Wir müssen die »stille Krise« des globalen Analphabetismus hörbar machen. 

Der fünfte Newsletter (2022).

Amadou Sanogo (Mali), Je pense de ma tête, 2016.

Liebe Freund*innen,

 

Grüße aus dem Büro des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch.

 

Im Okto­ber 2021 veran­stal­tete die Wirt­schafts­kom­mis­sion der Verein­ten Natio­nen für Latein­ame­rika und die Kari­bik (ECLAC) ein Semi­nar zum Thema Pande­mie und Bildungs­sys­teme. Auffal­lend ist, dass der Präsenz­un­ter­richt für 99 % der Schüler*innen in der Region ein ganzes akade­mi­sches Jahr teil­weise oder voll­stän­dig ausfiel und mehr als 600.000 Kinder mit dem Verlust ihrer Bezugs­per­so­nen aufgrund der Pande­mie zu kämp­fen hatten. Schät­zun­gen zufolge könnte die Krise 3,1 Millio­nen Kinder und Jugend­li­che zum Abbruch der Schule und über 300.000 zum Aufneh­men einer Arbeit zwin­gen. Auf dem Semi­nar sagte Alicia Bárcena, die Exeku­tiv­se­kre­tä­rin der ECLAC, dass die Kombi­na­tion aus Pande­mie, regio­na­len wirt­schaft­li­chen Turbu­len­zen und  Rück­schlä­gen im Bildungs­we­sen eine «stille Krise» verur­sacht habe.


Die Situa­tion ist in der ganzen Welt kata­stro­phal, wobei der Ausdruck «stille Krise» viel­leicht umfas­sen­der anzu­wen­den ist. Die Verein­ten Natio­nen stel­len fest, dass «mehr als 1,5 Milli­ar­den Student*innen und Jugend­li­che auf der ganzen Welt von Schul- und Univer­si­täts­schlie­ßun­gen aufgrund der COVID-19-Pande­mie betrof­fen sind oder waren»; mindes­tens eine Milli­arde Schul­kin­der sind gefähr­det, in ihrer Ausbil­dung zurück­zu­fal­len. «Menschen in ärme­ren Haus­hal­ten», so die UN, «haben zu Hause keinen Inter­net­zu­gang, keinen Compu­ter, keinen Fern­se­her und nicht einmal ein Radio, was die Auswir­kun­gen der bestehen­den Ungleich­hei­ten beim Lernen noch verstärkt». Nahezu ein Drit­tel aller Kinder – mindes­tens 463 Millio­nen – haben keinen Zugang zu Tech­no­lo­gien für Fern­un­ter­richt; drei von vier dieser Kinder kommen aus länd­li­chen Gebie­ten, die meis­ten von ihnen aus den ärms­ten Haus­hal­ten. Aufgrund der Schul­schlie­ßun­gen während des Lock­downs und der fehlen­den Infra­struk­tur für das Online-Lernen besteht für viele Kinder die Gefahr, dass sie nie wieder in die Schule zurück­keh­ren, wodurch jahre­lange Fort­schritte im Bildungs­be­reich auf der ganzen Welt zunichte gemacht werden.

 

Mao Xuhui (China), I Leave the Trace of Wings in the Air, 2014–2017.

 

2015 einig­ten sich die 193 Mitglieds­staa­ten der Verein­ten Natio­nen auf die Agenda 2030 für nach­hal­tige Entwick­lung, in der sieb­zehn Ziele für nach­hal­tige Entwick­lung (SDGs) fest­ge­legt wurden, die inner­halb von fünf­zehn Jahren erreicht werden sollen. Der gesamte SDG-Prozess, der im Jahr 2000 mit den Mill­en­ni­ums-Entwick­lungs­zie­len zur Verrin­ge­rung der Armut begann, stieß auf breite Zustim­mung. Das vierte SDG lautet: «Eine inte­gra­tive und gerechte Quali­täts­bil­dung gewähr­leis­ten und Möglich­kei­ten des lebens­lan­gen Lernens für alle fördern». Als Teil des Prozes­ses zur Verwirk­li­chung dieses Ziels haben die Verein­ten Natio­nen und die Welt­bank gemein­sam ein Konzept namens «Lern­ar­mut» entwi­ckelt, das defi­niert ist als «nicht in der Lage sein, im Alter von 10 Jahren einen einfa­chen Text zu lesen und zu verste­hen». Das Konzept der «Lern­ar­mut» gilt für 53 % der Kinder in Ländern mit nied­ri­gem und mitt­le­rem Einkom­men und für bis zu 80 % der Kinder in armen Ländern. Vor der Pande­mie war klar, dass bis 2030 die SDG-Ziele für 43 % der Kinder welt­weit nicht erreich­bar waren. Die Verein­ten Natio­nen berich­ten nun, dass im Jahr 2020 weitere 101 Millio­nen oder 9 % der Kinder in den Klas­sen 1 bis 8 «unter das Mindest­ni­veau der Lese­kom­pe­tenz fallen» und dass die Pande­mie «die in den letz­ten 20 Jahren erziel­ten Bildungs­ge­winne zunichte gemacht hat». Es ist inzwi­schen allge­mein aner­kannt, dass das vierte SDG für sehr lange Zeit nicht reali­sier­bar sein wird.

 

 

Said Aniff Hossa­nee (Mauri­tius), The Thin­ker, 2020.

 

 

Die UN und die Welt­bank haben Alarm geschla­gen, dass diese «stille Krise» verhee­rende Auswir­kun­gen auf die wirt­schaft­li­che Zukunft der Schüler*innen haben wird. Sie schät­zen, dass «diese Genera­tion von Kindern jetzt Gefahr läuft, aufgrund von COVID-19-beding­ten Schul­schlie­ßun­gen und wirt­schaft­li­chen Schocks 17 Billio­nen Dollar an Lebens­ein­kom­men zu verlie­ren, was etwa 14 % des heuti­gen globa­len BIP entspricht». Die Schüler*innen werden nicht nur Billio­nen von Dollar an Lebens­ein­kom­men verlie­ren, sondern auch sozia­les, kultu­rel­les und intel­lek­tu­el­les Wissen und Fähig­kei­ten verlie­ren, die für den Fort­schritt der Mensch­heit uner­läss­lich sind.

 

Schon jetzt legen die Bildungs­ein­rich­tun­gen von den ersten Schul­jah­ren bis zur Univer­si­tät den Schwer­punkt auf die Kommer­zia­li­sie­rung der Bildung. Der Rück­gang der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Grund­aus­bil­dung ist zu einem globa­len Problem gewor­den, das die Welt­be­völ­ke­rung einer Grund­lage in Geschichte, Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Lite­ra­tur und Kunst beraubt, die ein umfas­sen­de­res Verständ­nis dafür vermit­telt, was es bedeu­tet, in einer Gesell­schaft zu leben und eine Weltbürger*in zu sein. Diese Art von Bildung ist ein Gegen­mit­tel gegen die gifti­gen Formen von Hurra­pa­trio­tis­mus und Frem­den­feind­lich­keit, die uns im Stech­schritt in die Vernich­tung und Auslö­schung führen.

 

Kultur­ein­rich­tun­gen sind von der «stil­len Krise» am stärks­ten betrof­fen. Eine UNESCO-Studie über die Auswir­kun­gen der Pande­mie auf 104.000 Museen in der ganzen Welt ergab, dass fast die Hälfte dieser Einrich­tun­gen im Jahr 2020 mit einem erheb­li­chen Rück­gang der öffent­li­chen Mittel rech­nen musste und im darauf­fol­gen­den Jahr nur noch geringe Zuwächse verzeich­ne­ten. Teil­weise aufgrund von Schlie­ßun­gen und teil­weise aufgrund von Finan­zie­rungs­pro­ble­men gingen die Besu­cher­zah­len in den belieb­tes­ten Kunst­mu­seen der Welt im Jahr 2020 um 77 % zurück. Zusätz­lich zur Pande­mie hat der Aufstieg des Platt­form-Kapi­ta­lis­mus — wirt­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten, die auf inter­net­ba­sier­ten Platt­for­men beru­hen — die Priva­ti­sie­rung des Kultur­kon­sums beschleu­nigt, wobei öffent­li­che Formen der kultu­rel­len Darbie­tung durch öffent­li­che Bildung, öffent­li­che Museen und Gale­rien sowie öffent­li­che Konzerte nicht mit Netflix und Spotify Schritt halten können. Die Tatsa­che, dass nur 29 % der Menschen in den afri­ka­ni­schen Ländern südlich der Sahara einen Inter­net­zu­gang haben, macht die Ungleich­hei­ten im kultu­rel­len Leben zu einem noch dring­li­che­ren Problem.

 

 

Wycliffe Mundopa (Simbabwe), Easy After­noon, 2020.

 

 

Die Art und Weise, wie Lehrer*innen während der Pande­mie behan­delt wurden, verdeut­licht den gerin­gen Stel­len­wert, der dieser wich­ti­gen Aufgabe und der Bildung im Allge­mei­nen in unse­rer globa­len Gesell­schaft beigemes­sen wird. Nur in 19 Ländern wurden Lehrer*innen in die erste Prio­ri­täts­gruppe für die Impfung mit dem COVID-19-Impf­stoff einge­stuft, zusam­men mit den Beschäf­tig­ten in system­re­le­van­ten Berufen.

 

In den letz­ten Wochen haben wir in diesem News­let­ter auf den Plan zur Rettung des Plane­ten hinge­wie­sen, den wir zusam­men mit 26 Forschungs­in­sti­tu­ten aus der ganzen Welt unter der Leitung der Boli­va­ri­schen Alli­anz für die Völker unse­res Ameri­kas – Vertrag über den Handel der Völker (ALBA-TCP) entwi­ckelt haben. Wir verwei­sen weiter­hin auf diesen Text, weil er die bishe­rige Sicht­weise, wie wir in unse­ren gemein­sa­men globa­len Kämp­fen vorge­hen müssen, erheb­lich in Frage stellt. Was beispiels­weise die Bildung betrifft, so bauen wir unse­ren Rahmen für den Plane­ten auf der Grund­lage des Bedarfs an Lehrern*innen und Schüler*innen auf und nicht zentral auf dem BIP oder dem Wert des Geldes. Zum Thema Bildung haben wir eine Liste mit elf Forde­run­gen aufge­stellt – nicht umfas­send, aber anre­gend. Hier könnt ihr sie lesen.

 

Bitte lest diesen Plan sorg­fäl­tig durch. Wir freuen uns auf eure Beiträge, die ihr uns hoffent­lich an plan@thetricontinental.org schi­cken werdet. Wenn ihr diese Ideen nütz­lich findet, verbrei­tet sie bitte weiter. Wenn ihr euch fragt, wie wir diese Ideen zu finan­zie­ren geden­ken, werft bitte einen Blick auf den voll­stän­di­gen Plan (derzeit liegen übri­gens mindes­tens 37 Billio­nen Dollar in ille­ga­len Steueroasen).

 

 

 

 

In Hondu­ras werden erste Schritte in diese Rich­tung unter­nom­men. Am 27. Januar über­nahm Präsi­den­tin Xiomara Castro als erste weib­li­che Regie­rungs­chefin in der Geschichte des Landes das Ruder. Sie versprach sofort, mehr als eine Million der fast zehn Millio­nen Einwoh­ner von Hondu­ras kosten­los mit Strom zu versor­gen. Dies wird den ärms­ten Honduraner*innen die Möglich­keit geben, ihren kultu­rel­len Hori­zont zu erwei­tern, und die Chan­cen der Kinder erhö­hen, während der Pande­mie am Online-Lernen teil­zu­neh­men. Am Tag der Amts­ein­füh­rung von Präsi­den­tin Castro habe ich die schö­nen Worte der nica­ra­gua­nisch-salva­do­ria­ni­schen Dich­te­rin Clari­bel Alegría gele­sen, die sich mit ihren wunder­ba­ren Gedich­ten für den Fort­schritt der Menschen in Mittel­ame­rika enga­gierte. 1978, kurz vor der nica­ra­gua­ni­schen Revo­lu­tion, erhielt Alegría den Preis der Casa de las Améri­cas für ihre Samm­lung Sobre­vivo («Ich über­lebe»). Zusam­men mit D. J. Flakoll schrieb sie die gültige Geschichte der sandi­nis­ti­schen Revo­lu­tion, Nica­ra­gua, la revo­lu­ción sandi­nista: una crónica polí­tica 1855–1979 («Die sandi­nis­ti­sche Revo­lu­tion — eine poli­ti­sche Chro­nik, 1855–1979»), die 1982 erschien. Das Frag­ment ihres Gedichts Conta­bi­liz­ando («Abrech­nung») in ihrem Buch Fugues (1993) lehrt uns die Bedeu­tung von Poesie und Offen­ba­rung und die Bedeu­tung von Träu­men und Hoff­nung für den mensch­li­chen Fortschritt:

 

Ich weiß nicht, wie viele Jahre

der Traum von der Befrei­ung meines Volkes

der sichere unsterb­li­che Tod

die Augen des hungern­den Kindes

deine Augen, die mich mit Liebe überfluten

an einem Vergissmeinnicht-Nachmittag

und in dieser schwü­len Stunde

der Drang, ich selbst zu werden

in einem Vers

einem Schrei

einem Fleck­chen Schaum.

 

 

Herz­lichst,

 

Vijay

Aus dem Engli­schen von Claire Louise Blaser.