­ten, die al-Qaida eine Opera­ti­ons­ba­sis gege­ben hatten. Nach erheb­li­chen Verlus­ten an Menschen­le­ben und der fort­ge­setz­ten Zerstö­rung der afgha­ni­schen Gesell­schaft ziehen die USA – wie schon 1975 aus Viet­nam – als Verlie­rer ab: al-Qaida hat sich in verschie­de­nen Teilen der Welt neu grup­piert, und die Tali­ban stehen kurz davor, in die Haupt­stadt Kabul zurückzukehren.

 

Der Spre­cher des afgha­ni­schen Parla­ments, Mir Rahman Rahmani, mahnt, dass sich das Land im Begriff befin­det, erneut in einen Bürger­krieg abzu­rut­schen. Dies würde für Afgha­ni­stan eine Rück­kehr zu dem furcht­ba­ren Konflikt bedeu­ten, der von 1992 bis 2001 währte. Nach Berech­nun­gen der Verein­ten Natio­nen ist die Zahl der zivi­len Opfer im ersten Quar­tal 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 29% gestie­gen, während die Anzahl der getö­te­ten Frauen um 37% stieg. Es ist unklar, ob es weitere Gesprä­che zwischen den Tali­ban, der afgha­ni­schen Regie­rung von Präsi­dent Ashraf Ghani, den Türken, den Kata­ris, den USA und den Verein­ten Natio­nen geben wird. Afgha­ni­stan steht vor einer neuen Welle der Gewalt, deren Auswir­kun­gen sich mit den Worten des Dich­ters Zarlasht Hafeez tref­fend beschrei­ben lassen:

 

Das Leiden und der Kummer, diese schwar­zen Abende,

Augen voller Tränen und Zeiten voller Trauer

Diese ausge­brann­ten Herzen, das Töten der Jugend,

Diese uner­füll­ten Erwar­tun­gen und enttäusch­ten Hoff­nun­gen der Jungvermählten 

 

Afgha­ni­sche Frauen «retten», die Sache der Menschen­rechte voran­brin­gen: Diese Worte sind nach zwei Jahr­zehn­ten bedeu­tungs­los gewor­den. Wie Eduardo Galeano es ausdrückte: «Jedes Mal, wenn die USA ein Land ‘retten’, verwan­deln sie es entwe­der in ein Irren­haus oder einen Friedhof».

Alicia Leal (Kuba), Un sold­ado de América («Ein ameri­ka­ni­scher Soldat»), 1997.

Die US-Regie­rung schätzt, dass dieser Krieg, der bald in sein zwan­zigs­tes Jahr gehen würde, der längste US-Krieg der Neuzeit ist (der Einsatz der USA in Viet­nam dauerte vier­zehn Jahre, von 1961 bis 1975). Doch dieser Krieg in Afgha­ni­stan ist nicht der längste Krieg, den die Regie­rung der Verei­nig­ten Staa­ten führt. Es gibt zwei US-Kriege, die noch andau­ern: ein Krieg gegen die Demo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Korea oder DVRK (seit August 1950) und gegen Kuba (seit Septem­ber 1959). Keiner dieser Konflikte ist been­det, da die USA weiter­hin Hybrid­kriege sowohl gegen die DVRK als auch gegen Kuba führen. Ein hybri­der Krieg bedarf nicht zwin­gend des vollen Arse­nals eines Mili­tärs, um aktiv zu sein; es ist ein Krieg, der durch die Kontrolle von Infor­ma­tio­nen und Finanz­strö­men sowie durch den Einsatz von Wirt­schafts­sank­tio­nen und ille­ga­len Mitteln wie Sabo­tage geführt wird. Zwei­fel­los werden die längs­ten und noch andau­ern­den Kriege der USA gegen Korea und Kuba geführt.

 

Vor sech­zig Jahren, am 17. April 1961, landete Brigade 2506 der CIA in der kuba­ni­schen Playa Girón («Schwei­ne­bucht»). Damals leis­tete das kuba­ni­sche Volk Wider­stand wie es sich die folgen­den sechs Jahr­zehnte gegen den hybri­den Krie­ges wehrt, dem seine souve­rä­nen revo­lu­tio­nä­ren Prozesse ausge­setzt sind. Kuba hat die Verei­nig­ten Staa­ten nie bedroht; es hat nie gegen die UN-Charta von 1945 versto­ßen. Die Verei­nig­ten Staa­ten hinge­gen haben das kuba­ni­sche Volk routi­ne­mä­ßig bedroht. Im Okto­ber 1962, als die Sowjets eine Rake­ten­ab­wehr schick­ten, um Kuba zu schüt­zen, plante Gene­ral Maxwell Taylor, der Chef der US Joint Chiefs of Staff, eine groß ange­legte Inva­sion. In diesem inzwi­schen öffent­lich zugäng­li­chen Memo­ran­dum wies Taylor darauf hin, dass ein solches mili­tä­ri­sches Unter­fan­gen aufgrund der Entschlos­sen­heit der Kubaner*innen, ihr Land und ihr poli­ti­sches Projekt zu schüt­zen, zu 18.500 Opfern auf Seiten der USA führen könnte. Der Plan war, die alte kuba­ni­sche Olig­ar­chie, die in Miami Zuflucht gesucht hatte, wieder zu etablie­ren und Kuba in ein Gangs­ter­pa­ra­dies zurückzuverwandeln. 


Nach­dem die kuba­ni­sche Regie­rung im Novem­ber 1975 Trup­pen zur Unter­stüt­zung des natio­na­len Befrei­ungs­pro­jekts in Angola entsandt hatte, erklärte US-Außen­mi­nis­ter Henry Kissin­ger am 24. März 1976 seinem Team: «Wenn wir entschei­den, mili­tä­ri­sche Macht einzu­set­zen, muss es gelin­gen. Es darf keine halben Sachen geben – wir würden nicht dafür belohnt werden, mili­tä­ri­sche Macht in Maßen einzu­set­zen. Soll­ten wir uns für eine Blockade entschei­den, muss sie rück­sichts­los, schnell und effi­zi­ent sein». Die USA plan­ten, den Hafen von Havanna zu vermi­nen und Kubas Städte zu bombar­die­ren. «Ich denke, wir werden Castro zerschla­gen müsse», sagte Kissin­ger zu US-Präsi­dent Gerald Ford. Ford antwor­tete: «Ich stimme zu». Das war die Haltung der US-Regie­rung 1961 und ist sie noch heute.

Carlos Garai­coa (Kuba), Puzzle la Malenka, 2009.

Bevor er im Januar 2021 seine Amts­zeit been­dete, setzte US-Präsi­dent Donald Trump Kuba auf die von der US-Regie­rung geführte Liste der «staat­li­chen Terro­ris­mus-Spon­so­ren». Fünf­und­sieb­zig Abge­ord­nete forder­ten seinen Nach­fol­ger Präsi­dent Joe Biden auf, diese Entschei­dung rück­gän­gig zu machen. Am 16. April erklärte Bidens Pres­se­spre­che­rin Jen Psaki, dass «eine Ände­rung der Kuba-Poli­tik oder weitere Schritte derzeit nicht zu den obers­ten außen­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten des Präsi­den­ten gehö­ren». Mit ande­ren Worten: Biden setzt Trumps Poli­tik passiv fort. Diese wird ihm von repu­bli­ka­ni­schen Sena­to­ren wie Marco Rubio und Rick Scott aus Florida und Sena­tor Ted Cruz aus Texas (sowie dem demo­kra­ti­schen Sena­tor Robert Menen­dez aus New Jersey) diktiert. Biden hat sich dafür entschie­den, diese grau­same, sechs Jahr­zehnte währende Poli­tik fort­zu­set­zen, die das kuba­ni­sche Volk erstickt.

 

Unmit­tel­bar nach der kuba­ni­schen Revo­lu­tion von 1959 machte die US-Regie­rung deut­lich, dass sie ein souve­rä­nes Kuba kaum 145 Kilo­me­ter vor der Küste Flori­das nicht dulden würde. Kubas Verpflich­tung, Menschen über Profit zu stel­len, ist eine perma­nente Enthül­lung der Heuche­lei der US-ameri­ka­ni­schen Machthaber*innen. Dies wurde einmal mehr während dieser Pande­mie deut­lich, bei der die Infek­ti­ons- und Todes­ra­ten pro Million in den USA auffal­lend höher sind als in Kuba (die jüngs­ten Zahlen zeigen, dass die USA 1.724 Todes­fälle pro Million zu verzeich­nen haben, während Kuba bei 47 Todes­fäl­len pro Million liegt). Während sich die USA im Impf­stoff-Natio­na­lis­mus verschanz­ten, setzte Kubas Ärzt*innen der Henry Reeve Brigade ihre Arbeit unter den Ärms­ten der Welt fort (wofür sie den Frie­dens­no­bel­preis verdient haben).

 

Nach­dem es den USA nicht gelun­gen war, erfolg­reich in Kuba einzu­mar­schie­ren, beharr­ten sie auf einer stren­gen Blockade gegen die Insel. Nach dem Fall der UdSSR, die es Kuba ermög­licht hatte, die Blockade zu umge­hen, versuch­ten die USA, ihren Druck auf die Insel zu erhö­hen. US-Gesetzgeber*innen ziel­ten mit dem Cuban Demo­cracy Act (1992) und dem Cuban Liberty and Demo­cra­tic Soli­da­rity Act (1996) auf Kubas Wirt­schaft ab – zwei Gesetze mit Namen, die der darin enthal­te­nen Wörter unwür­dig sind. Seit 1992 stimmte die UN-Voll­ver­samm­lung mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit für die Been­di­gung dieser Blockade durch die Verei­nig­ten Staa­ten. Eine Gruppe von Sonderberichterstatter*innen des UN-Menschen­rechts­ra­tes verfasste eine Erklä­rung, in der sie die USA auffor­der­ten, diese Maßnah­men aufzu­he­ben, die Kubas Anstren­gun­gen zur Bekämp­fung der Pande­mie zusätz­lich erschwert haben.


Die kuba­ni­sche Regie­rung berich­tete, dass Kuba zwischen April 2019 und März 2020 aufgrund der Blockade 5 Milli­ar­den US-Dollar an poten­zi­el­lem Handel verlo­ren hat; in den vergan­ge­nen annä­hernd sechs Jahr­zehn­ten hat das Land insge­samt einen Verlust von 144 Milli­ar­den US-Dollar erlit­ten. Nun hat die US-Regie­rung die Sank­tio­nen gegen Reede­reien verschärft, die Öl auf die Insel brin­gen. Der Befehls­ha­ber des US-Südkom­man­dos, Admi­ral Craig Faller, bezeich­nete Kubas medi­zi­ni­schen Inter­na­tio­na­lis­mus als einen «zerstö­re­ri­schen Einfluss in der Region». In Washing­ton herrscht Grausamkeit.

Weit weg von der Verbit­te­rung der US-Regie­rung hiel­ten die kuba­ni­schen Kommunist*innen ihren achten Partei­tag ab, auf dem darüber disku­tiert wurde, wie die staat­li­chen Unter­neh­men verbes­sert werden können und wie man inno­va­tiv sein kann, um die Bestre­bun­gen des kuba­ni­schen Volkes zu reali­sie­ren. Die stell­ver­tre­tende Minis­ter­prä­si­den­tin Inés María Chap­man sagte, dass die Partei­mit­glie­der in ihren Gemein­den aktiv sein müssen, um den Sozia­lis­mus aufzu­bauen und zu vertei­di­gen. Rafael Santie­ste­ban Pozo, Präsi­dent der Natio­na­len Verei­ni­gung der Klein­bäue­rin­nen und ‑bauern, sagte, dass die Werk­tä­ti­gen mit den vorhan­de­nen Ressour­cen mehr produ­zie­ren müssen. Der Minis­ter für Wirt­schaft und Planung, Alejan­dro Gil, wies auf die Notwen­dig­keit größe­rer Effi­zi­enz des staat­li­chen Unter­neh­mens­sys­tems hin, er betonte, wie wich­tig die Förde­rung und Verbrei­tung von Selb­stän­dig­keit und Genos­sen­schaf­ten sei. 

 

Das sind seriöse Leute, die die Probleme erken­nen, sich aber nicht von ihnen über­wäl­ti­gen lassen; sie sind Teil eines Projekts, das seit 1959 gegen unge­heure Wider­stände für die Vertei­di­gung seiner Souve­rä­ni­tät gekämpft hat. Nieder­lage ist nicht Teil ihres Wort­schat­zes. Im Gegen­satz zu den gifti­gen Plänen der US-Regie­rung und der in Miami ansäs­si­gen kuba­ni­schen Olig­ar­chie, sind ihre Pläne hoffnungsvoll.


Auf dem Partei­tag trat Raúl Castro von seinem Amt zurück. Castro, einer der ursprüng­li­chen kuba­ni­schen Revolutionär*innen, war wegen seiner Rolle im Moncada-Aufstand von 1953 inhaf­tiert. Nach seiner Frei­las­sung ging er mit seinem Bruder Fidel nach Mexiko und kehrte dann auf der Granma zurück, um die Rebel­lion gegen den von den USA unter­stütz­ten Dikta­tor Fulgen­cio Batista anzu­füh­ren. Nach dem Triumph der Revo­lu­tion diente Castro in der Regie­rung und als Führungs­kraft in der Kommu­nis­ti­schen Partei, die er an der Seite von Fidel und ande­ren durch die schwie­rige Sonder­pe­ri­ode (1991–2000) führte und die er auch nach Fidels Tod im Jahr 2016 weiter leitete. Sein stil­ler Beitrag zur Vertei­di­gung und Ausar­bei­tung der kuba­ni­schen Revo­lu­tion war immens.

José Rodrí­guez Fuster (Kuba), Granma, 2013.

Nach dem Angriff auf Playa Girón durch die CIA schrieb der spani­sche Dich­ter Jaime Gil de Biedma ein Gedicht über Kuba mit dem Titel «Während der Inva­sion» (im Sammel­werk Morali­dades, 1966). Der vene­zo­la­ni­sche Dich­ter Diego Sequera hat dieses Gedicht für uns über­setzt, anläss­lich des 60. Jahres­ta­ges der Nieder­lage der USA an besag­ten Stränden:

 

Die Morgen­zei­tung liegt offen

auf dem Tisch­tuch. Die Sonne glänzt in den Gläsern.

Mittag­essen in dem klei­nen Restaurant,

ein Arbeits­tag.

 

Die Meis­ten von uns blei­ben still. Jemand spricht mit gedämpf­ter Stimme;

dies sind Gesprä­che mit beson­de­rem Leid

über die Sachen, die stets gesche­hen und

die nie enden, oder denn in Schmach enden. 

 

Ich glaube, um diese Tages­zeit geht in Ciénaga die Sonne auf;

noch ist nichts entschie­den, der Kampf endet nicht,

und ich suche in den Nach­rich­ten ein biss­chen Hoff­nung, die nicht aus Miami kommt.

 

Oh Kuba, im fernen Morgen­rot der Tropen

wenn die Sonne brennt und die Luft klar ist:

möge dein Land Panzer sähen und dein kaput­ter Himmel

von den Flügeln der Flug­zeuge verdun­kelt sein.

 

Auf deiner Seite sind die Zuckerrohr-Menschen,

der Stra­ßen­bahn-Mann, die Leute der Restaurants,

die Tausen­den von uns, die heute in der Welt Ausschau halten

nach einem biss­chen Hoff­nung, die nicht aus Miami kommt.

   

Hoff­nung kommt von der warmen Sonne Kubas. 

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Ich bin Tricontinental

Suzie Gilbert — Wissen­schaft­li­che Mitarbeiterin

Ich bin neu bei Tricon­ti­nen­tal und freue mich darauf, gemein­sam mit unse­rem Team Menschen inter­na­tio­nal zusam­men­brin­gen – durch beson­dere Veran­stal­tun­gen, durch Netz­werke von Forschungs­in­sti­tu­ten und Verla­gen und die Förde­rung von (manch­mal unge­wöhn­li­chen) krea­ti­ven Alli­an­zen. In diesen düste­ren Zeiten inter­es­siert mich, wie wir uns durch Inter­na­tio­na­lis­mus genährt und gestützt fühlen können – ob Nach­rich­ten aus Kerala, der Meldung von Lulas Rück­kehr, einem Gegen­nar­ra­tiv zu China (z.B. über Klima­po­li­tik) oder der Arbeit um die Soli­da­ri­tät für Assange. Bevor ich zu Tricon­ti­nen­tal kam, habe ich Doku­men­tar­filme mitpro­du­ziert, darun­ter ‘South of the Border’, ‘Castro in Winter’ und ‘The Untold History of the United States’, und verschie­dene latein­ame­ri­ka­ni­sche Soli­da­ri­täts­kam­pa­gnen orga­ni­siert. Mit meiner Erfah­rung im Breich Film und Kommu­ni­ka­tion kann ich Tricontinetal’s kultu­relle Koope­ra­tio­nen im Kampf der Ideen voranbringen.

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.