Die Linke hat Kultur, aber die Welt gehört immer noch den Banken. 

Der sechste Newsletter (2022).

Greta Acosta Reyes (Kuba), Women Who Fight, 2020.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

«Es gibt eine große intel­lek­tu­elle Armut der Rech­ten», sagt Héctor Béjar in unse­rem jüngs­ten Dossier A Map of Latin America’s Present: An inter­view with Héctor Béjar («Eine Land­karte von Südame­ri­kas Gegen­wart: Héctor Béjar im Inter­view», Februar 2022). «Es mangelt über­all an rech­ten Intellektuellen».

 

Béjar spricht mit großer Auto­ri­tät über diese Themen, er ist seit sech­zig Jahren eng in die intel­lek­tu­el­len und poli­ti­schen Debat­ten in seinem Heimat­land Peru sowie in ganz Latein­ame­rika einge­bun­den. «In der Welt der Kultur», so Béjar, «hat die Linke alles, die Rechte hat nichts». Wenn es um die großen kultu­rel­len Debat­ten unse­rer Zeit geht, die in den sozia­len Verän­de­run­gen in der poli­ti­schen Sphäre sicht­bar werden (Rechte von Frauen und Minder­hei­ten, Verant­wor­tung gegen­über der Natur und dem mensch­li­chen Über­le­ben usw.), weist der Zeiger der Geschichte fast voll­stän­dig nach links. Es wäre schwie­rig, eine*n rechte*n Intellektuelle*n zu finden, deren*dessen Recht­fer­ti­gung der Zerstö­rung der Natur oder der histo­ri­schen Gewalt gegen die indi­ge­nen Völker Ameri­kas bestehen kann.


Béjars Einschät­zung erin­nerte mich an ein Gespräch, das ich letz­tes Jahr mit Gior­gio Jack­son in Sant­iago (Chile) führte. Jack­son, der der Gene­ral­se­kre­tär des neuen Präsi­den­ten Gabriel Boric wird, sagte mir, dass sich in vielen wich­ti­gen sozia­len Fragen die brei­teste linke Agenda leicht durch­setzt. Trotz der tiefen Verwur­ze­lung des Konser­va­tis­mus in weiten Teilen der latein­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft ist inzwi­schen klar, dass eine Mehr­heit der Menschen – insbe­son­dere der jungen – den verhär­te­ten Rassis­mus und Sexis­mus nicht tole­rie­ren wird. Das ist zwar rich­tig, aber ebenso wahr ist, dass die objek­tive Struk­tur der wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen, wie z. B. die Art der Migra­tion oder der Haus­ar­beit, alle alten Hier­ar­chien in einer Weise repro­du­ziert, die die Menschen viel­leicht nicht wahr­ha­ben wollen, und Rassis­mus und Sexis­mus in aller Härte fort­setzt. Béjar und Jack­son würden zustim­men, dass weder in Peru noch in Chile noch in ande­ren Teilen Latein­ame­ri­kas ein*e Intellektuelle*r in der Lage wäre, reak­tio­näre soziale Ideen glaub­wür­dig zu verteidigen.

Túlio Cara­piá und Clara Cerqueira (Brasi­lien), Frutos da terra, 2020.

Héctor Béjar ist nicht nur ein führen­der linker Intel­lek­tu­el­ler in Latein­ame­rika, sondern er war 2021 für einige Wochen Außen­mi­nis­ter von Präsi­dent Pedro Castillo in Peru. Die Kürze seiner Amts­zeit war eine Folge des begrenz­ten Hand­lungs­spiel­raums der Regie­rung Castillo, denn gleich zu Beginn wurde immenser Druck ausge­übt, um den ange­se­hens­ten linken Intel­lek­tu­el­len Perus aus seiner Regie­rung zu verdrän­gen. Dieser Druck hatte zwei Gründe: Erstens, dass die herr­schende Klasse Perus trotz des Wahl­siegs von Castillo – einem Gewerk­schafts­füh­rer und Lehrer, der mit einem viel linke­ren Programm kandi­dierte, als er es in die Praxis umset­zen konnte – an der Macht blieb, und zwei­tens, dass Peru, wie Béjar es ausdrückte, «ein vom Ausland domi­nier­tes Land» ist. Das Wort «Ausland» hat in Latein­ame­rika eine ganz bestimmte Bedeu­tung: die Verei­nig­ten Staaten.


Auch wenn die Intel­lek­tu­el­len der Rech­ten – der berühm­teste von ihnen ist der Roman­cier und Profes­sor Mario Vargas Llosa – faden­schei­nige Meinun­gen haben, so sind es doch diese Schriftsteller*innen und Denker*innen, die die Ansich­ten der perua­ni­schen Olig­ar­chie und der «Hinter­zim­mer­jungs» Washing­tons, wie Noam Chom­sky sie nennt, wider­spie­geln. Weil sie die bestehen­den Macht­ver­hält­nisse wieder­spie­geln erschei­nen die unfrucht­ba­ren Ideen der rech­ten Intel­lek­tu­el­len vernünf­tig und ist es möglich, dass diese Ideen weiter­hin unsere Insti­tu­tio­nen und sozio­öko­no­mi­schen Struk­tu­ren prägen. Für dieje­ni­gen, die es nicht wissen: Vargas Llosa unter­stützte öffent­lich die geschei­terte chile­ni­sche Präsi­dent­schafts­kan­di­da­tur von José Anto­nio Kast; Kasts Vater war ein Nazi-Leut­nant und sein Bruder war einer der Chicago Boys, die die neoli­be­rale Wirt­schafts­po­li­tik entwi­ckel­ten, die während der Mili­tär­dik­ta­tur von Augusto Pino­chet umge­setzt wurde, den Kast weiter­hin lobt.

Lizzie Suarez (Verei­nigte Staa­ten), Abolish Neoli­be­ra­lism, Resist Impe­ria­lism, 2020.

Wenn die Debatte über die großen gesell­schaft­li­chen Prozesse unse­rer Zeit die Linke begüns­tigt, so ist dies nicht der Fall, wenn es um Diskus­sio­nen über das Wirt­schafts­sys­tem geht. Wie Béjar es ausdrückte, «gehört die Welt immer noch den Banken». Es sind die Banker-Intel­lek­tu­el­len – wie etwa die Professor*innen, die immer wieder die Mottos der «Markt­li­be­ra­li­sie­rung» und der «persön­li­chen Entschei­dung» wieder­ho­len, um die Macht, die Privi­le­gien und das Eigen­tum einer winzi­gen Minder­heit zu recht­fer­ti­gen –, die das geis­tige Eigen­tum und die Finan­zen kontrol­lie­ren. Die Banker-Intel­lek­tu­el­len machen sich keine Gedan­ken über die hohen Kosten, die die Menschen für ihre bank­rot­ten Ideen zahlen. Wich­tige Themen – wie der welt­weite Steu­er­miss­brauch (der Regie­run­gen jähr­lich fast 500 Milli­ar­den Dollar kostet), die ille­ga­len Steu­er­pa­ra­diese, in denen Billio­nen unpro­duk­ti­ver Dollars lagern, und die große soziale Ungleich­heit, die zu massen­haf­tem Leid geführt hat – werden von den Banker-Intel­lek­tu­el­len kaum wahr­ge­nom­men. Auch wenn die Rechte «intel­lek­tu­ell arm» sein mag, bestim­men ihre Ideen weiter­hin die sozio­öko­no­mi­sche Poli­tik auf der ganzen Welt.

 

Es ist faszi­nie­rend, sich mit den Ideen eines so gelehr­ten Menschen wie Héctor Béjar ausein­an­der­zu­set­zen. Das umfas­sende Inter­view, das in unse­rem Dossier enthal­ten ist, geht vielen Frage­stel­lun­gen nach, von denen einige drin­gend unse­rer Aufmerk­sam­keit und weite­ren Analyse bedür­fen, während es andere einfach zu beach­ten gilt, während wir eine ange­mes­sene Einschät­zung der Gründe für die anhal­tende Domi­nanz von rech­ten Ideen bilden. Der Haupt­grund ist natür­lich, dass die poli­ti­schen Kräfte der Rech­ten in den meis­ten Teilen der Welt weiter­hin an der Macht sind. Diese Kräfte fördern das rechte Gedan­ken­gut groß­zü­gig, indem sie Stif­tun­gen grün­den, Denk­fa­bri­ken aufbauen und Univer­si­tä­ten finan­zie­ren, um eine realis­ti­sche Analyse mit Macht-Klischees zu ersti­cken. Béjar stellt fest, dass das intel­lek­tu­elle Denken in akade­mi­schen Einrich­tun­gen unter einer Kultur leidet, die vor Risi­ken zurück­schreckt und – aufgrund des Rück­gangs der demo­kra­ti­schen öffent­li­chen Finan­zie­rung – von den Geldern der Macht­elite abhän­gig wird.


Abge­se­hen von diesen insti­tu­tio­nel­len Beschrän­kun­gen setzen sich die Ideen der Rech­ten durch, weil die Häss­lich­keit der Geschichte in zwei­er­lei Hinsicht nicht ausrei­chend aufge­ar­bei­tet wurde. Erstens ist Latein­ame­rika, wie andere Teile der ehemals kolo­ni­sier­ten Welt, nach wie vor im Bann einer «kolo­nia­len Menta­li­tät». Diese Menta­li­tät bezieht ihre intel­lek­tu­elle Nahrung weiter­hin aus den etablier­ten Ideen des Westens und nicht aus den eman­zi­pa­to­ri­schen Ideen, die sich sowohl im west­li­chen Denken als auch in der langen Geschichte von Ländern wie Peru (z. B. dem Werk von José Carlos Mariá­te­gui) finden. Ein Beispiel dafür, wie sich diese Beschrän­kung mani­fes­tiert, so Béjar, ist die Art und Weise, wie wir den Begriff des «Inves­tors» verste­hen. In vielen Ländern wie Peru sind die Haupt­in­ves­to­ren nicht multi­na­tio­nale Banken, sondern Migrant*innen aus der Arbei­ter­klasse, die Geld­über­wei­sun­gen nach Hause schi­cken. Wenn jedoch von «Inves­to­ren» die Rede ist, taucht das Bild eines west­li­chen Bankiers auf und nicht das eines perua­ni­schen Arbei­ters in Japan oder den Verei­nig­ten Staa­ten. Zwei­tens haben Länder wie Peru denje­ni­gen Straf­frei­heit gewährt, die an der Ära der Dikta­tu­ren betei­ligt waren und davon profi­tiert haben, dass den Eliten noch mehr vom Reich­tum der Gesell­schaft zukam als zuvor. Keines der poli­ti­schen Regime in Peru verfolgte eine Agenda, um die Macht der Eliten der Dikta­tur nach deren forma­lem Ende zu besei­ti­gen. Folg­lich haben diese außer­or­dent­lich mäch­ti­gen Wirt­schafts­eli­ten mit ihren engen Verbin­dun­gen zu den Verei­nig­ten Staa­ten weiter­hin die poli­ti­schen Hebel im Staat in der Hand. Der perua­ni­sche Staat, so Béjar, «ist ein von der Wirt­schaft kolo­ni­sier­ter Staat», und «jeder, der hofft, den Staat zu verwal­ten, wird auf einen korrup­ten Staat tref­fen». Das sind starke und kraft­volle Worte.

Colec­tivo Wacha (Argen­ti­nien), Impe­ria­lismo Not Found, 2020.

Béjars Klar­heit und die von Tausen­den ande­rer Intel­lek­tu­el­ler sind der Beweis dafür, dass der Kampf der Ideen leben­dig ist und weiter­geht. Die Intel­lek­tu­el­len der Rech­ten – gekenn­zeich­net durch ihre «große Mittel­mä­ßig­keit», wie Béjar es ausdrückt – haben bei der Gestal­tung der Welt nicht freie Bahn. Es bedarf ernst­haf­ter Debat­ten, um eine bessere Seite der Geschichte zu bekräf­ti­gen. Das ist es, was wir bei Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch tun.

 

Als ich Béjar zuhörte, kam mir die letzte Para­bel in Eduardo Galea­nos Mirrors: Stories of Almost Ever­yone (2008) mit dem Titel «Lost and Found» in den Sinn. Hier ist sie, eine Erin­ne­rung an das, was verbor­gen liegt:

 

Das zwan­zigste Jahr­hun­dert, das mit der Verkün­di­gung von Frie­den und Gerech­tig­keit gebo­ren wurde, starb in Blut geba­det. Es hinter­ließ eine Welt, die noch unge­rech­ter war als die, die es geerbt hatte.

Das einund­zwan­zigste Jahr­hun­dert, das eben­falls mit der Verkün­dung von Frie­den und Gerech­tig­keit eintraf, tritt in die Fußstap­fen seines Vorgängers.

In meiner Kind­heit war ich davon über­zeugt, dass alles, was auf der Erde verlo­ren ging, auf dem Mond landen würde.

Doch die Astro­nau­ten fanden keine Hinweise auf gefähr­li­che Träume oder gebro­chene Verspre­chen oder verra­tene Hoffnungen.

Wenn nicht auf dem Mond, wo könn­ten sie dann sein?

Viel­leicht waren sie nie verlegt worden.

Viel­leicht verste­cken sie sich hier auf der Erde. Und warten.

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.