Doch, die Deutsche Demokratische Republik war sozialistisch – und wir haben viel von ihr zu lernen

Von der Inter­na­tio­na­len Forschungs­stelle DDR (IFDDR)
27.09.2025

Ursprüng­lich veröf­fent­licht bei The Left Berlin (auf Englisch)

Photo: Wiki­me­dia Commons, CC licensing

Anfang Septem­ber sorgte die Frak­ti­ons­vor­sit­zende der Partei Die Linke, Heidi Reichin­nek, für Schlag­zei­len, nach­dem sie behaup­tete, die Vision ihrer Partei vom „demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus“ habe nichts mit der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR) zu tun: „Das in der DDR war kein Sozia­lis­mus. Also nicht so, wie ihn sich meine Partei vorstellt.“ Deutsch­lands Konser­va­tive wider­spra­chen ihr schnell: „Die DDR war Sozia­lis­mus pur. Die DDR war ein Unrechts­staat.“ Anstatt diesem Narra­tiv entge­gen­zu­tre­ten, schrieb Natha­niel Flakin kürz­lich einen Arti­kel, der mit Reichin­n­eks Einschät­zung der DDR über­ein­stimmt — wenn­gleich er kritisch gegen­über dem von ihrer Partei propa­gier­ten „demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus“ ist. Laut Flakin „kann eine Gesell­schaft nur dann als sozia­lis­tisch bezeich­net werden, wenn sie Marx’ Krite­rien der Entwick­lung hin zum Abster­ben von Klas­sen und Staat erfüllt“, wovon in der DDR ganz und gar nicht die Rede sein könnte.

Reichin­n­eks und Flak­ins Argu­men­ta­tio­nen basie­ren auf in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land seit langem propa­gier­ten DDR-kriti­schen Thesen. Die DDR soll durch und durch unde­mo­kra­tisch oder, wie Flakin es formu­liert, ein „stali­nis­ti­scher Staat“ gewe­sen sein, der von einer „privi­le­gier­ten, kontroll­be­ses­se­nen Büro­kra­tie“ regiert wurde. Der Mangel an Demo­kra­tie und die „Unter­drü­ckung jegli­cher Kritik“ seien nicht nur „eine Belei­di­gung der Menschen­würde“ gewe­sen, sondern hätten auch „stän­dige Inef­fi­zi­en­zen hervor­ge­bracht” und „gute Planung“ verhin­dert. Die DDR wird als Kari­ka­tur stüm­per­haf­ter, selbst­be­rei­chern­der Büro­kra­ten darge­stellt, die ihr maro­des System nur durch Massen­über­wa­chung aufrecht­erhal­ten konn­ten. Statt ein Refe­renz­punkt zu sein, von dem fort­schritt­li­che Kräfte lernen können, sollte die DDR als nichts weiter als eine „Fußnote der deut­schen Geschichte“ abge­tan werden (Stefan Heym). Reichin­nek und Flakin versi­chern uns, dass ihre Versio­nen des Sozia­lis­mus anders sein werden.

Entkontextualisierung und Verzerrung

Solche Argu­mente gegen die DDR folgen einem ähnli­chen Muster. Zunächst wird ein reales und konkre­tes Problem der DDR iden­ti­fi­ziert. Dieses wird dann aus seinem histo­ri­schen Kontext geris­sen und stark über­trie­ben, bevor es als zentra­les, wesent­li­ches Merk­mal des „stali­nis­ti­schen Staa­tes“ verall­ge­mei­nert wird. Histo­ri­sche Entwick­lun­gen werden verzerrt, um den Eindruck zu erwe­cken, die DDR sei eine kaputte und chro­nisch krän­kelnde Gesell­schaft gewe­sen. Flakin tut genau dies, wenn er die ostdeut­sche Wirt­schaft beschreibt. Es ist in der Tat wahr, dass die DDR vor großen Heraus­for­de­run­gen stand, wie der Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät oder der Suche nach einem ange­mes­se­nen Mecha­nis­mus zur Preis­fest­set­zung in der Plan­wirt­schaft. Pauschale Aussa­gen über „stän­dige Inef­fi­zi­en­zen“ sind jedoch schlicht­weg unzu­tref­fend und irreführend.

Die DDR-Wirt­schaft erwies sich in den 40 Jahren ihres Bestehens als robust und effi­zi­ent. Von 1949 bis 1989 gab es kein einzi­ges Jahr der Stagna­tion oder Rezes­sion. Im Gegen­teil: Eine Publi­ka­tion von Profes­sor Gerhard Heske aus dem Jahr 2009 zeigt, dass die jähr­li­che Wachs­tums­rate Ostdeutsch­lands (4,5 %) während der Ära der sozia­lis­ti­schen Planung (1951 bis 1989) höher war als die West­deutsch­lands (4,3 %). Daten über die Produk­tion und den Verbrauch von Konsum­gü­tern bestä­ti­gen, dass die DDR das offi­zi­elle Ziel errei­chen konnte, „die wach­sen­den mate­ri­el­len und kultu­rel­len Bedürf­nisse der Bevöl­ke­rung immer besser zu befrie­di­gen“ und so den Lebens­stan­dard schritt­weise zu verbessern.

Kriti­ker der DDR igno­rie­ren stets den Kontext, in dem dieser sozia­lis­ti­sche Staat operierte. Da die Schwer­indus­trie Deutsch­lands histo­risch in den west­li­chen Regio­nen des Landes konzen­triert war und Ostdeutsch­land in der Endphase des Zwei­ten Welt­kriegs schwer zerstört wurde, war die DDR Ende der 1940er Jahre gezwun­gen, Groß­in­dus­trien von Grund auf aufzu­bauen. Die Inves­ti­ti­ons­mit­tel muss­ten im Inland aufge­bracht werden, denn Ostdeutsch­land besaß weder über­see­ische Kolo­nien noch auslän­di­sche Förde­rer (im Gegen­satz zu West­deutsch­land, das durch den Marshall­plan massive Kredite erhielt). Die DDR musste allein die Schä­den behe­ben, die Hitlers Krieg ange­rich­tet hatte, nach­dem die West­mächte das Pots­da­mer Abkom­men verletzt und 1946 die Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen an die Sowjet­union aufge­kün­digt hatten. Die west­li­chen Sank­tio­nen führ­ten zusätz­lich dazu, dass der Handel mit dem rohstoff­rei­chen Ruhr­ge­biet im Westen nicht länger möglich war. Insge­samt stan­den nach 1945 sieb­zig Prozent der Vorkriegs­in­dus­trie­ka­pa­zi­tä­ten Ostdeutsch­lands nicht mehr zur Verfü­gung, was bedeu­tete, dass der Lebens­stan­dard und die Produk­ti­vi­tät im Osten nur noch knapp die Hälfte des Niveaus des Westens erreichten.

Durch den entschlos­se­nen Einsatz von Millio­nen Arbei­te­rin­nen und Arbei­tern und durch das effi­zi­ente sozia­lis­ti­sche Planungs­sys­tem konnte die DDR während des Jahr­zehnts des sozia­lis­ti­schen Aufbaus in den 1950er Jahren ihr Inves­ti­ti­ons­vo­lu­men mehr als verdrei­fa­chen. Bis 1989 war die Indus­trie­pro­duk­tion um das 12,3‑fache gestie­gen und das Brut­to­in­lands­pro­dukt hatte sich verfünf­facht. Möglich wurden diese Erfolge durch sozia­lis­ti­sche Eigen­tums­ver­hält­nisse und einen wissen­schaft­lich fundier­ten Planungs­pro­zess: Statt von einer ausbeu­te­ri­schen „privi­le­gier­ten Büro­kra­tie“ abge­schöpft und konsu­miert zu werden, wurde das Mehr­pro­dukt der DDR in öffent­li­cher Hand ange­häuft und bewusst reinves­tiert, um die Indus­tria­li­sie­rung und die wirt­schaft­li­che Entwick­lung zu beschleu­ni­gen. Dieses kompli­zierte Planungs­sys­tem basierte auf dem leni­nis­ti­schen Prin­zip des demo­kra­ti­schen Zentra­lis­mus: Ökono­men und Planungs­spe­zia­lis­ten sammel­ten Daten und analy­sier­ten inter­na­tio­nale und tech­no­lo­gi­sche Entwick­lun­gen, um Perspek­tiv­pläne für die DDR-Wirt­schaft zu entwer­fen. Arbei­ter und Massen­or­ga­ni­sa­tio­nen disku­tier­ten und änder­ten diese Pläne dann gemein­sam auf Fabrik- und Nach­bar­schafts­ebene. Diese Pläne verban­den somit komple­xes Fach­wis­sen mit demo­kra­ti­scher Legitimität.

Flakin verwei­gert der DDR den Titel Sozia­lis­mus, weil sie Leo Trotz­kis Aussage, „der Sozia­lis­mus müsse die mensch­li­che Produk­ti­vi­tät entwi­ckeln, sonst habe er keine histo­ri­sche Berech­ti­gung“, nicht erfüllt habe. Auch hier igno­riert Flakin nicht nur die ungüns­ti­gen Ausgangs­be­din­gun­gen in Ostdeutsch­land, sondern verzerrt auch die Reali­tät. Tatsäch­lich gelang es der DDR während ihrer gesam­ten Exis­tenz, die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät dauer­haft zu stei­gern. Selbst in den 1970er Jahren, als der Außen­han­del durch die globale Ener­gie­krise stark beein­träch­tigt wurde und die DDR Mühe hatte, die inlän­di­sche Akku­mu­la­ti­ons- und Konsum­rate ins Gleich­ge­wicht zu brin­gen, stieg die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät weiter – wenn auch lang­sa­mer als in den Jahr­zehn­ten zuvor. Viele Fakto­ren trugen zu dieser Entwick­lung bei, darun­ter der gravie­rende Mangel an Arbeits­kräf­ten (was bedeu­tete, dass die vorhan­de­nen Produk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten nicht maxi­mal ausge­las­tet werden konn­ten) und die poli­ti­sche Entschei­dung, nach 1971 Konsum­gü­tern Vorrang vor Indus­trie­inves­ti­tio­nen zu geben. Diese Fakto­ren änder­ten jedoch nichts am sozia­lis­ti­schen Charak­ter der DDR. Es wäre ratsam, aus den Heraus­for­de­run­gen frühe­rer sozia­lis­ti­scher Staa­ten zu lernen, anstatt sie mit der Behaup­tung „nächs­tes Mal wird es anders sein“ abzutun.

Es ist wich­tig zu beto­nen, dass die genann­ten wirt­schaft­li­chen Probleme nicht zum „Zusam­men­bruch“ der DDR führ­ten. Trotz unge­klär­ter Fragen rund um Preis­po­li­tik, Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät und Akku­mu­la­ti­ons­ra­ten gelang es der DDR, ihren natio­na­len und inter­na­tio­na­len Verpflich­tun­gen nach­zu­kom­men und alle Löhne bis zu ihrem Ende zu zahlen. Die berüch­tig­ten Bank­rott­vor­würfe sind Teil des Narra­tivs, das die sozia­lis­ti­sche Plan­wirt­schaft diskre­di­tie­ren soll: 1989 betrug die Schul­den­quote Ostdeutsch­lands (rund 19 Prozent) weni­ger als die Hälfte der West­deutsch­lands (42 Prozent). Tatsäch­lich gelang es der DDR, das Antlitz der ehemals unter­ent­wi­ckel­ten Agrar­re­gion Ostdeutsch­lands grund­le­gend zu verän­dern und das Land inner­halb von nur 40 Jahren in die Reihe der fünf­zehn führen­den Indus­trie­staa­ten der Welt zu katapultieren.

Undemokratischer Sozialismus?

Flakin und Reichin­nek sind mögli­cher­weise verschie­de­ner Meinung in Bezug auf die Vision der Links­par­tei über einen „demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus“ – aber in einem Punkt sind sie sich einig: Die DDR war sicher­lich nicht demo­kra­tisch. Diese Schluss­fol­ge­rung ist leicht zu ziehen, wenn man die DDR an den Maßstä­ben einer bürger­li­chen Verfas­sung misst: Gewal­ten­tei­lung, Schutz des Privat­ei­gen­tums und Gleich­heit vor dem Gesetz. Marxis­ten argu­men­tie­ren seit langem, dass diese Prin­zi­pien von und für die Kapi­ta­lis­ten­klasse geschaf­fen wurden. Privat­ei­gen­tum schränkt zwangs­läu­fig die Demo­kra­tie ein und begrenzt die Volks­herr­schaft über bedeu­tende Teile der Gesell­schaft. In einer Gesell­schaft, die in Arm und Reich gespal­ten ist, kann die de jure-Gleich­heit nur zu einer de facto-Ungleich­heit führen. Kommu­nis­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten in Ostdeutsch­land erkann­ten diese Reali­tät an und streb­ten daher nie danach, die DDR als bürger­li­chen Rechts­staat zu etablie­ren. Ihr Ziel war der Aufbau einer grund­le­gend ande­ren Demo­kra­tie, in der das öffent­li­che Eigen­tum an den Produk­ti­ons­mit­teln gesetz­lich veran­kert und vom Volk weiter­ent­wi­ckelt werden sollte. Das Planungs­sys­tem war ein Kern­ele­ment dieser Idee: Planung wurde als sozia­les Verhält­nis verstan­den, in der die Menschen zuneh­mend aktiv werden und sich ihrer Rolle als Mitge­stal­ter der Gesell­schaft bewusst werden soll­ten. Demo­kra­tie wurde somit als Prozess begrif­fen, als konti­nu­ier­li­che Aufgabe, die im Laufe des Sozia­lis­mus vertieft werden sollte.

Der Grund­stein für die sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie der DDR wurde während der soge­nann­ten „anti­fa­schis­ti­schen Umwäl­zung“ Ende der 1940er Jahre gelegt. Die ostdeut­sche Wirt­schaft wurde durch eine Boden­re­form, bei der die Lände­reien der Junker an die Bauern umver­teilt wurden, und durch die Enteig­nung der Indus­trie­mo­no­po­lis­ten, die zur Grün­dung der Volks­ei­ge­nen Betriebe führte, radi­kal demo­kra­ti­siert. Die wirt­schaft­li­che Macht wurde dadurch auf die arbei­ten­den Massen über­tra­gen. Weit davon entfernt, büro­kra­ti­sche Maßnah­men von oben zu sein, wurden diese Maßnah­men vom Volk selbst durch­ge­führt. Die sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tion legte Wert darauf, dem deut­schen Volk die Aufgabe zu über­tra­gen, zu ermit­teln und zu unter­su­chen, welche Unter­neh­men und Güter zur Enteig­nung vorge­se­hen werden soll­ten. Zehn­tau­sende Arbei­ter und Bauern schlos­sen sich soge­nann­ten Seques­ter-Kommis­sio­nen und Boden­re­form­kom­mis­sio­nen an, und hinter­frag­ten kollek­tiv die Mitwir­kung ihrer Chefs an Nazi- und Kriegs­ver­bre­chen. Plötz­lich hatten Arbei­ter und land­lose Bauern das Recht, geheime Geschäfts­un­ter­la­gen zu prüfen und die Verbin­dung zwischen Kapi­ta­lis­mus und Faschis­mus aufzu­de­cken. In West­deutsch­land hinge­gen wurden die Bemü­hun­gen der Bevöl­ke­rung, Indus­trie und Banken zu verge­sell­schaf­ten, von den Behör­den unter­drückt, obwohl es demo­kra­ti­sche Volks­ab­stim­mun­gen zu diesem Thema gab. Die „anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­sche Umwäl­zung“ nach 1945 und der „sozia­lis­ti­sche Aufbau“ der 1950er Jahre waren sowohl inhalt­lich als auch formal zutiefst demo­kra­tisch. Die Behaup­tung, solche großen sozia­len Errun­gen­schaf­ten seien durch Unter­drü­ckung und Zwang erreicht worden, ist unsin­nig.

Flakin behaup­tet, die DDR habe „jede Kritik unter­drückt“. In unzäh­li­gen Inter­views mit ehema­li­gen DDR-Bürgern haben wir jedoch etwas ande­res gehört. Die Betriebs- und Nach­bar­schafts­ko­mi­tees waren in der Tat Orte hitzi­ger und kontro­ver­ser Debat­ten. Wo im Kapi­ta­lis­mus die Demo­kra­tie hinter dem Betriebs­tor endete, begann sie in der DDR. Als „Arbei­ter- und Bauern­staat“ garan­tierte die DDR den Werk­tä­ti­gen das Recht auf Mitwir­kung an der Betriebs­lei­tung sowie eine lange Liste sozia­ler Rechte wie Gesund­heits- und Kinder­be­treu­ung, Betriebs­fe­rien und Weiter­bil­dung. Viele dieser Rechte wurden im Arbeits­ge­setz nieder­ge­legt, das 1961 verab­schie­det wurde, nach­dem rund 7 Millio­nen Einwoh­ner der DDR den ursprüng­li­chen Entwurf disku­tiert und über 23.000 Ände­run­gen vorge­schla­gen hatten. Diese Gesetze ermäch­tig­ten die Arbeit­neh­mer, selbst die Betriebs­di­rek­to­ren zu über­wa­chen und sorg­ten für die Einhal­tung von Gesund­heits­schutz und Demo­kra­tie am Arbeits­platz. Die Betriebs­lei­ter waren keine Eigen­tü­mer der Fabri­ken und Betriebe und konn­ten sich nicht auf dem Rücken der Arbei­ter berei­chern; sie waren de facto Ange­stellte des Staa­tes und ledig­lich mit der Aufsicht über öffent­li­ches Eigen­tum beauf­tragt. Arbei­ter, die sich schlecht behan­delt fühl­ten, konn­ten sich über ihre Gewerk­schaft oder das beliebte Einga­be­sys­tem beschwe­ren, welches den Bürgern das Recht auf eine Antwort inner­halb von vier Wochen garan­tierte. Die Auswei­tung der Demo­kra­tie auf die Wirt­schaft wirkte sich auch auf den länd­li­chen Raum aus, wo die Schaf­fung genos­sen­schaft­li­cher Struk­tu­ren nicht nur zur Demo­kra­ti­sie­rung der Entschei­dungs­pro­zesse beitrug, sondern den Bauern auch zuvor unbe­kannte Privi­le­gien, wie bezahl­ten Urlaub, Kinder­be­treu­ung und den Zugang zu Kultur ermöglichte.

In der DDR soll­ten alle Berei­che der Gesell­schaft demo­kra­ti­siert werden, indem die Massen in die alltäg­li­che Regie­rungs­füh­rung einbe­zo­gen wurden. Die Werk­tä­ti­gen hatten das Recht — und die Mittel -, bei Entschei­dun­gen nicht nur über den Arbeits­platz, sondern auch über die Ausbil­dung der Kinder, die Wohnungs­ver­tei­lung, die Entwick­lung der Nach­bar­schaft und die Rechts­be­ra­tung mitzu­wir­ken. Ein wegwei­sen­der Aspekt der sozia­lis­ti­schen Demo­kra­tie waren die Massen­or­ga­ni­sa­tio­nen, darun­ter der Freie Deut­sche Gewerk­schafts­bund, die Verei­ni­gung der gegen­sei­ti­gen Bauern­hilfe, der Demo­kra­ti­sche Frau­en­bund Deutsch­lands, der Kultur­bund der DDR und die Freie Deut­sche Jugend. Diese Orga­ni­sa­tio­nen waren mit allen Berei­chen der Gesell­schaft verbun­den und verwach­sen, um die Vertre­tung verschie­de­ner Grup­pen zu gewähr­leis­ten. Dem Frau­en­bund beispiels­weise wurde eine Vertre­tung in Wohn­ge­biets­ko­mi­tees, Schu­len, Kultur­zen­tren und im Parla­ment garan­tiert, wo er zur wirt­schaft­li­chen Eman­zi­pa­tion der Frauen von den Männern beitrug. Im Gegen­satz zu den Gewerk­schaf­ten und Orga­ni­sa­tio­nen in kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten waren die Massen­or­ga­ni­sa­tio­nen der DDR nicht frag­men­tiert und wurden nicht als private Lobby­grup­pen behan­delt; sie waren poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen, die vom Staat ermäch­tigt wurden, die kollek­tive Bera­tung und Umset­zung sozia­lis­ti­scher Poli­tik zu fördern.

Auch die Justiz, die in kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten typi­scher­weise weit vom Volks­wil­len entfernt ist, wurde in der DDR demo­kra­ti­siert. Soge­nannte gesell­schaft­li­che Gerichte wurden in Betrie­ben und Wohn­ge­bie­ten einge­rich­tet, um Konflikte und Probleme direkt und nach­voll­zieh­bar zu lösen. Die Mitglie­der der Gerichte bestan­den aus Kolle­gen und Nach­barn und wurden direkt gewählt. Arbei­ter, Lehrer, Wissen­schaft­ler, Hand­wer­ker und Künst­ler prak­ti­zier­ten als Juris­ten, um bei der Lösung von Proble­men zu helfen. Durch die Gerichte, die Massen­or­ga­ni­sa­tio­nen und das Einga­be­sys­tem stan­den den DDR-Bürgern viel­fäl­tige Möglich­kei­ten offen, konkrete Verän­de­run­gen in ihrem Alltag zu bewirken.

Die Aner­ken­nung dieser Insti­tu­tio­nen als Inno­va­tio­nen der sozia­lis­ti­schen Demo­kra­tie schließt eine kriti­sche Würdi­gung keines­wegs aus. Bei der Betrach­tung der DDR-Geschichte wird deut­lich, dass manche Peri­oden von rasan­tem Fort­schritt geprägt waren, andere hinge­gen von Stagna­tion. Letz­tere Phasen müssen in ihrem histo­ri­schen Kontext analy­siert werden, um daraus lernen zu können. Man darf nicht verges­sen, dass die DDR direkt an der System­grenze des „Kalten Krie­ges“ lag. West­deut­sche Poli­ti­ker erklär­ten offen ihre Absich­ten, „wir werden alles tun und das Letzte unter­neh­men […] um [Ostdeutsch­land] wieder zurück­zu­ho­len“. Dennoch ist die sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie ein Entwick­lungs­pro­zess, in dem die Massen die Produk­ti­ons­mit­tel und Instru­mente der Demo­kra­tie zuneh­mend als ihre eige­nen aner­ken­nen und nutzen müssen. Dies erfor­dert die konse­quente Nutzung und Weiter­ent­wick­lung etablier­ter Insti­tu­tio­nen. In der DDR gibt es deut­li­che Anzei­chen dafür, dass sich dieser Prozess in den 1980er Jahren verlang­samte. Doch auch diese Entwick­lun­gen änder­ten nichts am sozia­lis­ti­schen Charak­ter der DDR. Viel­mehr weisen sie auf ein Problem hin, mit dem alle post­ka­pi­ta­lis­ti­schen Staa­ten in der Vergan­gen­heit konfron­tiert waren: Wie kann die revo­lu­tio­näre Dyna­mik lang­fris­tig aufrecht­erhal­ten werden, um die Weiter­ent­wick­lung der gesell­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zu gewähr­leis­ten? Beson­ders schwie­rig ist es, wenn diese Notwen­dig­keit, Insti­tu­tio­nen zu öffnen und die Demo­kra­tie zu erwei­tern, mit der Erfor­der­nis zur Vertei­di­gung gegen Konter­re­vo­lu­tion und externe Bedro­hun­gen in Konflikt gerät. Die DDR war keines­wegs der einzige sozia­lis­ti­sche Staat, der sich dieser Heraus­for­de­rung stellte, Demo­kra­tie und Sicher­heit in Einklang zu brin­gen, und es wäre naiv zu glau­ben, dass zukünf­tige Versu­che, den Sozia­lis­mus aufzu­bauen, davon verschont blei­ben werden. Wie Lenin 1920 schrieb: „Die Erobe­rung der poli­ti­schen Macht durch das Prole­ta­riat setzt seinem Klas­sen­kampf gegen die Bour­geoi­sie kein Ende, im Gegen­teil, dieser Kampf nimmt dadurch beson­ders großen Umfang, beson­dere Schärfe und Scho­nungs­lo­sig­keit an.“

Praxis – nicht abstrakte Speku­la­tion – ist das Krite­rium der Wahr­heit. Die Vorstel­lung, dass der Staat unter dem „wahren Sozia­lis­mus“ sofort abzu­ster­ben begin­nen würde, ist ein Rück­schritt zum Utopis­mus, den Marx und Engels zu ihrer Zeit so scharf kriti­sier­ten. Anstatt uns dem herr­schen­den Narra­tiv zu beugen und die DDR zu verleug­nen, müssen wir sie als Deutsch­lands ersten sozia­lis­ti­schen Staat hoch­hal­ten. Die gemein­sa­men Anstren­gun­gen von Millio­nen DDR-Bürgern haben uns vier Jahr­zehnte Praxis beschert, aus denen wir lernen können. Indem wir diese Geschichte als unsere eigene aner­ken­nen und sie nach unse­ren eige­nen Maßstä­ben unter­su­chen, können wir eine umfas­sende Perspek­tive auf die grund­le­gen­den Möglich­kei­ten und Schwie­rig­kei­ten gewin­nen, die sich beim Aufbau sozia­ler, wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Modelle jenseits des Kapi­ta­lis­mus ergeben.