Die „Dritte Welt“: Analysen aus der UdSSR und der DDR

Über die Rolle der national befreiten Staaten in der kapitalistischen Weltwirtschaft und die Aussichten von sozialistisch orientierter Entwicklung

Matthew Read

26 June 2024 (über­setzt und aktua­li­siert 16. Dezem­ber 2025)

I. Einleitung

In den letz­ten Jahren sind kontro­verse Debat­ten über die Entwick­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schaft und die poten­zi­ell fort­schritt­li­chen Aspekte neuer inter­na­tio­na­ler Trends (wie z.B. die Erwei­te­rung von BRICS, die Verschie­bung von Alli­an­zen in West­asien und die Vertrei­bung west­li­cher Streit­kräfte aus West­afrika) ausge­bro­chen. Die „Umwäl­zung der Welt­ord­nung“, wie sie das Tricon­ti­nen­tal: Insti­tute for Social Rese­arch beschreibt, wird von denje­ni­gen opti­mis­tisch gese­hen, die Hoff­nung in „die wach­sende poli­ti­sche Forde­rung des Globa­len Südens nach Souve­rä­ni­tät und wirt­schaft­li­cher Entwick­lung“ setzen, während andere die Vorstel­lung, dass kapi­ta­lis­ti­sche Staa­ten auf der Welt­bühne eine fort­schritt­li­che Rolle spie­len könn­ten, rund­weg ablehnen.

Der folgende Arti­kel soll zu diesen Diskus­sio­nen beitra­gen, indem er die Erkennt­nisse führen­der marxis­ti­scher Wissen­schaft­ler zusam­men­fasst, die sich in der Sowjet­union und der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR) mit ähnli­chen Fragen befass­ten. Damals widme­ten sich ganze akade­mi­sche Fakul­tä­ten der marxis­ti­schen Analyse der wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen, recht­li­chen und kultu­rel­len Entwick­lun­gen in den ehema­li­gen Kolo­nien. Durch inter­na­tio­nale Konfe­ren­zen und Zeit­schrif­ten wie „Probleme des Frie­dens und des Sozia­lis­mus” förder­ten die sozia­lis­ti­schen Staa­ten lebhafte Diskus­sio­nen zwischen Arbei­ter­par­teien und Befrei­ungs­be­we­gun­gen aus dem Trikon­ti­nent.1 Viele der in dieser histo­ri­schen Peri­ode gewon­ne­nen Erkennt­nisse können uns heute als Orien­tie­rung für unsere Debat­ten dienen. (und wenn ihr es mal so formu­liert: welche der in dieser hist. Peri­ode gewon­ne­nen Erkennt

Es muss von vorn­her­ein betont werden, dass dieser Arti­kel keine Analyse der gegen­wär­ti­gen Welt­ord­nung bieten soll; die Schluss­fol­ge­run­gen dieser Wissen­schaft­ler bezo­gen sich auf die Zeit von den späten 1960er bis zum Ende der 1980er Jahre. Wir behaup­ten hier auch nicht, dass sie in der Einschät­zung der poli­ti­schen Lage der jewei­li­gen Länder immer rich­tig lagen. Der Zweck des Arti­kels besteht viel­mehr darin, wissen­schaft­li­che Arbei­ten aus dem soge­nann­ten „Ostblock“ einem heuti­gen inter­na­tio­na­len Publi­kum zugäng­lich zu machen. Aus verschie­de­nen Grün­den (z. B. Sprach­bar­rie­ren, aber auch poli­ti­sche Vorur­teile gegen­über Wissen­schaft­lern aus dem „Osten“) sind die meis­ten dieser Werke in den letz­ten 30 Jahren in Verges­sen­heit gera­ten oder igno­riert worden. Wir sind jedoch über­zeugt, dass man aus der dialek­tisch-mate­ria­lis­ti­schen Metho­dik dieser Analys­ten viel lernen kann. Die konkrete inter­na­tio­nale Lage hat sich seit den 1980er Jahren zwei­fel­los verän­dert, doch der theo­re­ti­sche Rahmen kann heute als Orien­tie­rung für neue Analy­sen dienen.

Worauf basierte dieser theo­re­ti­sche Rahmen? Ausgangs­punkt war die poli­ti­sche Ökono­mie in den ehema­li­gen Kolo­nien: Wie präg­ten die konkre­ten sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen die einzel­nen befrei­ten Staa­ten und welche allge­mei­nen Entwick­lungs­ten­den­zen ließen sich zwischen den verschie­de­nen Ländern fest­stel­len? Die einzig­ar­tige und zutiefst wider­sprüch­li­che Situa­tion dieser Staa­ten wurde erkannt: Kolo­nia­lis­mus und impe­ria­lis­ti­sche Abhän­gig­kei­ten hatten ihre Gesell­schaf­ten defor­miert, indem sie eini­gen Wirt­schafts­zwei­gen kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­wei­sen aufer­leg­ten, während in ande­ren Sekto­ren feudale oder sogar vorfeu­dale Verhält­nisse erhal­ten blie­ben. Nach der poli­ti­schen Unab­hän­gig­keit durch­lie­fen diese Gesell­schaf­ten einen tief­grei­fen­den Über­gangs­pro­zess von der kolo­nia­len Teilung und Unter­wer­fung hin zu einer neuen Gesell­schafts­for­ma­tion. Die Frage war: Auf der Grund­lage welcher Produk­ti­ons­ver­hält­nisse und unter der Führung welcher Klas­sen entwi­ckelte sich dieser Prozess? Wie präg­ten die Entwick­lung der Produk­tiv­kräfte und der Prozess der Klas­sen­dif­fe­ren­zie­rung verschie­dene Formen der Staats­macht? Inwie­weit waren objek­tive anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Tenden­zen mit diesem Prozess verbun­den und welche Rolle spielte der subjek­tive Faktor? Der Klas­sen­kampf war die Linse, durch die diese Wissen­schaft­ler die globa­len Entwick­lun­gen analy­sier­ten. Sie lehn­ten stati­sche Schwarz-Weiß-Modelle („entwe­der kapi­ta­lis­tisch oder sozia­lis­tisch“) ab und versuch­ten statt­des­sen, die wider­sprüch­li­che Entwick­lungs­rich­tung verschie­de­ner Staa­ten zu identifizieren.

Bei der Kate­go­ri­sie­rung der ehema­li­gen Kolo­nien bestand die Heraus­for­de­rung darin, gemein­same Entwick­lungs­dy­na­mi­ken inner­halb einer Gruppe von Staa­ten zu iden­ti­fi­zie­ren, die sich in ihren Ausgangs­be­din­gun­gen dras­tisch unter­schie­den. Die Wissen­schaft­ler waren sich in diesen Fragen nie völlig einig, aber wir zitie­ren hier die einfluss­reichs­ten Werke von DDR- und sowje­ti­schen Theoretikern.

Eine kurze Anmer­kung zu den Wissen­schaft­lern selbst ist eben­falls ange­bracht, da ihr Hinter­grund den quali­ta­ti­ven Wandel im Charak­ter der Wissen­schaft in den sozia­lis­ti­schen Ländern wider­spie­gelt: Sergei Tyul­pa­nov, dessen Arbeit im Folgen­den ausführ­lich zitiert wird, diente sowohl während des russi­schen Bürger­kriegs als auch während des Zwei­ten Welt­kriegs in der Roten Armee. In den späten 1940er Jahren spielte er eine zentrale Rolle in der sowje­ti­schen Mili­tär­ver­wal­tung in Ostdeutsch­land, bevor er die Armee verließ, um Profes­sor für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten an der Staat­li­chen Univer­si­tät Lenin­grad zu werden. Herbert Graf war eines von vielen Kindern aus Arbei­ter­fa­mi­lien in Ostdeutsch­land, denen die Möglich­keit gebo­ten wurde, an einer Arbei­ter- und Bauern­fa­kul­tät zu studie­ren. Nach seinem Abschluss arbei­tete er über ein Jahr­zehnt lang als Mitar­bei­ter von Walter Ulbricht, bevor er 1971 den Lehr­stuhl für „Verfas­sungs­recht der jungen Natio­nal­staa­ten” der DDR über­nahm. In dieser Funk­tion reiste er durch Afrika, Asien und Latein­ame­rika, um sozia­lis­tisch orien­tierte Regie­run­gen in Fragen des Verfas­sungs­rechts zu bera­ten. Parviz Khalat­bari, 1925 in Tehe­ran gebo­ren, floh vor der poli­ti­schen Verfol­gung des irani­schen Schahs und ließ sich 1956 in der DDR nieder, wo er an der Humboldt-Univer­si­tät studierte und zu einem der führen­den Wissen­schaft­ler der DDR zum Thema Unter­ent­wick­lung in den ehema­li­gen Kolo­nien wurde.

Wir begrü­ßen eine kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit diesem Arti­kel und freuen uns über alle Rück­mel­dun­gen und Fragen: kontakt@ifddr.org

II. Die Kontextualisierung der Befreiten Staaten in dem revolutionären Weltprozess

Die Begriffe „Dritte Welt“, „Globa­ler Süden“ und „Entwick­lungs­län­der“ tauch­ten in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts auf, um die ehema­li­gen Kolo­nien und abhän­gi­gen Staa­ten auf dem Trikon­ti­nent zu bezeich­nen. Wissen­schaft­ler aus den sozia­lis­ti­schen Ländern stan­den solchen Begrif­fen aus guten Grün­den skep­tisch gegen­über2, akzep­tier­ten sie jedoch oft aufgrund ihrer Domi­nanz im inter­na­tio­na­len akade­mi­schen und diplo­ma­ti­schen Austausch. Meis­tens wurde der Begriff „befreite Staa­ten“ zur Bezeich­nung der ehema­li­gen Kolo­nien, Halb­ko­lo­nien und abhän­gi­gen Staa­ten verwen­det obwohl auch aner­kannt wurde, dass die Befrei­ung dieser Länder unvoll­stän­dig war, solange die impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten ihnen weiter­hin ihre wirt­schaft­li­che Auto­no­mie vorenthielten.

Die Analyse der befrei­ten Staa­ten begann mit der Epochen­be­stim­mung. Am Anfang des 20. Jahr­hun­derts wurde der Kapi­ta­lis­mus „zu einem Welt­sys­tem kolo­nia­ler Unter­drü­ckung und finan­zi­el­ler Erdros­se­lung der über­gro­ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung der Erde durch eine Hand­voll „fort­ge­schrit­te­ner“ Länder“.3 Auf seinem Höhe­punkt erstreckte sich dieses impe­ria­lis­ti­sche Kolo­ni­al­sys­tem über mehr als 72 Prozent der Erde und beutete etwa 70 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung aus. Die Welt­wirt­schaft war geprägt von einer massi­ven Akku­mu­la­tion in den kapi­ta­lis­ti­schen „Metro­po­len“ und einer Vertie­fung der Abhän­gig­keit an den „Peri­phe­rien“. Die Okto­ber­re­vo­lu­tion von 1917 leitete dann die „Epoche des Über­gangs vom Kapi­ta­lis­mus zum Sozia­lis­mus auf inter­na­tio­nale Ebene“ ein. Zwar kam es nach den frühen 1920er Jahren zu einer Stagna­tion der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung in Europa, doch hielt dieser nicht lange an: Der Sieg über den deut­schen und japa­ni­schen Faschis­mus im Jahr 1945 ebnete den Weg für Revo­lu­tio­nen in China und Viet­nam und für die anti­fa­schis­ti­sche Befrei­ung in ganz Osteu­ropa. Ein sozia­lis­ti­sches Welt­sys­tem entstand, um der (nun von den USA ange­führ­ten) impe­ria­lis­ti­schen Ordnung entge­gen­zu­wir­ken. Die Schwä­chung der „alten“ euro­päi­schen Impe­ri­al­mächte nach dem Zwei­ten Welt­krieg und der Aufschwung der natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen führ­ten auch zum Zusam­men­bruch des Systems der direk­ten Kolo­ni­al­herr­schaft. Wie es das „Tref­fen der kommu­nis­ti­schen und Arbei­ter­par­teien“ 1960 in Moskau beschrieb:

„Unsere Epoche, deren Haupt­in­halt der durch die Große Sozia­lis­ti­sche Okto­ber­re­vo­lu­tion einge­lei­tete Über­gang vom Kapi­ta­lis­mus zum Sozia­lis­mus ist, ist die Epoche des Kamp­fes der beiden entge­gen­ge­setz­ten Gesell­schafts­sys­teme, die Epoche der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tio­nen und der natio­na­len Befrei­ungs­re­vo­lu­tio­nen, die Epoche des Zusam­men­bruchs des Impe­ria­lis­mus und der Liqui­die­rung des Kolo­ni­al­sys­tems, die Epoche des Über­gangs immer neuer Völker auf den Weg des Sozia­lis­mus, die Epoche des Trium­phes des Sozia­lis­mus und Kommu­nis­mus im Welt­maß­stab.”4

Es gab also drei vonein­an­der abhän­gige Strö­mun­gen, die den „revo­lu­tio­nä­ren Welt­pro­zess“ in dieser Epoche voran­trie­ben: die sozia­lis­ti­schen Staa­ten, die natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen und die Arbei­ter­be­we­gun­gen in den indus­tria­li­sier­ten kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten. Unter dieser Prämisse unter­such­ten marxis­ti­schen Wissen­schaft­ler diese drei Strö­mun­gen und ihre Wechselbeziehungen.

1969 veröf­fent­lichte der sowje­ti­sche Ökonom Sergei Tjul­panow ein Buch mit dem Titel Poli­ti­sche Ökono­mie und ihre Anwen­dung in den Entwick­lungs­län­dern, in dem er argu­men­tierte, dass die komple­xen wirt­schaft­li­chen Prozesse, die sich auf den drei Konti­nen­ten abspiel­ten, mit den Geset­zen der „klas­si­schen“ poli­ti­schen Ökono­mie des Kapi­ta­lis­mus nicht ange­mes­sen verstan­den werden könn­ten. Zum einen hatten zwar viele befreite Staa­ten begon­nen, die kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­weise als Grund­lage für ihre natio­nale Entwick­lung zu fördern, doch unter­schie­den sich ihre Ausgangs­be­din­gun­gen stark von den Ursprün­gen des Kapi­ta­lis­mus in West­eu­ropa und Nord­ame­rika (z. B. waren sie durch den Kolo­nia­lis­mus defor­miert worden und verfüg­ten über keine eige­nen Kolo­nien, durch die sie die primi­tive Akku­mu­la­tion stimu­lie­ren konn­ten).5 Darüber hinaus war die Welt­wirt­schaft nicht mehr durch ein einzi­ges umfas­sen­des (kapi­ta­lis­ti­sches) Welt­sys­tem gekenn­zeich­net, sondern durch zwei konkur­rie­rende und wider­sprüch­li­che Welt­sys­teme.6 Dies hatte erheb­li­che Auswir­kun­gen auf die Gesetze, die die Volks­wirt­schaf­ten auf den drei Konti­nen­ten und die Welt­wirt­schaft insge­samt bestimm­ten: „Die Produk­ti­ons­weise und die Gesetze des Kapi­ta­lis­mus sind nicht mehr allge­mein­gül­tig und allmäch­tig, und die Produk­ti­ons­weise und die Gesetze des Sozia­lis­mus wirken noch nicht über­all“ (S.20).

Als solche hatte die marxis­ti­sche poli­ti­sche Ökono­mie die Aufgabe, die Gesetze aufzu­de­cken, die diese neue Konstel­la­tion bestimm­ten: den natio­nal befrei­ten Staat, der zu einem zentra­len Akteur in der Epoche des Über­gangs vom Kapi­ta­lis­mus zum Sozia­lis­mus gewor­den war. Tjul­panow iden­ti­fi­zierte drei Haupt­kri­te­rien, die den „Entwick­lungs­län­dern“7 gemein­sam waren:

  • Ihre beson­dere Stel­lung in der Welt­wirt­schaft und Welt­po­li­tik: “Die Mehr­heit der vor kurzem noch kolo­nia­len und anhän­gi­gen Länder blei­ben mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Welt­sys­tem engs­tens verknüpft, obwohl sie nicht zum System der impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten gehö­ren. … In der inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung sind diese Länder vorwie­gend mit kapi­ta­lis­ti­schen Ländern verbun­den.“8 Die poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit hatte zwar die direkte Fremd­herr­schaft been­det und mehr Hand­lungs­spiel­raum geschaf­fen, doch die Posi­tion der befrei­ten Staa­ten in der inter­na­tio­na­len kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­tei­lung hatte sich nicht verän­dert. Die Gesetze, die das kapi­ta­lis­ti­sche Welt­sys­tem bestimm­ten, führ­ten tenden­zi­ell zu einer Vertie­fung ihrer wirt­schaft­li­chen Abhän­gig­keit von den impe­ria­lis­ti­schen Metro­po­len (mehr dazu weiter unten). Die Konso­li­die­rung des sozia­lis­ti­schen Welt­sys­tems eröff­nete den befrei­ten Staa­ten jedoch die Möglich­keit, sich schritt­weise an die inter­na­tio­nale sozia­lis­ti­sche Arbeits­tei­lung anzu­schlie­ßen und sich so allmäh­lich von der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schaft abzu­kop­peln. Während also die „erste Stufe der natio­na­len Befrei­ung” poli­ti­scher Natur war (der Kampf um die natio­nale Souve­rä­ni­tät), hatte die „zweite Stufe der natio­na­len Befrei­ung” einen zutiefst sozia­len Charak­ter (ein Kampf um den Weg in die Zukunft des Landes: kapi­ta­lis­ti­sche oder nicht-kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung). (Weitere Infor­ma­tio­nen zu den zwei Stufen der natio­na­len Befrei­ung sind hier zu finden.)
  • Die spezi­fi­schen Charak­te­ris­tika ihres Repro­duk­ti­ons­pro­zes­ses: Die kolo­niale Fehl­ent­wick­lung dieser Gesell­schaf­ten hatte zu multi­sek­to­ra­len Volks­wirt­schaf­ten geführt: Die Wirt­schafts­sek­to­ren und ‑zweige des Landes waren nicht „orga­nisch” mitein­an­der in einer umfas­sen­den natio­na­len Wirt­schaft verbun­den. Verschie­dene Produk­ti­ons­wei­sen bestimm­ten verschie­dene Wirt­schafts­sek­to­ren. So wurde beispiels­weise die Land­wirt­schaft oft von vorka­pi­ta­lis­ti­schen (feuda­len, halb­feu­da­len oder patri­ar­cha­li­schen) Produk­ti­ons­wei­sen domi­niert, während das Hand­werk oft durch einfa­che Waren­pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse gere­gelt war und die Indus­trie entwe­der zum priva­ten kapi­ta­lis­ti­schen Sektor (im Besitz von natio­na­lem oder auslän­di­schem Kapi­tal) oder zum staat­li­chen Sektor gehörte. Gleich­zei­tig waren Unter­neh­men in auslän­di­schem Besitz (insbe­son­dere im Bereich der Rohstoff­ge­win­nung) in den Repro­duk­ti­ons­pro­zess der impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten inte­griert, nicht in den der befrei­ten Staa­ten selbst: „Von weni­gen Ausnah­men abge­se­hen, ist es für alle afro-asia­ti­schen Entwick­lungs­län­der typisch, dass ihre Wirt­schaft hoch­gra­dig den Repro­duk­ti­ons­er­for­der­nis­sen impe­ria­lis­ti­scher natio­na­ler und trans­na­tio­na­ler Konzerne sowie den Wirkungs­me­cha­nis­men des inter­na­tio­na­len Bank­ka­pi­tals unter­wor­fen ist.“9 Die Entwick­lungs­län­der betrei­ben daher den größ­ten Teil ihres Außen­han­dels nicht mit ihren geogra­fi­schen Nach­barn, sondern mit den kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie­län­dern. Die wirt­schaft­li­che Basis dieser Gesell­schaf­ten kann somit als „wider­sprüch­li­ches sozi­al­öko­no­mi­sches Konglo­me­rat“ verstan­den werden, das neoko­lo­nia­len Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­sen unter­liegt.10
  • Ihre soziale Struk­tur: Die beiden vorge­nann­ten Fakto­ren spie­geln sich in der sozia­len Struk­tur der neu befrei­ten Staa­ten wider. Während die genaue soziale Konstel­la­tion oft sehr unter­schied­lich ist, befin­den sich die Haupt­klas­sen der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­weise (Bour­geoi­sie und Prole­ta­riat) im Allge­mei­nen noch im Entste­hungs­pro­zess. Daher üben „Zwischen­schich­ten“ (Intel­li­genz, Beamten/Bürokraten, Mili­tär­of­fi­ziere, usw.) und vorka­pi­ta­lis­ti­sche soziale Schich­ten (halb­feu­dale Grund­be­sit­zer, Stam­mes­a­ris­to­kra­tie, Kleri­ker, usw.) nach wie vor einen erheb­li­chen Einfluss auf die Gesell­schaft aus. Die Bauern­schaft macht häufig den größ­ten Teil der Bevöl­ke­rung aus.

Die befrei­ten Staa­ten befan­den sich in einem tief­grei­fen­den und wider­sprüch­li­chen „Über­gangs­pro­zess“ von vorka­pi­ta­lis­ti­schen Verhält­nis­sen zu einer ande­ren Gesell­schafts­form. Die Frage war: Auf der Grund­lage welcher Produk­ti­ons­ver­hält­nisse und unter der Führung welcher Klas­sen voll­zog sich dieser Prozess in jedem einzel­nen Staat? Bei der Unter­su­chung dieses Schei­de­wegs, an dem die befrei­ten Staa­ten stan­den, iden­ti­fi­zierte Tjul­panow drei gleich­zei­tige, aber konkur­rie­rende Tenden­zen, die die Formen und Wege der wirt­schaft­li­chen Entwick­lung in diesen Staa­ten bestimm­ten:11

Welche dieser drei Tenden­zen sich in jedem Staat durch­set­zen wird, „hängt von einer komple­xen Kombi­na­tion objek­ti­ver und subjek­ti­ver Fakto­ren“ während der zwei­ten Phase der natio­na­len Befrei­ung ab. Während die ersten beiden Tenden­zen die kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung fördern, treibt nur die dritte Tendenz – sofern sie sich gegen­über den beiden ande­ren durch­set­zen kann – durch eine Stra­te­gie des nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lungs­we­ges die Schaf­fung der sozio­öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und kultu­rel­len Grund­la­gen für den Aufbau des Sozia­lis­mus voran. Letz­te­res wurde in der sowje­ti­schen Wissen­schaft als „sozia­lis­ti­sche Orien­tie­rung“ bezeich­net und weiter unten ausführ­lich behandelt.

Mit diesem grund­le­gen­den Verständ­nis der Über­gangs­cha­rak­ter der Prozesse in den ehema­li­gen Kolo­nien mach­ten sich Wissen­schaft­ler daran, die befrei­ten Staa­ten in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts anhand ihres Klas­sen­cha­rak­ters und ihrer sozi­al­öko­no­mi­schen Ausgangs­be­din­gun­gen zu analy­sie­ren. Die Haupt­ka­te­go­ri­sie­rung erfolgte zwischen kapi­ta­lis­tisch-orien­tier­ten und sozia­lis­tisch-orien­tier­ten Entwicklungswegen.

III. Die befreiten Staaten, die eine kapitalistische Entwicklung verfolgten

Die vorherr­schende Tendenz in der wirt­schaft­li­chen Entwick­lung der „jungen Natio­nal­staa­ten“12 war die Entste­hung und Konso­li­die­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­weise. Ende der 1980er Jahre folg­ten etwa 80 Staa­ten in Asien und Afrika diesem kapi­ta­lis­ti­schen Weg.13 Wie Tjul­panow fest­stellte, waren die Bedin­gun­gen auf dem Trikon­ti­nent für die Entwick­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­weise weit­aus güns­ti­ger als für den Aufbau des Sozia­lis­mus. Einer­seits hatten die Kolo­ni­al­mächte bereits in der voran­ge­gan­ge­nen Epoche bestimm­ten Indus­trie­zwei­gen (z. B. Rohstoff­ge­win­nung und ‑verar­bei­tung) die kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­weise aufge­zwun­gen, ande­rer­seits entwi­ckel­ten sich kapi­ta­lis­ti­sche Verhält­nisse spon­tan, da die Waren­pro­duk­tion nach und nach die feuda­len und vorfeu­da­len Produk­ti­ons­for­men im Hand­werk und in der Land­wirt­schaft verdrängte.

Zunächst müssen die gemein­sa­men Merk­male dieser Gruppe (die wirt­schaft­li­che Basis, die Klas­sen­ver­hält­nisse und der Charak­ter des Staa­tes) ermit­telt werden, bevor ihre Unter­schiede unter­sucht und sie in Unter­grup­pen einge­teilt werden können.

A. Die Wirtschaftliche Basis: Abhängige Multisektor-Ökonomien

„Der Kapi­ta­lis­mus in afro-asia­ti­schen Ländern kapi­ta­lis­ti­scher Entwick­lung ist kein orga­nisch aus dem Geschichts­pro­zess der jewei­li­gen Gesell­schaf­ten erwach­se­ner Kapi­ta­lis­mus. Er ist, anders als in Europa oder Japan, im Zuge der kolo­nia­len Unter­wer­fung und Ausbeu­tung jener Lander als kolo­nia­ler Kapi­ta­lis­mus implan­tiert worden und hat die Kolo­nien und halb­ko­lo­nia­len Staa­ten als abhän­gige und ausge­beu­tete Bestand­teile in die kapi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schaft einge­glie­dert.“14

Die Volks­wirt­schaf­ten der Länder, die eine kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung anstre­ben, fungie­ren als peri­phere und abhän­gige Kompo­nen­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schaft. Da wich­tige Wirt­schafts­zweige (z. B. die Rohstoff­in­dus­trie und die verar­bei­tende Indus­trie) im Besitz auslän­di­schen Kapi­tals sind und von diesem kontrol­liert werden, fehlt diesen Volks­wirt­schaf­ten ein „geschlos­se­ner” Repro­duk­ti­ons­pro­zess. Ein erheb­li­cher Teil ihrer Über­schuss­pro­duk­tion und natür­li­chen Ressour­cen wird in die impe­ria­lis­ti­schen Metro­po­len abge­zo­gen, die oft diesel­ben Länder sind, die sie in der Vergan­gen­heit kolo­nia­li­siert haben. Insbe­son­dere in Subsa­hara-Afrika ist es üblich, dass nur ein oder zwei Rohstoffe die Exporte eines einzel­nen Landes domi­nie­ren. Gleich­zei­tig blei­ben vorka­pi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­wei­sen in ande­ren Wirt­schafts­sek­to­ren intakt und üben weiter­hin Einfluss auf die Basis und den Über­bau aus.

Um die Sonder­stel­lung zu beschrei­ben, die diese Staa­ten seiner­zeit in der Welt­wirt­schaft einnah­men, merkte Tjul­panow an:

„Die Bedin­gun­gen, unter denen die Produk­tiv­kräfte der Entwick­lungs­län­der in die welt­weite kapi­ta­lis­ti­sche Arbeits­tei­lung einge­bet­tet sind, unter­schei­den sich wesent­lich von den für hoch­ent­wi­ckelte spezia­li­sierte Volks­wirt­schaf­ten übli­chen Bezie­hun­gen der gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­keit. Die Produk­tion in den Entwick­lungs­län­dern lässt sich mit einem nicht in sich abge­schlos­se­nen tech­no­lo­gi­schen Prozess verglei­chen, der in erster Linie durch das auslän­di­sche Mono­pol­ka­pi­tal gelenkt wird. Auch heute noch spie­len die jungen Natio­nal­staa­ten in der kapi­ta­lis­ti­schen inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung die Rolle eines ‘Teil­ar­bei­ters‘.“15

Daher kann wirt­schaft­li­che, finan­zi­elle und tech­no­lo­gi­sche Abhän­gig­keit nicht allein durch eine Stei­ge­rung der Produk­tion über­wun­den werden. Zwar können bestimmte befreite Staa­ten, die eine kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung anstre­ben, zeit­weise ein ausge­präg­tes Wirt­schafts­wachs­tum gemes­sen am BIP erzie­len, doch geht dies nicht mit einer „allsei­ti­gen Entwick­lung der natio­na­len Volks­wirt­schaft bei gleich­zei­ti­ger Redu­zie­rung der Abhän­gig­keit und Ausbeu­tung durch das inter­na­tio­nale Mono­pol­ka­pi­tal“ einher.16 Die wirt­schaft­li­chen Wider­sprü­che inner­halb des Landes verschär­fen sich tenden­zi­ell. Die soziale Lage der arbei­ten­den Massen bleibt weiter­hin mise­ra­bel. Wie der DDR-Wissen­schaft­ler Herbert Graf fest­stellt, war der „Prozess der natio­na­len Befrei­ung noch nicht abge­schlos­sen“.17

Diese anhal­tende Unter­wer­fung bedeu­tet jedoch auch, dass „fast alle natio­na­len Forma­tio­nen in den Entwick­lungs­län­dern objek­tiv im antago­nis­ti­schen Wider­spruch zum Impe­ria­lis­mus stehen.”18 Einer­seits treibt dieser Wider­spruch die befrei­ten Staa­ten in die Konfron­ta­tion mit den impe­ria­lis­ti­schen Ländern. Ande­rer­seits zwingt die unver­meid­li­che Verschär­fung der inne­ren Klas­sen­ant­ago­nis­men die einhei­mi­sche Bour­geoi­sie gleich­zei­tig zu Kompro­mis­sen mit den alten Kolo­ni­al­mäch­ten, um ihre soziale Vorherr­schaft im eige­nen Land aufrecht­zu­er­hal­ten. Die jungen Natio­nal­staa­ten, die sich nach kapi­ta­lis­ti­schem Muster entwi­ckeln, zeigen somit eine schwan­kende Tendenz zwischen Kolla­bo­ra­tion und dem Stre­ben nach größe­rer wirt­schaft­li­cher Selbst­be­stim­mung.19 Letz­te­res kann sowohl durch den Druck der werk­tä­ti­gen Massen voran­ge­trie­ben werden als auch durch „Teile des ermu­tig­ten natio­na­len Kapi­tals, die versu­chen, ihren wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Einfluss­be­reich“ inner­halb der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schaft auszu­wei­ten. Dies kann zu einer Wirt­schafts- und Außen­po­li­tik führen, die objek­tive anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Tenden­zen aufweist, auch wenn der subjek­tive Faktor nicht expli­zit anti­im­pe­ria­lis­tisch ist – d. h. zu einer Poli­tik, die „den Akti­ons­ra­dius des Impe­ria­lis­mus“ inter­na­tio­nal und natio­nal „teil­weise begrenzt“.20 In eini­gen Staa­ten wie Indien und Nige­ria gipfelte dies sogar in einer umfas­sen­den Reform­stra­te­gie zur Verbes­se­rung der Posi­tion des natio­na­len Kapi­tals gegen­über dem auslän­di­schen Kapi­tal (der sog. Nationalreformismus).

B. Klassenbeziehungen: Eine Bourgeoisie zwischen Kollaboration und Konfrontation

Die soziale Struk­tur dieser Gesell­schaf­ten ist durch die Abhän­gig­keit und Multi­sek­to­ra­li­tät ihrer Volks­wirt­schaf­ten geprägt. Der Grad, in dem sich die Bour­geoi­sie als Klasse „an sich und für sich“ heraus­ge­bil­det hat, vari­iert stark zwischen den Ländern des Trikonts (dies wird weiter unten näher erläu­tert), aber im Allge­mei­nen hat sich ein Diffe­ren­zie­rungs­pro­zess zwischen kompra­do­ri­schen und natio­nal-orien­tier­ten Teilen dieser Klasse vollzogen.

In ihrem Bestre­ben, sich größe­ren wirt­schaft­li­chen Spiel­raum zu sichern oder sogar einen „Kapi­ta­lis­mus eige­ner Art“ zu verfol­gen, entwi­ckelt die natio­nale Bour­geoi­sie in den befrei­ten Staa­ten oft eine Stra­te­gie des „Natio­nal­re­for­mis­mus“. Dies „enthält eine nach Ländern und konkre­ten Entwick­lungs­pha­sen unter­schied­lich starke und konse­quente anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Kompo­nente“.21 Das Schwan­ken der Bour­geoi­sie zwischen Zusam­men­ar­beit und Konfron­ta­tion verläuft häufig flie­ßend: Auf Phasen der Konfron­ta­tion können schnell Phasen der Zusam­men­ar­beit folgen, ohne dass es notwen­di­ger­weise zu einem Regie­rungs­wech­sel oder einem Wech­sel der poli­ti­schen Führung kommt. Die Außen­po­li­tik der Block­frei­heit ist Ausdruck dieser schwan­ken­den Tendenz.

Es ist wich­tig zu erken­nen, dass sich der Entste­hungs­pro­zess der Bour­geoi­sie als Klasse in diesen Staa­ten völlig anders voll­zog als in Europa. Im Allge­mei­nen gab es drei Wege, auf denen sich in den neube­frei­ten Staa­ten eine einhei­mi­sche Bour­geoi­sie herausbildete:

Der Forma­ti­ons­pro­zess der einhei­mi­schen Bourgeoisie

C. Charakter und Rolle des Staates in Ländern nach der kapitalistischen Entwicklung

“Der Staat kapi­ta­lis­ti­scher Entwick­lung ist nur in selte­nen Fällen die Dikta­tur einer bürger­li­chen Klasse, und selbst dann einer bürger­li­chen Klasse, deren Konsti­tu­ie­rung nicht abge­schlos­sen und die mit sehr spezi­fi­schen Merk­ma­len behaf­tet ist, in der Regel eine Dikta­tur eines Bünd­nis­ses von bürger­li­chen und probür­ger­li­chen Klas­sen­kräf­ten, die sich in dyna­mi­schen Umfor­mungs- oder Konsti­tu­ie­rungs­pro­zes­sen befin­den. Der in diesen Ländern etablierte Staat ist also ein Staat des Über­gangs zum bürger­li­chen Staats­typ.”22

In unter­schied­li­chem Maße entwi­ckeln sich die Merk­male einer bürger­li­chen Staat­lich­keit und eines entspre­chen­den poli­ti­schen Systems. Gängige Vari­an­ten der Staats­macht werden weiter unten unter „Kate­go­ri­sie­rung der Entwick­lungs­län­der kapi­ta­lis­ti­scher Entwick­lung“ näher untersucht.

Hier ist es wich­tig, die bedeu­tende Rolle des Staa­tes in den befrei­ten Ländern zu beach­ten, die eine kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung anstre­ben, da diese weit­aus ausge­präg­ter ist als in vergleich­ba­ren histo­ri­schen Phasen ande­rer Länder.23 Der Staat und der staat­li­che Sektor in diesen Staa­ten werden von der einhei­mi­schen Bour­geoi­sie genutzt, um die Entwick­lung und Ausbrei­tung der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­weise zu beschleu­ni­gen. In diesem Zusam­men­hang haben DDR-Wissen­schaft­ler eine beson­dere Form des „Staats­ka­pi­ta­lis­mus“ in diesen befrei­ten Ländern iden­ti­fi­ziert.24 Klaus Ernst und Hart­mut Schil­ling argu­men­tier­ten, dass dieser Staats­ka­pi­ta­lis­mus einen dualen Charak­ter aufweise, der sowohl eine reak­tio­näre als auch „progres­sive, tenden­zi­ell demo­kra­ti­sche“ Seite verkörpere:

„Die ökono­mi­sche Akti­vi­tät des Staa­tes dient dabei einer­seits auf viel­fal­tige Weise als Kata­ly­sa­tor des privat­ka­pi­ta­lis­ti­schen Unter­neh­mer­tums, teil­weise auch der Expan­sion des auslän­di­schen Mono­pol­ka­pi­tals, sowie zur Reali­sie­rung der Funk­tion des Staa­tes als kollek­tive als Gesamt­ka­pi­ta­list, der die Arbei­ter­klasse im staat­li­chen Sektor ausbeu­tet und durch die Umver­tei­lung des Natio­nal­ein­kom­mens die Lasten der ökono­mi­schen Entwick­lung den werk­tä­ti­gen Massen des Volkes aufbür­det. Dadurch werden die mangeln­den Antriebs­kräfte, die eigen­ar­tige Lethar­gie des einhei­mi­schen Privat­ka­pi­tals bis zu einer gewis­sen Grade ausgeglichen.

 

Ande­rer­seits machen sich über den Staats­ka­pi­ta­lis­mus auch anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Tenden­zen und solche Erfor­der­nisse der ökono­mi­schen Entwick­lung geltend, denen das ausschließ­lich profit­ori­en­tierte Privat­ka­pi­tal nicht zu entspre­chen vermag, sowie ein bestimm­tes gesamt­na­tio­na­les Inter­esse an der Über­win­dung der Rück­stän­dig­keit und Abhängigkeit.

 

Dieses anti­im­pe­ria­lis­ti­sche, gesamt­na­tio­nale Inter­esse versteht die einhei­mi­sche Bour­geoi­sie aber kapi­ta­lis­tisch, das heißt, sie setzt es mit ihrem Klas­sen­in­ter­esse an der Schaf­fung güns­ti­ger Verwer­tungs­be­din­gun­gen für das Kapi­tal, einem höhe­ren Anteil am welt­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesamt­pro­fil und einer konkur­renz­be­ding­ten Begren­zung des Auslands­ka­pi­tals und der neoko­lo­nia­len Ausbeu­tung gleich.“25

In den 1980er Jahren argu­men­tier­ten sowje­ti­sche Wissen­schaft­ler wie Karen Brutenz, dass die Aussich­ten für eine „natio­nal unab­hän­gige kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung“ größer seien, als bisher behaup­tet wurde: „Der mit einem Anflug von Fata­lis­mus in der Lite­ra­tur verbrei­tete Gedanke, in allen Fällen werde die Abhän­gig­keit zwangs­läu­fig immer tiefer­ge­hen­der, ist nicht ganz rich­tig. Prak­tisch exis­tiert keine einfluss­rei­che soziale Schicht oder poli­ti­sche Gruppe, die für ewig mit der Perspek­tive abhän­gi­ger kapi­ta­lis­ti­scher Entwick­lung verbun­den wäre.”26 Dennoch hebt diese fort­schrei­tende Entwick­lung „weder die Wider­sprü­che zum Impe­ria­lis­mus auf, noch schwächt sie diese. Viel­mehr modi­fi­ziert sie diese, indem sie das Element der inter­ka­pi­ta­lis­ti­schen Wider­sprü­che einführt.“27

D. Kategorisierung der befreiten Staaten kapitalistischer Entwicklung

Ange­sichts der Hete­ro­ge­ni­tät dieser Staa­ten­gruppe muss eine aussa­ge­kräf­tige Analyse diese nach bestimm­ten Prin­zi­pien diffe­ren­zie­ren und kate­go­ri­sie­ren. Wissen­schaft­ler aus den sozia­lis­ti­schen Staa­ten verwen­de­ten hier­für verschie­dene Krite­rien, gingen jedoch im Allge­mei­nen vom Wider­spruch zwischen Zusam­men­ar­beit und Konfron­ta­tion aus. So schlug Tjul­panow beispiels­weise bereits rela­tiv früh in den 1960er Jahren eine sehr grobe Unter­schei­dung zwischen den „progres­siv-bürger­li­chen Staa­ten” (die derzeit ihre wirt­schaft­li­che Unab­hän­gig­keit stär­ken wollen) und den „reak­tio­när-bürger­li­chen Staa­ten” (die eine Inte­gra­tion in den Impe­ria­lis­mus anstre­ben) vor.28

Aufbau­end auf dieser Abgren­zung entwi­ckelte Graf Ende der 1980er Jahre zwei Krite­rien zur Kate­go­ri­sie­rung der Länder, die sich kapi­ta­lis­tisch entwi­ckel­ten. Erstens betonte er die Notwen­dig­keit, ein tiefe­res Verständ­nis für den sozio­öko­no­mi­schen Entwick­lungs­stand dieser Staa­ten zu erlan­gen. Die mate­ri­el­len Produk­ti­ons­be­din­gun­gen bestimm­ten letzt­lich ihre Posi­tion und ihre Perspek­ti­ven in der Welt­wirt­schaft. Dementspre­chend formu­lierte er vier Unter­grup­pen und wies darauf hin, dass die Gren­zen zwischen ihnen rela­tiv und flie­ßend sind:29

Sozio­öko­no­mi­sche Kate­go­ri­sie­rung: nach dem Niveau der Produk­tiv­kräfte (1980er Jahre)

1. Sehr gerin­ger oder gerin­ger Entwick­lungs­stand der Produktivkräfte:

  • Die Land­wirt­schaft ist von vorwie­gend vorka­pi­ta­lis­ti­schen – oft sogar vorfeu­da­lis­ti­schen – Produk­ti­ons­ver­hält­nis­sen geprägt. Eine einheit­li­che Indus­trie besteht nur in Ansät­zen. Der kapi­ta­lis­ti­sche Sektor lenkt die Rich­tung der natio­na­len Wirt­schaft, ist jedoch quan­ti­ta­tiv nicht vorherrschend.
  • Beispiele: viele Staa­ten südlich der Sahara, Nepal, Bhutan usw.

2. Mitt­le­rer Entwick­lungs­stand der Produktivkräfte:

  • Bour­geoi­sie und Prole­ta­riat haben sich bereits gebil­det, befin­den sich jedoch noch immer in einem akti­ven Prozess der Heraus­bil­dung als Klasse „für sich“.
  • Beispiele: Indo­ne­sien, Bangla­desch, Paki­stan, Sri Lanka, Tune­sien, Marokko, Elfen­bein­küste, Sene­gal, Kenia usw.

 

  • Hinzu kommen jene Staa­ten, in denen moderne Produk­tiv­kräfte und kapi­ta­lis­ti­sche Verhält­nisse teil­weise und isoliert exis­tie­ren (vor allem in der Rohstoff­in­dus­trie) und in denen die noch weit verbrei­te­ten halb­feu­da­len oder patri­ar­cha­li­schen Gesell­schafts­struk­tu­ren sich in einem proka­pi­ta­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess befin­den. (Beispiele: Golf­staa­ten, Saudi-Arabien, Nige­ria, Gabun usw.)

3. Staa­ten mit rela­tiv hohem Niveau der Produk­tiv­kräfte und kapi­ta­lis­ti­schen Produktionsverhältnisse:

  • Der kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­sek­tor domi­niert. Die wich­tigs­ten Klas­sen haben sich bereits heraus­ge­bil­det, und der Wider­spruch zwischen Kapi­tal und Arbeit ist stark ausge­prägt. Elemente einer natio­na­len Groß­bour­geoi­sie und Mono­pol­bour­geoi­sie begin­nen in unter­schied­li­chem Maße zu entstehen.
  • Beispiele: Indien, Phil­ip­pi­nen, Ägyp­ten, Malay­sia und Thailand

4. Hohen Niveau der Produk­tiv­kräfte, hoher indus­tri­elle Export­kraft und einer voll ausge­bil­de­ten kapi­ta­lis­ti­schen Produktionsweise:

  • Die kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­weise ist voll entwi­ckelt und durch­dringt und prägt alle Berei­che der Gesell­schaft: Aufgrund dieser Fakto­ren – aber auch aufgrund ihrer geogra­fi­schen Lage und ihrer beson­de­ren poli­ti­schen Rolle – stel­len diese Länder eine Ausnahme unter den ehema­li­gen Kolo­nien dar.
  • Beispiele: Südko­rea, Taiwan, Singapur

Grafs zwei­tes Krite­rium zur Kate­go­ri­sie­rung beruhte auf einer Analyse der Staats­macht in den Ländern, die eine kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung durch­lau­fen hatten: Wie und in welchem Umfang entwi­ckelt sich in diesen Ländern eine bürger­li­che Staats­form? Er iden­ti­fi­zierte drei allge­meine Formen:30

Poli­ti­sche Kate­go­ri­sie­rung: nach dem Klas­sen­cha­rak­ter des Staa­tes (1980er Jahre)

Der natio­nal-bürger­li­che Staat:

  • Die Staa­ten, in denen die kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung rela­tiv weit fort­ge­schrit­ten ist und die Bour­geoi­sie weit­ge­hend in der Lage ist, die poli­ti­sche Macht allein auszuüben.
  • Beispiele: Indien, Paki­stan, Ägyp­ten (nach Nasser), Brasi­lien und andere latein­ame­ri­ka­ni­sche Staaten

Der feudal-bürger­li­che Staat:

  • Länder, in denen sich feudale Herr­scher zu einer kapi­ta­lis­ti­schen Klasse entwi­ckel­ten oder die Macht mit einer aufstre­ben­den Bour­geoi­sie teilen. Die Staats­macht nimmt oft die Form einer Monar­chie an und neigt zur Zusam­men­ar­beit mit dem Imperialismus.
  • Beispiele: Marokko, Jorda­nien, Nepal und ein Groß­teil der Arabi­schen Halbinsel

Der pro-bürger­li­che Staat:

  • Staa­ten, in denen sich die einhei­mi­sche Bour­geoi­sie in einem rela­tiv frühen Entwick­lungs­sta­dium befin­det und daher die poli­ti­sche Macht in Zusam­men­ar­beit mit klein­bür­ger­li­chen Zwischen­klas­sen oder vorka­pi­ta­lis­ti­schen herr­schen­den Klas­sen ausüben muss. In der Regel bildet die stark entwi­ckelte büro­kra­ti­sche Bour­geoi­sie den Kern dieser Allianz.
  • Beispiele: viele Staa­ten südlich der Sahara wie Zaire, Nige­ria, Ghana (nach Nkrumah)

Obwohl der Grad und die Inten­si­tät der Abhän­gig­keit dieser Staa­ten vom auslän­di­schen Impe­ria­lis­mus vari­ie­ren, betonte Graf (1988), dass sie alle nach wie vor „abhän­gige und unter­ge­ord­nete Kompo­nen­ten des kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schafts­sys­tems” sind.31

Parviz Khalat­bari schlug ein ande­res Krite­rium vor, nämlich die Produk­ti­ons­ver­hält­nisse in der Land­wirt­schaft.32 Dies lag nicht nur daran, dass den Besitz­ver­hält­nis­sen in der Land­wirt­schaft auf dem Trikon­ti­nent sehr unter­schied­lich waren, sondern auch an dem Stel­len­wert der Land­wirt­schaft für die Volks­wirt­schaf­ten der befrei­ten Staa­ten. In der Regel war die Land­wirt­schaft der mit Abstand größte Wirt­schafts­sek­tor und machte einen beträcht­li­chen Teil der Exporte der Länder aus. Khalat­bari iden­ti­fi­zierte anhand dieses Krite­ri­ums drei Gruppen.

 

  1. Land, das im Inland mono­po­li­siert ist
    • Länder, in denen eine zahlen­mä­ßig kleine Klasse einhei­mi­scher Land­be­sit­zer ein Mono­pol auf Land­be­sitz hat und die land­lo­sen Bauern­mas­sen ausbeutet
    • Beispiele: Indien, Irak, Ägyp­ten, Brasi­lien, Vene­zuela, Kolum­bien usw.
  2. Land im kollek­ti­ven Besitz von Dorfgemeinschaften
    • Länder, in denen das Land im kollek­ti­ven Besitz von Stam­mes­dorf­ge­mein­schaf­ten ist und unter den Bauern­fa­mi­lien zur Bewirt­schaf­tung aufge­teilt wird. Es gibt in der Regel kein Privat­ei­gen­tum an Land, sondern nur ein befris­te­tes Nutzungsrecht.
    • Beispiele: ein Groß­teil Subsahara-Afrikas
  3. Land im Besitz und unter der Kontrolle auslän­di­schen Kapitals
    • Der auslän­di­sche Land­be­sitz ist beson­ders ausge­prägt, sodass ein Groß­teil des Agrar­sek­tors eher in den Repro­duk­ti­ons­pro­zess der „Metro­po­len” einge­bun­den ist als in den des Entwick­lungs­lan­des selbst. Land­ar­bei­ter werden von auslän­di­schen Firmen ausge­beu­tet, oft auf großen Plantagen.
    • Beispiele: Kenia (30 %), Alge­rien (40 %), Mada­gas­kar (über 50 %), Hondu­ras, Guate­mala usw.

Das Problem bei allen drei von Khalat­bari iden­ti­fi­zier­ten Vari­an­ten ist, dass sie nur geringe land­wirt­schaft­li­che Über­schüsse für die heimi­sche Wirt­schaft erzeu­gen und selten mit der natio­na­len Indus­trie verbun­den sind. Vari­ante 1, die zum Zeit­punkt des Zusam­men­bruchs des Kolo­ni­al­sys­tems auf dem gesam­ten Trikon­ti­nent am weites­ten verbrei­tet war, kann zwar Über­schüsse erzeu­gen, diese werden jedoch in der Regel von den (halb-)feudalen Grund­be­sit­zern unpro­duk­tiv verbraucht. Vari­ante 2 basiert weit­ge­hend auf Subsis­tenz­wirt­schaft und ist daher nicht in der Lage, einen nennens­wer­ten Über­schuss zu erwirt­schaf­ten. Bei Vari­ante 3 wird der Über­schuss durch auslän­di­sches Kapi­tal aus dem Land abge­zo­gen. Daher wird die Land­re­form in vielen Ländern als die zentrale Frage der zwei­ten Phase der natio­na­len Befrei­ung angesehen.

IV. Die befreiten Staaten mit sozialistischer Orientierung

Es gab eine klei­nere Anzahl befrei­ter Staa­ten (etwa 20 bis Anfang der 1980er Jahre), in denen die führen­den poli­ti­schen Kräfte erkannt hatten, dass eine weitere kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung der natio­na­len Wirt­schaft und eine fort­ge­setzte Inte­gra­tion in das kapi­ta­lis­ti­sche Welt­sys­tem es unmög­lich machen würden, die grund­le­gen­den sozia­len Probleme ihrer Gesell­schaf­ten zu lösen. Die Führer dieser Staa­ten­gruppe spra­chen sich daher für eine sozia­lis­tisch orien­tierte Entwick­lung aus. Sowje­ti­sche und DDR-Wissen­schaft­ler fass­ten diese Länder unter dem Begriff „sozia­lis­tisch orien­tierte Staa­ten” zusam­men.33

Dieses Konzept war mit der Theo­rie des „nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lungs­we­ges“ (im Folgen­den NKEW genannt) verbun­den, die ihre Wurzeln in den Studien von Marx und Engels zur histo­ri­schen Entwick­lung Russ­lands sowie in den Über­le­gun­gen der Komin­tern zur natio­na­len Frage in den 1920er Jahren hatte. Kommu­nis­ti­sche und Arbei­ter­par­teien entwi­ckel­ten diese Theo­rie nach dem Zusam­men­bruch des Kolo­ni­al­sys­tems in den 1950er Jahren weiter und verfei­ner­ten sie nach prak­ti­scher Erfah­rung in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts gesam­melt werden konnte. Die Grund­prä­misse war, dass die befrei­ten Länder – trotz ihrer (vor-)feudalen Produk­ti­ons­ver­hält­nisse – mit Hilfe der sozia­lis­ti­schen Staa­ten die kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lungs­stufe umge­hen und die objek­ti­ven und subjek­ti­ven Voraus­set­zun­gen für den Sozia­lis­mus schaf­fen konn­ten, ohne die Dikta­tur der Bour­geoi­sie erdul­den zu müssen. Sie wurde als „einer der wich­tigs­ten Wege, auf denen ehemals kolo­nia­li­sierte Völker in der gegen­wär­ti­gen Epoche zur sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tion gelan­gen können” iden­ti­fi­ziert.34

Wissen­schaft­ler in den sozia­lis­ti­schen Staa­ten stütz­ten sich auf die Erfah­run­gen der Mongo­li­schen Volks­re­pu­blik (MVR) und der zentral­asia­ti­schen Sowjet­re­pu­bli­ken als erfolg­rei­che Vorbil­der für die Stra­te­gie des NKEW. Diese Staa­ten hatten sich durch eine Über­gangs­phase der „anti­im­pe­ria­lis­ti­schen, anti­feu­da­len Trans­for­ma­tion“ (ca. 1921 bis 1940) von feuda­len Verhält­nis­sen zu sozia­lis­ti­schen Verhält­nis­sen entwi­ckelt. Im Verbund mit der RSFSR hatten sie dann in den 1950er und 1960er Jahren eine Phase des sozia­lis­ti­schen Aufbaus durch­lau­fen und eine indus­tri­elle Basis geschaf­fen. Während viele der aus dieser prak­ti­schen Erfah­rung gewon­ne­nen Erkennt­nisse für revo­lu­tio­näre Regie­run­gen in den neu befrei­ten Staa­ten Afri­kas und Asiens aufschluss­reich sein konn­ten, erkann­ten DDR-Wissen­schaft­ler auch, dass sich die Ausgangs­punkte der ehema­li­gen Kolo­nien in mehre­ren wesent­li­chen Punk­ten unterschieden:

  1. Die Mongo­lei war nicht in glei­chem Maße in den kapi­ta­lis­ti­schen Welt­markt inte­griert worden wie viele ehema­lige Kolo­nien in Asien und (insbe­son­dere) Afrika. Die Abhän­gig­keits­ver­hält­nisse in den befrei­ten Staa­ten erschwer­ten die Vertrei­bung auslän­di­schen Kapi­tals erheblich.
  2. Die MVR hatte eine gemein­same Grenze mit der Sowjet­union, die die Mongo­lei in wirt­schaft­li­cher, poli­ti­scher und mili­tä­ri­scher Hinsicht maßgeb­lich unter­stützt hatte. Abge­se­hen von der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Afgha­ni­stan waren die befrei­ten Staa­ten, die den NKEW einschlu­gen, oft sowohl von der UdSSR als auch vonein­an­der isoliert. Staa­ten wie Ghana, Mali, Tansa­nia und Äthio­pien waren von Staa­ten umge­ben, die einen gegen­sätz­li­chen Entwick­lungs­weg verfolgten.
  3. Die mongo­li­sche Revo­lu­tion von 1921 wurde von einer Partei ange­führt, die sehr enge Verbin­dun­gen zur inter­na­tio­na­len kommu­nis­ti­schen Bewe­gung hatte. Sie ging von einer soli­den theo­re­ti­schen Grund­lage im wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus aus und erkannte die Gesetz­mä­ßig­keit der gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­tion. Dies war etwas, womit die meis­ten plura­lis­ti­schen natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen nicht begon­nen hatten, obwohl viele sich mit der Inten­si­vie­rung des Diffe­ren­zie­rungs­pro­zes­ses inner­halb des natio­na­len Befrei­ungs­kamp­fes in Rich­tung wissen­schaft­li­cher Sozia­lis­mus beweg­ten (z. B. in der Volks­re­pu­blik Kongo, der Demo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Jemen, der Volks­re­pu­blik Angola, der Volks­re­pu­blik Mosam­bik usw.).

Solche Fakto­ren mach­ten den NKEW in den befrei­ten Staa­ten anfäl­li­ger für impe­ria­lis­ti­sche Inter­ven­tio­nen und innen­po­li­ti­sche Konter­re­vo­lu­tio­nen. Wie Tjul­panow fest­stellte (siehe oben), waren die sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen in den ehema­li­gen Kolo­nien für die kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung weit­aus güns­ti­ger als für den sozia­lis­ti­schen Aufbau. Der NKEW erwies sich daher in den befrei­ten Staa­ten als beschwer­lich und voller Wider­sprü­che. Einige dieser Probleme werden hier neben der allge­mei­nen Entwick­lungs­dy­na­mik der sozia­lis­tisch orien­tier­ten Staa­ten untersucht.

A. Die wirtschaftliche Basis: Der nichtkapitalistische Entwicklungsweg

Der Ausgangs­punkt dieser Staa­ten war derselbe wie der der befrei­ten Staa­ten, die eine kapi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung anstreb­ten: Es handelte sich um abhän­gige, multi­sek­to­rale Volks­wirt­schaf­ten, die in die inter­na­tio­nale kapi­ta­lis­ti­sche Arbeits­tei­lung inte­griert waren. Der Unter­schied lag in der poli­ti­schen Ausrich­tung der führen­den Partei, die ausdrück­lich eine Abkopp­lung vom impe­ria­lis­ti­schen Welt­sys­tem und die Besei­ti­gung der kapi­ta­lis­ti­schen Ausbeu­tung im Inland anstrebte. Die unmit­tel­ba­ren Aufga­ben waren „allge­mein-demo­kra­ti­scher” Natur: „Festi­gung der poli­ti­schen Selbst­stän­dig­keit, Agrar­re­for­men im Inter­esse der Bauern­schaft, Abschaf­fung der Über­reste des Feuda­lis­mus, Besei­ti­gung der ökono­mi­schen Wurzeln der Herr­schaft des Impe­ria­lis­mus, Beschrän­kung und Verdrän­gung der auslän­di­schen Mono­pole aus der Wirt­schaft, Aufbau und Entwick­lung der natio­na­len Indus­trie, Hebung des Lebens­stan­dards der Bevöl­ke­rung, Demo­kra­ti­sie­rung des öffent­li­chen Lebens, unab­hän­gige, fried­lie­bende Außen­po­li­tik, Entwick­lung der wirt­schaft­li­chen und kultu­rel­len Zusam­men­ar­beit mit den sozia­lis­ti­schen und ande­ren befreun­de­ten Ländern”.35

Die Stra­te­gie der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lung umfasste im Allge­mei­nen die folgen­den wirt­schaft­li­chen Maßnahmen:

  • Die schritt­weise Verstaat­li­chung der auslän­di­schen Mono­pole und die Schaf­fung eines star­ken staat­li­chen Sektors. Der Außen­han­del und (zu einem späte­ren Zeit­punkt) auch der Binnen­han­del soll­ten unter staat­li­che Kontrolle gebracht werden. Diese Poli­tik würde die schritt­weise Einfüh­rung von Manage­ment und Planung in der natio­na­len Wirt­schaft erleichtern.
  • Die stetige Einschrän­kung und Kontrolle des priva­ten kapi­ta­lis­ti­schen Sektors, wobei jedoch darauf zu achten war, das fort­schritt­li­che Poten­zial der natio­na­len Bour­geoi­sie, insbe­son­dere in der Leicht­in­dus­trie und der Produk­tion von Konsum­gü­tern, nicht zu ersticken.
  • Eine rigo­rose Agrar­re­form im Inter­esse der arbei­ten­den Bauern­schaft, um die Macht der feuda­len Land­be­sit­zer und Stam­mes-/Kle­rus­füh­rer zu brechen und zur Stei­ge­rung der land­wirt­schaft­li­chen Produk­tion beizu­tra­gen – dem Haupt­pfei­ler der Akku­mu­la­tion in den befrei­ten Staa­ten. Das lang­fris­tige Ziel bestand oft darin, die land­wirt­schaft­li­che Produk­tion und den Land­be­sitz im Rahmen eines genos­sen­schaft­li­chen Systems zu organisieren.

Wissen­schaft­ler in den sozia­lis­ti­schen Staa­ten beton­ten vorsich­tig, dass solche Maßnah­men nicht zur Schaf­fung einzig­ar­ti­ger nicht­ka­pi­ta­lis­ti­scher Produk­ti­ons­ver­hält­nisse führ­ten.36 Der NKEW stellte keinen „drit­ten Weg“ zwischen Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus dar, sondern viel­mehr eine Über­gangs­phase, in der vorka­pi­ta­lis­ti­sche und kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­ver­hält­nisse schritt­weise durch eine Reihe von Zwischen­stu­fen ersetzt werden soll­ten, die zur Schaf­fung sozia­lis­ti­scher Verhält­nisse führen könn­ten. Die spon­tane Entwick­lung der Waren­pro­duk­tion sollte unter die bewusste Leitung des revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Staa­tes gestellt werden, um zu verhin­dern, dass die aufstre­bende Bour­geoi­sie die Macht an sich riss. Kurz gesagt, der NKEW könnte die histo­ri­sche Rolle der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­weise erfül­len – die poli­ti­schen, mate­ri­el­len und sozio­öko­no­mi­schen Grund­la­gen für den Sozia­lis­mus zu schaf­fen –, ohne die poli­ti­sche Macht an die Bour­geoi­sie abzu­ge­ben. Dies war ein vola­ti­ler Prozess, der, wie weiter unten näher erläu­tert wird, ein fein abge­stimm­tes Verhält­nis zwischen Poli­tik und Wirt­schaft, zwischen Basis und Über­bau in den befrei­ten Staa­ten erforderte.

B. Klassendifferenzierung innerhalb der nationalen Befreiungsbewegung

“Ein entschei­den­des Krite­rium für diese Länder, in denen die Macht­ver­hält­nisse klas­sen­mä­ßig noch nicht klar zu bestim­men sind, in denen nicht nur gesell­schaft­li­che, sondern auch poli­ti­sche Über­gangs­ver­hält­nisse bestehen, ist jedoch, dass die einhei­mi­sche Bour­geoi­sie das Mono­pol der poli­ti­schen Macht verlo­ren hat.“37

Die soziale Struk­tur dieser Länder ähnelte derje­ni­gen ande­rer befrei­ter Staa­ten: Die Haupt­klas­sen der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­ti­ons­weise befan­den sich oft noch im Embryo­nal­sta­dium, die städ­ti­schen Mittel­schich­ten domi­nier­ten die poli­ti­schen Zentren des Landes, und die Bauern­schaft stellte die über­wie­gende Mehr­heit der Bevöl­ke­rung. Aufgrund dieser sozia­len Situa­tion waren es nicht die Arbei­ter­klasse, sondern „revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten“ aus der Intel­li­genz oder dem Mili­tär wie Kwame Nkru­mah, Abdel Nasser und Fidel Castro, die in der Regel die Vorherr­schaft in den natio­na­len demo­kra­ti­schen Parteien erlang­ten, die aus der Befrei­ungs­be­we­gung hervor­gin­gen, und diese Staa­ten auf den NKEW führ­ten. Während einige revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten dann den wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus über­nah­men (z. B. Nkru­mah und Castro), blie­ben andere dem Kommu­nis­mus gegen­über distan­ziert und teil­weise sogar ableh­nend einge­stellt (z. B. Nasser).

Die grund­le­gende Voraus­set­zung für eine sozia­lis­ti­sche Ausrich­tung war a) dass die Bour­geoi­sie nicht das Macht­gleich­ge­wicht zwischen den einhei­mi­schen Klas­sen domi­nierte und b) dass sich der revo­lu­tio­näre Flügel der natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gung gegen den konser­va­ti­ven und refor­mis­ti­schen Flügel durch­setzte und mit der Bildung von Avant­gar­de­par­teien begann.38 Während interne Wider­sprü­che in der Kolo­ni­al­zeit typi­scher­weise durch den gemein­sa­men Wider­stand gegen die impe­ria­lis­ti­sche Herr­schaft verdeckt waren, wurden sich die verschie­de­nen Klas­sen, die sich in der Befrei­ungs­be­we­gung zusam­men­ge­schlos­sen hatten, mit Beginn der Entwick­lung des Landes zuneh­mend ihrer spezi­fi­schen sozia­len Inter­es­sen bewusst. Dieser rasche Diffe­ren­zie­rungs­pro­zess – den wir konkret am Beispiel Mali und Kongo unter­sucht haben – führte in den Regie­run­gen der sozia­lis­tisch orien­tier­ten Staa­ten im Allge­mei­nen zur Bildung von drei poli­ti­schen Fraktionen:

  1. Die Rech­ten, die eine weitere Vertie­fung der Revo­lu­tion verhin­dern oder sogar bestimmte poli­ti­sche Maßnah­men rück­gän­gig machen wollte. Ihre soziale Basis lag in der Regel in der büro­kra­ti­schen und kommer­zi­el­len Bourgeoisie.
  2. Die Linken bestan­den aus revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten, die nach und nach den wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus als ihre poli­ti­sche Philo­so­phie über­nah­men. Sie wurden oft von Gewerk­schaf­ten und Massen­be­we­gun­gen wie Jugend- und Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen unterstützt.
  3. Die Zentris­ten, die zwischen dem rech­ten und dem linken Flügel schwank­ten und beide als unnö­tige Extreme betrachteten.

Ähnlich wie während der anti­feu­da­len Kämpfe im späten 18. und frühen 19. Jahr­hun­dert in Europa spie­gelte die revo­lu­tio­näre Demo­kra­tie in den befrei­ten Staa­ten eine bestimmte radi­kale Tendenz der klein­bür­ger­li­chen städ­ti­schen Schich­ten wider. Als poli­ti­sche Kraft neig­ten revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten zunächst dazu, zwischen bürger­li­chen und prole­ta­ri­schen Klas­sen­li­nien zu schwan­ken. Im Kontext der natio­na­len Befrei­ung fand dies oft seinen Ausdruck in dem, was sowje­ti­sche Wissen­schaft­ler als „nicht­pro­le­ta­ri­sche Vorstel­lun­gen vom Sozia­lis­mus” bezeich­ne­ten. Theo­rien des „afri­ka­ni­schen Sozia­lis­mus” oder „arabi­schen Sozia­lis­mus” spiel­ten oft die inner­staat­li­chen Klas­sen­ant­ago­nis­men herun­ter und behan­del­ten den Staat als neutra­les Instru­ment, das zum Wohle aller Klas­sen in den neu befrei­ten Staa­ten einge­setzt werden konnte. Im Laufe der Zeit (und insbe­son­dere durch die Erfah­run­gen mit verschärf­ten poli­ti­schen Kämp­fen inner­halb der neu befrei­ten Staa­ten) wand­ten sich viele linke revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten von solchen natio­nal spezi­fi­schen Konzep­ten des Sozia­lis­mus ab und nahmen eine Klas­sen­ana­lyse in ihre poli­ti­schen Programme auf.

Wie Kwame Nkru­mah aus Ghana in einem seiner letz­ten Werke, „Class Struggle in Africa” (Klas­sen­kampf in Afrika), schrieb:

„Der Begriff ‚afri­ka­ni­scher Sozia­lis­mus‘ ist […] bedeu­tungs­los und irrele­vant. Er impli­ziert die Exis­tenz einer für Afrika spezi­fi­schen Form des Sozia­lis­mus, die sich aus den kommu­na­len und egali­tä­ren Aspek­ten der tradi­tio­nel­len afri­ka­ni­schen Gesell­schaft ablei­tet. Der Mythos des afri­ka­ni­schen Sozia­lis­mus wird benutzt, um den Klas­sen­kampf zu leug­nen und echtes sozia­lis­ti­sches Enga­ge­ment zu verschlei­ern. […] Zwar gibt es kein festes Dogma für die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­tion, und die konkre­ten Umstände einer bestimm­ten histo­ri­schen Peri­ode bestim­men ihre genaue Ausge­stal­tung, doch kann es keine Kompro­misse hinsicht­lich der sozia­lis­ti­schen Ziele geben. Die Prin­zi­pien des wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus sind univer­sell und unver­än­der­lich und beinhal­ten die echte Verge­sell­schaf­tung der Produk­ti­ons- und Vertei­lungs­pro­zesse.“39

In ähnli­cher Weise argu­men­tierte der kongo­le­si­sche Staats­chef Marien Ngou­abi 1975 auf einer Konfe­renz in Dakar, Sene­gal, wie folgt:

„Es gibt nur einen Sozia­lis­mus, den wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus, die von Marx und Engels entwi­ckelte Wissen­schaft. Als Wissen­schaft findet er über­all Anwen­dung, in seinen allge­mei­nen Geset­zen, aber in bestimm­ten Berei­chen, die von Zeit und Ort abhän­gen, gelten bestimmte, weni­ger allge­meine Gesetze nicht und werden infol­ge­des­sen modi­fi­ziert. […] Unter diesen Umstän­den könn­ten wir von afri­ka­ni­schen Wegen zum Sozia­lis­mus spre­chen, nicht von einem afri­ka­ni­schen Sozia­lis­mus.“40

Revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten, die sich im Kampf für die soziale Revo­lu­tion in ihren Ländern dem wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus zuwand­ten: Fidel Castro (Kuba), Kwame Nkru­mah (Ghana), Madeira Keita (Mali), Marien Ngou­abi (Kongo-Braz­z­aville) und Samora Machel (Mosam­bik).

C. Die revolutionäre Staatsmacht und die Entwicklung von Avantgardeparteien

Die Frage der Staats­macht war die Frage des nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lungs­we­ges. Wie auf dem Moskauer Tref­fen der kommu­nis­ti­schen und Arbei­ter­par­teien 1960 formu­liert, befan­den sich die befrei­ten Staa­ten, die die NKEW verfolg­ten, im Prozess der Schaf­fung einer neuen Art von Staats­macht, des „natio­nal-demo­kra­ti­schen Staa­tes“. Dieser wurde als Über­gangs­form der Staats­macht konzi­piert, in der anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Einheits­fron­ten von einer Kern­gruppe revo­lu­tio­nä­rer Demo­kra­ten ange­führt wurden. Aufbau­end auf der leni­nis­ti­schen Theo­rie auf dem 7. Kongress der Komin­tern 1935 hatte der chine­si­sche Kommu­nist Wang Ming den Klas­sen­cha­rak­ter dieses revo­lu­tio­nä­ren Staa­tes in ehema­li­gen Kolo­nien konzep­tua­li­siert: Es würde sich „im Wesent­li­chen um eine anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Regie­rung handeln, aber noch nicht um eine revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­sche Dikta­tur des Prole­ta­ri­ats und der Bauern­schaft. Neben Vertre­tern des Prole­ta­ri­ats würden auch Vertre­ter ande­rer Klas­sen, die am Kampf für die natio­nale Befrei­ung betei­ligt sind, in diese Regie­rung eintre­ten.“ Wich­tig ist, dass dieser natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Staat als Über­gangs­phä­no­men verstan­den wurde, das sich über eine Reihe von Zwischen­stu­fen zu einer Volks­de­mo­kra­tie entwi­ckeln konnte, wie sie den Sozia­lis­mus in Osteu­ropa und Asien aufge­baut hatte.

„Der Staat der natio­na­len Demo­kra­tie als Instru­ment, aber gleich­zei­tig als Refle­xion der kompli­zier­ten und wider­spruchs­vol­len gesell­schaft­li­chen Gesamt­ver­hält­nisse beinhal­tet so objek­tiv ein Maß an Unfer­tig­keit, Bewe­gung und Dyna­mik, nied­rige und höhere Entwick­lungs­stu­fen. In seinem Charak­ter, seiner Tätig­keit und den Formen und Metho­den der Macht­aus­übung wider­spie­gelt sich konzen­triert der Grad der Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zung, der Anteil der einzel­nen Klas­sen an der Macht. Mit der Formell vom Staat der natio­na­len Demo­kra­tie als Über­gangs­typ soll gerade diese wider­sprüch­li­che Bewe­gung auf der Grund­lage des Klas­sen­kamp­fes erfasst werden.“41

Die Macht­über­nahme durch revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten stellte somit eine erste quali­ta­tive Verän­de­rung der Macht­ver­hält­nisse dar; sie war der gesell­schafts­po­li­ti­sche Ausgangs­punkt für den NKEW. In dieser Hinsicht war die erste Phase des NKEW jedoch eine „Revo­lu­tion von oben“, die von jungen Offi­zie­ren oder Intel­lek­tu­el­len mit passi­ver Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung für das Volk initi­iert wurde.42 Ange­sichts der verschärf­ten innen­po­li­ti­schen Kämpfe und des zuneh­men­den Drucks aus dem Westen reichte die passive Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung für das Voran­trei­ben des NKEW nicht aus. Die Über­reste der alten Kolo­ni­al­bü­ro­kra­tie muss­ten durch neue revo­lu­tio­näre Kader ersetzt werden. Die soziale Basis des revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Staa­tes musste erwei­tert werden; die arbei­ten­den Massen muss­ten aktiv in die Verwal­tung und Vertei­di­gung des NKEW einbe­zo­gen werden. Dies erfor­derte die Bildung und poli­ti­sche Akti­vie­rung der weit­ge­hend analpha­be­ti­schen Massen. Wie Abdel Nasser es 1964 beschrieb, war es notwen­dig, von der „Phase der ‚Revo­lu­tion für das Volk‘ zur Phase der ‚Revo­lu­tion durch das Volk‘“ über­zu­ge­hen.44

Dieser Wider­spruch zwischen der anfäng­li­chen „Revo­lu­tion von oben“ und der Notwen­dig­keit, die Staats­macht in den arbei­ten­den Massen zu veran­kern, verär­gerte viele revo­lu­tio­näre Demo­kra­ten und wurde als eine der Haupt­ur­sa­chen für die Stagna­tion oder sogar Umkeh­rung der NCD iden­ti­fi­ziert.44 Ab Mitte der 1960er Jahre wuchs insbe­son­dere in Afrika unter den linken revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten die Erkennt­nis, dass die locker orga­ni­sier­ten natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Parteien nicht mehr in der Lage waren, den revo­lu­tio­nä­ren Prozess voran­zu­trei­ben. Eine entschlos­sene und geeinte Avant­gar­de­par­tei, die eng mit den Lohn­ar­bei­tern und Bauern verbun­den war, wurde benö­tigt, um den NKEW fort­zu­set­zen und die Errun­gen­schaf­ten vor Angrif­fen von außen und der büro­kra­ti­schen Bour­geoi­sie im eige­nen Land zu vertei­di­gen. Initia­ti­ven zur Grün­dung von Avant­gar­de­par­teien waren auf dem gesam­ten Trikon­ti­nent zu beob­ach­ten.45 In Staa­ten wie Guinea, Mali und Tansa­nia gab es Versu­che, Massen­par­teien in Avant­gar­de­par­teien umzu­wan­deln. In ande­ren Staa­ten wie Kongo-Braz­z­aville, Benin, Syrien und Alge­rien spielte das Mili­tär eine Schlüs­sel­rolle bei der Förde­rung der Bildung neuer Avant­gar­de­par­teien und war dabei mehr oder weni­ger erfolg­reich. Marxis­ten – darun­ter viele aus der „Drit­ten Welt“ wie Walter Rodney – iden­ti­fi­zier­ten die Bildung einer Avant­gar­de­par­tei der werk­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung als „objek­tive Notwen­dig­keit“ für den erfolg­rei­chen Über­gang zum Sozia­lis­mus, obwohl die genauen Prozesse in jedem Land unter­schied­lich sein würden.46

Während also die erste Phase des NKEW mit Hilfe der Massen­par­tei von oben initi­iert werden konnte, erfor­derte die zweite Phase, dass die revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten „die innere Kraft für die eigene Trans­for­ma­tion“ aufbrin­gen muss­ten. Dies war das Para­do­xon des NKEW: Die Avant­gar­de­par­tei wurde erst gebil­det, nach­dem der revo­lu­tio­näre Prozess bereits begon­nen hatte.

„Insge­samt ist das Problem der Formie­rung der Vorhut-Partei das Problem der ideo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Konso­li­die­rung der Anhän­ger des nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lungs­we­ges, und die Frage der Schaf­fung solcher Parteien ist ein Teil des allge­mei­nen poli­ti­schen Kamp­fes um diesen oder jenen Weg der Entwick­lung. Eben deshalb sind ohne die Durch­set­zung der führen­den Rolle der Vorhut-Partei die Voll­endung der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lung und der Über­gang zur sozia­lis­ti­schen Etappe der Revo­lu­tion unmög­lich.“47

D. Kategorisierung der befreiten Staaten mit sozialistischer Ausrichtung

Aufgrund des Über­gangs­cha­rak­ters und der hohen Vola­ti­li­tät des NKEW war es schwie­rig, die sozia­lis­tisch orien­tier­ten Staa­ten zu kate­go­ri­sie­ren. Das Niveau der Produk­tiv­kräfte vari­ierte stark, und trotz umfang­rei­cher Bemü­hun­gen war es keinem dieser Staa­ten bis Ende der 1980er Jahre gelun­gen, sich aus der impe­ria­lis­ti­schen Abhän­gig­keit zu befreien.48 In eini­gen Fällen hatte sich die Abhän­gig­keit dieser Staa­ten in den 1970er und 1980er Jahren sogar noch verstärkt, da der Westen neben seinen poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Stran­gu­lie­rungs­tech­ni­ken zuneh­mend wirt­schaft­li­che Mecha­nis­men (z. B. „Wandel durch Handel“ und Schul­den­fal­len) entwickelte.

Wissen­schaft­ler aus dem sozia­lis­ti­schen Lager began­nen, diese Staa­ten anhand der Entwick­lung ihres Über­baus zu unter­schei­den. In einem Vortrag auf der Konfe­renz „Theo­re­ti­sche Entwick­lungs­pro­bleme der jungen Natio­nal­staa­ten auf dem Weg zum Sozia­lis­mus“ im Jahr 1984 skiz­zierte der sowje­ti­sche Profes­sor für Staat und Recht V. E. Cirkin eine Kate­go­ri­sie­rung, die in den sozia­lis­ti­schen Staa­ten sowohl umstrit­ten als auch einfluss­reich war. Er iden­ti­fi­zierte die allge­meins­ten, grund­le­gen­den Merk­male der revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Macht in den befrei­ten Staa­ten wie folgt:49

  1. Es entsteht als Ergeb­nis des poli­ti­schen Sieges einer demo­kra­ti­schen Revo­lu­tion des Volkes.
  2. Es verkör­pert die Macht mehre­rer Klas­sen: Es reprä­sen­tiert nicht die poli­ti­sche Herr­schaft einer einzi­gen Gesell­schafts­klasse oder eines Bünd­nis­ses verwand­ter oder befreun­de­ter Klas­sen, sondern viel­mehr einen Block unter­schied­li­cher oder sogar gegen­sätz­li­cher sozia­ler Kräfte (der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung und eines Teils der nicht arbei­ten­den Bevöl­ke­rung), der im Kampf für allge­meine demo­kra­ti­sche Ziele entstan­den ist und „das Volk” in einem bestimm­ten histo­ri­schen Moment eines Landes repräsentiert.
  3. Es enthält die Keime der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tion.
  4. Mit der Vertie­fung der Revo­lu­tion nehmen die Inter­es­sen­kon­flikte zwischen den arbei­ten­den Klas­sen und den nicht arbei­ten­den Mitglie­dern des demo­kra­ti­schen Blocks zu.

Vor diesem Hinter­grund kommt Cirkin zu dem Schluss, dass es keine klare quali­ta­tive Grenze zwischen revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­scher und sozia­lis­ti­scher Macht gibt. Erst wenn der revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­sche Staat sein gesam­tes progres­si­ves Poten­zial ausge­schöpft hat, kann der Über­gang zu einem sozia­lis­ti­schen Staat erfol­gen. Dies ist ein lang­wie­ri­ger und wider­sprüch­li­cher Prozess; in der Mongo­lei dauerte er zwei Jahr­zehnte (1921–1940), aber dort waren die Bedin­gun­gen auch wesent­lich günstiger.

Die sowje­ti­sche Lite­ra­tur unter­schied zwei Haupt­ty­pen revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­scher Staa­ten: den natio­nal-demo­kra­ti­schen und den volks­de­mo­kra­ti­schen, die beide in Afrika und Asien zu finden waren.

Zwei Formen revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­scher Staats­macht auf dem Weg zum sozia­lis­ti­schen Staat

Die natio­nal-demo­kra­ti­sche Staatsmacht

 

  • Die erste Stufe des nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lungs­we­ges (obwohl einige befreite Staa­ten auf dieser Stufe stagnieren).
  • Nach zwei Jahr­zehn­ten Erfah­rung seit der Entwick­lung dieses Konzepts im Jahr 1960 lässt sich Folgen­des sagen:
    • Dieser Staat entsteht durch eine natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Revolution.
    • Die Hege­mo­nie wird von nicht­pro­le­ta­ri­schen Schich­ten der werk­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung ausge­übt. Die klein­bür­ger­li­chen Klas­sen domi­nie­ren den Block der demo­kra­ti­schen Kräfte. Die ausbeu­ten­den Klas­sen gehö­ren weiter­hin zum Block.
    • Die natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Partei ist in ihrer Macht­aus­übung noch rela­tiv schwach: Nicht die Partei spielt die Haupt­rolle im poli­ti­schen System, sondern der Staatsapparat.
    • Die sozio­öko­no­mi­schen Refor­men sind insge­samt natio­na­ler Natur: Sozia­lis­ti­sche Elemente sind darin nur schwach vertreten.
    • Die Außen­po­li­tik ist weiter­hin durch Schwan­kun­gen zwischen den kapi­ta­lis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Lagern gekennzeichnet.
  • Beispiele: Ghana (bis 1966), Mali (bis 1968), Ägyp­ten (bis Anfang der 1970er Jahre), Soma­lia (bis Ende der 1970er Jahre), Jamaika (bis 1980), VDRJ (1969–1972), Kongo-Braz­z­aville (1963–1969). Bis heute (1988, zum Zeit­punkt der Veröf­fent­li­chung): Alge­rien, Afgha­ni­stan, Burma, Seychel­len, Tansa­nia, Nica­ra­gua usw.

Der Staat der Volksdemokratie

 

  • Eine ausge­reifte, entwi­ckelte Form des revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Staa­tes: „Er steht an der Schwelle zum sozia­lis­ti­schen Staat und ist dessen unmit­tel­ba­rer Vorläu­fer, auch wenn dieser Prozess histo­risch gese­hen lang­wie­rig ist.“
  • Die allge­mei­nen Merk­male sind:
    • Er entsteht aus einer popu­lä­ren demo­kra­ti­schen Revo­lu­tion, wenn die Hege­mo­nie bei nicht-prole­ta­ri­schen Kräf­ten (oft mili­tä­ri­schen oder intel­lek­tu­el­len Ursprungs) liegt, die den wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus über­nom­men haben: „Da dies die Ideo­lo­gie der Arbei­ter­klasse ist, kann die führende Rolle dieser Kräfte wohl als eine spezi­fi­sche, indi­rekte Form der Hege­mo­nie der Arbei­ter­klasse verstan­den werden, oder zumin­dest als ein Ansatz, ein Element dieser Hege­mo­nie, ein Schritt in diese Richtung.“
    • Somit ist dieser Staat nicht voll­stän­dig mit den Volks­de­mo­kra­tien Osteu­ro­pas und Asiens gleich­zu­set­zen: Die Arbei­ter­klasse übte keine direkte Hege­mo­nie in der volks­de­mo­kra­ti­schen Revo­lu­tion aus; die Rolle der werk­tä­ti­gen Massen bei der Gestal­tung der staat­li­chen Poli­tik ist noch unterentwickelt.
    • Im demo­kra­ti­schen Block domi­niert die Arbei­ter­klasse, die klein­bür­ger­li­chen Schich­ten haben einen gewis­sen Einfluss, und die ausbeu­ten­den Klas­sen haben prak­tisch keine Machtposition.
    • Eine Vorhut­par­tei der Werk­tä­ti­gen fungiert als Regie­rungs­par­tei. Sie befin­det sich im Prozess der Entwick­lung zu einer Avant­garde des Prole­ta­ri­ats, zu einer kommu­nis­ti­schen Partei. Diese Avant­garde spielt die führende Rolle in Staat und Gesell­schaft: Das bürger­li­che Verfas­sungs­recht wird abge­lehnt.
    • In der Struk­tur des Staats­ap­pa­rats exis­tie­ren die alten Formen und Insti­tu­tio­nen zwar weiter­hin, sind jedoch mit neuen Inhal­ten gefüllt; es über­wie­gen jedoch neue Insti­tu­tio­nen, weshalb sich die gesamte Staats­struk­tur nach einem neuen Schema von Verbin­dun­gen und Bezie­hun­gen entwickelt.
    • Sozia­lis­ti­sche Elemente gewin­nen bei sozio­öko­no­mi­schen Trans­for­ma­tio­nen zuneh­mend an Bedeutung.
  • Beispiele: Angola, Benin, Kongo, Mosam­bik, Demo­kra­ti­sche Repu­blik Jemen, Äthiopien.

Der Prozess vom natio­nal-demo­kra­ti­schen zum volks­de­mo­kra­ti­schen zum sozia­lis­ti­schen Staat ist reali­sier­bar, wenn interne oder externe Reak­tio­nen erfolg­reich unter­drückt werden können. Ende der 1980er Jahre befan­den sich diese Volks­de­mo­kra­tien noch in einem frühen Stadium ihrer Entste­hung. Eine der wich­tigs­ten poli­ti­schen Verän­de­run­gen, die Gorbat­schows Doktrin des „Neuen Denkens” mit sich brachte, war die Redu­zie­rung der Unter­stüt­zung für sozia­lis­tisch orien­tierte Staa­ten und die Konzen­tra­tion auf die Bezie­hun­gen zu größe­ren kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten im „globa­len Süden” wie Brasi­lien oder Argen­ti­nien. Die Auflö­sung der Sowjet­union und des sozia­lis­ti­schen Welt­sys­tems been­dete die Aussicht auf einen nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Entwick­lungs­weg. Wie im Konzept des „revo­lu­tio­nä­ren Welt­pro­zes­ses” voraus­ge­setzt, brachen mit dem Fall einer Säule auch die ande­ren zusammen.

V. Überlegungen

Wenn man heute auf diese Schluss­fol­ge­run­gen zurück­blickt, sind vier Aspekte hervorzuheben:

Zunächst zur Methodik:

Im Mittel­punkt der dialek­tisch-mate­ria­lis­ti­schen Methode dieser Wissen­schaft­ler stand die Frage des Klas­sen­kampfs, sowohl auf inter­na­tio­na­ler als auch auf natio­na­ler Ebene. Um die Entwick­lun­gen in der „Drit­ten Welt“ zu verste­hen, war es notwen­dig, den Charak­ter der Epoche zu bestim­men und zu erfas­sen, wie sich der Haupt­wi­der­spruch – der zwischen Kapi­tal und Arbeit – auf jeder Ebene welt­weit konkret ausdrückte. Für die neu befrei­ten Staa­ten bedeu­tete dies, ihre spezi­fi­sche Posi­tion in der kapi­ta­lis­ti­schen inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung zu verste­hen, das Kräf­te­ver­hält­nis der Klas­sen inner­halb jedes Landes zu unter­su­chen, die Produk­ti­ons­ver­hält­nisse zu analy­sie­ren, auf denen sich die Gesell­schaft entwi­ckelte, und zu erken­nen, wie Schwan­kun­gen in der Poli­tik den inter­na­tio­na­len und natio­na­len Klas­sen­kampf widerspiegelten.

Bei der Unter­su­chung dieses Zusam­men­spiels poli­ti­scher, sozia­ler und wirt­schaft­li­cher Fakto­ren entwi­ckel­ten Wissen­schaft­ler Kate­go­rien, um die zugrunde liegen­den Tenden­zen in verschie­de­nen Staa­ten zu erfas­sen. Kapi­ta­lis­tisch oder sozia­lis­tisch orien­tierte Entwick­lung; natio­nal-bürger­li­che oder feudal-bürger­li­che Staats­macht; der natio­nal-demo­kra­ti­sche oder volks­de­mo­kra­ti­sche Staat – diese wurden durch die konkre­ten Bedin­gun­gen des Klas­sen­kampfs in jedem Land bestimmt, die sich natür­lich stän­dig verän­der­ten und sowohl Rück­schlä­gen als auch plötz­li­chen Fort­schrit­ten unter­wor­fen waren.

Zwei­tens zur Frage der kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten im Globa­len Süden:

Dies ist eine Frage, die heute unter progres­si­ven Kräf­ten kontro­vers disku­tiert wird. Kann ein bürger­li­cher Staat, der kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­ver­hält­nisse fördert, auf der Welt­bühne eine progres­sive Rolle spie­len? Sowje­ti­sche und DDR-Wissen­schaft­ler kamen zu dem Schluss, dass dies möglich sei. Die Vorbe­halte und Wider­sprü­che wurden stets betont, aber sie erkann­ten in der Poli­tik der Entwick­lungs­staa­ten häufig eine objek­tiv anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Wirkung, insbe­son­dere bei Staa­ten mit einem natio­nal-bürger­li­chen Charak­ter. So schränkte beispiels­weise Indien objek­tiv gese­hen den Hand­lungs­spiel­raum des Impe­ria­lis­mus ein, als Poli­ti­ker wie Nehru oder Indira Gandhi Initia­ti­ven wie die Bewe­gung der Block­freien Staa­ten voran­trie­ben oder sich weiger­ten, die Bemü­hun­gen des Westens zu unter­stüt­zen, die mit der Sowjet­union verbün­dete Regie­rung in Afgha­ni­stan zu stür­zen. Diese anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Tenden­zen waren aber inkon­sis­tent und unbe­stän­dig. Die Stärke der Konfron­ta­tion mit dem Impe­ria­lis­mus hing letzt­lich von diesem subjek­ti­ven Faktor, von der Ausrich­tung der poli­ti­schen Führung, ab.

Drit­tens zu den Aussich­ten für eine sozia­lis­ti­sche Entwick­lung in den soge­nann­ten unter­ent­wi­ckel­ten Staa­ten des Globa­len Südens:

In den sozia­lis­tisch orien­tier­ten Staa­ten des späten 20. Jahr­hun­derts gewann der (subjek­tive) poli­ti­sche Faktor trotz der erheb­li­chen wirt­schaft­li­chen Heraus­for­de­run­gen, denen diese Staa­ten gegen­über­stan­den, zuneh­mend an Bedeu­tung. Der Über­gang eini­ger natio­nal­de­mo­kra­ti­scher Staa­ten zu Volks­de­mo­kra­tien veran­schau­lichte diese Dyna­mik. Hier näher­ten sich die von revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten geführ­ten Staa­ten zuneh­mend dem sozia­lis­ti­schen Welt­sys­tem an und trugen dazu bei, dem Impe­ria­lis­mus nicht nur Hinder­nisse in den Weg zu legen, sondern ihn aktiv zu unter­drü­cken. Beispiels­weise durch die Unter­stüt­zung des bewaff­ne­ten Befrei­ungs­kamp­fes in Zentral­afrika und West­asien.50 Was diese Staa­ten am meis­ten behin­derte, war ihre objek­tive sozio­öko­no­mi­sche Situa­tion: Aufgrund ihrer Isola­tion von den sozia­lis­ti­schen Ländern in Europa und Asien, ihrer kolo­nial defor­mier­ten Wirt­schaft, der damals rela­tiv unter­ent­wi­ckel­ten sozia­lis­ti­schen inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung und der schie­ren Stärke des impe­ria­lis­ti­schen Lagers erwies es sich als äußerst schwie­rig, aus der neoko­lo­nia­len Abhän­gig­keit auszubrechen.

Schließ­lich zum Vergleich mit dem heuti­gen anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kampf:

Heute, nach der Nieder­lage des sozia­lis­ti­schen Lagers 1990, ist der subjek­tive Faktor zwei­fel­los schwä­cher (d. h. weni­ger sozia­lis­tisch orien­tiert) als im 20. Jahr­hun­dert. Gleich­zei­tig hat die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Entwick­lung bestimm­ter Staa­ten des „Globa­len Südens“ – insbe­son­dere der BRICS-Staa­ten – neue Tenden­zen hervor­ge­bracht, die objek­tiv gese­hen Hinder­nisse für den von den USA ange­führ­ten Impe­ria­lis­mus schaf­fen. Dies zeigt sich beispiels­weise in der Erosion der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kontrolle Frank­reichs über West­afrika oder in der Schaf­fung der New Deve­lo­p­ment Bank als eine neue inter­na­tio­nale Kredit­in­sti­tu­tion jenseits des IWF-Diktats.

In diesem Sinne ist der anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Kampf des letz­ten Jahr­hun­derts fast auf den Kopf gestellt worden: Während der Anti­im­pe­ria­lis­mus früher von star­ken subjek­ti­ven Kräf­ten ange­trie­ben wurde, die durch ihre wirt­schaft­li­chen Reali­tä­ten erheb­lich einge­schränkt waren, schrän­ken heute die gestärk­ten Volks­wirt­schaf­ten eini­ger Staa­ten des „Globa­len Südens“ objek­tiv den Spiel­raum des Impe­ria­lis­mus ein, ohne von expli­zit anti­im­pe­ria­lis­ti­schen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Regie­run­gen ange­trie­ben zu werden.51 Diese para­doxe Situa­tion ist ein Symptom der tiefen Krise, in der sich die kommu­nis­ti­schen und Arbei­ter­be­we­gun­gen seit 1990 befin­den. Nur wenn wir die eigene Krise über­win­den, können die anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Aufstände, die heute welt­weit statt­fin­den, zu einem Kampf für den Sozia­lis­mus weiter­ent­wi­ckelt werden.

Fußnoten

[1] Dieser Begriff wurde von Wissen­schaft­lern in der UdSSR und der DDR nur selten verwen­det. Im weite­ren Verlauf dieses Textes wird er als Kurz­form für Afrika, Asien und Latein­ame­rika verwendet.

[2] Der Begriff „Dritte Welt“ sugge­riert irre­füh­ren­der­weise, dass es einen Staa­ten­block gibt, der außer­halb des syste­mi­schen Konflikts zwischen Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus agiert. Zwar nahmen die Staa­ten der drei Konti­nente tatsäch­lich eine Sonder­stel­lung inner­halb der inter­na­tio­na­len kapi­ta­lis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Systeme ein, doch agier­ten sie nicht außer­halb dieser Systeme (und konn­ten dies auch gar nicht). Der Begriff „Globa­ler Süden“ ist geogra­fisch proble­ma­tisch und sagt nichts über den Klas­sen­cha­rak­ter der verschie­de­nen Staa­ten aus. „Entwick­lungs­län­der“ ist aufgrund seiner Rela­ti­vi­tät begrenzt; es gibt keine Staa­ten, die sich nicht entwickeln.

[3] Lenin, Der Impe­ria­lis­mus als höchs­tes Stadium des Kapi­ta­lis­mus (1917).

[4] Erklä­rung der Bera­tung von Vertre­tern der kommu­nis­ti­schen und Arbei­ter­par­teien, Novem­ber 1960.

[5] Tjul­panow verwen­dete eine ähnli­che Logik für jene befrei­ten Staa­ten, die eine sozia­lis­tisch orien­tierte Entwick­lung verfolg­ten (was weiter unten unter­sucht wird): Ihre Bedin­gun­gen und ihr Ausgangs­punkt unter­schie­den sich stark vom Über­gang zum Sozia­lis­mus unter der Dikta­tur des Prole­ta­ri­ats, sodass die in der poli­ti­schen Ökono­mie des Sozia­lis­mus formu­lier­ten Gesetze auch hier nicht ange­mes­sen ange­wen­det werden konnten.

[6] Diese These wurde von Wissen­schaft­lern wie Imma­nuel Waller­stein in Frage gestellt. Er argu­men­tierte, es gebe nur ein Welt­sys­tem, und die sozia­lis­ti­schen Staa­ten hätten darin eine bestimmte Stel­lung. Sozia­lis­ti­sche Wissen­schaft­ler wie Tjul­panow verstan­den zwar, dass die beiden Welt­sys­teme keine strikt getrenn­ten Einhei­ten seien, argu­men­tier­ten aber, dass die Gesetze, denen das kapi­ta­lis­ti­sche und das sozia­lis­ti­sche System unter­lä­gen, grund­sätz­lich unter­schied­lich seien.

[7] Die Verein­ten Natio­nen verwen­de­ten damals den Begriff „Entwick­lungs­län­der“. Eine Reihe sozia­lis­ti­scher Wissen­schaft­ler über­nah­men ihn, warn­ten jedoch davor, dass er dazu neige, die Unter­schiede zwischen Ausbeu­tern und Ausge­beu­te­ten zu verwischen.

[8] S. Tjul­panow, Poli­ti­sche Ökono­mie und ihre Anwen­dung in den Entwick­lungs­län­dern (Frankfurt/Main: Verlag Marxis­ti­sche Blät­ter, 1972), S. 23–24.

[9] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (Berlin: Staats­ver­lag der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik, 1988), S. 34.

[10] Tyul­pa­nov, S. 27.

[11] Tyul­pa­nov, S. 30.

[12] Dieser Begriff wurde von sozia­lis­ti­schen Wissen­schaft­lern verwen­det, um die Staa­ten, die nach dem Zusam­men­bruch des Kolo­ni­al­sys­tems (nach 1945) ihre Unab­hän­gig­keit erlang­ten, von den Kolo­nien zu unter­schei­den, die bereits im voran­ge­gan­ge­nen Jahr­hun­dert ihre Unab­hän­gig­keit erlangt hatten (z. B. ein Groß­teil Latein­ame­ri­kas), sowie von den Ländern, die während der Kolo­ni­al­zeit zwar formal ihre Souve­rä­ni­tät nicht verlo­ren hatten, aber dennoch impe­ria­lis­ti­scher Abhän­gig­keit unter­wor­fen waren (z. B. China und Iran).

[13] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 61.

[14] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 64.

[15] Hervor­he­bung hinzu­ge­fügt. Tjul­panow, S. 66.

[16] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 67.

[17] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 66.

[18] (Unter­stri­chene) Hervor­he­bung hinzu­ge­fügt. Tjul­panow, S. 30.

[19] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 71.

[20] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 71.

[21] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 71.

[22] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 72.

[23] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 69.

[24] A. Ulka­now­ski, Der Sozia­lis­mus und die befrei­ten Länder (Berlin: VEB Deut­scher Verlag der Wissen­schaf­ten, 1973), S. 291.

[25] Zitiert in Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 69.

[26] K. Brutenz, Die befrei­ten Länder in der Welt von heute (Berlin: Dietz Verlag, 1981), S. 48.

[27] Es ist erwäh­nens­wert, dass Brutenz (seit 1975 stell­ver­tre­ten­der Leiter der Inter­na­tio­na­len Abtei­lung der KPdSU) ein enger Verbün­de­ter von Alex­an­der Jakow­lew (dem „Paten der Glas­nost“) war und später zu einem wich­ti­gen Theo­re­ti­ker von Gorbat­schows „Neuen Denken“ in der inter­na­tio­na­len Poli­tik wurde, das unter ande­rem darauf abzielte, die sowje­ti­sche Unter­stüt­zung für die sozia­lis­tisch orien­tier­ten Staa­ten auf dem Trikont deut­lich zu redu­zie­ren. Diese Ansicht wurde von den meis­ten DDR-Wissen­schaft­lern und SED-Poli­ti­kern damals nicht geteilt. Gene­rell muss die Auswir­kung des „Neuen Denkens“ auf die inter­na­tio­na­len Analy­sen und die Poli­tik der sozia­lis­ti­schen Staa­ten jedoch genauer unter­sucht werden.

[28] Tjul­panow, S. 33.

[29] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 71.

[30] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 75.

[31] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 71.

[32] P. Khalat­bari, Ökono­mi­sche Unter­ent­wick­lung: Mecha­nis­mus – Probleme – Ausweg (Frank­furt am Main: Verlag Marxis­ti­sche Blät­ter, 1972), S. 107.

[33] Ursprüng­lich wurde zur Beschrei­bung des Prozes­ses in diesen Staa­ten nur der Begriff „nicht­ka­pi­ta­lis­ti­sche Entwick­lung“ verwen­det, doch sozia­lis­ti­sche Wissen­schaft­ler waren damit nie zufrie­den, da er ledig­lich eine Negie­rung des Kapi­ta­lis­mus bezeich­nete. Daher wurde in den 1970er Jahren der Begriff „Staa­ten mit sozia­lis­ti­scher Orien­tie­rung“ eingeführt.

[34] Autoren­kol­lek­tiv: Sozia­lis­ti­sche Orien­tie­rung natio­nal befrei­ter Staa­ten (Berlin: Staats­ver­lag der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik, 1985) S. 7.

[35] Erklä­rung der Bera­tung von Vertre­tern der kommu­nis­ti­schen und Arbei­ter­par­teien, Novem­ber 1960.

[36] Tyul­pa­nov, S. 36.

[37] E. Dummer and E. Langer, Inter­na­tio­nale Arbei­ter­be­we­gung und revo­lu­tio­nä­rer Kampf (Berlin: Dietz Verlag, 1973), S. 357.

[38] Autoren­kol­lek­tiv: Sozia­lis­ti­sche Orien­tie­rung natio­nal befrei­ter Staa­ten (Berlin: Staats­ver­lag der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik, 1985) S. 30.

[39] K. Nkru­mah, Class Struggle in Africa (London: Panaf Books, 1970), S. 26.

[40] M. Ngou­abi, Vers la cons­truc­tion d’une société socia­liste en Afri­que (Paris: Présence Afri­caine, 1975), S. 32–34. [Über­setzt vom Autor]

[41] Helmut Mardek, “Der Platz der Arbei­ter­klasse in den staats­theo­re­ti­schen Vorstel­lun­gen der revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­tie“ in Nicht­ka­pi­ta­lis­ti­scher Entwick­lungs­weg Aktu­elle Probleme in Theo­rie und Praxis (Proto­koll einer Konfe­renz) (Berlin: Akade­mie-Verlag, 1973), S. 184.

[42] C. Mähr­del und N.A. Simo­nija, Beson­der­hei­ten der Heraus­bil­dung von Parteien und ihrer Wech­sel­be­zie­hun­gen zum Staats­ap­pa­rat in Ländern nicht­ka­pi­ta­lis­ti­scher Entwick­lung, in Partei und Staat in den Ländern mit sozia­lis­ti­scher Orien­tie­rung (Berlin: Akade­mie Verlag, 1974) S. 11.

[43] Zitiert in C. Mähr­del und N.A. Simo­nija (1974), S. 11.

[44] Viele Kommu­nis­ten (auch in den ehema­li­gen Kolo­nien) erkann­ten es als Schwä­che, die soziale Basis des revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Staa­tes in den Ländern, in denen der NKEW unter­drückt oder abge­bro­chen worden war, nicht ausge­baut zu haben; z. B. in Ägyp­ten, Ghana, Mali, Sudan, Soma­lia usw.

[45] Beson­ders fort­ge­schrit­tene Formen von Avant­gar­de­par­teien gab es in der VR Kongo, der Demo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Jemen, der VR Angola und der VR Mosam­bik, aber auch in vielen ande­ren Staa­ten, darun­ter Benin, Alge­rien, Ägyp­ten, Mada­gas­kar, Tansa­nia, Guinea und zeit­weise Burma, waren Grün­dungs­pro­zesse im Gange.

[46] „Wie die Umwand­lung der natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Parteien in Parteien des wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus vonstat­ten gehen wird, wie und wann marxis­tisch-leni­nis­ti­sche Parteien dort entste­hen werden, wo es sie noch nicht gibt – darüber zu spre­chen, wäre verfrüht. Unbe­streit­bar ist ledig­lich, dass die allmäh­li­che Abkehr vom Kapi­ta­lis­mus im Prozess des anti­im­pe­ria­lis­ti­schen und anti­feu­da­len Kamp­fes im natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Stadium der Revo­lu­tion unter der Führung der revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­tie einge­lei­tet werden kann, aber der erfolg­rei­che Abschluss dieses Prozes­ses und der Über­gang zum sozia­lis­ti­schen Aufbau und später die Gewähr­leis­tung des voll­stän­di­gen Sieges des Sozia­lis­mus sind ohne die Partei des wissen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus, ohne die Führung der Arbei­ter­klasse unmög­lich. Ulja­novsky in Probleme des Frie­dens und des Sozia­lis­mus, 1970, Ausg. 06.

[47] C. Mähr­del and N.A. Simo­nija (1974), S. 60.

[48] Autoren­kol­lek­tiv, Staats­recht junger Natio­nal­staa­ten (1988), S. 35.

[49] V. E. Cirkin, Die Entwick­lung der Staats­macht in den Ländern sozia­lis­ti­scher Orien­tie­rung, in Asien, Afrika Latein­ame­rika, 1984, iss. 12 (Berlin: Akade­mie Verlag, 1984), S. 225 – 233.

[50] Die Volks­re­pu­blik Kongo unter Führung der Kongo­le­si­schen Arbei­ter­par­tei arbei­tete eng mit den Kuba­nern zusam­men, um die Volks­re­pu­blik Angola zu unter­stüt­zen und die Stell­ver­tre­ter der USA in diesem Land zu bekämp­fen. Die Demo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Jemen half bei der Bewaff­nung des paläs­ti­nen­si­schen Wider­stands und unter­stützte die marxis­tisch geführte Dhofar-Rebel­lion in Oman.

[51] China ist unter den BRICS-Staa­ten ein Sonder­fall, aber unab­hän­gig davon, wie man seine heutige Volks­wirt­schaft charak­te­ri­siert, führt China derzeit keinen inter­na­tio­na­len Kampf zur Umwäl­zung des globa­len Kapi­ta­lis­mus an, wie es die UdSSR getan hat.

Literaturverzeichnis

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