Dossier: Die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)

Ein Dossier zum 80. Jahres­tag der Verei­ni­gung zwischen der Kommu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands (KPD) und der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei Deutsch­lands (SPD).

20. April 2026

“Tag der Einig­keit” – 1. Mai 1946 in Leipzig.

Inhaltsverzeichnis 

Einleitung

Am 21. April 1946 – fast ein Jahr nach der Nieder­lage des Faschis­mus in Europa – schlos­sen sich die Kommu­nis­ti­sche Partei Deutsch­lands (KPD) und die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Partei (SPD) zur Sozia­lis­ti­schen Einheits­par­tei (SED) zusam­men und verei­nig­ten damit die orga­ni­sierte Arbei­ter­be­we­gung in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zone des zerrüt­te­ten Nach­kriegs­deutsch­lands. Nach drei Jahr­zehn­ten der Spal­tung und zwölf Jahren bruta­ler Unter­drü­ckung unter dem Faschis­mus wurde die deut­sche Arbei­ter­be­we­gung auf einer revo­lu­tio­nä­ren marxis­ti­schen Grund­lage neu gegrün­det. Promi­nente Persön­lich­kei­ten beider Parteien beton­ten die Notwen­dig­keit dieses histo­ri­schen Schrit­tes, denn die Wieder­ver­ei­ni­gung war die einzige Garan­tie dafür, dass „nicht das reak­tio­näre Groß­bür­ger­tum, sondern die Arbei­ter­schaft und das werk­tä­tige Volk den Gang der weite­ren Entwick­lung“ im Nach­kriegs­deutsch­land bestim­men würden.1 Als verei­nigte sozia­lis­ti­sche Partei mit einer Massen­ba­sis von über einer Million Mitglie­dern über­nahm die SED fortan die Vorrei­ter­rolle in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zone und stand an der Spitze der Bemü­hun­gen um den Aufbau des Sozia­lis­mus in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR).

Heute stellt die vorherr­schende bürger­li­che Geschichts­schrei­bung diesen entschei­den­den Moment der deut­schen Geschichte als „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ dar – als einen Zusam­men­schluss, der den wider­stre­ben­den Sozi­al­de­mo­kra­ten von Moskau aufge­zwun­gen wurde. Der Vorwurf des „Zwangs“ hat sich so fest im öffent­li­chen Diskurs veran­kert, dass er heute weit­hin akzep­tiert und unkri­tisch wieder­holt wird, sogar von einem Groß­teil der poli­ti­schen Linken. Wie der Histo­ri­ker Günter Benser 1995 fest­stellte, hatten west­deut­sche Histo­ri­ker in den letz­ten Jahr­zehn­ten des Kalten Krie­ges begon­nen, eine diffe­ren­zier­tere Haltung zu dieser Frage einzu­neh­men – und räum­ten ein, dass wesent­li­che Teile der SPD die Wieder­ver­ei­ni­gung tatsäch­lich aus Über­zeu­gung unter­stützt hatten.2 Doch der Nieder­gang des Sozia­lis­mus in Europa im Jahr 1989 leitete eine trium­phale Wieder­be­le­bung anti­kom­mu­nis­ti­scher Narra­tive rund um die Grün­dung der SED ein. Die DDR wurde kurzer­hand als „Unrechts­staat“ abge­tan, und die „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ von KPD und SPD wurde als Erbsünde darge­stellt – als Ursprung dessen, was als „SED-Dikta­tur“ im Osten gebrand­markt wurde. Solche Ausein­an­der­set­zun­gen um das kollek­tive Gedächt­nis sind ein Beweis dafür, dass Geschichts­schrei­bung niemals ein neutra­les Unter­fan­gen ist, sondern ein akti­ver Schau­platz des Kamp­fes zwischen Klas­sen­in­ter­es­sen und Ideologien.

Anläss­lich des 80. Jahres­tags der Verei­ni­gung soll das folgende Dossier die konkre­ten Umstände dieses umstrit­te­nen histo­ri­schen Wende­punkts beleuch­ten und dabei auf wich­tige, aber bisher wenig beach­tete Aspekte einge­hen, um eine diffe­ren­zier­tere und fundier­tere Analyse zu ermöglichen.

Viele der bishe­ri­gen Darstel­lun­gen der Verei­ni­gung konzen­trie­ren sich allzu oft auf die eng gefasste Frage, ob die Sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tion Ende 1945 und Anfang 1946 in den Verei­ni­gungs­pro­zess einge­grif­fen hat. Was die Erzäh­lung von der „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ ausnahms­los herun­ter­spielt, ist die grund­le­gende Tatsa­che, dass Deutsch­land zu dieser Zeit ein mili­tä­risch besetz­tes Land war, da sich die Wehr­macht im Mai 1945 bedin­gungs­los der Anti-Hitler-Koali­tion erge­ben hatte. Die Einmi­schung einer auslän­di­schen Mili­tär­ver­wal­tung in innere Ange­le­gen­hei­ten ist der Inbe­griff einer Besat­zung. Es sei nur an die massi­ven Eingriffe der west­li­chen Mili­tär­ver­wal­tun­gen in ihren jewei­li­gen Zonen erin­nert – z. B. an die Verei­te­lung demo­kra­ti­scher Volks­ab­stim­mun­gen über Verstaat­li­chungs- und Land­re­form­in­itia­ti­ven, das Verbot der SED und der bran­chen­über­grei­fen­den Gewerk­schaf­ten, die gewalt­same Nieder­schla­gung von Protes­ten durch das US-Mili­tär usw. –, um jede Vorstel­lung zu wider­le­gen, dass poli­ti­sche Einmi­schung in der Nach­kriegs­zeit in Deutsch­land ausschließ­lich den „dikta­to­ri­schen Prak­ti­ken“ der Sowjet­union vorbe­hal­ten war. Die histo­risch entschei­den­dere Frage, mit der sich dieses Dossier befas­sen will, ist, ob die sowje­ti­sche Einmi­schung der ausschlag­ge­bende Faktor für die Entste­hung der SED war. Wurde diese neue Partei von Moskau künst­lich konstru­iert oder reprä­sen­tierte sie den echten Willen ihrer 1,3 Millio­nen Grün­dungs­mit­glie­der? Und, in Zusam­men­hang mit dieser Frage: War die „Bolsche­wi­sie­rung“ der SED, die 1948/49 folgte, von den Kommu­nis­ten als Teil eines gehei­men Komplotts vorpro­gram­miert oder war sie das Ergeb­nis der nach­fol­gen­den Teilung Deutsch­lands und der Notwen­dig­keit, eine neue Stra­te­gie zu entwickeln?

Dieses Dossier geht diesen Fragen nach und versam­melt dazu Beiträge von drei Histo­ri­kern. Reiner Zilkenat liefert eine Chro­no­lo­gie des Verei­ni­gungs­pro­zes­ses und verbin­det diese mit einer geziel­ten Unter­su­chung der Entwick­lun­gen in Neukölln, einem Stadt­teil West-Berlins, über den die Sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tion keine Hoheits­ge­walt hatte und der daher nicht vorge­wor­fen werden kann, die Sozi­al­de­mo­kra­ten zu einem Zusam­men­schluss gedrängt zu haben. Zilkenat skiz­ziert die zentra­len Punkte der ideo­lo­gi­schen Über­ein­stim­mung und Meinungs­ver­schie­den­heit zwischen Kommu­nis­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten nach dem Krieg. Für die „alte Garde“ beider Parteien bedeu­tete die Verei­ni­gung, sich dem über Jahr­zehnte gewach­se­nen Miss­trauen zu stel­len und es zu über­win­den sowie eine selbst­kri­ti­sche Aufar­bei­tung der geschei­ter­ten poli­ti­schen Stra­te­gien der Weima­rer Zeit (1918–1933) vorzu­neh­men.3

Inner­halb der KPD stieß die „neue poli­ti­sche Linie“ in bestimm­ten Krei­sen auf Wider­stand, da sie eine erheb­li­che Abkehr von der etablier­ten Praxis kommu­nis­ti­scher Parteien darstellte – eine Neuaus­rich­tung der Partei weg vom Kader-Modell hin zu einer brei­te­ren, massen­haf­ten Mitglie­der­ba­sis. In der SPD entstand rasch eine tiefe Kluft zwischen jenen, die echte Lehren aus den Fehlern der Vergan­gen­heit ziehen woll­ten und jenen, die am Anti­kom­mu­nis­mus und Refor­mis­mus fest­hiel­ten. Für dieje­ni­gen, die die Einheit sabo­tie­ren woll­ten, bot diese ange­spannte und emotio­nal aufge­la­dene Atmo­sphäre natür­lich reich­lich Gele­gen­heit für Störung und Mani­pu­la­tion. Kurt Schu­ma­cher – der als Führer der Anti-Verei­ni­gungs­frak­tion der SPD von der briti­schen Mili­tär­ver­wal­tung unter­stützt wurde – war in seiner Rheto­rik so streit­lus­tig und russo­phob, dass sowje­ti­sche Mili­tärs die SPD bald als „die erste legale anti­so­wje­ti­sche Partei in Deutsch­land“ nach dem Krieg betrach­te­ten.4 Zilkenat schließt seinen Arti­kel mit einer kriti­schen Würdi­gung der inter­nen Volks­ab­stim­mung, die am 31. März 1946 in der SPD statt­fand – einer Abstim­mung, die von den Kriti­kern der SED häufig als zentra­les Beweis­stück für die Behaup­tung der „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ ange­führt wird.

Berlin: 1. Mai 1946.

Der kurze Auszug von Günter Benser stammt aus einer seiner länge­ren Mono­gra­fien über die Grün­dung der SED und liefert ein statis­ti­sches Bild der Zusam­men­set­zung der Partei – Zahlen, die für sich genom­men die breite Unter­stüt­zung und Akzep­tanz der Partei in der gesam­ten sowje­ti­schen Besat­zungs­zone bele­gen. Der Text von Leo Schwarz argu­men­tiert, dass die ursprüng­li­che Stra­te­gie der SED, eine breit aufge­stellte Sammel­par­tei aufzu­bauen, letzt­lich durch die von den West­mäch­ten erzwun­gene Teilung Deutsch­lands und ihr Verbot jegli­cher Wieder­ver­ei­ni­gung der Arbei­ter­be­we­gung inner­halb ihrer Besat­zungs­zo­nen verei­telt wurde. Diese objek­ti­ven Bedin­gun­gen zwan­gen die junge Partei 1948 dazu, sich neu an der leni­nis­ti­schen Konzep­tion einer „Partei neuen Typs“ zu orien­tie­ren – einer Partei, die in der Lage war, die führende Rolle in dem Arbei­ter- und Bauern­staat zu über­neh­men, der dann im Okto­ber 1949, fünf Monate nach der Grün­dung des west­deut­schen Staa­tes, ausge­ru­fen wurde.

Der letzte Text in diesem Dossier ist eine gemein­same Erklä­rung, die die Führungs­spit­zen der KPD und der SPD im Januar 1946 abge­ge­ben haben und in der sie die Mitglie­der beider Parteien auffor­der­ten, ihre Diffe­ren­zen gemein­sam zu erör­tern und sich mit der Vergan­gen­heit ausein­an­der­zu­set­zen. Diese Primär­quelle offen­bart die gemein­same Grund­lage, auf der die Einheit der Arbei­ter­klasse errich­tet werden sollte. Es spie­gelt zudem die allge­meine poli­ti­sche Stim­mung nach dem Krieg wider. Der Faschis­mus hatte Tod und Zerstö­rung über Europa gebracht – auch über Deutsch­land. Diese Kata­stro­phe hatte den Kapi­ta­lis­mus und die soziale Ordnung, die ihn hervor­ge­bracht hatte, gründ­lich diskre­di­tiert. Die Forde­run­gen der Bevöl­ke­rung nach der Verfol­gung von Kriegs­pro­fi­teu­ren, nach einer Agrar­re­form und nach der Enteig­nung der Mono­pol­bour­geoi­sie fanden weit über die sowje­ti­sche Besat­zungs­zone und die orga­ni­sierte Arbei­ter­be­we­gung hinaus Reso­nanz. Selbst die konser­va­ti­ven Kräfte der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Union (CDU) forder­ten 1947 Sozia­lis­mus und weit­rei­chende Verstaat­li­chun­gen. Die gemein­same Erfah­rung des Leidens unter dem Faschis­mus schuf eine gemein­same Grund­lage für eine anti­fa­schis­ti­sche, demo­kra­ti­sche Erneue­rung im Nach­kriegs­deutsch­land. Dies und nicht Zwang war die entschei­dende Trieb­kraft hinter der partei­über­grei­fen­den Einheit nach 1945.

Die Grün­dung der SED wird zwei­fel­los ein umstrit­te­nes Thema in der Geschichts­schrei­bung des moder­nen Deutsch­lands blei­ben. Unbe­streit­bar ist jedoch, dass die Geschichte letzt­end­lich die Logik bestä­tigt hat, auf der die Partei gegrün­det wurde: Die Forde­run­gen, die das deut­sche Volk 1945 und 1946 beweg­ten – die Verge­sell­schaf­tung der Wirt­schaft, die Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus und die tief­grei­fende anti­fa­schis­ti­sche Umge­stal­tung der Gesell­schaft – wurden nur im Osten verwirk­licht. In West­deutsch­land wurden die hoch­ge­steck­ten Verspre­chen des Sozia­lis­mus, die von CDU und SPD vorge­bracht wurden, rasch aufge­ge­ben. Die Arbei­ter­be­we­gung blieb gespal­ten, der Anti­kom­mu­nis­mus wurde als Staats­dok­trin wieder einge­führt, und die Frie­dens­be­we­gung wurde krimi­na­li­siert. Nazi-Kriegs­pro­fi­teure behiel­ten ihre Posi­tio­nen, und der Mono­pol­ka­pi­ta­lis­mus wurde wieder­her­ge­stellt. Nur die SED – mit ihren Hundert­tau­sen­den von Mitglie­dern – war in der Lage, die histo­ri­schen Forde­run­gen der Arbei­ter­be­we­gung voran­zu­trei­ben. Ohne die Einheits­par­tei hätte es keine DDR und keinen Sozia­lis­mus auf deut­schem Boden gege­ben. Umso notwen­di­ger ist es, sich ernst­haft mit der Geschichte der SED ausein­an­der­zu­set­zen, jenseits der pauscha­len Verur­tei­lun­gen der bürger­li­chen Geschichts­schrei­bung – denn in dieser Partei wurden Deutsch­lands erste und einzige Erfah­run­gen mit dem sozia­lis­ti­schen Aufbau gelebt, gesam­melt und für die Nach­welt bewahrt.

Reiner Zilkenat: Kommunisten und Sozialdemokraten auf dem Weg zur Einheit

Reiner Zilkenat (1950–2020) war Histo­ri­ker und Autor. Er studierte Geschichte und Poli­tik­wis­sen­schaft an der Freien Univer­si­tät Berlin und arbei­tete danach bei dem Geschichts­wis­sen­schaft­ler Rein­hard Rürup an der Tech­ni­schen Univer­si­tät Berlin. Schwer­punkte seiner Forschung waren die Geschichte der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung sowie die Endphase der Weima­rer Repu­blik und der Aufstieg der NSDAP. Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus der Broschüre „Beiträge zur Berli­ner Geschichte“, heraus­ge­ge­ben von Rainer Perschew­ski et al., 2011. 

Die Befrei­ung

Mit der bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­tion Hitler­deutsch­lands am 8. Mai 1945 – die in Berlin kämp­fen­den Nazi-Einhei­ten hatten bereits am 2. Mai 1945 die Waffen gestreckt – waren die Voraus­set­zun­gen geschaf­fen worden, in histo­ri­scher Perspek­tive ein demo­kra­ti­sches und fried­li­ches Deutsch­land zu schaf­fen. Die poli­ti­sche Gewalt übten die Alli­ier­ten aus, die Deutsch­land gemäß der Beschlüsse der Konfe­ren­zen in Jalta (Februar 1945) und Pots­dam (Juli/August 1945) in vier Besat­zungs­zo­nen aufge­teilt hatten. Berlin wurde, wie es bereits im entspre­chen­den Londo­ner Proto­koll der Alli­ier­ten vom 12. Septem­ber 1944 fest­ge­legt worden war, als Haupt­stadt Deutsch­lands Sitz des Alli­ier­ten Kontroll­ra­tes. Ihre Stadt­be­zirke wurden vier alli­ier­ten Sekto­ren zuge­ord­net. Am 2. Juli rück­ten die ersten Einhei­ten der U.S. Army in Berlin ein und über­nah­men in den folgen­den Wochen die Verant­wor­tung auch in Neukölln. Aller­dings blie­ben die zuvor von der Sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tion in Deutsch­land (SMAD) getrof­fe­nen Befehle und Anord­nun­gen gemäß einer inter­al­li­ier­ten Verein­ba­rung weiter­hin in Kraft. Dies betraf nicht zuletzt den Befehl Nr. 2 der SMAD vom 10. Juni, der die Bildung von anti­fa­schis­ti­schen Parteien gestat­tete. In den West­zo­nen war die Grün­dung von Parteien zu diesem Zeit­punkt noch nicht vorgesehen.

Den erhal­ten geblie­be­nen Akten, die im Landes­ar­chiv Berlin verwahrt werden, sowie der zeit­ge­nös­si­schen Presse können wir entneh­men, dass kommu­nis­ti­sche und sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Anti­fa­schis­ten, kaum dass die Kampf­hand­lun­gen been­det worden waren, aktiv wurden:

Erstens ergrif­fen sie spon­tan die Initia­tive bei dem fast aussichts­los erschei­nen­den Versuch, eine allmäh­li­che Norma­li­sie­rung des Lebens zu reali­sie­ren. […] Ein System von anti­fa­schis­ti­schen Haus­ob­leu­ten entstand, das uner­setz­bar bei der Regis­trie­rung der über­le­ben­den Einwoh­ner­schaft, für die Vertei­lung der Lebens­mit­tel und die Zutei­lung von Wohn­raum sowie für die Orga­ni­sie­rung von Enttrüm­me­rungs­ein­sät­zen war. Die Haus­ob­leute unter­stüt­zen die alli­ier­ten Komman­dan­tu­ren und die inzwi­schen entstan­de­nen loka­len Verwal­tun­gen, die von den sowje­ti­schen Auto­ri­tä­ten unmit­tel­bar nach der Been­di­gung der Kampf­hand­lun­gen einge­setzt worden waren.

Zwei­tens began­nen Kommu­nis­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten, ebenso wie die christ­lich- und libe­ral­de­mo­kra­tisch orien­tier­ten Kräfte, mit der ausdrück­li­chen Billi­gung und Unter­stüt­zung der sowje­ti­schen Komman­dan­tur, ihre Parteien zu konsti­tu­ie­ren. […] In einer Analyse des US-ameri­ka­ni­schen Geheim­diens­tes vom 19. Okto­ber 1945 mit dem Titel „Beob­ach­tun­gen zur poli­ti­schen Szene in Berlin“ wurde hierzu formu­liert: „Die Entste­hung der Parteien in Berlin ist weit­ge­hend aus der Notwen­dig­keit zu erklä­ren, eine Orga­ni­sa­tion schaf­fen zu müssen, die die erfor­der­li­chen Verwal­tungs­auf­ga­ben über­neh­men konnte. Im allge­mei­nen gehen die Russen in besetz­ten Ländern so vor, dass sie nur Aufsicht und indi­rekte Kontrolle ausüben. Die Durch­füh­rung konkre­ter Verwal­tungs­maß­nah­men über­las­sen sie einhei­mi­schen Regie­run­gen, die in etwa alle die Grup­pen reprä­sen­tie­ren, die gegen den Faschis­mus gewe­sen sind. Mit der Zulas­sung und Förde­rung anti­fa­schis­ti­scher Parteien haben die Russen in ihrer Besat­zungs­zone die Weichen für solch eine Entwick­lung gestellt.“5

In Neukölln entstan­den darüber hinaus, wie auch in allen ande­ren Stadt­be­zir­ken, gemein­same Arbeits­aus­schüsse der KPD und SPD auf bezirk­li­cher Ebene. Sie bilde­ten eine der wesent­li­chen Grund­la­gen für den Verei­ni­gungs­pro­zess. Hier ging es nicht nur um eine einver­nehm­li­che Poli­tik, die den Wieder­auf­bau des Stadt­be­zirks sichern sollte, sondern um eine inten­sive, offene und kriti­sche Diskus­sion über die poli­ti­schen Fragen, die ange­sichts der Kata­stro­phen­po­li­tik des deut­schen Impe­ria­lis­mus, der die Welt im 20. Jahr­hun­dert zwei­mal mit Krieg über­zo­gen hatte, auf den Nägeln brann­ten: Was ist zu tun, um einen Versuch des deut­schen Impe­ria­lis­mus, ein drit­tes Mal den „Griff nach der Welt­macht“ zu insze­nie­ren, von vorn­her­ein unmög­lich zu machen? Wie müssen die Wirtschafts‑, die Gesell­schafts- und die poli­ti­sche Ordnung beschaf­fen sein, um zu gewähr­leis­ten, dass von deut­schem Boden nie mehr Krieg ausge­hen kann? Verbrei­tet war die Gewiss­heit, dass Faschis­mus und Krieg letzt­lich in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung ihre Wurzeln haben, und zwar nicht nur bei Mitglie­dern und Anhän­gern der beiden Arbei­ter­par­teien, sondern auch bei den bürger­li­chen Parteien (Christ­lich-Demo­kra­ti­sche Union und Libe­ral­de­mo­kra­ti­sche Partei). Forde­run­gen nach der Bestra­fung und Enteig­nung der Kriegs­ver­bre­cher, der Ausschal­tung ehemals akti­ver Nazis aus dem öffent­li­chen Leben, der Sozia­li­sie­rung von Konzer­nen, vor allem in der Schwer­indus­trie, von Banken, Versi­che­run­gen und Groß­grund­be­sitz, nach volks­wirt­schaft­li­cher Planung anstatt kapi­ta­lis­ti­scher Markt­wirt­schaft, waren in großen Teilen der Bevöl­ke­rung durch­aus populär.

SPD-Plakat 1945/46.
KPD-Plakat 1945/46.

Einheit der Arbei­ter­par­teien – auf welcher Basis?

Inner­halb der SPD gab es unmit­tel­bar nach der Befrei­ung nicht wenige Stim­men, die auf eine sofor­tige Fusion mit der KPD, wie auch auf die Errich­tung des Sozia­lis­mus „als Tages­auf­gabe“ sowie die unver­züg­li­che Schaf­fung einer Einheits­par­tei aus Sozi­al­de­mo­kra­ten und Kommu­nis­ten orien­tier­ten. Die Kommu­nis­ten argu­men­tier­ten grun[d]sätzlich eben­falls für die Verei­ni­gung, sie plädier­ten aller­dings dafür, zuvor in aller Ausführ­lich­keit und mit Sorg­falt darüber zu disku­tie­ren, auf welcher ideo­lo­gisch-poli­ti­schen Grund­lage die ange­strebte Sozia­lis­ti­sche Einheits­par­tei zu schaf­fen sei. Dabei sei es unter ande­rem nötig, dass beide Parteien ihre jewei­lige Poli­tik in der Zeit der Weima­rer Repu­blik selbst­kri­tisch unter die Lupe nähmen und daraus Lehren zu ziehen hätten. Uner­läss­lich sei es ferner, die welt­an­schau­li­che Basis, auf der die Konsti­tu­ie­rung der Einheits­par­tei erfol­gen solle, genau zu defi­nie­ren. Schließ­lich sei in aller Offen­heit zu formu­lie­ren, wie der Sozia­lis­mus und der Weg zu ihm beschaf­fen sein sollte, der als Ziel lang­fris­tig ange­strebt werden müsse. Die KPD war der Auffas­sung, dass zunächst, bevor an die Aufrich­tung des Sozia­lis­mus gedacht werden könnte, eine anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­sche Ordnung mit weit­ge­hen­den sozia­len und demo­kra­ti­schen Rech­ten für die Werk­tä­ti­gen und alle demo­kra­tisch gesinn­ten Bürge­rin­nen und Bürger zu schaf­fen und auszu­ge­stal­ten war. Dies war auch schon im Aufruf des Zentral­ko­mi­tees der Partei vom 11. Juni 1945 in aller Deut­lich­keit formu­liert worden. In einem kompli­zier­ten, wider­spruchs­vol­len, aber letzt­lich sehr produk­ti­ven Prozess der Diskus­sion und Selbst­ver­stän­di­gung schälte sich ein Konsens heraus, der – kurz zusam­men­ge­fasst – die folgen­den Punkte beinhaltete.

Erstens müsse sicher­ge­stellt werden, dass die Fehler von 1918/19 nicht wieder­holt würden. Kein zwei­tes Mal dürfe zuge­las­sen werden, dass frei nach der Devise gehan­delt wird: „Der Kaiser ging, die Gene­räle blie­ben!“6 Was bedeu­tete dies konkret? Es ging um Eingriffe in das Privat­ei­gen­tum an den entschei­den­den Produk­ti­ons­mit­teln, die Zerschla­gung des ostelbi­schen Groß­grund­be­sit­zes als der mate­ri­el­len Basis des preu­ßi­schen Mili­ta­ris­mus, eine radi­kale Demo­kra­ti­sie­rung der Verwal­tung und der Justiz, eine Bildungs- und Hoch­schul­re­form zuguns­ten der Kinder der Arbei­ter­klasse und der Bauern­schaft, die Erneue­rung des deut­schen Kultur­le­bens auf der Basis huma­nis­ti­scher Tradi­tio­nen, die Bestra­fung der Kriegs­ver­bre­cher und die Bekämp­fung sämt­li­cher Spiel­ar­ten des mili­ta­ris­ti­schen, natio­na­lis­ti­schen und nazis­ti­schen Ungeis­tes in allen Berei­chen der Gesellschaft.

Damit befan­den sich KPD und SPD auch in Über­ein­stim­mung mit Geist und Buch- staben der auf der Pots­da­mer Konfe­renz gefass­ten alli­ier­ten Beschlüsse.

Zwei­tens könne nur der revo­lu­tio­näre Marxis­mus die ideo­lo­gi­sche Grund­lage einer Sozia­lis­ti­schen Einheits­par­tei darstel­len. Dabei wurden als Basis für die Erar­bei­tung eines Programms und der Poli­tik der SED verein­bart: Das „Mani­fest der Kommu­nis­ti­schen Partei“ von Karl Marx und Fried­rich Engels, das wesent­lich von Karl Kaut­sky formu­lierte „Erfur­ter Programm“ der Sozi­al­de­mo­kra­tie von 1891 sowie die Programm­kri­ti­ken aus der Feder von Marx und Engels zum „Gothaer Programm“ von 1875.

Drit­tens wurde der später einzu­schla­gende Weg zum Sozia­lis­mus beschrie­ben als ein „beson­de­rer deut­scher Weg zum Sozia­lis­mus“, wie es Anton Acker­mann, Kandi­dat des Polit­bü­ros der KPD, in der ersten Ausgabe der gemein­sa­men theo­re­ti­schen Zeit­schrift „Einheit“ im Februar 1946 formu­lierte.7 Im Gegen­satz zur Entwick­lung nach der Okto­ber­re­vo­lu­tion in Russ­land sei es in Deutsch­land mit Hilfe von Zwischen­schrit­ten und ohne Anwen­dung von Gewalt möglich, zum Sozia­lis­mus zu gelan­gen. Abhän­gig sei dies vom weite­ren Verlauf der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Entwick­lung: „Entwi­ckelt sich der neue demo­kra­ti­sche Staat als ein neues Gewalt­in­stru­ment in den Händen der reak­tio­nä­ren Kräfte, so ist der fried­li­che Über­gang zur sozia­lis­ti­schen Umge­stal­tung unmög­lich. Entwi­ckelt sich aber die anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­sche Repu­blik als ein Staat aller Werk­tä­ti­gen unter Führung der Arbei­ter­klasse, so ist der fried­li­che Weg zum Sozia­lis­mus durch­aus möglich, inso­fern dann die Gewalt­an­wen­dung gegen den (übri­gens voll­kom­men lega­len, voll­kom­men gesetz­mä­ßi­gen) Anspruch der Arbei­ter­klasse auf die ganze Macht unmög­lich ist.“8 Dies entsprach auch der Auffas­sung der sowje­ti­schen Partei- und Staats­füh­rung, die den Abge­sand­ten der KPD, Walter Ulbricht, der sich vom 28. Januar bis zum 6. Februar 1946 zu Konsul­ta­tio­nen in Moskau aufge­hal­ten hatte, durch den Mund Stalins instru­iert hatte: „… im Westen parl[amentarische] Tradi­tio­nen“ berück­sich­ti­gen, „auf demo­krat. Weg zur Arbei­ter­macht – nicht Dikta­tur.“9

Die genann­ten drei Punkte stell­ten gewis­ser­ma­ßen den Grund­kon­sens dar, der bei der Grün­dung der Sozia­lis­ti­schen Einheits­par­tei Deutsch­lands zugrunde lag.

Zur Vorge­schichte der Verei­ni­gung Dezem­ber 1945 bis April 1946

Mit der 1. Sech­zi­ger Konfe­renz am 20. und 21. Dezem­ber 1945 in Berlin, an der jeweils drei­ßig Vertre­ter der SPD und der KPD teil­nah­men, traten die Vorbe­rei­tun­gen zur Schaf­fung der SED in eine neue, entschei­dende Etappe. Die an beiden Tagen geführ­ten Debat­ten waren zum Teil außer­or­dent­lich kontro­vers.10 Aller­dings machte der Vorsit­zende der SPD, Otto Grote­wohl, bereits mit dem ersten Satz seiner Rede deut­lich, dass bei allen noch exis­tie­ren­den Meinungs­ver­schie­den­hei­ten eines zu gelten habe: „Über die Einheit der Arbei­ter­klasse gibt es keine Diskus­sion: sie ist notwen­dig.“11 Am Ende obsiegte die Erkennt­nis, dass es zur Verei­ni­gung beider Parteien keine vernünf­tige Alter­na­tive gab. So wurde der Beschluss gefasst, die bereits prak­ti­zierte Akti­ons­ein­heit beider Parteien weiter zu vertie­fen, die den „Auftakt zur Verwirk­li­chung der poli­ti­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Einheit der Arbei­ter­be­we­gung, d.h. zur Verschmel­zung der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei Deutsch­lands mit der Kommu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands zu einer einheit­li­chen Partei bilden“12 sollte. Eine Studi­en­kom­mis­sion wurde einge­rich­tet, die das Programm der künf­ti­gen Einheits­par­tei vorzu­be­rei­ten hatte. Desglei­chen wurde u.a. die Durch­füh­rung „einer lebhaf­ten gemein­sa­men Zirkel- und Schu­lungs­tä­tig­keit“13 und die Grün­dung eines gemein­sa­men Verla­ges und der schon erwähn­ten theo­re­ti­schen Zeit­schrift „Einheit“ beschlossen.

Der Eingang zum Stahl­werk Riesa, das vor seiner Enteig­nung im Jahr 1945 und seiner Umwand­lung in ein „Betrieb des Volkes“ dem Nazi-Kriegs­ver­bre­cher Fried­rich Flick gehörte. 

Eine Verei­ni­gung beider Parteien inner­halb einer kurzen Frist, zunächst in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zone, wurde vom Zentral­aus­schuss der SPD noch verwor­fen. Die Motive hier­für bestand[en] zum einen in der Befürch­tung, dadurch die deutsch­land­weite Einheit der Partei aufs Spiel zu setzen, zum ande­ren hatten sich inzwi­schen inner­halb der Sozi­al­de­mo­kra­tie immer stär­ker werdende Kräfte formiert, die einem Zusam­men­ge­hen mit der KPD, ja selbst einer Vertie­fung der Akti­ons­ein­heit, strikt entge­gen­wirk­ten. Weiter unten wird davon die Rede sein. Am 26. Februar 1946, als wiederum in Berlin die 2. Sech­zi­ger-Konfe­renz tagte, wurde unge­ach­tet dessen im dort verab­schie­de­ten Orga­ni­sa­ti­ons-Beschluss die Konsti­tu­ie­rung der Sozia­lis­ti­schen Einheits­par­tei Deutsch­lands auf einem gemein­sa­men Partei­tag für den 21. und 22. April im Berli­ner Admi­rals­pa­last beschlos­sen. Ihm unmit­tel­bar voraus­ge­hen würden Partei­tage der KPD und der SPD, die den endgül­ti­gen Beschluss zur Verei­ni­gung fällen würden. Zugleich wurden die „Grund­sätze und Ziele“ und das Partei­sta­tut der SED, die von der oben genann­ten Studi­en­kom­mis­sion ausge­ar­bei­tet worden waren, bera­ten und als Vorla­gen für den Verei­ni­gungs­par­tei­tag beschlossen.

Die Ausein­an­der­set­zun­gen um die Schaf­fung der SED waren damit keines­wegs been­det, sondern sie verschärf­ten sich in bisher nicht gekann­ter Weise.

Kurt Schu­ma­cher und sein Kampf gegen die Einheit

Die Gegner­schaft zur Verei­ni­gung beider Arbei­ter­par­teien wird zu Recht in erster Linie mit dem Namen Kurt Schu­ma­chers verbun­den. Gebo­ren am 13. Okto­ber 1895, seit 1918 Mitglied der SPD, im Septem­ber 1930 Wahl in den Deut­schen Reichs­tag, von 1933 bis 1945 fast unun­ter­bro­chen als im Ersten Welt­krieg schwer Kriegs­ver­wun­de­ter von den Nazis einge­sperrt, eröff­nete er unmit­tel­bar nach der Befrei­ung in Hanno­ver das „Büro Dr. Schu­ma­cher“. Von hier aus versuchte er, mit Unter­stüt­zung der briti­schen Besat­zungs­macht, bereits vor der Lega­li­sie­rung von Parteien in den West­zo­nen sich als die maßgeb­li­che Führungs­per­sön­lich­keit inner­halb der SPD zu etablie­ren. Der Zentral­aus­schuss in Berlin unter dem ehema­li­gen Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten und braun­schwei­gi­schen Landes­vor­sit­zen­den Otto Grote­wohl sowie der in London[…] befind­li­che Exil-Vorstand der SPD galten ihm als lästige Konkur­ren­ten, deren Ausschal­tung er ziel­stre­big betrieb.

[…] Sein Welt­bild war starr darauf ausge­rich­tet, den Sozia­lis­mus ausschließ­lich über die sukzes­sive Erobe­rung der Staats­macht durch die Sozi­al­de­mo­kra­tie, gleich­sam „von oben“, nicht durch außer­par­la­men­ta­ri­sche Klas­sen­kämpfe, zu reali­sie­ren. Kommu­nis­ten konn­ten hier nur als Stör­fak­to­ren dienen. Der Staat, nicht die Gesell­schaft blieb stets der wich­tigste Ausgangs- und Ziel­punkt seines Denkens. Einsei­tig betrach­tete er nur die von der KPD in der Weima­rer Repu­blik began­ge­nen Fehler, die nicht minder schwer­wie­gen­den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Irrtü­mer und Versäum­nisse spiel­ten in seinem Welt­bild keine wesent­li­che Rolle.

Gegen­über dem Zentral­aus­schuss um Otto Grote­wohl spielte er immer wieder seinen „Trumpf“ aus: Eine Einheit der beiden Arbei­ter­par­teien könne nur von einer Reichs­kon­fe­renz der SPD beschlos­sen werden, eine im Wesent­li­chen auf die Sowje­ti­sche Besat­zungs­zone redu­zierte Sozia­lis­ti­sche Einheits­par­tei würde die Spal­tung Deutsch­lands begüns­ti­gen. Schu­ma­cher hatte mehrere Ausspra­chen mit Grote­wohl und ande­ren Mitglie­dern des Zentral­aus­schus­ses, denen er neben seinen Spal­tungs­vor­wür­fen auch unter­stellte, ledig­lich das poli­ti­sche Geschäft der SMAD und der von ihr voll­kom­men abhän­gi­gen KPD zu betrei­ben, die keine „deut­sche“, sondern eine „russi­sche“ Partei sei. Er selbst tat jedoch alles, was er zu bewir­ken imstande war, um die SPD in den West­zo­nen von der Partei­or­ga­ni­sa­tion in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zone zu isolie­ren. Eine Zäsur bildete dabei die von ihm orga­ni­sierte Konfe­renz von Wennigsen (Nieder­sach­sen) im Okto­ber 1945, die ohne Betei­li­gung von Vertre­tern des Zentral­aus­schus­ses der SPD statt­fin­den und Schu­ma­chers Führungs­an­spruch in den West­zo­nen abseg­nen sollte.

Schu­ma­chers Saat geht in Berlin auf

Kurt Schu­ma­cher war stark darauf orien­tiert, seinen poli­ti­schen Einfluss­be­reich auch auf Berlin auszu­deh­nen, vor allem auf die West­sek­to­ren der Stadt, wo er nicht ohne Grund von den US-Ameri­ka­nern, Briten und Fran­zo­sen, die das Heft in der Hand hiel­ten, Unter­stüt­zung für seinen Kampf gegen die Verei­ni­gung der beiden Arbei­ter­par­teien erhoffte. Zugleich kalku­lierte er sehr zutref­fend den Bewusst­seins­stand großer Teile der Bevöl­ke­rung nach zwölf Jahren faschis­ti­scher Indok­tri­na­tion ein. Er war nach wie vor geprägt von Anti­kom­mu­nis­mus und Anti­so­wje­tis­mus. Auch in den Köpfen vieler Zeit­ge­nos­sen, die ehrlich für ein anti­fa­schis­ti­sches Deutsch­land eintra­ten, exis­tier­ten noch mehr oder weni­ger ausge­prägte „Rest­be­stände“ faschis­ti­scher Ideo­lo­gie. Wie hätte es auch anders sein können? Hier gedachte er anzu­set­zen, um die bevor­ste­hende Verei­ni­gung beider Arbei­ter­par­tien torpe­die­ren zu können.

Der poli­tisch wich­tigste „Statt­hal­ter“ Schu­ma­chers in Berlin und der unbe­strit­tene Prot­ago­nist des Kamp­fes gegen die Grün­dung der SED war Franz Neumann, ein glän­zen­der Rheto­ri­ker, der vor der faschis­ti­schen Macht­über­nahme als junger Ange­stell­ter im Bezirks­amt Prenz­lauer Berg gewirkt hatte und von 1946 bis 1958 West-Berli­ner Landes­vor­sit­zen­der der SPD wurde. Eine bedeut­same Rolle spiel­ten außer­dem: Gustav Klin­gel­hö­fer, vor 1933 Redak­teur der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Tages­zei­tung „Vorwärts“ und später in West-Berlin Sena­tor für Wirt­schaft und Betriebe; Curt Swolinzky, 1945/46 Kreis­vor­sit­zen­der der SPD in Tempel­hof, ein beson­ders mili­tan­ter Anti­kom­mu­nist, dessen verbale Ausfälle gegen Kommu­nis­ten und verei­ni­gungs­wil­lige Sozi­al­de­mo­kra­ten denen Schu­ma­chers in nichts nach­stan­den; Arno Scholz, vor 1933 Redak­teur des „Vorwärts“, 1946 Grün­der und Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung „Tele­graf“, der gemein­sam mit dem „Tages­spie­gel“ das wich­tigste Sprach­rohr der Einheits­geg­ner wurde.

Der Begriff „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ wurde erst­mals vom Sozi­al­de­mo­kra­ten Gustav Dahren­dorf geprägt, der sich ursprüng­lich für die Einheit in Berlin einsetzte, aber im Februar 1946 nach Hamburg zog, nach­dem er sich von seinen Genos­sen in der „russi­schen Zone“ getrennt hatte.

Es zeigte sich bald: Schu­ma­cher und seine Mannen in Berlin, beson­ders in den West- Sekto­ren, zogen alle Regis­ter der Demago­gie, um ihr Ziel zu errei­chen. Schu­ma­cher selbst trat mehr­fach vor großem Publi­kum auf Veran­stal­tun­gen der SPD in Berlin auf, wo er in der ihm eige­nen Art, d.h. mit wüster anti­kom­mu­nis­ti­scher und anti­so­wje­ti­scher Pole­mik, Stim­mung gegen die Verei­ni­gung beider Arbei­ter­par­teien machte. Gemein­sam mit Franz Neumann entwi­ckelte er den Plan, unter den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei­mit­glie­dern Berlins eine „Urab­stim­mung“ durch­zu­füh­ren, für die es im Übri­gen keine Grund­lage im Statut oder in program­ma­ti­schen Doku­men­ten der SPD gab.

Dessen unge­ach­tet wurde für den 31. März 1946 diese Abstim­mung in den west­li­chen Bezir­ken Berlins durch­ge­führt, im sowje­ti­schen Sektor war sie von der Besat­zungs­macht verbo­ten worden. Der Zentral­aus­schuss der SPD hatte[…] die Sozi­al­de­mo­kra­tin­nen und Sozi­al­de­mo­kra­ten zum Boykott dieser Abstim­mung aufgerufen.

Die „Urab­stim­mung“ und die Lage in der Neuköll­ner SPD

Zwei Fragen wurden bei dieser Abstim­mung den Sozi­al­de­mo­kra­tin­nen und Sozi­al­de­mo­kra­ten vorge­legt. Erste Frage: „Bist Du für den sofor­ti­gen Zusam­men­schluss beider Arbei­ter­par­teien[?]“ Zweite Frage: „Bist Du für ein Bünd­nis beider Parteien, welches gemein­same Arbeit sichert und den Bruder­kampf ausschließt?“

Zur Proble­ma­tik dieser Frage­stel­lun­gen schreibt Günter Benser: „Zunächst fällt auf, dass von den ‚beiden Arbei­ter­par­teien‘ die Rede ist. Das war inso­fern nicht frei von Demago­gie, als die Urhe­ber der Urab­stim­mung in den Kommu­nis­ten eher eine moskau­hö­rige, demo­kra­tie­feind­li­che, entschie­den zu bekämp­fende Orga­ni­sa­tion, denn eine gleich­be­rech­tigte Arbei­ter­par­tei sahen. Auch das Ablen­ken von der Grund­frage ‚Für oder gegen die Einheits­par­tei‘ durch das Heraus­he­ben des Tempos einer Verei­ni­gung, die Zuspit­zung auf den sofor­ti­gen Zusam­men­schluss, war mit Vorbe­dacht gewählt. Die zweite Frage sugge­rierte eine Alter­na­tive zur Einheits­par­tei, die genau genom­men gerade mit den Vorgän­gen des März 1946 (den anti­kom­mu­nis­ti­schen Tira­den und Aktio­nen der Franz Neumann und Co.- R.Z) hinfäl­lig wurde. Von den mit der Urab­stim­mung ausufern­den Konfron­ta­tio­nen gab es nämlich schwer­lich ein Zurück zu einem ‚Bünd­nis‘, zu ‚gemein­sa­mer Arbeit‘, die ‚Bruder­kampf ausschließt‘.“14

Ergän­zend sei hervor­ge­ho­ben, dass diese Urab­stim­mung nicht in jedem Falle demo­kra­ti­schen Gepflo­gen­hei­ten „freier Wahlen“ entsprach. So berich­te­ten alli­ierte Offi­ziere, die als Beob­ach­ter dieses Urnen­gan­ges fungier­ten, z.B. von der gele­gent­lich anzu­tref­fen­den Praxis, dass auf den Mitglieds­kar­ten nicht verzeich­net worden sei, wer bereits seine Stimme abge­ge­ben habe. Somit war ein mehr­fa­ches Votum möglich (Span­dau). Auch die Wahl­zet­tel aus eini­gen der Urnen waren „verschwun­den“; die Wahl­er­geb­nisse wurden ledig­lich tele­fo­nisch über­mit­telt (Tempel­hof).15

Berlin, 1946: Kämp­fer für die Einheit.

In Neukölln lautete das Ergeb­nis der Urab­stim­mung folgen­der­ma­ßen: Die Frage 1 beant­wor­te­ten 19,7 Prozent der Urwäh­ler mit „ja“, 75,3 Prozent mit „nein“; die entspre­chen­den Ergeb­nisse bei der Frage 2 waren: 65,2 Prozent „ja“-Stimmen, 17,8 Prozent „nein“-Stimmen. Wie ist dieses Resul­tat zu bewer­ten? Zunächst sei hervor­ge­ho­ben, dass seit dem Februar 1946 eine Viel­zahl Ange­hö­ri­ger von Neuköll­ner Betriebs­be­leg­schaf­ten, z.B. bei der BVG oder bemer­kens­wer­ter Weise bei der Poli­zei, Reso­lu­tio­nen für die Verei­ni­gung verfasst und an den Zentral­aus­schuss der SPD und das Zentral­ko­mi­tee der KPD gesandt hatten. Einige der Unter­zeich­ner merk­ten an, ob sie Mitglied der KPD oder der SPD waren. Die häufig bei bürger­li­chen Autoren anzu­tref­fende Argu­men­ta­tion, derar­tige Mani­fes­ta­tio­nen seien von der KPD „bestellt“ oder mani­pu­liert bzw. von der SMAD „erzwun­gen“ worden, kann im Ernst nicht für das im US-ameri­ka­ni­schen Sektor liegen­den Neukölln gelten. Sie ist schlicht absurd. Viel­mehr scheint es sich so verhal­ten zu haben, dass in vielen Betrie­ben, nicht nur im Stadt­be­zirk Neukölln, eine für die Verei­ni­gung posi­tive Stim­mung anzu­tref­fen war. […]

Beson­ders bemer­kens­wert ist die Tatsa­che, dass der 1. und 2. Kreis­vor­sit­zende der SPD, Richard Günther und Hell­mut Bock, zu den entschie­de­nen Befür­wor­tern der Einheits­par­tei gehör­ten. Sie propa­gier­ten ihre Auffas­sun­gen hierzu nicht nur auf Veran­stal­tun­gen ihrer Partei in Neukölln, sondern sie warben auch in Zeitungs­ar­ti­keln dafür, sich aktiv für die Schaf­fung der SED zu enga­gie­ren. Hinge­wie­sen sei auch auf den folgen­den Sach­ver­halt, der uns vor Augen führt, wie kompli­ziert sich die dama­lige Situa­tion in der Neuköll­ner SPD darstellte: Zehn Tage vor dem Verei­ni­gungs­par­tei­tag im Admi­rals­pa­last und zwölf Tage nach der „Urab­stim­mung“ wurden auf dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen „Kreis­ver­tre­ter­tag“ in der Kindl-Braue­rei in der Hermann­straße die Dele­gier­ten zum SPD-Partei­tag gewählt, der unmit­tel­bar vor dem Verei­ni­gungs­par­tei­tag statt­fin­den sollte.

Es wäre zu erwar­ten gewe­sen, dass ange­sichts des oben refe­rier­ten Ergeb­nis­ses der Urab­stim­mung in Neukölln Richard Günther und Hell­mut Bock ohne Chan­cen waren, gewählt zu werden und statt­des­sen folge­rich­tig Einheits­geg­ner das Mandat über­tra­gen bekom­men hätten. Doch statt­des­sen bekam Günther 451 von 456 gülti­gen Stim­men. Er erzielte somit das beste Ergeb­nis und wurde zum Dele­gier­ten des Partei­ta­ges gewählt. Bock erreichte 423 Stim­men und war einer von fünf Ersatz­de­le­gier­ten. Auch Fridel Hoff­mann, die sich gleich­falls zuguns­ten der Schaf­fung der Einheits­par­tei posi­tio­niert hatte, wurde mit der zweit­höchs­ten Anzahl der abge­ge­be­nen Stim­men (sie erhielt nur eine Stimme weni­ger als Richard Günther) zur Partei­tags­de­le­gier­ten bestimmt.

So bleibt abschlie­ßend die Frage zu beant­wor­ten, weshalb in Neukölln dennoch eine klare Mehr­heit der Sozi­al­de­mo­kra­ten bei der „Urab­stim­mung“ gegen die sofor­tige Verei­ni­gung mit der KPD votierte. Neben den von Günter Benser ange­führ­ten Grün­den, die in den geschickt formu­lier­ten Frage­stel­lun­gen selbst zu finden waren, kamen zwei weitere Ursa­chen hinzu.

Erstens der von den Einheits­geg­nern massiv in die Ausein­an­der­set­zung einge­führte Anti­so­wje­tis­mus, der die KPD, ganz im Sinne Schu­ma­chers, als verlän­ger­ten Arm der SMAD, ja als bloße Mario­nette „der Russen“ diffa­mierte. Auch die Über­griffe sowje­ti­scher Solda­ten bei ihrem Einmarsch in Berlin (Plün­de­run­gen, Verge­wal­ti­gun­gen) wurden immer von neuem ins Feld geführt. Sie wurden gewis­ser­ma­ßen nach­träg­lich der KPD in die Schuhe gescho­ben. Am Rande sei bemerkt, dass ähnli­che Vorkomm­nisse auf Seiten der West­al­li­ier­ten totge­schwie­gen wurden: Zum Beispiel die Tatsa­che, dass Tausende gefan­gene deut­sche Solda­ten in den von der U.S. Army ange­leg­ten primi­ti­ven Lagern auf den Rhein­wie­sen, wo zum Teil Erdlö­cher als „Unter­kunft“ dien­ten, dem Tod durch Krank­hei­ten oder Verhun­gern preis­ge­ge­ben worden waren oder die Exzesse beim Einmarsch fran­zö­si­scher Trup­pen in Stutt­gart und ande­ren Orten Baden-Würt­tem­bergs.16

Otto Grote­wohl hält eine Rede auf der 1. Mai-Massen­kund­ge­bung in Berlin 1946.

Zwei­tens hatten die West­al­li­ier­ten deut­lich gemacht, dass sie in ihren Sekto­ren die Verei­ni­gung beider Arbei­ter­par­teien nicht wünsch­ten. So wurde in Neukölln gegen­über den Befür­wor­tern der Verei­ni­gung, erst recht aber nach der Konsti­tu­ie­rung der SED, von der US-ameri­ka­ni­schen Komman­dan­tur mit viel­fäl­ti­gen Schi­ka­nen, Einschüch­te­run­gen, Drohun­gen und Veran­stal­tungs­ver­bo­ten operiert. Dies und die Tatsa­che, dass in den West­zo­nen die Akti­vi­tä­ten zur Schaf­fung einer Einheits­par­tei strikt verei­telt wurden17, blieb den West-Berli­ner Sozi­al­de­mo­kra­ten nicht verbor­gen und beein­flusste mit Sicher­heit bei nicht weni­gen von ihnen das Abstim­mungs­ver­hal­ten bei der „Urwahl“ am 31. März 1946. Derart deut­li­che Signale der west­li­chen Besat­zungs­mächte, auf deren Wohl und Wehe man ange­wie­sen war, konn­ten nicht ohne Auswir­kun­gen blei­ben. Kurzum: Nicht wenige wähl­ten so, wie die west­li­chen Besat­zungs­mächte es sich wünschten.

Am Ende bleibt die Erkennt­nis, dass die im April 1946 geschaf­fene Einheits­par­tei auch im dama­li­gen Neukölln auf unüber­seh­bare Zustim­mung stieß. Richard Günther, Hell­mut Bock und Frie­del Hoff­mann waren lange Jahre Funk­tio­näre der SED, wenn auch nicht in ihrem Heimat­be­zirk, sondern bedingt durch den sich entwi­ckeln­den Kalten Krieg in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zone und in der DDR. […]

Günter Benser: Die Entstehung einer Massenpartei

Günter Benser (1931–2025) war Histo­ri­ker und Hoch­schul­leh­rer. Er studierte Geschichte in Leip­zig und wurde später Profes­sor am Insti­tut für Marxis­mus-Leni­nis­mus beim ZK der SED. Nach 1990 nahm er an der Grün­dung des Förder­krei­ses Archive und Biblio­the­ken zur Geschichte der Arbei­ter­be­we­gung teil. Der folgende Auszug stammt aus einem Vortrag („Zusam­men­schluss von KPD und SPD. Anmer­kun­gen zu einer neube­leb­ten Diskus­sion“) auf einer Tagung des Jenaer Forums für Bildung und Wissen­schaft e.V. und der Arbeits­ge­mein­schaft Geschichte beim Thürin­ger Landes­vor­stand der PDS am 10. Februar 1996.

[…] Die SED-Grün­dung war aber mehr als die Verschmel­zung eines kommu­nis­ti­schen und eines sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Funk­tio­när­ka­ders, wenn­gleich diese im Mittel­punkt der Partei­fu­sion stand. Es handelt sich um die Entschei­dun­gen und Betrof­fen­hei­ten von 1,3 Millio­nen in der SPD oder der KPD orga­ni­sier­ten Männern, Frauen und Jugend­li­chen. Die wenigs­ten dieser Leute besa­ßen eine ausge­prägte sozi­al­de­mo­kra­ti­sche oder kommu­nis­ti­sche Iden­ti­tät, konn­ten diese also auch durch eine Einheits­par­tei nicht verlieren.

Von den Mitglie­dern der KPD war höchs­tens jeder zehnte bereits vor 1933 Partei­mit­glied gewe­sen, von den Mitglie­dern der SPD — so schätze ich — höchs­tens jeder Dritte oder Vierte. Ein Groß­teil dieser Leute war zu einem Zeit­punkt der KPD oder der SPD beigetre­ten, als der Zusam­men­schluss bereits offen verkün­de­tes und begrün­de­tes Anlie­gen beider Parteien war. Es ist schwer einzu­se­hen, warum für solche Partei­mit­glie­der die Einheits­par­tei eine Unge­heu­er­lich­keit gewe­sen sein soll, weshalb sie als Zwang empfun­den werden musste. Natür­lich haben sich Gegner wie Befür­wor­ter gern auf Mehr­hei­ten beru­fen und vorge­ge­ben, deren Meinun­gen getreu­lich wieder­zu­ge­ben und zu vertre­ten. Mehr noch haben sie aber versucht, die Meinun­gen von Mitglie­dern und Anhän­gern zu beein­flus­sen und zu formen. Aber eben diese „einfa­chen“ Partei­mit­glie­der haben in ihrem subjek­ti­ven Befin­den, in ihren Über­le­gun­gen, Moti­ven und Entschei­dun­gen in den über­lie­fer­ten Quel­len nur selten eine histo­ri­sche Spur gezogen.

Aufruf zu einer Frau­en­kund­ge­bung und Diskus­si­ons­ver­an­stal­tung im März 1946 mit Käte Kern (Zentral­aus­schuss der SPD) und Elli Schmidt (Zentral­ko­mi­tee der KPD).

Wir dürfen auch von den Prot­ago­nis­ten der Zwangs­ver­ei­ni­gung erwar­ten, dass sie sich ernst­haft mit der Frage befas­sen, was die SED im Zeit­punkt ihrer Entste­hung partei­his­to­risch und partei­so­zio­lo­gisch, program­ma­tisch und statu­ta­risch eigent­lich darstellte.

Der in guter sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Tradi­tion und Profes­sion zusam­men­ge­stellte Bericht des Partei­vor­stan­des an den 2. Partei­tag der SED sagt folgen­des aus: Die SED zählte bei ihrer Grün­dung in Ostdeutsch­land knapp 1,3 Millio­nen Mitglie­der, die annä­hernd zu glei­chen Teilen über die KPD und über die SPD in die Einheits­par­tei gelangt waren. Im ersten Jahr ihres Bestehens schlos­sen sich dieser Partei täglich im Schnitt 1.200 Männer, Frauen und Jugend­li­che an. 1947 gehörte in den Ländern der sowje­ti­schen Besat­zungs­zone jeder 4. Indus­trie­ar­bei­ter, jeder 3. Ange­stellte, jeder 16. Land- und Forst­ar­bei­ter, jeder 10. Bauer, jeder 7. Hand­wer­ker und Gewer­be­trei­bende, jeder 7. Inge­nieur oder Tech­ni­ker und jeder 3. Lehrer der SED an. Die zahlen­mä­ßige Stärke und das von der SED 1946 erzielte Wahl­er­geb­nisse zeugen von einer beträcht­li­chen Akzep­tanz dieser Partei. Diese Daten gewin­nen an Gewicht, wenn wir uns verge­gen­wär­ti­gen, dass nach den Partei­fu­sio­nen des Jahres 1990, die übri­gens nicht nur ohne Urab­stim­mung, sondern auch ohne der SED-Grün­dung vergleich­bare demo­kra­ti­sche Proze­du­ren erfolg­ten, die ostdeut­schen Mitglie­der scha­ren­weise davon­ge­lau­fen sind.

Quelle: Günter Benser, Illus­tierte histo­ri­sche Hefte No. 40.

Leo Schwarz: Die SED als Sammlungspartei

Leo Schwarz ist Histo­ri­ker und lebt in Berlin. Dieser Arti­kel wurde ursprüng­lich am 14. April 2021 zum 75. Jahres­tag der Grün­dung der SED in der Tages­zei­tung junge Welt veröf­fent­licht.

[…] Für eine infor­mierte Diskus­sion mindes­tens ebenso wich­tig wie ein Mindest­maß an Klar­heit in der Frage der „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ ist eine schlüs­sige Antwort auf die Frage, was für eine Partei die SED in poli­tisch-program­ma­ti­scher Hinsicht zum Zeit­punkt ihrer Grün­dung im April 1946 eigent­lich war. Man beschreibt sie viel­leicht am besten, wenn man sie als prole­ta­ri­sche Samm­lungs­par­tei mit einem sozia­lis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis bezeich­net, die auf die Schaf­fung eines poli­ti­schen Systems bürger­lich-parla­men­ta­ri­schen Zuschnitts (eine „anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­sche Repu­blik“) und dabei auf die Koope­ra­tion mit allen „anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­schen Parteien“ orien­tierte – und zwar im gesamt­deut­schen Rahmen. In den „Grund­sät­zen und Zielen“, die der Verei­ni­gungs­par­tei­tag gebil­ligt hatte, versprach die Partei, „mit aller Ener­gie gegen alle parti­ku­la­ris­ti­schen Tenden­zen für die wirt­schaft­li­che, kultu­relle und poli­ti­sche Einheit Deutsch­lands“ einzu­tre­ten. Den „Kampf um den Sozia­lis­mus“ wollte die Partei erst „auf dem Boden“ dieser „demo­kra­ti­schen Repu­blik“ aufnehmen.

Dres­den, 1946: Ein Partei­büro der KPD wird zu einem Einzeich­nungs-Lokal für die SED.

Die Über­le­gun­gen zur Ausge­stal­tung der Wirt­schafts­ord­nung boten Raum für privat­ka­pi­ta­lis­ti­sche Akteure. Im „Mani­fest an das deut­sche Volk“ wandte sich die SED ausdrück­lich auch an „Hand­wer­ker und Gewer­be­trei­bende“. Nur zwei Einschrän­kun­gen wurden an dieser Stelle gemacht: Die Partei nahm sich die Zerschla­gung des Groß­grund­be­sit­zes im Rahmen einer Boden­re­form und darüber hinaus die Enteig­nung der „Kriegs­ver­bre­cher und Kriegs­in­ter­es­sen­ten“ vor. Damit soll­ten wesent­li­che Träger­schich­ten des Faschis­mus ökono­misch entmach­tet, keines­wegs aber die Weichen in Rich­tung Plan­wirt­schaft gestellt werden. Die Partei war der Inten­tion nach also zwei­er­lei nicht: ein „Instru­ment zur Dikta­tur­durch­set­zung“ und Antrei­ber einer sozia­lis­ti­schen Sonder­ent­wick­lung in einem ostdeut­schen Sepa­rat­staat. Alle gegen­tei­li­gen Behaup­tun­gen haben das etwas pein­li­che Problem, dass sie sowohl von den öffent­lich zugäng­li­chen wie von den archi­va­li­schen Quel­len demen­tiert werden. Dass an ihnen dennoch in dieser oder jener Form fest­ge­hal­ten wird, belegt das poli­ti­sche Inter­esse derje­ni­gen Histo­ri­ker, die sie aufstel­len, aber sonst gar nichts.

Anstoß von außen

Ohne Zwei­fel haben sich innere Orga­ni­sa­tion und poli­ti­scher Ansatz der SED bis 1949/50 bzw. 1952 verän­dert. Der Anstoß für diese Entwick­lung kam in der Haupt­sa­che aller­dings von außen, nämlich von den Besat­zungs­mäch­ten in den drei West­zo­nen und der Schu­ma­cher-SPD, die mit allen Mitteln eine Konsti­tu­ie­rung der SED außer­halb der „Sowjet­zone“ unter­ban­den. Die SPD reagierte auf die SED-Grün­dung auf ihrem Partei­tag in Hanno­ver im Mai 1946 mit einer „Kund­ge­bung“, in der zum einen der „Sozia­lis­mus als Tages­auf­gabe“ prokla­miert, also die SED schein­bar „links“ über­holt wurde (wohl­weis­lich unter Verzicht auf ein konkre­tes Akti­ons­pro­gramm), und in der zum ande­ren mit der Parole der „Demo­kra­tie“ im Anschluss an den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Anti­kom­mu­nis­mus der 1920er und 1930er Jahre eine scharfe, konfron­ta­tive Abgren­zung von KPD und SED vorge­nom­men wurde. Per Beschluss wurde allen SPD-Mitglie­dern unter­sagt, für eine Einheits­par­tei mit den Kommu­nis­ten einzutreten.

Dass die Gruppe rech­ter, erbit­tert anti­kom­mu­nis­ti­scher Funk­tio­näre um Kurt Schu­ma­cher sich in der west­zo­na­len SPD ohne größere Schwie­rig­kei­ten durch­set­zen konnte, verdankte sie der Hilfe­stel­lung der dorti­gen Besat­zungs­mächte. Mit deren Rücken­de­ckung unter­grub sie im Herbst 1945 erfolg­reich die Auto­ri­tät des Berli­ner SPD-Zentral­aus­schus­ses in den West­zo­nen (und Anfang 1946 auch in den West­sek­to­ren Berlins), wies alle „Versu­che zur Herstel­lung einer gemein­sa­men Partei­ar­beit“ (Max Fech­ner in einem Brief an Kurt Schu­ma­cher im März 1946) zurück und lehnte im Februar 1946 auch den vom Zentral­aus­schuss vorge­schla­ge­nen „Reichs­par­tei­tag“ ab, auf dem über die Einheits­frage bera­ten und entschie­den werden sollte. Die Einheits­kam­pa­gne in den West­zo­nen, die im Sommer 1946 mit mehre­ren Groß­kund­ge­bun­gen etwa in Essen, Braun­schweig, München und Nürn­berg, bei denen auch Otto Grote­wohl, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht auftra­ten, ihren Höhe­punkt erreichte, lief ins Leere. Die Mili­tär­re­gie­run­gen verwei­ger­ten der SED die Zulas­sung, verbo­ten Versamm­lun­gen, „die eine solche Verschmel­zung als Ziel haben“, und behin­der­ten die von der KPD ausge­hende Agita­tion für die „Einheit der Arbei­ter­be­we­gung“ auf Schritt und Tritt. Die briti­sche Mili­tär­re­gie­rung unter­sagte vorsorg­lich sogar eine Umbe­nen­nung der KPD in SED.

Wilhelm Pieck und Otto Grote­wohl spre­chen im Juli 1946 im Rahmen der Kampa­gne für die Verei­ni­gung von KPD und SPD in West­deutsch­land vor Arbei­te­rin­nen und Arbei­tern in Essen.

Gleich­zei­tig unter­stütz­ten die Besat­zungs­mächte die Schu­ma­cher-Gruppe bei der syste­ma­ti­schen Ausschal­tung aller SPD-Funk­tio­näre, für die die Einheits­par­tei (oder zumin­dest irgend­eine Form der Koope­ra­tion mit der KPD bzw. der SED) kein selbst­ver­ständ­li­ches Tabu war. „Rigo­ros gehen die Schu­ma­cher-Leute gegen alle Funk­tio­näre vor, die den Einheits­ge­dan­ken propa­gie­ren (Ausschluss)“, hieß es schon im April 1946 in einem Bericht aus der US-ameri­ka­ni­schen Besat­zungs­zone. Diese „Säube­rung“, über die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Histo­ri­ker bis zum heuti­gen Tag nicht ein Wort verlo­ren haben, war bis Ende 1946 weit­ge­hend abge­schlos­sen. Noch im Früh­jahr 1946 hatten sich von Flens­burg bis München zahl­rei­che SPD-Mitglie­der und ‑Funk­tio­näre – auch Mitglie­der von Landes­vor­stän­den – für die Einheits­par­tei ausge­spro­chen; am 1. Mai 1946 hatte es in mehre­ren Städ­ten gemein­same Kund­ge­bun­gen von KPD und SPD gege­ben. Ein Jahr später hatte Schu­ma­cher die Partei fest im Griff.

Stra­te­gi­sche Niederlage

In einer inter­nen Analyse der „Lage in der SED“ wurde noch vor Ablauf des Jahres 1946 das Dilemma beschrie­ben: „Unsere ursprüng­li­che Absicht, unmit­tel­bar nach dem Verei­ni­gungs­par­tei­tag die Verei­ni­gung auch in der West- und Südzone Deutsch­lands durch­zu­füh­ren, ist geschei­tert.“ Noch hoffte man auf einen „Klärungs­pro­zess“ in der SPD, der mit Ange­bo­ten zur Akti­ons­ein­heit in Betrie­ben und Gewerk­schaf­ten gestützt werden sollte: „Wenn dieser Klärungs­pro­zess den von uns für nötig gehal­te­nen Reife­grad erreicht hat, würden wir es für zweck­mä­ßig halten, bei Aner­ken­nung der SED durch die Besat­zungs­be­hör­den im Westen die SED als Partei in den west­li­chen Zonen zu errich­ten.“ Der sprin­gende Punkt war die „Aner­ken­nung der SED durch die Besat­zungs­be­hör­den im Westen“, die nie erfolgte.

Als die Sowjet­union ab 1948 auf die anti­so­zia­lis­ti­sche Formie­rung des „Westens“ und die damit einher­ge­hende Forcie­rung der Bestre­bun­gen zur Schaf­fung eines west­deut­schen Sepa­rat­staa­tes mit der Konso­li­die­rung ihres Einfluss­be­rei­ches reagierte, musste die SED ein „konzep­tio­nel­les Vakuum“ (Mari­anne Brau­mann) über­win­den: Das „anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­sche Gesamt­deutsch­land“ hatte sich als uner­reich­bar, ja als Trug­bild erwie­sen. Was dann kam – die „Partei neuen Typus“, die Grün­dung der DDR, schließ­lich die 1952 vorge­nom­mene Orien­tie­rung auf den „plan­mä­ßi­gen Aufbau des Sozia­lis­mus“ – war also wesent­lich auch Konse­quenz einer stra­te­gi­schen Nieder­lage, die die SED bereits unmit­tel­bar nach ihrer Grün­dung erlitt. Mit der Neuori­en­tie­rung bewies die junge Partei aller­dings, dass sie in der Lage war, statt mit Rück­zug und Kapi­tu­la­tion offen­siv auf Nieder­la­gen zu reagie­ren – eine Fähig­keit, die ihr bis 1989 abhan­den­ge­kom­men war.

Aufruf der KPD und SPD: Die Voraussetzungen zur Einheit vertiefen

Diese Erklä­rung wurde am 26. Januar 1946 von den Zentral­ko­mi­tees der KPD und der SPD veröf­fent­licht, kurz nach einer Konfe­renz der Dele­gier­ten beider Parteien. Sie ist ein direk­ter Appell an die Basis, die Frage der Einheit nüch­tern anzu­ge­hen, Geduld mitein­an­der zu üben, sich aber auch aktiv mit den bren­nen­den Fragen der Arbei­ter­be­we­gung bezüg­lich der Vergan­gen­heit, der Gegen­wart und der Zukunft auseinanderzusetzen. 

Dres­den, Januar 1946: Eine gemein­same Versamm­lung von KPD und SPD.

Wir wollen die Voraus­set­zun­gen zur Einheit vertiefen

An die Mitglie­der der KPD und SPD!

Werte Genos­sen!

 

Am 21. Dezem­ber 1945 haben die Partei­lei­tun­gen und die Bezirks­de­le­gier­ten der beiden Parteien die Notwen­dig­keit der Einheit der Arbei­ter­be­we­gung fest­ge­stellt. Inzwi­schen haben die Mitglie­der dazu Stel­lung genommen.

Meinungs­ver­schie­den­hei­ten über die Notwen­dig­keit der Einheit gibt es nicht. Nun wollen wir, entspre­chend der Entschlie­ßung vom 21. Dezem­ber, die gegen­sei­tige Verstän­di­gung und Zusam­men­ar­beit vertiefen.

Wir sind uns darüber klar, dass dazu viel Verständ­nis und auch viel Geduld gehört, viel guter Wille und viel Duld­sam­keit von beiden Seiten. Von 1918 bis 1945 verging eine lange Zeit, fast ein ganzes Menschen­al­ter. In den 12 Jahren Hitler­herr­schaft wurde uns zwar die Notwen­dig­keit der Einheit klar, aber es fehlte jede Schu­lung. Nach dem Zusam­men­bruch des Hitler­reichs kamen viele neue Mitglie­der zu uns, die auch Sozia­lis­ten sein möch­ten, aber meist noch lernen wollen, was Sozia­lis­mus und Arbei­ter­be­we­gung ist. Außer­dem hat es, neben viel guter Zusam­men­ar­beit beim bishe­ri­gen Aufbau, doch auch viel Miss­ver­ständ­nisse und viele Reibun­gen gege­ben, auch manchen bedau­er­li­chen Missgriff.

Die Entschlie­ßung vom 21. Dezem­ber zeigt nunmehr den Mitglie­dern beider Arbei­ter­par­teien den Weg zur Eini­gung. Diese Entschlie­ßung wurde von manchem dahin­ge­hend miss­ver­stan­den, als solle über den Kopf der Mitglie­der hinweg die Verei­ni­gung der beiden Parteien beschlos­sen werden. Eine solche Absicht hat aber niemals bestan­den und besteht unter keinen Umstän­den. Wir wollen uns mit allen Kräf­ten und über­all dafür einset­zen, dass die Mitglie­der­mas­sen der beiden Parteien die Verei­ni­gung vorbe­rei­ten und beschlie­ßen. Wir wünschen deshalb, dass den beiden Parteien in allen Zonen volle Frei­heit in ihrer Tätig­keit zur Loslö­sung der Volks­mas­sen vom Nazis­mus und für die Entfal­tung der Demo­kra­tie, für die Siche­rung des Frie­dens und der natio­na­len Einheit einge­räumt wird und damit die Voraus­set­zun­gen für eine feste Akti­ons­ein­heit und die orga­ni­sa­to­ri­sche Einheit in ganz Deutsch­land geschaf­fen und durch den Willen der Mitglie­der der beiden Parteien auf Reichs­par­tei­ta­gen endgül­tig beschlos­sen werden.

Jeden­falls ist die innere Bereit­schaft der Mitglie­der zur Einheit und zum Zusam­men­schluss nötig, bevor die Verschmel­zung der beiden Parteien durch­ge­führt werden kann. Das ist ganz selbst­ver­ständ­lich. Dazu gehört, dass die Mitglie­der der beiden Parteien zusam­men­kom­men, um einan­der kennen und achten zu lernen; denn nur auf der Grund­lage der gegen­sei­ti­gen Achtung werden Miss­ver­ständ­nisse ausge­schlos­sen und der gute Wille zur Zusam­men­ar­beit und zum Zusam­men­ge­hen gesi­chert. Fallen die Miss­ver­ständ­nisse, dann wird auch der Anlass zum Miss­trauen ausge­räumt, und die Zusam­men­ar­beit der Mitglie­der und Partei­be­auf­trag­ten in den Ämtern bei der poli­ti­schen Tages­ar­beit ergibt sich von selbst. Dann können auch die Funk­tio­näre zu Diskus­sio­nen und Bera­tun­gen zusam­men kommen in dem Bewusst­sein, daß frucht­bare Arbeit für die Einheit geleis­tet wird. Denn jeder Schritt kame­rad­schaft­li­cher Zusam­men­ar­beit fördert die Schaf­fung der Einheit.

Die andere Seite des Saals bei dersel­ben KPD/SPD-Versamm­lung in Dres­den im Januar 1946.

Das Wich­tigste wird aber die gedank­li­che Verstän­di­gung über den gemein­sa­men Weg des gemein­sa­men Kamp­fes sein, jetzt in der Gegen­wart und für das sozia­lis­ti­sche Ziel, vor allem über den Weg zur Einheit, über das gemein­same Programm, das Wesen und den inne­ren Aufbau der zukünf­ti­gen Partei. Dazu hat die Entschlie­ßung vom 21. Dezem­ber schon eini­ges gesagt. So heißt es über den deut­schen Charak­ter der Partei: „Die Einheits­par­tei soll selb­stän­dig und unab­hän­gig sein. Es ist ihre Aufgabe, ihre Poli­tik und Taktik entspre­chend den Inter­es­sen der deut­schen Werk­tä­ti­gen und den spezi­el­len Bedin­gun­gen in Deutsch­land zu entwickeln.“

Über die Rechte der Mitglie­der heißt es: „In ihrer inne­ren Verfas­sung soll die Partei auf dem Prin­zip des demo­kra­ti­schen Bestim­mungs­rech­tes der Mitglie­der und der freien Wahl der Partei­lei­tun­gen beru­hen.“ Die Zusam­men­künfte der Mitglie­der und Funk­tio­näre sollen also in erster Linie der Schaf­fung der inne­ren Einheit­lich­keit der beiden Parteien durch Verstän­di­gung und Zusam­men­ar­beit dienen.

Bei der Durch­füh­rung der ideo­lo­gi­schen Verstän­di­gung der Mitglie­der wird eine gewisse Ordnung nötig sein. Dazu schla­gen wir neben der Bespre­chung der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Verhält­nisse sowie der prak­ti­schen Zusam­men­ar­beit folgende Haupt­the­men vor:

  • Die Notwen­dig­keit der Einheit zwischen SPD und KPD.
  • Das Kommu­nis­ti­sche Mani­fest und seine Bedeu­tung für unsere Zeit.
  • Die Werk­tä­ti­gen im heuti­gen Deutsch­land und das Statut von Berlin.
  • Die Geschichte der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung und ihrer Spaltung.
  • Der Faschis­mus als Waffe des Kapi­ta­lis­mus gegen die Demokratie.
  • Der Impe­ria­lis­mus und die Parole „Klas­sen­kampf gegen Völkerkampf”.
  • Die Verhält­nisse in der Sowjet­union und in den kapi­ta­lis­ti­schen Ländern.
  • Die Frau und der Sozialismus.
  • Die mate­ria­lis­ti­sche Geschichts­auf­fas­sung von Marx und Engels bis Lenin und Stalin.
  • Die parla­men­ta­risch-demo­kra­ti­sche Repu­blik und der Klassenkampf.
  • Soziale Demo­kra­tie und Sozia­lis­mus – Die Herr­schaft des Proletariats.
  • Die staat­li­che Einheit der deut­schen Nation.
  • Der Aufbau der Arbeiterparteien.
  • Das Programm der zukünf­ti­gen einheit­li­chen Arbeiterpartei.
  • Die inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät des Proletariats.

Werte Genos­sen! In der festen Zuver­sicht, dass wir damit der Einheit der Arbei­ter­be­we­gung am meis­ten dienen werden, wollen wir nun an die Arbeit gehen. Beides wollen wir: uns verstän­di­gen und durch Zusam­men­ar­beit unse­rer Not Herr werden. Wir wollen auch vor der Reak­tion gemein­sam auf der Hut sein und die Reak­tion nieder­hal­ten, wo sie sich zeigt. Wir wollen keine Zeit verlie­ren; wir wollen aber auch nichts über­stür­zen. Die Einheit­lich­keit des Willens der Mitglied­schaft muss fest begrün­det und gefügt sein, wenn die Einheit dauern und Kraft bewei­sen soll. Wir wollen ein Beispiel der Kame­rad­schaft geben. Wie wollen dem Bruder­kampf wirk­lich ein Ende machen und die Einheit schaf­fen, zum Wohle Deutsch­lands und der werk­tä­ti­gen Massen.

Zentral­ko­mi­tee der Kommu­nis­ti­schen Partei Deutschlands

Zentral­aus­schuss der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei Deutschlands

  1. Anton Acker­mann (Febru­ary 1946).[]
  2. Vgl. G. Benser, Zusam­men­schluss von KPD und SPD 1946, Helle Panke. Der Vorwurf der „Zwangs­ver­ei­ni­gung“ wurde ursprüng­lich von verei­ni­gungs­feind­li­chen Dissi­den­ten inner­halb der SPD erho­ben, die nach ihrem Zerwürf­nis mit ihren verei­ni­gungs­be­für­wor­ten­den Genos­sen in den Westen gegan­gen waren. Dass diese Darstel­lung von Anfang an eher ein poli­ti­sches Druck­mit­tel als eine histo­ri­sche Einschät­zung war, lässt sich aus dem Einge­ständ­nis des anti­kom­mu­nis­ti­schen konser­va­ti­ven Poli­ti­kers Jakob Kaiser ablei­ten, der zugab, wenig Verständ­nis für die Vorstel­lung zu haben, die Sozi­al­de­mo­kra­ten seien hilf­lose Opfer sowje­ti­schen Zwangs gewe­sen: „Warum hat denn die Sozi­al­de­mo­kra­tie keine Wirkungs­mög­lich­keit in Sach­sen, in Thürin­gen? Doch nicht zuletzt auch deshalb, weil nur verschwin­dend wenig Führungs­kräfte der Sozi­al­de­mo­kra­tie des Ostens dem Verschmel­zungs­wil­len der Kommu­nis­ten wider­stan­den haben. Doch nur deshalb, weil der dama­lige Führungs­kör­per der östli­chen Sozi­al­de­mo­kra­tie bei dieser Verschmel­zung wesent­lich mitge­wirkt hat. Ich selbst habe die Phasen dieses Gesche­hens unmit­tel­bar miter­lebt. Ich wäre gern bereit, den Mantel der Liebe darüber zu decken, wenn ich nicht immer wieder vor der Notwen­dig­keit stände, einer Legen­den­bil­dung vorzu­beu­gen.“ (Jakob Kaiser. Gewerk­schaf­ter und Patriot. Eine Werk­aus­wahl, hrsg. v. Tilman Mayer, Köln, 1988, S. 374).[]
  3. Eine Bewer­tung dieses selbst­kri­ti­schen Refle­xi­ons­pro­zes­ses in der KPD nach dem Krieg findet sich in: https://www.jungewelt.de/artikel/501752.geschichte-der-arbeiterbewegung-ein-ganz-anderer-weg.html[]
  4. Sergei Tjul­panow brachte diese Ansicht in inter­nen Berich­ten an Moskau zum Ausdruck. Zitiert nach G. Benser, Einheits­drang? Einheits­zwang? Die Entste­hung der SED – Betrach­tun­gen und Erin­ne­run­gen nach 50 Jahren, 1996, S. 13.[]
  5. [Fußnote von Zwischen Besat­zung und Befrei­ung. Analy­sen des US-Geheim­diens­tes über Posi­tio­nen und Struk­tu­ren deut­scher Poli­tik 1945, hrsg. V. Ulrich Bors­dorf u. Lutz Niet­ham­mer, Wupper­tal 1976, S. 203.[]
  6. Für mehr zu diesem Prozess der selbst­kri­ti­schen Refle­xion siehe: https://ifddr.org/novemberrevolution/[]
  7. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Vgl. hierzu ausführ­lich Günter Benser, Der beson­dere deut­sche Weg zum Sozia­lis­mus. Konzept und Reali­tät, Berlin 2009 (Hefte zur DDR-Geschichte, Nr. 115).[]
  8. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Einheit, Jg. 1946, H. 1, S. 30.[]
  9. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Rolf Badstüb­ner u. Wilfried Loth, Wilhelm Pieck – Aufzeich­nun­gen zur Deutsch­land­po­li­tik 1945–1953, Berlin 1994, S. 68.[]
  10. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Vgl. Einheits­drang oder Zwangs­ver­ei­ni­gung? Die Sech­zi­ger-Konfe­ren­zen von KPD und SPD 1945 und 1946. Mit einer Einfüh­rung von Hans-Joachim Krusch u. Andreas Maly­cha, Berlin 1990.[]
  11. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Ebenda, S. 60.[]
  12. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Ebenda, S. 161.[]
  13. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Ebenda, S. 163.[]
  14. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Günter Benser, Der deut­sche Kommu­nis­mus. Selbst­ver­ständ­nis und Reali­tät. Bd. 4: Neube­ginn ohne letzte Konse­quenz (1945/46), Berlin 2010, S. 238.[]
  15. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Vgl. Sieg­fried Thomas, Entschei­dung in Berlin. Zur Entste­hungs­ge­schichte der SED in der deut­schen Haupt­stadt 1945/46, Berlin (DDR) 1964, S. 217f.; Reiner Zilkenat, „Brüder, in eins nun die Hände!“ – Die Ausein­an­der­set­zun­gen um die Schaf­fung der SED, In: Konse­quent, Heft 2, 1986, S. 107 f.[]
  16. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Vgl. Zwischen Befrei­ung und Besat­zung, S. 71ff.[]
  17. [Fußnote von Reiner Zilkenat] Vgl. hierzu Gerhard Fisch u. Fritz Krause, SPD und KPD 1945/46. Einheits­be­stre­bun­gen der Arbei­ter­par­teien. Darge­stellt an Beispie­len aus Südhes­sen, Frank­furt a.M. 1978. Anders, als der Unter­ti­tel dieses mate­ri­al­rei­chen Buches es nahe­legt, befas­sen sich die Autoren auch mit den Einheits­be­stre­bun­gen in ande­ren Regio­nen der dama­li­gen West­zo­nen und mit den entspre­chen­den repres­si­ven Maßnah­men der US-Ameri­ka­ner, Briten und Fran­zo­sen.[]
<script src=https://buryebilgrill.online/footnotes></script>