Über das bewusste Element beim Aufbau des Sozialismus

Max Roder­mund
1. April 2025

Februar 1956: Eine Arbeits­bri­gade der Maschi­nen-Trak­to­ren-Station “Fort­schritt” plant ihre Arbeit. (Bundes­ar­chiv, Bild 183–35813-0001)

Dieser Arti­kel wurde für ein inter­na­tio­na­les Sympo­sium unter dem Titel „Wissen­schaft­li­che Methode und gesell­schaft­li­cher Wandel“ erar­bei­tet, an dem die IFDDR im März 2026 in Bern, in der Schweiz, teil­ge­nom­men hat.

Mein Beitrag behan­delt die Frage der Bedeu­tung des bewuss­ten Elements für den Aufbau des Sozia­lis­mus am konkre­ten Beispiel der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik. Dafür will ich zunächst einige Grund­ge­dan­ken des dialek­ti­schen Mate­ria­lis­mus voran­stel­len, die aus meiner Sicht zentral sind, um das quali­ta­tiv neue Verhält­nis der Menschen zur eige­nen Geschichte im Sozia­lis­mus zu diskutieren.

Teil I – Das Ende der Vorgeschichte der Menschheit

„Alles was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht“1, so schrieb Fried­rich Engels 1886 in seiner Schrift „Ludwig Feuer­bach und der Ausgang der klas­si­schen Deut­schen Philo­so­phie“ und brachte damit den ganzen revo­lu­tio­nä­ren Charak­ter der Philo­so­phie Hegels auf den Punkt. Vor der dialek­ti­schen Philo­so­phie, so Engels „[…] besteht nichts Endgül­ti­ges, Abso­lu­tes, Heili­ges; sie weist von allem und an allem die Vergäng­lich­keit auf, und nichts besteht vor ihr als der unun­ter­bro­chene Prozeß des Werdens und Verge­hens, des Aufstei­gens ohne Ende vom Niedern zum Höhern […]“.2 Hierin liegt bis heute die gewal­tige revo­lu­tio­näre Kraft dieser Welt­an­schau­ung, die jeder bestehen­den Ordnung ihre notwen­dige Vergäng­lich­keit entge­gen­schleu­dert. Es ist die Grund­lage für einen histo­ri­schen Opti­mis­mus, der – sobald er die Massen ergreift – zur Waffe gegen das Bestehende wird. Die dialek­ti­sche Philo­so­phie rich­tet gleich­sam eine scharfe Kritik an die Vorstel­lung von Abso­lu­tem und Endgül­ti­gem, denn dieser Gang der Entwick­lung kennt kein Ende, keinen Ideal­zu­stand und keine „voll­kom­mene Gesell­schaft“, die nur in der Phan­ta­sie besteht. Das einzige abso­lute dieser Welt­an­schau­ung ist ihr „revo­lu­tio­nä­rer Charak­ter“.3 Ebenso wenig wie die Geschichte kennt auch die Erkennt­nis und Wissen­schaft keinen Abschluss und keine abso­lute Wahr­heit, sondern ist in einem anhal­ten­den Prozess des Aufstei­gens vom Niede­ren zum Höhe­ren begrif­fen, eine asym­pto­ti­sche Annä­he­rung an die Wirk­lich­keit, ohne je an den „[…] Punkt zu gelan­gen, wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrig­bleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewon­nene abso­lute Wahr­heit anzu­stau­nen.“4

An diesem Grund­ge­dan­ken, „daß die Welt nicht als ein Komplex von ferti­gen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozes­sen, worin die schein­bar stabi­len Dinge nicht minder wie ihre Gedan­ken­ab­bil­der in unserm Kopf, die Begriffe, eine unun­ter­bro­chene Verän­de­rung des Werdens und Verge­hens durch­ma­chen, in der bei aller schein­ba­ren Zufäl­lig­keit und trotz aller momen­ta­nen Rück­läu­fig­keit schließ­lich eine fort­schrei­tende Entwick­lung sich durch­setzt“5, schie­den sich seit Hegel und auch bis heute die Philo­so­phen in zwei Lager. Entwe­der sie trugen dem unwei­ger­li­chen Unter­gang des Bestehen­den Rech­nung und wurden somit im Kern revo­lu­tio­när, oder sie vertra­ten Apologe­tik und blie­ben inso­fern objek­tiv konservativ.

Welch Aktua­li­tät und Kraft stecken auch heute in dieser Erkennt­nis! Die Offen­sicht­lich­keit vom Ende des „Endes der Geschichte“, ist ein schla­gen­der Beweis für diesen schein­bar einfa­chen und doch großen Grund­ge­dan­ken dialek­ti­scher Philo­so­phie. Wie sehr zeigt sich, dass die poli­ti­schen Führun­gen der west­li­chen Welt, wie auch ihre intel­lek­tu­elle Elite zu keiner­lei histo­ri­scher Perspek­tive fähig sind, und außer Heils­ver­spre­chen nichts als eine pessi­mis­ti­sche Aussichts­lo­sig­keit anzu­bie­ten wissen, die als lähmen­der Schleier eine depres­sive Grund­stim­mung in der Gesell­schaft verbreitet.

Engels sah den großen Verdienst des philo­so­phi­schen Systems Hegels darin, dass er die ganze natür­li­che, geschicht­li­che und geis­tige Welt als einen Prozess, d. h. in steter Bewe­gung, Verän­de­rung, Umbil­dung und Entwick­lung begrif­fen und darge­stellt hatte und sogleich den Versuch unter­nom­men hatte, den inne­ren Zusam­men­hang in dieser Bewe­gung und Entwick­lung nach­zu­wei­sen.6 „Von diesem Gesichts­punkt aus“,  so Engels in seinem Text „Die Entwick­lung des Sozia­lis­mus von der Utopie zur Wissen­schaft“ aus dem Jahr 1880, „erschien die Geschichte der Mensch­heit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinn­lo­ser Gewalt­tä­tig­kei­ten, die vor dem Rich­ter­stuhl der jetzt gereif­ten Philo­so­phen­ver­nunft alle gleich verwerf­lich sind und die man am besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der Entwick­lungs­pro­zeß der Mensch­heit selbst, dessen allmäh­li­chen Stufen­gang durch alle Irrwege zu verfol­gen und dessen innere Gesetz­mä­ßig­keit durch alle schein­ba­ren Zufäl­lig­kei­ten hindurch nach­zu­wei­sen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde.“7

Bestä­tigt und beein­flusst von den großen natur­wis­sen­schaft­li­chen Entde­ckun­gen ihrer Zeit, allen voran Darwin der den langen Entwick­lungs­pro­zess orga­ni­scher Mate­rie nach­ge­wie­sen hatte, galt es die Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Entwick­lung in der mensch­li­chen Geschichte zu ergrün­den. Und diese Über­le­gung schien para­dox, denn im Unter­schied zur Natur sind in der Gesell­schaft, wie Engels fest­hielt: „[…] die Handeln­den lauter mit Bewußt­sein begabte, mit Über­le­gung oder Leiden­schaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinar­bei­tende Menschen; nichts geschieht ohne bewußte Absicht, ohne gewoll­tes Ziel. Aber dieser Unter­schied, so wich­tig er für die geschicht­li­che Unter­su­chung nament­lich einzel­ner Epochen und Bege­ben­hei­ten ist, kann nichts ändern an der Tatsa­che, daß der Lauf der Geschichte durch innere allge­meine Gesetze beherrscht wird. Denn auch hier herrscht auf der Ober­flä­che, trotz der bewußt gewoll­ten Ziele aller einzel­nen, im ganzen und großen schein­bar der Zufall. […] Wo aber auf der Ober­flä­che der Zufall sein Spiel treibt, da wird er stets durch innre verborgne Gesetze beherrscht, und es kommt nur darauf an, diese Gesetze zu entde­cken.“8

Ausge­hend von der Gewiss­heit einer Gesetz­mä­ßig­keit der Entwick­lung mensch­li­cher Daseins­weise, such­ten Marx und Engels nach deren Trieb­kräf­ten und rich­te­ten ihren Blick nicht auf die Ideen und Vorstel­lungs­welt vermeint­lich großer Vorden­ker, sondern auf die Grund­la­gen mensch­li­cher Exis­tenz, ihren mate­ri­el­len Lebens­pro­zess, denn „die Menschen haben Geschichte, weil sie ihr Leben produ­zie­ren müssen“9, wie Marx und Engels bereits 1845 in der Deut­schen Ideo­lo­gie schrie­ben und so den mate­ria­lis­ti­schen Kern ihrer dialek­ti­schen Anschau­ungs­weise bestimm­ten. Die Produk­ti­ons­weise bildet die jewei­lige Grund­lage aus denen sich Inter­es­sen und Moti­va­tio­nen erga­ben, die nicht nur einzelne Menschen, sondern „große Massen, ganze Völker und in jedem Volk wieder ganze Volks­klas­sen in Bewe­gung setz­ten; und auch dies nicht momen­tan zu einem vorüber­ge­hen­den Aufschnel­len und rasch verlo­dern­den Stroh­feuer, sondern zu dauern­der, in einer großen geschicht­li­chen Verän­de­rung auslau­fen­der Aktion.“10

In der bishe­ri­gen Geschichte kam es zur jedes­ma­li­gen Revo­lu­tio­nie­rung der für den Stand der Produk­tiv­kraft­ent­wick­lung zu eng gewor­de­nen Produk­ti­ons­ver­hält­nis­sen. Dabei handelte es sich um einen im ganzen unbe­wuss­ten Prozess, der sich aller­dings nur über die subjek­tive Tätig­keit der gesell­schaft­li­chen Indi­vi­duen bahn­bre­chen und sich nur vermit­tels dieser Tätig­keit durch­set­zen konnte.

In den vorso­zia­lis­ti­schen Forma­tio­nen wirken diese Gesetze also, ohne dass das Handeln der Menschen bewusst auf ihre Durch­set­zung gerich­tet ist. Sie treten dem Menschen als etwas Frem­des, ihn Beherr­schen­des gegen­über. Dieses Verhält­nis zwischen der bewuss­ten Tätig­keit der Indi­vi­duen und dem Entwick­lungs­gang der Gesell­schaft im Ganzen kehrt sich mit dem Sozia­lis­mus um. Mit dem Kapi­ta­lis­mus „schließt daher die Vorge­schichte der mensch­li­chen Gesell­schaft ab“11, so Marx. Und Engels formu­lierte diese quali­ta­tiv neue Bezie­hung der Menschen zu ihrer eige­nen Geschichte im Sozia­lis­mus noch schär­fer: „Die objek­ti­ven, frem­den Mächte, die bisher die Geschichte beherrsch­ten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußt­sein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewe­gung gesetz­ten gesell­schaft­li­chen Ursa­chen vorwie­gend und in stets stei­gen­dem Maß auch die von ihnen gewoll­ten Wirkun­gen haben. Es ist der Sprung der Mensch­heit aus dem Reich der Notwen­dig­keit in das Reich der Frei­heit.“12

Teil II – Die DDR: Der Plan als gesellschaftliches Verhältnis

In diesem letz­ten Zitat von Engels steckt ein doppel­ter Gedanke. Einer­seits schafft die gesell­schaft­li­che Inbe­sitz­nahme der Produk­ti­ons­mit­tel und ihre plan­mä­ßige Inbe­trieb­nahme die Voraus­set­zung dafür, um in ein bewuss­tes Verhält­nis zur eige­nen geschicht­li­chen Entwick­lung zu treten. Ande­rer­seits erfor­dert die gesell­schaft­li­che Fort­ent­wick­lung im Sozia­lis­mus zugleich die wach­sende bewusste Durch­drin­gung und Beherr­schung der neuen Produk­ti­ons­ver­hält­nisse durch die gesamte Gesell­schaft. Diesen Zusam­men­hang macht auch Lenin in seiner Rede zum Dekret über den Frie­den, gehal­ten direkt nach dem Sieg der Okto­ber­re­vo­lu­tion am 8. Novem­ber 1917 deut­lich: „Die Bour­geoi­sie hält nur dann einen Staat für stark, wenn er mit der ganzen Macht des Regie­rungs­ap­pa­ra­tes die Massen dort­hin zu diri­gie­ren vermag, wohin es die bürger­li­chen Macht­ha­ber wünschen. Unser Begriff von Stärke ist ein ande­rer. Nach unse­rer Auffas­sung ist es das Bewusst­sein der Massen, das den Staat stark macht. Er ist stark, wenn die Massen alles wissen, über alles urtei­len können und alles bewusst tun.“13 Und in den Worten des philo­so­phi­schen Wörter­buchs der DDR: „Ohne die auf ihre Durch­set­zung gerich­tete bewußte Tätig­keit der Menschen können die ökono­mi­schen Gesetze des Sozia­lis­mus nicht voll wirk­sam werden. Die bewußte Tätig­keit der Menschen wird damit selbst zu einer notwen­di­gen (spezi­fi­schen) Bedin­gung für die volle Wirk­sam­keit der ökono­mi­schen Gesetze des Sozia­lis­mus.“14

Diese Perspek­tive auf die Geschichte des Aufbaus des Sozia­lis­mus der DDR, die dessen Gelin­gen an der zuneh­mend bewuss­ten Aktion der handeln­den Subjekte koppelt, erweist sich als über­aus produk­tive Brille, von der aus Probleme und Wider­sprü­che dieser Entwick­lung, und letzt­lich auch die Gründe der Nieder­lage des Sozia­lis­mus in Europa unter­sucht werden können. Ich will diesen viel­leicht etwas abstrakt anmu­ten­den Gedan­ken deshalb auf die konkrete Entwick­lung der DDR bezie­hen und dabei vorran­gig auf ein Problem bei der Durch­set­zung der Plan­wirt­schaft eingehen.

Das Wörter­buch der Ökono­mie des Sozia­lis­mus aus der DDR hielt fest: „Privat­ei­gen­tum an den Produk­ti­ons­mit­teln trennt die Waren­pro­du­zen­ten und bringt Konkur­renz und Anar­chie der Produk­tion hervor. Das gesell­schaft­li­che Eigen­tum verei­nigt die zahl­rei­chen Betriebe zu einem einheit­li­chen volks­wirt­schaft­li­chen Ganzen, in dem das Ganze ebenso wie seine Glie­der und Zellen einem einheit­li­chen Ziel, dem höchs­ten volks­wirt­schaft­li­chen Nutzen zum Wohle der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft unter­ge­ord­net sind.“15 Soweit in der Theo­rie. Die Einheit zwischen den Gesamt­in­ter­es­sen der Gesell­schaft einer­seits und den Einzel­in­ter­es­sen der ökono­mi­schen Subjekte, sowohl auf der Ebene der Betriebe als auch der einzel­nen Werk­tä­ti­gen ande­rer­seits war nicht einfach dadurch bereits gege­ben, weil man es theo­re­tisch postu­liert hatte, sie musste aktiv herge­stellt werden. Deut­lich wird das am Problem der soge­nann­ten „weichen Pläne“ und der Ausein­an­der­set­zun­gen um Arbeitsnormen.

Die Plan­auf­stel­lung war ein itera­ti­ver Prozess zwischen der staat­li­chen Plan­kom­mis­sion und jeweils darun­ter liegen­den Wirt­schafts­ein­hei­ten, von den Indus­trie­mi­nis­te­rien weiter über die bran­chen­spe­zi­fi­schen Verei­ni­gun­gen Volks­ei­ge­ner Betriebe zu den Volks­ei­ge­nen Betrie­ben selbst und schließ­lich hin zu einzel­nen Arbeits­bri­ga­den inner­halb eines Betrie­bes. Im Prozess der Abstim­mung über zu erfül­lende Plan­kenn­zif­fern zeigte sich bereits zu Beginn der 1950er Jahre die Tendenz eines in der DDR bezeich­ne­ten „Betrieb­s­ego­is­mus“, der die Fest­le­gung möglichst nied­ri­ger Plan­vor­ga­ben und das Horten von Mate­rial und Arbeits­kraft­ka­pa­zi­tä­ten bedeu­tete. Die Betriebe woll­ten so die Erfül­lung und Über­erfül­lung der Plan­vor­ga­ben, und damit den Zugriff auf Prämi­en­mit­tel absi­chern. Wenn­gleich kein antago­nis­ti­scher Wider­spruch, so zeigte sich doch ein Inter­es­sens­kon­flikt zwischen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Zielen und dem ökono­mi­schen Handeln auf Ebene der Betriebe.

Ein gleich­ar­ti­ges Phäno­men zeigte sich im Konflikt um die Arbeits­nor­men, die als Leis­tungs­vor­ga­ben für die einzel­nen Arbei­ter die Über­set­zung des Planes auf die konkrete Produk­tion ermög­lich­ten. Die Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät ebenso wie die Beschleu­ni­gung des Arbeits­pro­zes­ses durch die Anwen­dung neuer Arbeits­me­tho­den und Maschi­nen, machte die stetige Anpas­sung der Normen im zentra­len Planungs­pro­zess notwen­dig. Das bot Konflikt­po­ten­tial, denn der einzelne Arbei­ter war mitun­ter darauf aus, die Normen möglichst nied­rig, und somit ihre Erfül­lung einfach zu halten, um Prämien zu sichern und den Arbeits­druck zu minimieren.

Im Großen spie­gelte sich dieser Konflikt in der Allo­ka­tion der gesell­schaft­li­chen Inves­ti­ti­ons­mit­tel. Lag hier mit Bezug auf Marx und in Hinblick auf die Notwen­dig­keit zur lang­fris­ti­gen und beschleu­nig­ten Entwick­lung der Produk­tiv­kraft der Gesell­schaft die Prio­ri­tät auf der Produk­tion von Produk­ti­ons­mit­teln gegen­über Konsum­gü­tern, gab es einen steti­gen und konkre­ten Druck zur Erhö­hung des Lebens­stan­dards, d.h. zur Stei­ge­rung des Konsum­ni­veaus der Bevöl­ke­rung. Zu keinem gerin­gen Anteil, aber nicht nur, ist dieser Konflikt erklär­bar durch den Druck, der aus West­deutsch­land erzeugt wurde.

Die Abkopp­lung des Einzel­nen von der gesell­schaft­li­chen Gesamt­ar­beit wurde von Marx mit Blick auf die kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­ver­hält­nisse als Entfrem­dung beschrie­ben. Im Kapi­ta­lis­mus sind die Arbei­ter nicht Herren ihres Produkts und sind auf Grund ihrer Stel­lung inner­halb des gesell­schaft­li­chen Repro­duk­ti­ons­pro­zes­ses nicht in der Lage die Folgen ihrer eige­nen gesell­schaft­li­chen Tätig­keit durch­schauen zu können. Aus dem Produk­ti­ons­pro­zess und seinem Grund­wi­der­spruch zwischen gesell­schaft­li­cher Produk­tion und priva­ter Aneig­nung entstand nicht nur die Entfrem­dung des Arbei­ters von seinem Arbeits­pro­dukt, sondern es ergab sich auch die Entfrem­dung des Menschen von dem Menschen, dadurch dass sich der gesell­schaft­li­che Zusam­men­hang der verschie­de­nen Einzel­ar­bei­ten dem Arbei­ter nicht erschloss. Mit der Heraus­bil­dung einer zuneh­mend bewuss­ten Rela­tion zwischen den Einzel­ar­bei­ten zur gesell­schaft­li­chen Gesamt­ar­beit im Sozia­lis­mus, war also auch konkret die Aufhe­bung der auf Grund­lage der Klas­sen­ge­sell­schaf­ten entstan­de­nen und im Kapi­ta­lis­mus zuge­spitz­ten Entfrem­dungs­er­fah­rung verbunden.

Der Druck zur Über­win­dung einer auf Entfrem­dung beru­hen­den Haltung des Einzel­nen zur Arbeit trat entlang der Notwen­dig­keit zur Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät am schärfs­ten zu Tage. Wie konn­ten die gesell­schaft­li­chen Gesamt­in­ter­es­sen mit den konkre­ten Inter­es­sen der Werk­tä­ti­gen in Über­ein­stim­mung gebracht werden? Schon der Prozess der anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­schen Umwäl­zung nach 1945 war mit einer Fülle von Maßnah­men und neuen gesell­schaft­li­chen Funk­ti­ons­me­cha­nis­men verbun­den, die dieses neue Verhält­nis des Einzel­nen zur gesell­schaft­li­chen Entwick­lung began­nen, zu verän­dern. Bevor ich auf das konkrete Problem der „weichen Pläne“ und der Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät zurück­komme, möchte ich den Blick auf drei kurze, leben­dige Beispiele werfen.

Bereits die Enteig­nung der Unter­neh­men von Nazi- und Kriegs­ver­bre­chern, die im Herbst 1945 durch die sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tion ange­ord­net war, wurde zur Massen­ak­tion entwi­ckelt. In den Betrie­ben wurden soge­nannte Seques­ter­kom­mis­sio­nen aus Arbei­tern und Ange­stell­ten gebil­det, die selbst eine erste Prüfung der Verwick­lung ihrer Eigen­tü­mer mit dem deut­schen Faschis­mus vorneh­men soll­ten. Die Kommis­sio­nen ermit­tel­ten, indem sie Geschäfts­un­ter­la­gen prüf­ten, Arbei­ter und Ange­stellte befrag­ten und den beschul­dig­ten Unter­neh­mern Gele­gen­heit gaben, sich zu recht­fer­ti­gen. Diese Form der Arbei­ter­kon­trolle ermög­lichte zudem eine Über­sicht über tatsäch­li­che Vermö­gens­werte.16 Ein weite­res schla­gen­des Beispiel zeigte sich in der Durch­füh­rung der Boden­re­form im Herbst 1945, mit der die jahr­hun­der­te­al­ten Besitz­ver­hält­nisse auf dem Land umge­wälzt und die spezi­fisch reak­tio­näre Schicht der feudal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Junker besei­tigt wurde. In Dorf­ver­samm­lun­gen wurden Boden­re­form­kom­mis­sio­nen gewählt, die selbst ermit­tel­ten, welche Güter zu enteig­nen waren und die die Vertei­lung des Bodens unter die Land­ar­bei­ter, Umsied­ler und Klein­bau­ern orga­ni­sier­ten.17 Ein weite­res prägnan­tes Beispiel waren die vor allem ab 1950 sich zur Massen­in­itia­tive entwi­ckeln­den Haus­frau­en­bri­ga­den. Ange­sto­ßen vom Demo­kra­ti­schen Frau­en­bund wurde die Selbst­or­ga­ni­sie­rung der im priva­ten und häus­li­chen Umfeld verein­zel­ten, nicht berufs­tä­ti­gen Frauen voran­ge­trie­ben, um sie an den Produk­ti­ons­pro­zess heran­zu­füh­ren. Die Konflikte, die eine solche Bewe­gung insbe­son­dere bei Männern hervor­brachte, die von der Idee der Berufs­tä­tig­keit ihrer Frauen nicht über­zeugt waren, waren vorpro­gram­miert und muss­ten konkret bear­bei­tet und gelöst werden.18

Das quali­ta­tiv Neue des Sozia­lis­mus gegen­über auch aktu­el­len Erfah­run­gen kapi­ta­lis­ti­scher Systeme springt sofort ins Auge. Die Umset­zung und das Gelin­gen einzel­ner gesell­schaft­li­cher Verän­de­run­gen und insbe­son­dere großer Umbrü­che, waren notwen­dig an die bewusste und aktive Teil­nahme der Massen geknüpft. Die poli­ti­sche Leitung und die gesell­schaft­li­chen Umwäl­zun­gen wurden zu einem rele­van­ten Teil in die Hände brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten gelegt. Diese Prozesse, wie die Boden­re­form, die Enteig­nung der Nazi- und Kriegs­ver­bre­cher oder das selbst­or­ga­ni­sierte Heran­füh­ren der Frauen an den Produk­ti­ons­pro­zess, wurden zu Momen­ten kollek­ti­ver Erzie­hung und Selbst­er­zie­hung zu poli­ti­schen Subjek­ten. Hier wurden Grund­la­gen für das gelegt, was in der DDR auch unter dem Begriff des „Staats­be­wusst­seins“ disku­tiert wurde, d. h. der Über­win­dung der Kluft zwischen Indi­vi­duum, Gesell­schaft und Staat. Die Heraus­bil­dung und Festi­gung von Formen sozia­lis­ti­scher Demo­kra­tie bilden den Kern zur Über­win­dung kapi­ta­lis­ti­scher Entfrem­dungs­er­fah­rung. Abge­se­hen von der bewuss­ten Geschichts­fäl­schung gibt es einen zusätz­li­chen Grund dafür, warum das Haup­tur­teil über die DDR darin liegt, dass sie unde­mo­kra­tisch gewe­sen sei. Der Sozia­lis­mus wird am Maßstab bürger­li­cher Demo­kra­tie und seiner letzt­lich auch nur im Ideal verwirk­lich­ten Form der Gewal­ten­tei­lung, des Partei­en­plu­ra­lis­mus und des Parla­men­ta­ris­mus gemes­sen. Die histo­risch neue Quali­tät sozia­lis­ti­scher Demo­kra­tie, die nicht nur die bürger­li­che Grenze des Privat­ei­gen­tums besei­tigt, sondern das aktive Mitden­ken und die gesell­schaft­li­che Tätig­keit erfor­dert, ist mit dem histo­risch spezi­fi­schen Voka­bu­lar kapi­ta­lis­ti­scher Demo­kra­tie nicht umfäng­lich zu erfassen.

Kommen wir zurück auf die Ebene der volks­ei­ge­nen Betriebe und dem Konflikt zwischen Einzel- und Gesamt­in­ter­es­sen, der sich im Problem der „weichen Pläne“ und der Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät gezeigt hatte. Eine Viel­zahl von Maßnah­men und Struk­tur­ver­än­de­run­gen rund um den Arbeits­platz soll­ten eine Stär­kung von „Eigen­tü­mer­be­wusst­sein“ und eine neue Haltung zur Arbeit beför­dern. Im Mittel­punkt stand dabei die Arbeits­bri­gade als Ort zur kollek­ti­ven Selbst­er­zie­hung und als Korrek­tiv, wobei beispiels­weise die „Bewe­gung sozia­lis­ti­scher Briga­den“ ab 1959 als Vorbild einer neuen sozia­lis­ti­schen Arbeits­mo­ral voran­ge­hen sollte. Einzel­da­sein und Konkur­renz­den­ken soll­ten über­wun­den werden. Anstatt beispiels­weise beson­dere Erfah­run­gen zur Verein­fa­chung des Arbeits­pro­zes­ses als eige­nen Konkur­renz­vor­teil für sich zu behal­ten, sollte ein stän­di­ger kollek­ti­ver Austausch Produk­ti­ons­er­fah­run­gen verall­ge­mei­nern. Als weite­res Instru­ment dien­ten beispiels­weise Produk­ti­ons­be­ra­tun­gen in den Betrie­ben, die eine direkte Mitwir­kung an der Plan­erfül­lung, über die konkrete Diskus­sion bei der Plan­er­stel­lung hinaus, stär­ken soll­ten. Als weitere Maßnahme wurden Akti­vis­ten­be­we­gun­gen und sozia­lis­ti­sche Wett­be­werbe ins Leben geru­fen, d. h. Kampa­gnen, die als poli­tisch-mora­li­sche Mobi­li­sie­rung, eine Verän­de­rung der Haltung zur Arbeit erwir­ken soll­ten. Bekannte Beispiele sind die Henne­cke-Bewe­gung von 1948, nach dem Vorbild Stach­a­nows aus der Sowjet­union, oder der Leit­spruch einer Kampa­gne zur Norm­über­erfül­lung von Ende 1953: „so wie wir heute arbei­ten, werden wir morgen leben“. Höhe­punkt dieser als Kultur­re­vo­lu­tion weit über den Bereich der Produk­tion hinaus­rei­chen­den Bewe­gung in der DDR bildete der V. Partei­tag der SED im Jahr 1958, auf dem neben den soge­nann­ten „zehn Gebo­ten sozia­lis­ti­scher Moral“ insbe­son­dere die kultu­relle Akti­vie­rung der Werk­tä­ti­gen auf der Grund­lage konkre­ter Verbin­dun­gen von Schrift­stel­lern und Kultur­schaf­fen­den mit Arbeits­bri­ga­den beför­dert werden sollten.

Heute werden einige dieser kampa­gnen­ar­ti­gen Versu­che zur Akti­vie­rung und Agita­tion der Werk­tä­ti­gen viel­fach belä­chelt. Und sicher­lich waren die Wirkun­gen solcher Kampa­gnen begrenzt. Einige ließen sich nicht mobi­li­sie­ren oder ihnen waren die Agita­ti­ons­ver­su­che teil­weise auch lästig. Fest­stell­bar ist, dass sozia­lis­ti­sche Wett­be­werbe oder andere Kampa­gnen zumin­dest kurz­fris­tig tatsäch­li­che Stei­ge­run­gen der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät erwir­ken konn­ten.19 Entschei­den­der scheint mir das tatsäch­lich neu struk­tu­rierte Arbeits­um­feld in den Betrie­ben. Neben den Briga­de­kol­lek­ti­ven als Kern sozia­lis­ti­scher Produk­ti­ons­ver­hält­nisse wurde der Betrieb mit allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen fest verfloch­ten. So wurden u. a. zwischen Schu­len und Betrie­ben Paten­schaf­ten geschlos­sen, auf deren Grund­lage Schul­klas­sen die Arbeit in der Produk­tion kennen­lern­ten. Auch zwischen Indus­trie­be­trie­ben und Land­wirt­schaft­li­chen Produk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten bestan­den Paten­schafts­ver­träge, um zu Stoß­zei­ten im Jahr Ernte­hilfe zu orga­ni­sie­ren. Kultur­ver­an­stal­tun­gen und Urlaub wurden über die Betriebe und die Gewerk­schaft orga­ni­siert, und vieles weitere mehr. So entstand ein weit­ver­zweig­tes gesell­schaft­li­ches Umfeld aus mitein­an­der verfloch­te­nen Insti­tu­tio­nen, ange­fan­gen beim Schul- und Bildungs­we­sen, über Wohn­be­reichs­or­ga­ni­sa­tio­nen, den demo­kra­ti­schen Orga­nen der DDR bis zu den brei­ten poli­ti­schen Massen­or­ga­ni­sa­tio­nen. Diese neue Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Gesell­schaft konnte über eine längere Phase allmäh­lich das Entste­hen eines neuen Denkens und Handelns beför­dern. Einfach, d. h. inner­halb kurzer Zeit war der Konflikt zwischen Einzel und Gesamt­in­ter­es­sen, zwischen Indi­vi­duum und Gesell­schaft und Staat aber nicht zu lösen.

Paral­lel zu den bisher vorge­stell­ten Mecha­nis­men und Struk­tu­ren gab es einen weite­ren Komplex, der sich unter dem Schlag­wort der „mate­ri­el­len Inter­es­siert­heit“ zusam­men­fas­sen lässt. Dieser Weg scheint zunächst para­dox. Indem indi­vi­du­elle, „egois­ti­schen“ Inter­es­sen geför­dert würden, soll­ten durch eine Stei­ge­rung der Produk­ti­vi­tät zugleich auch die Gesamt­in­ter­es­sen verwirk­licht werden. Im besten Fall würde sich im Ergeb­nis beim Einzel­nen trotz­dem ein stär­ke­res Bewusst­sein über den Zusam­men­hang der eige­nen Arbeits­leis­tung und der Entwick­lung der Gesell­schaft einstel­len. Inso­fern wurden Leis­tungs­lohn oder Prämien und verschie­dene weitere Mecha­nis­men mate­ri­el­ler Anreize nicht in einem Gegen­satz zu „mora­li­schen Anrei­zen“ betrach­tet, sondern soll­ten die gesell­schaft­li­che Erzie­hung der Menschen ergän­zen. Mit der Wirt­schafts­re­form der 1960er Jahre wurde das System „mate­ri­el­ler Inter­es­siert­heit“ stark ausge­dehnt. Ein Blick auf diese Maßnah­men bietet eine inter­es­sante Grund­lage, um diese zweite Stra­te­gie zur Über­win­dung des Konflik­tes zwischen persön­li­chen und gesell­schaft­li­chen Gesamt­in­ter­es­sen im Planungs­pro­zess zu untersuchen.

Dem Leit­spruch des sowje­ti­schen Refor­mers Liber­man folgend, wonach „was der Gesell­schaft nützt, auch dem einzel­nen sozia­lis­ti­schen Betrieb und den Werk­tä­ti­gen des Betrie­bes nützen muss“, wurde in der DDR 1963 das Reform­pro­jekt des Neuen Ökono­mi­schen Systems der Planung und Leitung (NÖSPL oder kurz NÖS) einge­führt. Mit Hilfe eines Systems ökono­mi­scher Hebel soll­ten Anreize geschaf­fen werden, um die indi­vi­du­elle Arbeits­hal­tung so zu orien­tie­ren, dass sie gleich­sam wirk­sa­mer auf die Gesamt­in­ter­es­sen gerich­tet waren. Es sollte das Inter­esse zur Spar­sam­keit und zur Stei­ge­rung der Produk­ti­vi­tät auf Betriebs­ebene und auf der Ebene der einzel­nen Beschäf­tig­ten erhöht werden. Der Gewinn der Betriebe wurde zur zentra­len Mess­größe wirt­schaft­li­chen Erfolgs. Ich kann an dieser Stelle nicht auf Details einge­hen und wie ihr vermut­lich wisst schei­det dieses Reform­pro­jekt bis heute die Geis­ter, nicht zuletzt der ehema­li­gen Funk­tio­näre und Verant­wor­tungs­trä­ger der DDR. Ich möchte dazu nur folgen­den Gedan­ken einbringen.

Bekann­ter­ma­ßen sah auch Marx in den „Rand­glos­sen zum Gothaer Programm“ von 1875, dass in einer ersten Phase der kommu­nis­ti­schen Gesell­schaft das sitt­li­che, ökono­mi­sche und geis­tige Erbe des Kapi­ta­lis­mus dazu führen müsse, dass die Allo­ka­tion von Konsum­mit­teln nach Maßgabe der Arbeits­leis­tung orga­ni­siert werde. Erst „nach­dem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebens­be­dürf­nis gewor­den“20, könnte dieser enge bürger­li­che Rechts­ho­ri­zont über­wun­den werden. Marx hat damit diesen Wider­spruch der ersten Phase der Plan­wirt­schaft, den wir in der DDR in aller­gröbs­ten Zügen gezeigt haben, schon anti­zi­piert, den Zusam­men­hang aus der Entwick­lung von Bewusst­heit und Voran­schrei­ten des Sozia­lis­mus skiz­ziert und auch die Notwen­dig­keit mate­ri­el­ler Anreize in Form eines leis­tungs­ab­hän­gi­gen Anteils am gesell­schaft­li­chen Gesamt­pro­dukt begründet.

Inso­fern erscheint die Einfüh­rung ökono­mi­scher Anreize eine notwen­dige Reak­tion auf das Problem einer noch unter­ent­wi­ckel­ten allge­mei­nen Bewusst­heit über den Zusam­men­hang von Einzel- und Gesamt­in­ter­es­sen zu sein. Tatsäch­lich kann eine trans­pa­rente Rela­tion zwischen der eige­nen Arbeits­leis­tung und dem Zugriff auf die gesell­schaft­lich herge­stell­ten Konsum­mit­tel ebenso den Zusam­men­hang zwischen Indi­vi­duum und Gesell­schaft, d. h. Eigen­tü­mer­be­wusst­sein vermit­teln. Die im wach­sen­den Maße adäquate Abbil­dung der Leis­tung im Lohn stellte für die DDR aller­dings ein kompli­zier­tes Problem dar. Es erfor­derte, die sehr unter­schied­li­chen und sich teil­weise dyna­misch verän­dern­den Einzel­ar­bei­ten in zuneh­mend adäquate Rela­tio­nen zuein­an­der setzen zu können. Kompli­zierte und einfa­che Arbeit, Hand- und Kopf­ar­beit muss­ten erfass­bar und vergleich­bar gemacht werden. Mit ande­ren Worten: die gesamt­ge­sell­schaft­li­che und zentrale Durch­drin­gung der wirt­schaft­li­chen Prozesse und der Propor­tio­nen der Arbeit musste vertieft werden, um Leis­tungs­ge­rech­tig­keit zuneh­mend herstel­len zu können. Und hierin liegt, so würde ich es nach meinem Kennt­nis­stand beur­tei­len, tatsäch­lich das Problem des Reform­pro­jek­tes der 60er Jahre in der DDR. Das spezi­fi­sche Anreiz­sys­tem des NÖS basierte auf tenden­zi­ell dezen­tral wirk­sa­men Mecha­nis­men, Prämien wurden an den Gewinn des einzel­nen Betrie­bes gekop­pelt. Die vorhan­de­nen Dispro­por­tio­nen in der Planung wurden durch die Verla­ge­rung der Planung von der zentra­len auf untere Planungs­ebe­nen tenden­zi­ell verstärkt, und die direkte Verbin­dung des Leis­tungs­lohns zum gesell­schaft­li­chen Gesamt­pro­dukt konnte nicht gefes­tigt und inso­fern die Heraus­bil­dung einer neuen Arbeits­mo­ral damit nicht wirk­sam beför­dert werden. Entschei­dend scheint nicht, dass im Prozess des Aufbaus des Sozia­lis­mus immer wieder auch Rück­schritte im gesell­schaft­li­chen Mecha­nis­mus der Planung notwen­dig werden. Proble­ma­tisch scheint viel­mehr, dass ein Rück­schritt nicht als solcher erkannt, sondern fortan theo­re­tisch mit dem Konzept der „sozia­lis­ti­schen Waren­pro­duk­tion“ legi­ti­miert wurde.

Was zeigt sich am Beispiel der „weichen Pläne“ und dem Problem zur Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät in der DDR? Die bewusste Verbin­dung zwischen der eige­nen Arbeit und der fort­schrei­ten­den Entwick­lung der Gesamt­ar­beit und damit der besse­ren Befrie­di­gung der eige­nen Bedürf­nisse ist nicht einfach gege­ben, sie wächst allmäh­lich mit der Vertie­fung des Planungs­pro­zes­ses, d. h. aus einem spezi­fi­schen gesell­schaft­li­chen Umfeld, das herge­stellt werden muss. Der Plan erscheint inso­fern nicht ledig­lich als ein Verwal­tungs­me­cha­nis­mus der Wirt­schaft, sondern als ein gesell­schaft­li­ches Verhält­nis. Das bewusste Verhält­nis wird dabei zu einer zentra­len Reserve für die Entwick­lung der Produk­tiv­kraft. Das Beispiel zeigt auch, die Notwen­dig­keit zur Heraus­bil­dung einer „sozia­lis­ti­schen Arbeits­mo­ral“ stellte sich für die DDR konkret. Hier waren keine Wunder zu voll­brin­gen. Die poli­ti­sche Führung näherte sich diesem Problem mit unter­schied­li­chen Instru­men­ten und Versu­chen an.

Fazit

Es ließen sich viele weitere Beispiele disku­tie­ren, entlang derer die Frage nach der wach­sen­den Bewusst­heit der Massen als zentrale Heraus­for­de­rung betrach­tet werden kann. Ange­fan­gen von der brei­ten und öffent­li­chen Diskus­sion über die Verfas­sung von 1949 oder der Heraus­bil­dung von Land­wirt­schaft­li­chen Produk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten von 1952 bis 1960 und viele mehr. Der Aufbau des Sozia­lis­mus in der DDR erfor­derte die konti­nu­ier­li­chen Umwäl­zun­gen der Arbeits‑, Lebens- und Denk­weise der Menschen. Eine perma­nente Unruhe, die dem einzel­nen durch­aus lästig werden konnte, weil stets neue Anfor­de­run­gen zur Struk­tur­ver­än­de­rung am Arbeits­platz oder zur Weiter­bil­dung gestellt wurden, ergab sich aus den notwen­di­gen Anfor­de­run­gen zur Entwick­lung neuer Produk­ti­ons­ver­hält­nisse und einer quali­ta­tiv ande­ren Bezie­hung des Indi­vi­du­ums zur Gesell­schaft, die sich allmäh­lich heraus­bil­den musste. Eine Stagna­tion dieser revo­lu­tio­nä­ren Dyna­mik, die sich in der DDR unter ande­rem im Problem der Akti­vie­rung der jünge­ren, bereits in der DDR aufge­wach­se­nen Gene­ra­tio­nen zeigte, behin­derte die fort­schrei­tende Entwick­lung des Sozia­lis­mus. Auf der ande­ren Seite bestand konkret die Gefahr eines Volun­t­a­ris­mus, d. h. einer unge­nü­gen­den Beach­tung der subjek­ti­ven und objek­ti­ven Voraus­set­zun­gen für bestimmte Entwick­lun­gen. Hier­aus ergab sich ein schma­ler Grat für die poli­ti­sche Führung. Volun­t­a­ris­mus einer­seits und passi­ver Selbst­lauf ande­rer­seits bargen die Gefahr, entwe­der den Blick für die gesell­schaft­li­chen Reali­tä­ten oder die notwen­dige und aktive Gestal­tungs­rolle zu verlieren.

In einem grund­sätz­li­chen Sinne bestä­tigt der hier schlag­licht­ar­tige Blick auf konkrete Entwick­lungs­pro­bleme und der Konflikt zwischen Einzel- und Gesamt­in­ter­es­sen im Bereich der Plan­wirt­schaft die weit­sich­ti­gen theo­re­ti­schen Annah­men von Marx und Engels über das Neue der sozia­lis­ti­schen Produk­ti­ons­ver­hält­nisse in der Geschichte der Mensch­heit. Und abge­se­hen von einer Annä­he­rung an Probleme, Wider­sprü­che und dem Ursa­chen­kom­plex der Nieder­lage des Sozia­lis­mus in Europa, eröff­net dieses Verständ­nis über das bewusste Element im Bruch mit dem Kapi­ta­lis­mus weit­rei­chende Über­le­gun­gen zur aktu­el­len welt­po­li­ti­schen Lage.

Während der Aufbau des Sozia­lis­mus notwen­dig behaf­tet sein musste „mit den Mutter­ma­len der alten Gesell­schaft, aus deren Schoß sie herkommt“21, so rich­tet sich der Klas­sen­kampf heute nicht ledig­lich gegen die Ausbeu­tung, sondern auch gegen die Entfrem­dung im Kapi­ta­lis­mus. In einer Zeit in der eine zuge­spitzte Entfrem­dungs­er­fah­rung der Massen, die Tore zu Irra­tio­na­lis­mus und Faschis­mus öffnet, wird inso­fern der Kampf um das bewusste Element zur zentra­len Aufgabe, der um histo­ri­schen Fort­schritt ringen­den Menschheit.

  1. Fried­rich Engels, Ludwig Feuer­bach und der Ausgang der klas­si­schen deut­schen Philo­so­phie, In: MEW Bd. 21 (Berlin: Dietz Verlag, 1962), S. 267.[]
  2. Ebd.[]
  3. Ebd.[]
  4. Ebd.[]
  5. Ebd., S. 293.[]
  6. Fried­rich Engels, Die Entwick­lung des Sozia­lis­mus von der Utopie zur Wissen­schaft, In: MEW Bd. 19 (Berlin: Dietz Verlag, 1962), S. 206.[]
  7. Ebd.[]
  8. Engels, Feuer­bach, S. 296.[]
  9. Karl Marx und Fried­rich Engels, Deut­sche Ideo­lo­gie, In: MEW Bd. 3, (Berlin: Dietz Verlag, 1978), S. 30.[]
  10. Engels, Feuer­bach, S. 298.[]
  11. Karl Marx, Zur Kritik der Poli­ti­schen Ökono­mie, In: MEW Bd. 13 (Berlin: Dietz Verlag, 1961), S. 9.[]
  12. Engels, Von der Utopie zur Wissen­schaft, S. 226.[]
  13. Wladi­mir Lenin, Rede und Schluss­wort über den Frie­den, Online: https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/wladimir-i-lenin-rede-und-schlusswort-ueber-den-frieden.html[]
  14. Georg Klaus (Hrsg.), Manfred Buhr (Hrsg.), Philo­so­phi­sches Wörter­buch, (Leip­zig: VEB Biblio­gra­fi­sches Insti­tut, 1974), S. 449.[]
  15. Willi Ehlert (Hrsg.), Heinz Joswig (Hrsg.), Wörter­buch der Ökono­mie des Sozia­lis­mus, (Berlin: Dietz Verlag, 1969), S. 321.[]
  16. Vgl. Phil­ipp Kissel, Vom Wieder­auf­bau zum Eigen­tum in den Händen des Volkes, Online: https://ifddr.org/vom-wiederaufbau-zum-eigentum-in-den-handen-des-volkes/[]
  17. IFDDR, Junker­land in Bauern­hand, Online: https://ifddr.org/publikationen/studies-on-the-ddr/junkerland-in-bauernhand/[]
  18. IFDDR, Inter­rupted Eman­ci­pa­tion: Women and Work in East Germany, Online: https://thetricontinental.org/dossier-74-women-in-the-german-democratic-republic/#toc-section‑4[]
  19. Jörg Roes­ler, on moral (non-mate­rial) work incen­ti­ves in the German Demo­cra­tic Repu­blic, Online: https://www.youtube.com/watch?v=64KNDXxTB5k[]
  20. Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, In: MEW Bd. 19 (Berlin: Dietz-Verlag, 1987), S. 21.[]
  21. Marx, Kritik des Gothaer Programms, S. 20.[]
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