Ökonomische Probleme und Debatten während des sozialistischen Aufbaus in der Deutschen Demokratischen Republik (1950–1963)
Matthew Read
3. März 2026
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
„… der Staat, den wir geschaffen haben, ist kein Ruhebett, auf dem man sich räkeln kann. An seiner Wiege steht kein billiger Triumph, sondern die schwere Arbeit, die wir auf dem Wege der demokratischen Selbstgestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens zu leisten haben. … Die Republik ist im Kampf entstanden, sie steht heute im Kampf und wird ihr Leben im Kampf entfalten müssen.“
- Ministerpräsident Otto Grotewohl auf dem 3. Parteitag der SED am 23. Juli 1950.
Als die Deutsche Demokratische Republik im Oktober 1949 gegründet wurde, stand der junge Staat vor einer gewaltigen Aufgabe. Sein Staatsgebiet und seine Bevölkerungszahl waren weitaus kleiner als die seines westdeutschen Pendants, der Bundesrepublik Deutschland. Abgeschnitten vom historischen Zentrum der deutschen Schwerindustrie und Rohstoffen im Westen, musste die vom Krieg schwer gezeichnete DDR eine Großindustrie von Grund auf aufbauen. Die Investitionsmittel dafür mussten im Inland aufgebracht werden, denn die DDR verfügte weder über Kolonien noch über ausländische Gönner wie die BRD mit dem Marshallplan. Allein die DDR-Bürger zahlten die 10 Milliarden Dollar Reparationszahlungen Deutschlands an die Sowjetunion, nachdem der Westen seine Zahlungen eingestellt und Exportsanktionen gegen den Osten verhängt hatte. Dies war die prekäre Ausgangssituation, von der aus der sozialistische Aufbau in Ostdeutschland in den frühen 1950er Jahren begann. Am Ende eines turbulenten Jahrzehnts wurden Hunderte von neuen Industriebetrieben errichtet, der ländlichen Raum durch genossenschaftliche Strukturen demokratisiert und beispiellose soziale und kulturelle Rechte für Millionen Arbeiter und Bauern gesichert.
Der folgende Artikel greift diese Periode der DDR-Geschichte auf und konzentriert sich auf die wirtschaftlichen Probleme und Debatten während des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Er knüpft an einen früheren Artikel aus dem Jahr 2024 an, der die Wirtschaftspolitik der „antifaschistisch-demokratischen Umwälzung“ (1945–1949) in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SOZ) untersuchte. Dieser Zeitraum war durch den Nachkriegsprozess der Entnazifizierung, Demokratisierung und Dezentralisierung der Wirtschaft gekennzeichnet. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), die im April 1946 in der SOZ aus dem Zusammenschluss der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) hervorging, erkannte, dass die objektiven und (vor allem) subjektiven Bedingungen in Deutschland noch nicht reif für den Sozialismus waren, und konzentrierte sich auf den Kampf gegen die Teilung des Landes. Die Sowjetische Militäradministration arbeitete mit der SED und anderen Parteien zusammen, um die Überwindung der Kriegsschäden, die Wiederherstellung des Lebensstandards auf Vorkriegsniveau und die Förderung eines antifaschistischen, demokratischen Bewusstseins in den Vordergrund zu stellen. Durch Masseninitiativen wie Sequester- und Bodenreformkommissionen wurden die Eigentumsverhältnisse schrittweise umgestaltet, um die ökonomische Wurzeln des Faschismus zu beseitigen. Die neue Eigentumsform „Volkseigentum“ wurde geschaffen, um einen sozialisierten Industriesektor zu etablieren, der neben dem noch großen Privatsektor agieren sollte. Bis 1948 hatten die Westmächte einseitig eine wirtschaftliche Teilung Deutschlands durch eine Währungsreform durchgesetzt, und die SED begann, Elemente einer indikativen Wirtschaftsplanung einzuführen. Der Zweijahresplan von 1948 sollte sicherstellen, dass die wirtschaftliche Entwicklung in der SOZ nicht weiter hinter die der Westzonen zurückfiel.
Das darauf folgende Jahrzehnt wurde rückblickend als die „Periode des sozialistischen Aufbaus“ in der DDR (1950–1962) bezeichnet. Das Planungssystem verlagerte sich von marktorientierten indikativen Mechanismen zu einem demokratisch-zentralistischen Modell, das dem sowjetischen System ähnelte. Die Wirtschaft wurde nun nach spezifischen Produktionszielen koordiniert, die in Fünfjahres- und Jahresplänen festgelegt wurden. Die Pläne wurden in einem langen, mehrstufigen Prozess der wissenschaftlichen Analyse und der demokratischen Beratung erstellt. Der internen Akkumulation wurde Vorrang eingeräumt, um den Aufbau der Schwerindustrie zu finanzieren. Private Unternehmen spielten weiterhin eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen und wurden im Laufe des Jahrzehnts schrittweise in das Planungssystem integriert. Wie in dem obigen Zitat des ersten Ministerpräsidenten Otto Grotewohl erwähnt, wurden diese Bemühungen durch die politischen Kämpfe der Zeit stark beeinflusst und eingeschränkt. Die 1950er Jahre waren die prägenden Jahre des sozialistischen Blocks in Osteuropa. Sie waren sowohl von raschen wirtschaftlichen Fortschritten als auch von schwerwiegenden politischen Krisen geprägt. In der Mitte des Jahrzehnts kam es zu einer entscheidenden Auseinandersetzung zwischen dem leninistischen Modell des demokratischen Zentralismus und der titoistischen Konzeption des „selbstverwalteten Sozialismus“.
In den späten 1940er Jahren, als die UdSSR zu einer Friedenswirtschaft überging und die Volksdemokratien in Osteuropa mit dem sozialistischen Aufbau begannen, kam es auch zu einer Wiederbelebung der Debatten über die politische Ökonomie des Sozialismus. Die wichtigsten Fragen betrafen die Akkumulation, die Effizienz, die Objektivität der ökonomischen Gesetze und den angemessenen Grad der betrieblichen Selbstständigkeit. Ökonomen setzten sich mit den inneren Abläufen der Wirtschaft auseinander, die sich von den Märkten weg und hin zu einer bewussten Planung bewegte. Erhebliche Meinungsverschiedenheiten ergaben sich aus der Frage, inwieweit die vom Kapitalismus übernommenen Kategorien und Mechanismen (z. B. Warenproduktion, Wertgesetz, Rentabilität usw.) auch im Sozialismus relevant blieben. Eine der schwierigsten praktischen und theoretischen Herausforderungen war die Frage der Preise: Was ist die Funktion des Geldes im Sozialismus? Auf welcher Grundlage sollten die Geldpreise gebildet werden? Sollen sie lediglich eine Kalkulationsfunktion erfüllen oder aktiv den Produktionsprozess beeinflussen? Und schließlich: Wie können die Preise so gestaltet werden, dass sie die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in einer Nichtmarktwirtschaft genau widerspiegeln? Die Bolschewiki hatten bereits in den 1920er Jahren erkannt, dass die Preispolitik den Kernpunkt der Wirtschaftsplanung darstellt:
„Im Problem der Preise kreuzen sich alle grundlegenden ökonomischen und folglich auch politischen Probleme des Sowjetstaates. Die Herstellung richtiger Wechselbeziehungen zwischen der Bauernschaft und der Arbeiterklasse, die Sicherung einer koordinierten und wechselseitig bedingten Entwicklung der Landwirtschaft und der Industrie …, die Sicherung des Reallohns, die Festigung des Tscherwonez [sowjetische Währung] … alle diese Fragen stoßen auf das Preisproblem.“1
In diesem Artikel wird genauer untersucht, wie sich die Preisdebatte während des ersten Jahrzehnts der DDR entwickelte. Bestehende Darstellungen dieser Diskussionen isolieren die Debatten häufig sowohl von ihrem politischen Kontext als auch von der praktischen Seite der Planung.2 Daher untersucht dieser Artikel die theoretischen Kontroversen in ihrem Kontext und geht der Frage nach, wie Planungsämter Lösungsansätze für die von Theoretikern aufgedeckten Widersprüche entwickelt haben. Besonderes Augenmerk wird auf den Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gelegt, als mehrere prominente Ökonomen weitreichende marktorientierte Reformen in der DDR forderten. Nur vor dem Hintergrund dieser frühen Debatten lassen sich die Motive und Gründe für die großen Wirtschaftsreformen der 1960er Jahre (z. B. das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ in der DDR, die sowjetischen „Kosygin-Reformen“, das tschechische „Neue Wirtschaftsmodell“, der ungarische „Neue Wirtschaftsmechanismus“ usw.) richtig verstehen.
Der Artikel ist chronologisch aufgebaut. Abschnitt 2 beginnt mit den Anfängen des Planungssystems und neuen Formen der sozialistischen Demokratie während des ersten Fünfjahresplans. In Abschnitt 3 werden die Wiederbelebung der ökonomischen Debatten und die ersten Versuche zur Reform des Preissystems in den Jahren 1952/1953 nachgezeichnet. Abschnitt 4 befasst sich mit der politischen Krise, die im Frühjahr 1953 ausbrach, und wie diese zur ersten Reform über die „Vereinfachung des Plans“ in den Jahren 1954/1955 führte. Abschnitt 5 befasst sich mit den großen Debatten über das Wertgesetz und den „Marktsozialismus“, die 1956 ausbrachen und bis 1958 andauerten. Abschnitt 6 fasst die letzten Jahre des Jahrzehnts zusammen als die Regierung eine erneute politische Offensive zur Vollendung des Übergangs zum Sozialismus startete. Die Schlussfolgerung in Abschnitt 7 enthält einige Überlegungen zur Ökonomie des sozialistischen Aufbaus in der DDR.
Wie immer begrüßen wir Kritik und Anregungen, schreibt uns an: kontakt@ifddr.org. Der Umfang und die Komplexität dieses Themas erfordern eine kollektive Auseinandersetzung, und dieser Artikel kann nur ein Zwischenergebnis wiedergeben.
2. Schwerindustrialisierung und die Einführung des demokratisch-zentralistischen Planungssystems (1950–1953)
Der erste Fünfjahresplan war ein Produkt der Teilung Deutschlands, die von den Westmächten im Mai 1949 mit der Schaffung eines separaten westdeutschen Staates, der BRD, zementiert worden war. Angesichts dieser Realität versuchten die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) und die SED, die Errungenschaften der „antifaschistischen, demokratischen Umwälzung“ in der SBZ (1945–1949) zu konsolidieren und die DDR als tragfähige Alternative zum Monopolkapitalismus zu etablieren. Die DDR sollte eine Basis für diejenigen sein, die die Kampagne für die deutsche Einheit und die Einhaltung des Potsdamer Abkommens fortsetzten. Das bedeutete, dass eine robuste Volkswirtschaft aufgebaut werden musste, die nicht nur den Interessen aller Arbeiter, sondern auch denen der Bauern, der Intelligenz und „bestimmter Teile des Bürgertums“ entsprach, wie die SED im Juli 1950 bekräftigte.3
Verfassung der DDR (1949)
Art. 19. Die Ordnung des Wirtschaftslebens muß den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit entsprechen; sie muß allen ein menschenwürdiges Dasein sichern.
Die Wirtschaft hat dem Wohle des ganzen Volkes und der Deckung seines Bedarfs zu dienen; sie hat jedermann einen seiner Leistung entsprechenden Anteil an dem Ergebnis der Produktion zu sichern. Im Rahmen dieser Aufgaben und Ziele ist die wirtschaftliche Freiheit des einzelnen gewährleistet.
[…]
Art. 21. Zur Sicherung der Lebensgrundlagen und zur Steigerung des Wohlstandes seiner Bürger stellt der Staat durch die gesetzgebenden Organe, unter unmittelbarer Mitwirkung seiner Bürger den öffentlichen Wirtschaftsplan auf. Die Überwachung seiner Durchführung ist Aufgabe der Volksvertretungen.
Kurz nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 kündigte Ministerpräsident Grotewohl die Vorbereitungen für einen langfristigen Wirtschaftsplan an, der auf dem Zweijahresplan (1948–50) aufbauen sollte. Vorrangiges Ziel des Fünfjahresplans war es, die durch die Teilung des Landes entstandenen wirtschaftlichen Disproportionen zu überwinden und die Abhängigkeit von Westdeutschland zu verringern. Dies erforderte eine massive Konzentration der Investitionen in der Rohstoffindustrie und im Hüttenwesen. Um den Lebensstandard über das Vorkriegsniveau zu heben, sah der Plan eine Verdoppelung der Industrieproduktion gegenüber 1936 vor. Dies bedeutete zwangsläufig eine weitere Stärkung der Volkseigenen Betriebe (VEB), doch sollten alle Wirtschaftszweige für dieses Ziel genutzt werden. So sollte auch die Produktion in der Privatwirtschaft bis 1955 um 156,5 Prozent gesteigert werden.4 Die kapitalistischen Unternehmen waren weitgehend in der Konsumgüterindustrie konzentriert oder als Zulieferer für die größeren VEB tätig. Während die Einführung der Fünfjahresplanung einen bedeutenden Schritt weg vom Kapitalismus und hin zum Sozialismus darstellte, verzichtete die SED noch darauf, den sozialistischen Aufbau in der DDR explizit einzuleiten.
Das 1950 eingeführte Planungsverfahren war richtungsweisend für das künftige Planungssystem der DDR, auch wenn es in den folgenden Jahrzehnten verfeinert und weiter demokratisiert werden sollte. Unter der Leitung des Ministeriums für Planung (später Staatliche Plankommission) wurden Ministerialabteilungen mit der Erstellung von Berechnungen, Analysen und Bilanzen für die Wirtschaftssektoren und Unternehmen in ihrem Zuständigkeitsbereich beauftragt.5 Die Aufgabe bestand darin, einen wissenschaftlich fundierten langfristigen Plan zu erstellen, der sowohl auf den tatsächlichen Fähigkeiten der Wirtschaft als auch auf den umfassenderen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zielen der Republik basierte. Zur Berechnung der Produktionsziele wurden zwei Arten von Indikatoren verwendet: physische Indikatoren (Menge und Sortiment der Produkte usw.), die in den ersten Jahren der Planung dominierten, und monetäre Indikatoren (Produktionskosten, Einnahmen und Ausgaben usw.), die gegen Ende des Jahrzehnts zunehmend an Bedeutung gewinnen sollten. Qualitative Ziele (z. B. Steigerung der Arbeitsproduktivität, Senkung der Produktionskosten, Verbesserung der Qualität, maximale Auslastung der Produktionskapazitäten usw.) wurden aus der Kombination von physischen und geldmäßigen Indikatoren abgeleitet.
Nach siebenmonatiger Datenerhebung und ‑analyse für den ersten Fünfjahresplan wurde dem 3. Parteitag der SED im Juli 1950 ein Entwurf mit Produktionszielen für jeden Wirtschaftszweig vorgelegt, den die Parteidelegierten diskutierten und verabschiedeten. Die SED leitete diesen Entwurf an das Parlament weiter, wo die konservative Christlich-Demokratische Union (CDU) und die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) eigene Änderungsanträge einbrachten.6 Im Oktober 1950 verabschiedete das Parlament eine „Verordnung über die Ausarbeitung des Fünfjahresplans“, woraufhin eine breite öffentliche Diskussion über den Entwurf im ganzen Land organisiert wurde.7 Die Betriebsleiter wurden verpflichtet, mit den Gewerkschaftsführungen und den SED-Betriebsgruppen zusammenzuarbeiten, um eine Debatte unter der Arbeiterschaft zu ermöglichen. Arbeiter und Arbeiterinnen wurden aufgefordert, die allgemeinen Ziele und Produktionsvorgaben des Entwurfs zu studieren und eigene Änderungsvorschläge einzureichen. Die Vereinigungen der gegenseitigen Bauernhilfe organisierten diesen Prozess auf dem Lande. Außerhalb der Betriebe veranstalteten politische Parteien und Massenorganisationen Versammlungen in den Stadtvierteln und Bezirken, damit die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen an der Diskussion teilnehmen konnten. Die Landesregierungen (später Räte der Bezirke) richteten dann spezielle Büros mit dem Titel „Vorschläge der Bevölkerung zum Fünfjahresplan“ ein, um die Ergebnisse zu sammeln und zu verarbeiten, bevor sie an die Staatliche Plankommission weitergeleitet wurden. Nach der Einarbeitung von Änderungsanträgen aus allen Gesellschaftsebenen wurde der Fünfjahresplan im Oktober 1951 vom Parlament offiziell als verbindliche Politik für alle staatlichen und wirtschaftlichen Organe ratifiziert.
Auf der Grundlage des Fünfjahresplans wurden im Laufe von 11 Monaten detailliertere „Produktionspläne“ entwickelt, um die spezifischen quantitativen und qualitativen Ziele für das kommende Jahr festzulegen (siehe Abbildung 1). Diese wurden dann auf Betriebsebene aufgeschlüsselt, um in jedem VEB Jahres- und Quartalspläne zu erstellen. Die Produktionsziele wurden auf jeder Ebene der Planungshierarchie schrittweise aufgeschlüsselt: Anfang der 50er Jahre gab die Staatliche Plankommission etwa 400 „Einzel- und Sammelpositionen“ vor, die Ministerien gaben den VEB in ihrem Zuständigkeitsbereich etwa 2.500 Positionen in „Schüssellisten“ vor, und die VEB selbst legten in ihren Projektplänen etwa 40.000 Positionen für einzelne Produkte fest.8
Zu diesem Zeitpunkt bezeichnete die SED den Fünfjahresplan nicht ausdrücklich als den Beginn des sozialistischen Aufbaus. Die den Plan begleitende Politik vertiefte jedoch zielgerichtet den revolutionären Prozess in der DDR und enthielt – wie der Zweijahresplan (1948–1950) – viele sozialistische Elemente.10 Der Plan verlangte die Leitung der Industrie nach demokratisch-zentralistischen Prinzipien. Die zentralen staatlichen Wirtschaftsorgane wurden 1949/1950 reorganisiert, um den Planungsprozess effizienter zu gestalten. Um die Aggregation und Disaggregation komplexer Wirtschaftsdaten zu erleichtern, wurde eine Kommunikationskette eingerichtet: von den VEB über die Hauptverwaltungen der Industriezweige bis hin zu den Ministerien und schließlich zur Staatlichen Plankommission.11 Gleichzeitig wurde die Beteiligung der arbeitenden Bevölkerung an der Leitung der Wirtschaft stark erweitert. Anfang 1951 wurden in rund 5.000 VEB Betriebskollektivverträge (BKV) zwischen der Betriebsleitung und der Arbeiterschaft ausgehandelt, die von der Gewerkschaftsführung vertreten wurde. Im Gegensatz zu kapitalistischen Tarifverträgen beruhten die BKV darauf, dass durch die vergesellschafteten Eigentumsverhältnisse die Interessen von Staat, Betriebsleitung und Arbeiterschaft grundsätzlich übereinstimmten und nicht mehr antagonistisch waren. Die BKV legten konkret fest, wie die Arbeiter an der Betriebsführung beteiligt werden sollten, wie die Umsetzung der Pläne zu kontrollieren war und wie die Arbeits‑, Kultur- und Sozialbedingungen im Laufe der Zeit verbessert werden sollten. Diese neue Form der sozialistischen Demokratie und die Rolle der Gewerkschaften in diesem Prozess wurden in Betriebsberatungen ausgiebig diskutiert und dann im Arbeitsgesetz von 1950 kodifiziert. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche neue Mechanismen der betrieblichen Demokratie erprobt und verabschiedet, darunter auch betriebliche Frauenausschüsse zur Förderung der politischen Beteiligung und der beruflichen Entwicklung der Frauen.
Gesetz der Arbeit
19. April 1950
I. Das Recht auf Arbeit
§ 1. Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Es muß ihm ein seinen Fähigkeiten entsprechender und zumutbarer Arbeitsplatz nachgewiesen werden. […] (4) Die staatlichen Organe sind verpflichtet, die erforderlichen Bedingungen zu schaffen, die es Frauen ermöglichen, in größerem Maße von ihrem Recht auf Arbeit in allen Zweigen der Volkswirtschaft Gebrauch zu machen.
§ 3. Allen Arbeitenden ist unabhängig von Geschlecht und Alter für gleiche Arbeit gleicher Lohn zu zahlen. […]
II. Das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter und Angestellten
§ 4. In unserer neuen demokratischen Ordnung, in der die Schlüsselbetriebe dem Volke gehören, wird das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter und Angestellten, als die entscheidende Kraft im Staate, in der Führung der Wirtschaft durch die demokratischen staatlichen Organe verwirklicht.
§ 7. (1) In den volkseigenen Betrieben werden die gegenseitigen Verpflichtungen der Belegschaft und der Werksleitung die sich aus dem VEB-Plan ergeben, jährlich im Betriebsvertrag niedergelegt. […] (3) Die Arbeiter und Angestellten der volkseigenen Betriebe üben ihr Mitbestimmungsrecht bei der Erörterung der VEB-Pläne auf den Belegschaftsversammlungen und in den Produktionsberatungen aus; sie machen entsprechende Vorschläge, die der Entwicklung der Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik dienen. […]
§ 9. Die privaten Industrie‑, Landwirtschafts‑, Handels- und Verkehrsbetriebe sind verpflichtet, mit der Betriebsgewerkschaftsleitung Betriebsvereinbarungen, in denen die Durchführung des Mitbestimmungsrechtes geregelt wird, abzuschließen und der Betriebsgewerkschaftsleitung über die Fragen der Produktion und der Geschäftsführung Auskunft zu geben. […]
VI. Heranbildung von fachlichem Nachwuchs und beruflich qualifizierter Frauen
[…] § 32. In den volkseigenen Betrieben ist das Anlernen von Frauen für alle Tätigkeiten in umfassendem Maße zu organisieren. Das Anlernen soll in Etappen von einfachen zu komplizierten Arbeiten durchgeführt und durch Arbeitsinstruktion und fachliche Kurse gefördert werden. Die Facharbeiter sind verpflichtet, den Frauen und Jugendlichen ihre Fachkenntnisse zu vermitteln.
Die von Rohstoffimporten abhängige DDR, die im Februar 1950 mit neuen westlichen Sanktionen belegt wurde, musste ihre Wirtschaft während des Fünfjahresplans auf Osteuropa ausrichten.12 Im September 1950 trat sie dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) bei und steigerte ihren Anteil am Außenhandel mit dem sozialistischen Block von 55 Prozent im Jahr 1949 auf über 76 Prozent im Jahr 1951. Um zur Verbesserung des Lebensstandards in der DDR beizutragen, halbierte die sowjetische Führung 1950 die ausstehenden Reparationszahlungen Deutschlands (6,34 Milliarden US-Dollar).13 Dadurch entstand dringend benötigter Spielraum in der Investitionsstruktur des Fünfjahresplans. Die DDR begann mit dem Import von sowjetischem Eisenerz und polnischem Koks. Außerdem entwickelten DDR-Spezialisten neue wissenschaftliche Methoden zur Verarbeitung der minderwertigen Erze und der Braunkohle, die in Ostdeutschland heimisch waren.
Im Sinne der Marxschen Theorie der erweiterten Reproduktion14 konzentrierte die SED die Investitionen auf die Produktion von Produktionsmitteln („Abteilung 1“), denn auf dieser materiellen und technischen Grundlage konnte auch die Produktion von Konsumtionsmittel („Abteilung 2“) wachsen. Zwischen 1950 und 1955 flossen 80 Prozent aller Industrieinvestitionen in die Grundstoffindustrie und die Metallurgie.15 Abbildung 2 zeigt, wie der relative Anteil der Abteilung 1 im Laufe der 1950er Jahre schrittweise erhöht wurde.
Eine große Herausforderung für die DDR war der Mangel an Arbeitskräften. Im Laufe der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung war es dem Staat gelungen, 1 Million zusätzliche Arbeitskräfte zu mobilisieren, so dass ihre Zahl von 3 Millionen im Jahr 1945 auf 4,1 Millionen im Jahr 1950 anstieg. Um die im Fünfjahresplan festgelegten Ziele zu erreichen, waren jedoch weitere 890.000 Arbeiter erforderlich.17 Dies war einer der Faktoren, die im Juli 1952 zu der Entscheidung beitrugen, die kleinbäuerliche Einzelwirtschaft durch kapitalintensivere landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs) zu ersetzen.18
Um die DDR auszubluten, förderte die BRD aktiv die Abwanderung ostdeutscher Fachkräfte und Arbeiter in den Westen. West-Berlin fungierte als Vorposten der kapitalistischen Mächte tief im Inneren des DDR-Territoriums. Bis 1961 blieb die innerstädtische Grenze offen, so dass westliche Geheimdienste und Konzerne leichten Zugang für subversive Aktivitäten hatten. Die BRD weigerte sich, die DDR als souveränen Staat anzuerkennen und versprach allen Migranten, dass sie westdeutsche Pässe erhalten würden, wenn sie die DDR verließen. Hochqualifizierte Fachkräfte wie Physiker und Ärzte wurden außerdem höhere Posten, bessere Gehälter und andere Privilegien versprochen. Die Abwerbung von Menschen im arbeitsfähigen Alter, die in der DDR ausgebildet worden waren, wurde im Laufe der 1950er Jahren zu einer immer größeren Belastung für die DDR-Wirtschaft.
3. Von der Massenproduktion zur Effizienz: Frühe Debatten über die wirtschaftliche Rechnungsführung, das Preissystem und die Selbstständigkeit der volkseigenen Betriebe (1950–1953)
In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren kam es zu einer Wiederbelebung der Diskussionen um die politische Ökonomie des Sozialismus. Die UdSSR erholte sich rasch von den Kriegsschäden und sowjetische Ökonomen berieten nun über die nächsten Schritte der sozialistischen Entwicklung. Die Hauptstreitpunkte drehten sich um die Objektivität der Wirtschaftsgesetze (Galten im Sozialismus noch objektive Gesetze oder konnte der Staat die Gesetze zur Regulierung der Wirtschaft subjektiv ändern?), das Wesen der Produktion im Sozialismus (Inwieweit behielten sowjetische Produkte die Warenform bei?) und die Rolle des Wertgesetzes19 in der Planwirtschaft (Galt es noch in bestimmten Sektoren der sozialistischen Wirtschaft und war dies problematisch?). Einige Ökonomen stellten offen in Frage, warum die sowjetischen Planungssysteme noch immer auf kapitalistische Kategorien zurückgriffen wie Geld, Lohn, Rentabilität und Kredit. Die Relevanz dieser Fragen war nicht mehr auf den sowjetischen Kontext beschränkt, denn die Volksdemokratien in ganz Osteuropa begannen nun ihren eigenen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Es gab noch keine verallgemeinerte Theorie der sozialistischen Planung und es blieb unklar, inwieweit der sowjetische Weg als Modell für andere dienen konnte. Um diese Debatten zu verfolgen, arbeiteten Sozialwissenschaftler in der SBZ mit der sowjetischen Verwaltung zusammen, um neue Zeitschriften wie die Neue Welt (1946) und die Sowjetwissenschaften (1948) herauszugeben. Sie gründeten auch ihre eigenen Zeitschriften – wie Einheit, Deutsche Finanzwirtschaft, Wirtschaftswissenschaft –, um deutschen Ökonomen und Politikern eine Plattform für die Teilnahme an diesen Debatten zu bieten.
Von besonderer Dringlichkeit zu dieser Zeit war die Frage der Akkumulation. Im Kapitalismus war die Akkumulation durch verstärkte Ausbeutung sowohl der einheimischen Arbeiterklasse als auch der überseeischen Kolonien erreicht worden. Nach 1945 konnten die westeuropäischen Staaten Kapital durch ihren Kolonialbesitz im Ausland, durch verstärkte Ausbeutung im Inland oder durch Auslandskredite (den Marshallplan) akkumulieren. Die Volksdemokratien hingegen waren gezwungen, Investitionsmittel durch eigene Mittel und Anstrengungen zu akkumulieren, wie es die Sowjetunion in den Jahrzehnten zuvor getan hatte. Die Zeit des unmittelbaren Wiederaufbaus nach dem Krieg (1945–1950) war durch „Massenproduktion um jeden Preis“ gekennzeichnet, und das Planungssystem funktionierte dementsprechend: Wenn ein VEB mehr für Produktionsmaterial oder Löhne ausgab als ursprünglich vorgesehen, wiesen die Abteilungen des Planungsministeriums einfach zusätzliche Mittel zu, um sicherzustellen, dass die Ziele erreicht wurden. Der Produktionsprozess orientierte sich fast ausschließlich an quantitativen Zielen, unabhängig davon, ob die Ausgaben die Einnahmen überstiegen. Dieser Ansatz trug zwar zur raschen Überwindung der Nachkriegsknappheit bei, war aber der für langfristige Industrieinvestitionen erforderlichen Akkumulation nicht förderlich. Dies war in der DDR besonders dringlich, denn die DDR hatte zu Beginn der 1950er Jahre die niedrigste Akkumulationsrate (ca. 8 Prozent) in ganz Osteuropa.20
Die sozialistischen Ökonomen waren sich einig, dass eine langfristige Industrialisierung höhere Akkumulationsraten erforderte. Dies bedeutete, dass Sparsamkeit und die maximale Auslastung der vorhandenen Kapazitäten (d. h. Senkung der Produktionskosten und Steigerung der Arbeitsproduktivität) Vorrang hatten.21 Stalin betonte diesen Punkt 1952: „Die Rentabilität einzelner Betriebe und Produktionszweige […] ist das Abc unserer wirtschaftlichen Tätigkeit im derzeitigen Entwicklungsstadium.“22 Der Produktionsprozess müsse so organisiert werden, dass neue Quellen der Akkumulation erschlossen und gleichzeitig der Lebensstandard schrittweise verbessert werden könne. Wenn es gelänge, den Aufwand an gesellschaftlicher Arbeit in der Produktion zu senken, könnten die Preise für Konsumgüter mit der Zeit gesenkt werden. Wie eine Losung es ausdrückte: „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“. Die SED machte sich daran, dieses neue sozialistische Bewusstsein zu fördern und gleichzeitig neue praktische Planungsmechanismen zur Steigerung der Effizienz zu entwickeln. Im Sommer 1951 kündigte die SED an, sich bei der Planung stärker auf monetäre Kategorien stützen zu wollen. Im September 1951 wurde eine finanzpolitische Konferenz organisiert, um die Rolle von Finanzen, Krediten und Geld in der sozialistischen Planung zu klären:
„Unsere Wirtschaftsfunktionäre, aber auch die Funktionäre und Mitglieder unserer gesellschaftlichen Organisationen, die Funktionäre und Mitglieder der Gewerkschaften, der Parteien, die gesamte Bevölkerung müssen wissen, welche Rolle unsere Mark, welche Rolle unser Geld bei der Durchführung unseres Volkswirtschaftsplanes spielt. Jede Summe Geldes gibt ein Anrecht auf eine bestimmte Menge Maschinen, Baustoffe, Kleidung, Lebensmittel und andere Dinge des Bedarfs der Bevölkerung, also Ergebnisse unserer Arbeit. […] Mit unserer Mark lenken wir also die Produktion, die Verteilung der produzierten Waren und lenken wir die Investitionen. Darum muß eine intensive, dauernde und zähe Aufklärungsarbeit darüber geleistet werden, welche Rolle bei uns das Geld spielt, müssen insbesondere die Wirtschaftsfunktionäre eine wirkliche Achtung vor der Mark, vor dem Pfennig bekommen.“23
Diese Haltung spiegelte die vorherrschende Meinung unter den sozialistischen Ökonomen wider, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeit in diesem Entwicklungsstadium indirekt in Geld gemessen und ausgedrückt werden musste, da eine Berechnung auf der Grundlage direkter Zeiteinheiten – wie von Marx 1875 vorgesehen24 – in der UdSSR und den Volksdemokratien noch nicht möglich war. Mit Ausnahme einiger weniger Ökonomen, die sich optimistisch über die schwindende Bedeutung des Geldes in der Sowjetunion äußerten (siehe z. B. Lola Zahn25), argumentierte die Mehrheit, dass die Überbleibsel des Kapitalismus (z. B. die Unterschiede zwischen einfacher und komplexer Arbeit, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen öffentlichen, genossenschaftlichen und privaten Eigentumsverhältnissen und zwischen dem technischen Niveau der Industriebetriebe) es immer noch unmöglich machten, verschiedene Arten von Arbeit in einer universellen Zeiteinheit zu messen. Stattdessen müsse „die gesellschaftliche Rechnung der Arbeitsleistung noch die im Kapitalismus herrschende Kategorie Wert übernehmen und in abgewandelter Form anwenden”.26
Ausgehend von dieser Prämisse kündigte der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, Heinrich Rau, im Juni 1951 die „Einführung neuer Formen der Wirtschaftsführung“ an, die sich an der Rechnungslegung und Rentabilität der Betriebe orientieren sollten.27 Diese Reform lehnte sich an das sowjetische Prinzip des Chosrastschot (Kurzbezeichnung für chosjaistwennyi rastschot: „wirtschaftliche Rechnungsführung“) an, das 1921 im Rahmen der Neuen Ökonomischen Politik der Bolschewiki eingeführt und 1929 als Grundprinzip der sowjetischen Industrieplanung festgeschrieben worden war.28 Die Idee lässt sich als „Kontrolle durch die Mark“ zusammenfassen: um die Effizienz der volkseigenen Betriebe zu überwachen, sollte der Staat versuchen, „möglichst viele materielle Vorgänge und die Ergebnisse der Wirtschaftstätigkeit durch Wertkategorien zu erfassen, in der Geldform zu bewerten, einander gegenüberzustellen und zur Stimulierung ökonomischer Interessen einzusetzen“.29 Die wirtschaftliche Rechnungsführung zielte darauf ab, durch die explizite Verwendung von „Wertkategorien“ wie Preis und Rentabilität die Produktionskosten genau zu ermitteln, damit Verstöße gegen Effizienzziele frühzeitig erkannt und korrigiert werden konnten. Finanzminister Willy Rumpf formulierte es so:
„Indem wir das Geld in seiner Funktion als Maß der Werte zu Hilfe nehmen, ermöglichen wir die Berechnung der Verausgabung von gesellschaftlicher Arbeit. Somit ist es möglich, den Erfolg der Wirtschaftsführung der Betriebe in ihrem Gewinn oder Verlust sichtbar zu machen. Der Gewinn oder Verlust eines Betriebes, seine Rentabilität, sind das Resultat und der Gradmesser dafür, ob die Produktion mit den planmäßigen Aufwendungen an gesellschaftlicher Arbeit durchgeführt wurde oder nicht. Die Realisierung der Gewinne ist das Anzeichen dafür, ob gesellschaftlich notwendige Arbeit verausgabt wurde, d. h. ob Waren produziert wurden, für die in ihrer Menge, Qualität und Sortiment ein Bedarf vorhanden ist. Die Produktion von Waren, für die kein Bedarf vorhanden ist, drückt sich aus in Überplanbeständen. Die Realisierung der Waren in Geld ist also ein sehr wichtiger und bei uns sehr akuter Gradmesser der Arbeit der Betriebe.“30
Es schien zwar naheliegend, die Funktion des Geldes als Wertmaßstab bei der Wirtschaftsplanung zu nutzen, doch blieb unklar, wie Preise innerhalb des Systems der sozialistischen Planung so gestaltet werden konnten, dass sie die Wertgrößen widerspiegelten. Wie Marx in Das Kapital dargelegt hat, ist der Wert eine Eigenschaft der Waren, und das Wertgesetz ist ein Gesetz der Warenproduktion. Als objektives ökonomisches Gesetz setzt es sich spontan hinter dem Rücken der Produzenten durch, nachdem diese ihre Waren auf den Markt gebracht haben: Die Konkurrenz auf dem Markt zwingt die einzelnen Privatproduzenten, ihre Preise nahe an einen einheitlichen Preis heranzuführen. Der Verkaufspreis einer Ware spiegelt somit (annähernd) die relative gesellschaftliche Arbeit wider, die für ihre Produktion aufgewendet wurde.
In der vergesellschafteten und geplanten Industrie der DDR waren diese Bedingungen nicht mehr gegeben: Güter, die von VEB für andere VEB produziert wurden, wurden nicht zwischen privaten Eigentümern auf einem freien Markt ausgetauscht. Sie wurden nach einem Plan zu staatlich festgelegten Preisen geliefert und bereitgestellt, wobei das Geld lediglich eine formale Berechnungsfunktion hatte. Die propagierte „bewusste Ausnutzung des Wertgesetzes“ erschien daher als Widerspruch: Wie kann ein Gesetz, das der spontanen Dynamik des Marktes entspringt, von einem Staat genutzt werden, der die Marktmechanismen aktiv einschränkt und durch die bewusste, geplante Tätigkeit der Produzenten ersetzt? Und, wenn die Planungsämter den Produktionsprozess durch absichtliche Abweichungen der Preise vom Wert steuern wollen, müssten sie dann nicht zuerst die genaue Größe des Wertes dieser Produkte wissen?
Diese Fragen wurden 1952 vom Politbüro der KPdSU teilweise aufgegriffen, als es eine Reihe von Briefen Stalins an Wirtschaftswissenschaftler veröffentlichte. In dieser Broschüre mit dem Titel „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ argumentierte Stalin, dass die Warenproduktion in der Sowjetunion fortbestehe, und führte dies in erster Linie auf die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse in Industrie und Landwirtschaft zurück. Während die Industrie vollständig vergesellschaftet worden war, blieben die Produktionsmittel in der Landwirtschaft weitgehend in genossenschaftlichem Besitz, so dass der Handel zwischen den beiden Sektoren die Form des Warenaustauschs annahm. Das Wertgesetz wirkte also in der Sowjetunion weiter, wenn auch in begrenzter und modifizierter Form. Ziel war es, das Wertgesetz zu studieren, es auszunutzen und es schließlich durch die vollständige Vergesellschaftung der Produktionsmittel in der Zukunft zu überwinden. Das Wertgesetz wurde zu dieser Zeit dementsprechend als notwendiges Übel oder, wie es DDR-Industrieminister Fritz Selbmann ausdrückte, als „reißende Bestie“ verstanden, die es zu zähmen und für die sozialistische Planung zu nutzen galt.31 Stalins Analyse, dass die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse der Grund für das Fortbestehen der Warenproduktion und des Wertgesetzes im Sozialismus seien, setzte Anfang der 1950er Jahre den Maßstab für die politische Ökonomie. Diese Einschätzung wurde jedoch bereits Mitte der 1950er von sowjetischen Ökonomen wieder verworfen (siehe Abschnitt 5).
Der führende DDR-Ökonom Alfred Lemmnitz versuchte, diese theoretische Schlussfolgerung auf den ostdeutschen Kontext anzuwenden, wo der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus noch in den Anfängen steckte. Lemmnitz argumentierte, dass Konsum- und Exportgüter in der DDR zwar Waren im eigentlichen Sinne seien, die von VEB für andere VEB produzierten Güter jedoch „nur noch im begrenzten Rahmen Warencharakter tragen“.32 „Wenn die meisten Produktionsmittel der volkseigenen Wirtschaft auch keine Waren mehr sind, so haben sie doch die äußere Hülle von Waren behalten, man berechnet ihre Selbstkosten, man spricht von ihrem Wert und ihrem Preis“.33 Diese Produkte waren daher nur der Form nach, nicht aber ihrem Wesen nach Waren. Die Wertkategorien wurden in diesem Fall für Berechnungs- und Buchhaltungszwecke verwendet. Das Wertgesetz habe im Sozialismus somit einen grundlegend anderen Charakter angenommen:
„Die Kategorie Wert ist im Kapitalismus eine antagonistische Kategorie, denn sie enthält den Widerspruch zwischen privater und gesellschaftlicher Arbeit. Dieser Widerspruch ist im Sozialismus aufgehoben. Es gibt im Sozialismus keinen Widerspruch zwischen privater und gesellschaftlicher Arbeit, denn jede Arbeit ist von vornherein gesellschaftliche Arbeit, wenn auch in verschiedenen Entwicklungsgraden. Im Sozialismus drückt der Wert die planmäßig festgelegte Durchschnittsarbeit und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit aus.“34
Mit diesem theoretischen Verständnis des Wertes im Sozialismus als Ausdruck der „planmäßig festgelegten Durchschnittsarbeit“ machten sich die Planungsämter daran, eine praktische Lösung für die Frage zu finden, wie Preise den Wert genau widerspiegeln können, denn dies war die Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung der wirtschaftlichen Rechnungsführung in den Betrieben. Das bisherige industrielle Preissystem basierte auf kapitalistischen Kalkulationspreisen aus dem Jahr 1944 und wurde entsprechend den individuellen Produktionskosten der einzelnen VEB modifiziert. Das heißt, die Preise orientierten sich in erster Linie an der Leistung des einzelnen Betriebes, nicht an der aktuellen gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Im Februar 1953 begannen die Planungsämter daher mit der Entwicklung einer universellen und wissenschaftlichen Methode zur Festlegung von Planfestpreisen für einzelne Industriezweige.35 Ziel war es, die Preise an den durchschnittlichen Selbstkosten der einzelnen Produkte in den jeweiligen Industriezweigen zu orientieren, eine Methode, die in der UdSSR bereits 1936 eingeführt worden war.
Abbildung 3 veranschaulicht, wie DDR-Ökonomen die marxistische Wirtschaftstheorie in die Planungspraxis umzusetzen versuchten: Es wurden „komplexe technische Normen“ geschaffen, um die in jedem Wirtschaftszweig erforderlichen Inputs (Materialverbrauch, Lohnkosten und Abschreibungen) zu messen, so dass die geplante durchschnittliche, in den Produkten verkörperte Arbeit in Geld (so genau wie möglich) ausgedrückt werden konnte. Die Berechnung dieser Normen war ein komplizierter Prozess, aber sie versprach, den Planungsämtern ein wissenschaftliches Mittel an die Hand zu geben, um die Produktionsentwicklungen in den verschiedenen VEB zu vergleichen. Die Rentabilität eines VEB konnte dann die Kostensenkungen und/oder Produktivitätssteigerungen des Betriebs widerspiegeln. Für jeden einzelnen Industriezweig wurde ein einheitliches Reineinkommen errechnet. Dies wurde dann auf den durchschnittlichen Selbstkostenpreis addiert, um den Wert des Mehrprodukts zu erfassen. Dieser Gesamtpreis wurde dann für einen bestimmten Zeitraum festgelegt.
Die Planfestpreisformel:
p = c + v + g
p = Preis (nach Produktgruppe)
c = verbrauchtes Material plus Abschreibungen
v = Lohnkosten
g = Reineinkommen
Aufgrund ihrer Komplexität dauerte die im Februar 1953 eingeleitete Preisreform mehr als ein Jahrzehnt, bis sie vollständig umgesetzt war. Viele Ökonomen hielten diese Planfestpreise für unbefriedigend. Sie waren nur in der Lage, eine ungefähre Messung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zu liefern und es gab keinen Konsens unter den Ökonomen darüber, wie das Reineinkommen (g) am besten abgeleitet werden sollte. Es war daher unvermeidlich, dass die Preisfrage bald wieder im Mittelpunkt der ökonomischen Debatten stehen würde (siehe Abschnitt 5).
Für das Betriebsmanagementsystem selbst bedeutete die Einführung der wirtschaftlichen Rechnungsführung eine Verlagerung der operativen Verantwortung: Um die betrieblichen Wirtschaftstätigkeiten in Geldeinheiten zu erfassen, war es notwendig, Geschäftspraktiken zwischen den VEB zu simulieren. Wie in der UdSSR sollten die volkseigenen Betriebe – im Rahmen des Festpreissystems – eine „angemessene“ finanzielle Selbstständigkeit und juristische Persönlichkeit erhalten. Im März 1952 wandelte die DDR-Regierung die VEB in rechtlich selbständige und individuell steuerpflichtige Betriebe um.37 Die Aufsicht durch Kombinatsdirektoren (damals Direktoren der Vereinigungen Volkseigener Betriebe) wurde schrittweise abgebaut, und ab 1953 waren die VEB offiziell für die Verwaltung vieler ihrer eigenen Ausgaben verantwortlich. Dafür wurden sie mit eigenen Fonds für Anlagen und für Umlaufmittel ausgestattet. Anstatt ihre gesamten Einnahmen an den Staatshaushalt abzuführen und sich vom Staat Mittel für Reparaturen und Investitionen zuweisen zu lassen, mussten die VEB nun einen Teil ihrer Ausgaben durch den Verkauf von Gütern zu Festpreisen decken („Eigenerwirtschaftung der Mittel“). Diese Güter waren eben „nur der Form nach, nicht dem Wesen nach“ als Waren zu behandeln. Wenn ein VEB seine verschiedenen Zielvorgaben (Produktionsleistung, Betriebskosten, Gewinn und Investitionen) nicht erfüllte, erhielt der Betrieb weniger staatliche Subventionen für seinen „Direktorfonds“ (aus dem die Prämien für die Beschäftigten und die sozialen und kulturellen Einrichtungen des Betriebs finanziert wurden).38 Damit wurde nicht nur für den einzelnen Arbeiter, sondern für den gesamten Betrieb ein materieller Anreiz geschaffen, effizienter zu produzieren. Als rechtlich unabhängige Einheiten mussten die VEB auch Verträge mit anderen VEB abschließen und waren für deren Erfüllung materiell verantwortlich. Die Direktoren hatten dadurch mehr Spielraum, um über die Qualität der Güter und die Lieferfristen zu verhandeln.39 Um Kredite zu erhalten, mussten Betriebe auch Verträge mit der Staatsbank verhandeln, die als „Finanzkontrollorgan“ fungieren sollte, um alle Signale zu überwachen, die auf eine Abweichung von den Produktionsplänen hindeuten könnten.40 Solche finanziellen Ziele sollten die bestehenden quantitativen Ziele ergänzen.
Im Rahmen des demokratischen Zentralismus zielten diese Reformen ausdrücklich darauf ab, die Akkumulationsrate durch „die ökonomischen Hebel des Geldes und des Kredits“ zu erhöhen, anstatt „mittels administrativer Maßnahmen“.41 Ähnlich wie bei der Preisreform dauerte es viele Jahre, bis die wirtschaftliche Rechnungsführung auf Betriebsebene vollständig umgesetzt werden konnte. Die wirtschaftlichen Probleme der folgenden Jahre wurden häufig auf diesen langsamen Fortschritt zurückgeführt. Nichtsdestotrotz wurde bereits Ende 1951 die Grundausrichtung für die volkseigenen Betriebe der DDR festgelegt: „Es ist die Angelegenheit des Betriebes, wie er seinen Plan erfüllt“.42
4. Politische Krise, der „Neue Kurs“ und die „Vereinfachung des Plans“ (1953–1954)
In den ersten Jahren des Fünfjahresplans eskalierten die internationalen Spannungen erheblich. Die wahre Bedeutung der „Eindämmungsstrategie“ der Truman-Doktrin wurde durch den völkermörderischen Angriff der USA auf Korea Anfang der 1950er Jahre deutlich.43 In Europa wurde der letzte Versuch der UdSSR (durch die so genannte „Stalin-Note“ vom März 1952), eine neutrale, entmilitarisierte Republik in Deutschland zu errichten, vom Westen zurückgewiesen. Die kapitalistischen Mächte waren darauf bedacht, die BRD in ihren Militärblock zu integrieren; die Unterzeichnung des Bonn-Paris-Abkommens im Mai 1952 signalisierte die ausdrückliche Remilitarisierung Westdeutschlands. Die SED und die KPdSU überprüften daher Mitte 1952 die Lage und beschlossen zwei neue politische Maßnahmen für Deutschland: Erstens muss die DDR eine eigene Landesverteidigung aufbauen, und zweitens müssen die Produktionsverhältnisse in der Landwirtschaft zu denen in der Industrie aufschließen, d. h. es war an der Zeit, mit der Bildung von Produktionsgenossenschaften auf dem Lande zu beginnen.
Die SED berief im Juli 1952 eine außerordentliche 2. Parteikonferenz ein und verabschiedete einen Beschluss, um „in allen Bereichen der Gesellschaft systematisch die Grundlagen des Sozialismus zu schaffen“. Während die internationale Lage zweifellos diese Entscheidung beeinflusste, den sozialistischen Aufbau offiziell auf die Tagesordnung zu setzen, hatten sich die objektiven und subjektiven Bedingungen in Ostdeutschland seit 1945 grundlegend verändert. Der Klassencharakter der politischen Ordnung war mit der Gründung der DDR und der Ratifizierung der Verfassung im Jahr 1949 zugunsten der Arbeiterklasse und der Bauernschaft deutlich entschieden worden. Der sozialistische Sektor wurde signifikant ausgebaut und dominierte nun die Wirtschaft. Entsprechend waren die Größe und das Bewusstsein der Arbeiterklasse gewachsen. Schließlich hatte die DDR umfassende wirtschaftliche und politische Beziehungen zu den Ländern des sozialistischen Blocks in Osteuropa und Asien geknüpft.
Die unmittelbaren Folgen der 2. Parteikonferenz betrafen die Landwirtschaft, nicht die Industrie. Die im Fünfjahresplan festgelegten Ziele wurden beibehalten und die SED betonte die Notwendigkeit, die Einführung der wirtschaftlichen Rechnungsführung voranzutreiben. Die neuen staatlichen Subventionen für landwirtschaftliche Genossenschaften und die Vervierfachung der Verteidigungsausgaben belasteten jedoch den Staatshaushalt enorm. Gleichzeitig stiegen die Löhne Anfang der 1950er Jahre schneller als erwartet, da die Entlohnung in den meisten Betrieben noch nicht durch das universelle System „technisch begründeter Arbeitsnormen“ geregelt war.44 Der Versuch, den Ausgabenanstieg durch Steuererhöhungen für die Privatwirtschaft und die Streichung von Subventionen für Selbstständige zu kompensieren, konnte den Staatshaushalt nicht entlasten. Im Februar 1953 leitete die SED daher einen neuen „Feldzug für strenge Sparsamkeit“ ein, der – im Gegensatz zu früheren Maßnahmen – direkt die Arbeiterklasse traf. Subventionen für bestimmte Konsumgüter wurden gestrichen, gleichzeitig wurde eine allgemeine Normerhöhung von 10 Prozent administrativ durchgesetzt. Das Ergebnis war eine de facto Lohnkürzung für alle Arbeiter. Erschwerend kam hinzu, dass die Rüstungsgüter für die neue Landesverteidigung von der UdSSR im Gegenzug für schwere Industriegüter erworben werden sollten, was weitere Kürzungen der Investitionen in der Konsumgüterindustrie erforderlich machte. Die Westmächte waren sich der wachsenden Spannungen in der DDR bewusst und verstärkten ihre Agitation, um die Unzufriedenheit in der DDR zu schüren. Anfang 1953 kündigte der neue US-Außenminister John Foster Dulles Pläne an, den Sozialismus in Europa „zurückzudrängen“, wie es die USA in Korea versucht hatten.45
In Anerkennung der akuten Gefahren der Situation und unter dem Einfluss der neuen sowjetischen Führung nach dem Tod Stalins im März 1953 veröffentlichte das Politbüro der SED Anfang Juni 1953 eine Erklärung, in der es Fehler eingestand und die Rücknahme bestimmter Sparmaßnahmen ankündigte. Ein „Neuer Kurs“ wurde eingeleitet, um das Angebot an Konsumgütern durch eine deutliche Reduzierung der Investitionen in der Schwerindustrie zu erhöhen. Außerdem wurden Entlastungsmaßnahmen für die stark besteuerten Mittelschichten angekündigt. Merkwürdigerweise wurde im Kommuniqué der SED jedoch nicht die Rücknahme der Normerhöhung für die Arbeiterklasse angekündigt. Die sich betrogen fühlenden Bauarbeiter auf einer Berliner Großbaustelle begannen einen spontanen Protest, der am 17. Juni 1953 zu landesweiten Unruhen führte. Nachdem die Proteste in Gewalt umschlugen und es zu Plünderungen und Lynchmorden kam, wurde das sowjetische Militär eingesetzt, um die Gewalt zu beenden.46
Nach dieser Krise und einer selbstkritischen Bewertung ihrer Politik weitete die SED den „Neuen Kurs“ von 1953 bis 1955 aus. Die Normerhöhungen für die Arbeiter wurden endlich reduziert, die Bildung von LPGs verlangsamt, die Beschränkungen für private Unternehmen gelockert und Subventionen zur Senkung der Preise für Konsumgüter wieder eingeführt. Unter dem Einfluss der neuen KPdSU-Führung kehrte die SED 1954 und 1955 ihre Prioritätensetzung für die Abteilung 1 um, wie oben in Abbildung 2 zu sehen ist.47 Außerdem begann die UdSSR, der DDR neue Kredite zu gewähren und strich alle noch ausstehenden Reparationszahlungen. Die sowjetischen Aktiengesellschaften (SAGs) in der DDR – die von der UdSSR verwaltet wurden, um Reparationszahlungen zu erwirtschaften, und zu denen viele große Chemie- und Elektrobetriebe gehörten – wurden der DDR übertragen und am 1. Januar 1954 in VEB umgewandelt. Diese Unternehmen hatten damals einen Wert von etwa 2,7 Milliarden DDR-Mark.
Vor diesem Hintergrund bewertete und verallgemeinerte die SED die Erfahrungen des ersten Fünfjahresplans. Der Anteil des sozialisierten Sektors an der Bruttoproduktion betrug inzwischen rund 70 Prozent.48 Die gesamte Industrieproduktion war seit 1950 um 190 Prozent gestiegen, wobei die Produktion in der Metallurgie um 245 Prozent zunahm.49 Ein Viertel der Arbeitskräfte war weiterhin im kapitalistischen Sektor beschäftigt, der aus 15.000 privaten Unternehmen und 27.000 kleinen Bauernhöfen bestand. Das Bildungs‑, Kinderbetreuungs- und Erholungsangebot wurde erheblich verbessert. Der Erste Sekretär der SED, Walter Ulbricht, wies jedoch darauf hin, dass zwar die quantitativen Produktionsziele übertroffen worden seien (um 104,4 Prozent), die Effizienzziele jedoch nicht erreicht wurden.50 Der Fünfjahresplan hatte eine Senkung der Produktionskosten in den VEB um 26 Prozent vorgesehen, die jedoch nur zu 19,3 Prozent erreicht wurde. 1954 arbeiteten rund 700 Betriebe (27 Prozent aller VEB) immer noch mit Verlust und waren auf staatliche Subventionen angewiesen. Alarmierend war auch, dass sich die Kostensenkungen in den VEB von Jahr zu Jahr verlangsamten (siehe Abbildung 4). Ein Tiefpunkt wurde 1954 erreicht, nachdem die VEB den staatlichen Unterstützungsfonds für das Jahr bereits im dritten Quartal aufgebraucht hatten. Damit verfehlte die Wirtschaft das geplante Akkumulationsziel um eine halbe Milliarde DDR-Mark.
Auf dem 21. Plenum des Zentralkomitees im November 1954 kam Ulbricht zu dem Schluss, dass die finanzielle Seite der Planung noch immer nicht beherrscht worden sei. Die 1952 eingeführte wirtschaftliche Rechnungsführung sei nicht wirksam umgesetzt worden, und zu viele Kontrollorgane hielten sich nicht an die „Kontrolle durch die Mark“. VEB wurden nicht bestraft, wenn sie ihre vertraglichen Verpflichtungen verletzten. Das Zentralkomitee verabschiedete daher mehrere wichtige Beschlüsse, um diese Probleme zu lösen. Die Rentabilität der Unternehmen wurde nun zum „vorrangigen Ziel der Wirtschaftspolitik“ erklärt und der Einsatz materieller Anreize sollte ausgeweitet werden. 1957 wurde der Direktorenfonds der VEB (siehe Abschnitt 3) in einen „Betriebsprämienfonds“ und einen „Kultur- und Sozialfonds“ aufgeteilt, die beide aus den Gewinnen der VEB finanziert werden sollten.52 Über den Betriebsprämienfonds sollten die Arbeiter entsprechend der kollektiven und individuellen Leistung mit Prämien belohnt werden: Je höher die Normen übertroffen wurden, desto höher fiel die Prämie aus. Diese verstärkte Nutzung materieller Anreize führte jedoch unbeabsichtigt zum Problem der „weichen Pläne“: Die VEB bemühten sich aktiv darum, die Pläne und Normen so niedrig wie möglich zu halten, damit sie diese leicht übertreffen konnten. Dies verzerrte das Planungssystem, da die Ämter die tatsächlichen Produktionskapazitäten in den VEB nicht genau einschätzen konnten. Die ursprüngliche Prämienfondsreform hatte somit die Interessen der Betriebe in Konflikt mit den gesellschaftlichen Interessen gebracht und legte den Keim für den „Betriebsegoismus”. Die SED versuchte 1964 (in der Anfangsphase der NÖSPL-Reformen), die weichen Pläne durch die Einführung eines gestaffelten Prämien-Systems zu lösen, das bei Nichterreichen der Ziele nachsichtiger war.53
Es wurden auch neue Formen der sozialistischen Demokratie entwickelt, um die Effizienzprobleme zu lösen. Ab 1955 wurden „Ökonomische Konferenzen“ in großen Betrieben organisiert, um den Produktionsprozess zu analysieren und Vorschläge zur Kostensenkung und Produktivitätssteigerung zu machen. Bei neuen „Produktionsberatungen“ mussten die Betriebsleiter und Buchhalter Rechenschaftsberichte vorlegen, die von den Arbeitern geprüft werden konnten. Bis zum Ende des Jahres wurden landesweit 4.000 Konferenzen und 600.000 Beratungen abgehalten. Die Ergebnisse dieser Initiativen waren schnell spürbar: Der nationale Akkumulationsfonds stieg 1955 um rund 300 Millionen DDR-Mark (siehe Abbildung 4).54
Massenkampagnen, die sich auf den Elan der Arbeiter stützen, waren zwar erfolgreich, konnten aber nicht unbegrenzt fortgesetzt werden. Die SED strebte danach, auch die konkreten Planungsmechanismen stärker auf Effizienz auszurichten. Einige Funktionäre begannen zu hinterfragen, ob die vorherrschende Planungsmethodik nicht im Widerspruch zu den Grundsätzen der wirtschaftlichen Rechnungsführung stand.55 Die Vielzahl der von der Staatlichen Plankommission den VEB vorgelegten, genau berechneten Planvorgaben führte dazu, dass die Jahrespläne der Betriebe aufgrund unvorhergesehener Ereignisse wie Lieferverzögerungen oder Materialengpässen oft Dutzende von Revisionen erfahren mussten. Dies führte zu einem Dominoeffekt in den Betriebsplänen, der die Leitungen in endlose Neuberechnungen verwickelte.56 In den extremsten Fällen waren die VEB gezwungen, ihre Produktionspläne über 40 Mal pro Jahr zu überarbeiten. Die Dringlichkeit dieses Problems nahm in dem Maße zu, wie sich die Arbeitsteilung in der Wirtschaft weiter entwickelte. Immer mehr hergestellte Produkte wurden als Vorprodukte für die weitere Produktion oder die Rohstoffgewinnung verwendet (z. B. Textilien in der Automobilproduktion oder Stahlträger im Bergbau usw.). Dies führte dazu, dass die Produktionspläne immer stärker miteinander verwoben wurden.
Ende 1953 beauftragte die SED daher eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Heinrich Rau und Erich Apel mit der Suche nach Möglichkeiten zur Verbesserung der Planungsmethoden.57 Nach der Untersuchung mehrerer Fallbeispiele kam die Gruppe zu dem Schluss, dass die zentral festgelegten Planziele in vielen Branchen überzogen waren. Anstatt die Produktionsmengen für jedes einzelne Bauteil eines Endprodukts festzulegen, schlug die Gruppe vor, den Betrieben mehr Spielraum bei der Erreichung der wichtigsten Ziele einzuräumen. Zum Beispiel reichte es aus, nur festzulegen, wie viele Elektromotoren am Ende produziert werden sollten, anstatt dass die staatliche Plankommission Indikatoren für einzelne Komponenten eines Elektromotors festlegte. Die unteren Ebenen in der Planungshierarchie sollten selbständig die benötigten Komponenten beschaffen. Diese Methodik, so wurde argumentiert, entsprach besser den Bedingungen in der DDR, wo sich die Wirtschaft von einem extensiven zu einem intensiven Wachstum entwickelte und die Arbeitsteilung immer spezialisierter wurde. Die Idee wurde auch von den früheren sowjetischen Aktiengesellschaften inspiriert, die nur einige wenige Eckziffern zu erfüllen hatten und ansonsten „bedeutend größere Bewegungsfreiheit im Rahmen des Plans“ hatten.58
Auf der Grundlage dieser Schlussfolgerungen verabschiedete die Regierung im Dezember 1954 ein Gesetz „Über die Vereinfachung der Planung in der volkseigenen Industrie“. Nur noch die für die Volkswirtschaft wichtigsten Produkte sollten zentral festgelegt werden. Die Ausarbeitung der für die Erreichung dieser Ziele erforderlichen Detailpläne oblag den VEB selbst. Die nach einem einheitlichen Schema aufgebauten Betriebspläne der VEB bedurften nicht mehr der gesonderten Bestätigung durch die jeweilige Zentralverwaltung. Die Zahl der festgelegten Planziele sank daraufhin um mehr als 50 Prozent (siehe Abbildung 5). Die Kürzungen betrafen im Allgemeinen die hochentwickelten Industrien (z. B. Feinmechanik und Konsumgüter) stärker als die Grundstoffindustrien (z. B. Metallverarbeitung). Durch die Reform wurde auch der Verwaltungsaufwand in den Betrieben stark reduziert: Die Zahl der Formulare, die die VEB bei den übergeordneten Planungsbehörden einreichen mussten, sank von 31 auf 15 im Jahr 1956.59
Die „Vereinfachung der Planung“ gab es nicht nur in der DDR. Ähnliche Maßnahmen wurden in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in ganz Osteuropa durchgeführt. Selbst in der UdSSR wurde die Zahl der zentral festgelegten Ziele in der Industrie von 1957 bis 1958 halbiert.61 Laut Roesler führte die DDR die Planziele am schnellsten zurück, während die ČSSR, Ungarn und Rumänien ihre Kennziffern bis in die frühen 1960er Jahre hinein schrittweise reduzierten. Wie im nächsten Abschnitt untersucht wird, stoppten die DDR und die UdSSR 1958 abrupt weitere Reduzierungen nachdem sie zu dem Schluss gekommen waren, dass die Reform in bestimmten Bereichen „zu weit gegangen“ war. Bemerkenswert ist jedoch, dass die DDR diese Reformen nicht vollständig rückgängig machte. Nur in den Zweigen „Maschinenbau“ und „Guss- und Schmiedestücke“ wurde die Zahl der Produktionsziele über das Niveau vor der Reform angehoben.62 Die Gesamtzahl der Ziele für die industrielle Produktion blieb 1958 um 68 Prozent niedriger als 1956.
5. Die große Debatte: Das Wertgesetz, die „Selbstverwaltung“ und der Weg zu „sozialistischen Warenproduzenten“ (1955–1958)
Als die Regierung Ende 1954 diese Reformen einführte, versuchte die SED auch, mehr Kritik und Selbstkritik in allen Bereichen der Gesellschaft zu fördern. Dazu gehörte die ausdrückliche Aufforderung an die Ökonomen, sich mit den ungeklärten Problemen des Wertgesetzes und den „Unzulänglichkeiten unserer Arbeit auf dem Gebiet der Preispolitik“ auseinanderzusetzen.63) Auf einer wissenschaftlichen Tagung im März 1955 mit dem Titel „Die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus in der DDR“ betonte der Ökonom und Politbüromitglied Fred Oelßner die politische Aufgabe der Wissenschaft:
„Das ist es gerade, was wir so dringend brauchen, einen wirklich freien wissenschaftlichen Meinungsaustausch. Denn wir werden in unserer Entwicklung nicht vorwärtskommen, wenn wir uns in Diskussionen nur darauf beschränken, das wiederzugeben, was irgendwo schon einmal gedruckt ist oder was eine Autorität schon einmal gesagt hat.“64
Diese Konferenz markierte den Ausgangspunkt einer Debatte, die bald zu einer erbitterten politischen Konfrontation zwischen „Revisionisten“ und „Antirevisionisten“ eskalieren sollte. Auslöser für die Eskalation war der plötzliche Politikwechsel der KPdSU in den Jahren 1955/56 (Zusammenfassung in Abschnitt 5.3). Zunächst hatten sich prominente DDR-Ökonomen und ‑Funktionäre mit dem Argument in die Debatte eingebracht, dass das Preissystem (und das Wertgesetz) einen größeren Einfluss auf die wirtschaftliche Entscheidungsfindung haben sollte. Bald jedoch forderten sie in ihren Artikeln grundlegende Änderungen der Eigentumsverhältnisse in der DDR und eine Revision des marxistischen Verständnisses der Warenproduktion. Die Debatte drehte sich nicht mehr nur um den Grad der zentralisierten Zielvorgabe, sondern stellte den Kern des politischen und wirtschaftlichen Systems der DDR infrage. Einige der sogenannten „Warentheoretiker“ gingen so weit, Ideen wie „Marktsozialismus“ und „Selbstverwaltung der Wirtschaft“ nach jugoslawischem Vorbild zu verfechten. Nach einer fast zweijährigen Debatte griff das Politbüro der SED Anfang 1957 ein und startete eine Kampagne gegen Revisionismus innerhalb der Partei. Hintergrund dieser Intervention waren die politische Destabilisierung in ganz Osteuropa und der imperialistische Einmarsch in Ägypten Ende 1956 (siehe Abschnitt 5.3). Die Debatte endete 1958 als Ulbricht erfolgreich den demokratischen Zentralismus als Leitprinzip des Planungssystems verteidigte. Der Bereich der politischen Ökonomie wurde jedoch nachhaltig von den Ansichten der Warentheoretiker beeinflusst.
Die Wertgesetzdebatte in der DDR wurde von dem polnischen Ökonomen Włodzimierz Brus (der später neben seinem Kollegen Oskar Lange zu einem zentralen Verfechter des „Marktsozialismus“ wurde) auf der oben genannten Konferenz angestoßen. Brus argumentierte in einem Vortrag, dass der zentralisierte Preisfestsetzungsmechanismus das Wertgesetz nicht angemessen berücksichtigte und somit die Anreizmechanismen in der Planwirtschaft verzerrte.65 Vorhandene Ineffizienz wurde auf die Verletzung des Wertgesetzes durch den Staat zurückgeführt. Die These von Brus wurde dann von prominenten DDR-Ökonomen wie Gunther Kohlmey, Fritz Behrens und Arne Benary in einer Reihe von Artikeln in der Zeitschrift Wirtschaftswissenschaft (WiWi) zwischen 1955 und 1957 aufgegriffen. Obwohl sich ihre Argumente voneinander unterschieden, lassen sie sich in zwei allgemeine Kategorien einteilen: Das Argument, Festpreise für Konsumgüter aufzugeben und dem Wertgesetz einen größeren Einfluss auf die Preisbildung und wirtschaftliche Entscheidungsfindung zu gewähren, sowie das damit verbundene Argument, das Planungssystem zurückzufahren und die VEBs in selbstverwaltete Einheiten umzuwandeln.
5.1 Die freie Bildung der Preise durch das Wertgesetz
„Wir müssen uns von der falschen Vorstellung freimachen, als sei das Wertgesetz ein notwendiges Übel, dessen Aktionsradius man tüchtig beschneiden müsse.“66
Dieses Argument wurde erstmals im März 1956 von Gunther Kohlmey (damals Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften) vorgebracht. Kohlmey brach damit mit der unter Marxisten vorherrschenden Auffassung, dass das Wertgesetz im Sozialismus schrittweise überwunden werden müsse. Er sah in der administrativen Manipulation der „Wertkategorien“ (Geld, Preis, Kosten, Löhne, Kredit usw.) die Ursache für Ineffizienz und die unzureichende Versorgung mit Konsumgütern. Der Staat behindere seine eigenen Bemühungen, die 1951/1952 eingeführten Grundsätze der wirtschaftlichen Rechnungsführung umzusetzen:
„Das gegenwärtige Hauptproblem der wirtschaftlichen Rechnungsführung scheint in der DDR darin zu bestehen, (1) ihren Aktionsradius nicht unnötig durch zu viele Planungsanweisungen einzuengen bzw. gar zu zerstören, (2) den ganzen Mechanismus der Ausnutzung der Wertformen bei der Leitung der sozialistischen Staatsbetriebe beweglicher als bisher zu machen […].“67
Dies erforderte logischerweise, dass Kohlmey auch das Wesen des Sozialismus selbst revidierte, was er noch im selben Jahr tat:
„Auch der Sozialismus ist (nationale und internationale) Marktwirtschaft, er ist planmäßig verlaufende, auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln beruhende Marktwirtschaft.“68
Fritz Behrens (damals stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und Leiter der Zentralverwaltung für Statistik) sprach sich für die „Ausnutzung des Gesetzes von Angebot und Nachfrage zur Schaffung eines – ökonomisch gesunden – Preissystems“ aus.69 Er argumentierte, dass die Preise in Abteilung 2 (Produktion von Konsumtionsmittel) „elastischer” sein müssten, da eine zentrale Stelle nicht in der Lage sein wird, die Präferenzen der Verbraucher (insbesondere den Zeitpunkt, die Auswahl und die von den Verbrauchern geforderte Qualität) angemessen einzuschätzen.70 Laut Behrens „muss sich die zentrale Planung auf die prinzipiellen Gesichtspunkte beschränken“. Er schlug vor, Festpreise durch ein System „variabler Preise“ zu ersetzen, bei dem die für Abteilung 2 produzierenden VEB ihre Preise innerhalb bestimmter, von der staatlichen Plankommission festgelegter Grenzen selbst setzen konnten. Das System von „freier Preisbildung“ in „genau abgesteckten Grenzen“ würde einen „kontrollierten Marktwettbewerb“ ermöglichen.
Behrens führte bestehende Probleme in der DDR-Wirtschaft (er nannte konkret: nichtkontinuierliche Produktion, Überplanbestände, Kaufkraftüberhänge) auf Verstöße gegen das Wertgesetz zurück. Die Partei habe zu lange so getan, als könne der Staat „objektive ökonomische Gesetze“ einfach durch „juristische Gesetze“ ersetzen. Dies sei, so Behrens, ein fataler Irrtum:
Weil der Staat „ökonomische Prozesse nicht durch Verordnungen und Anweisungen ersetzen kann, kann er auch das Wertgesetz nicht ersetzen. Das Wertgesetz wirken lassen, das bedeutet elastische Preispolitik und bewegliche Preise anstelle starre Preispolitik und unveränderlicher Preise.“71
Bemerkenswert ist, dass auch in der UdSSR zu dieser Zeit ähnliche Argumente vorgebracht wurden. Im Dezember 1956 versuchten sowjetische Ökonomen auf der so genannten „ersten sowjetischen Wertdebatte“72, einen Widerspruch in der offiziellen politischen Ökonomie des Sozialismus zu klären: Wie konnte die Wirkung des Wertgesetzes (als objektiv bestehendes Gesetz) entdeckt werden, wenn der Staat selbst so viele Preise festlegt? Mit anderen Worten, wie sollte der Staat Preise auf eine „geplante Abweichung vom Wert“ festlegen, wenn der genaue Wert des Produkts gar nicht bekannt ist?73 Für die „Warentheoretiker“ bestand der Ausweg aus diesem Widerspruch in der Revision der marxistischen Theorie selbst: Die sozialistische Produktion war in Wirklichkeit Warenproduktion. DDR-Ökonomen wie Herbert Wolf (ein Assistent von Behrens) und sowjetische Spezialisten wie J. A. Kronrod lehnten die Schlussfolgerung Stalins ab, dass das Fortbestehen der Warenproduktion im Sozialismus auf unterschiedliche Eigentumsverhältnisse zurückzuführen sei. Während bisher die Auffassung vorherrschte, dass sich die Warenproduktion hauptsächlich auf die Konsumgüterindustrie und die Landwirtschaft beschränkte, argumentierten die „Warentheoretiker“, dass die Produkte der sozialistischen Industrien selbst Waren seien, wenn auch von „besonderer Art“. Dies sei auf die „soziale Ungleichartigkeit“ der Arbeit zurückzuführen: die Unterschiede zwischen „geistiger und physischer Arbeit, qualifizierter und unqualifizierter Arbeit, komplizierter und einfacher, schwerer und leichter Arbeit“.74 Aufgrund dieser Unterschiede waren die VEB noch relativ unabhängige Einheiten; die Arbeit in einem VEB musste getrennt von der Arbeit in anderen VEB organisiert werden. Diese faktische Unabhängigkeit im Produktionsprozess war wichtiger als der rechtliche Status des einheitlichen Volkseigentums. Die von den „fragmentierten“ Betrieben produzierten Güter wurden faktisch für den Austausch hergestellt und waren somit Waren. Sie mussten eben „äquivalent ausgetauscht“ werden. Daher prägte das Wertgesetz auch die Beziehungen zwischen den VEB.
Die Neuartigkeit dieses Arguments sollte nicht übersehen werden. Zwar gab es schon immer Befürworter des Rückgriffs auf den Markt auf dem Weg zum Sozialismus (z. B. Bucharin in den 1920er Jahren), doch hatten sie nie argumentiert, dass das Wertgesetz ein inhärentes Merkmal der sozialistischen Produktion sei. Die „Warentheoretiker“ plädierten nicht für einen vorübergehenden Rückzug auf Marktmechanismen (wie die Neue Ökonomische Politik der Bolschewiki). Sie vertraten vielmehr die Auffassung, dass das Wertgesetz der sozialistischen Produktion selbst immanent sei. Die Rolle des Wertgesetzes müsse „weiterentwickelt“ werden, wenn der Sozialismus zu höheren Stufen fortschreite.
Einige DDR-Ökonomen wie Eva Altmann und Alfred Lemmnitz wehrten sich zunächst gegen diese Idee und verteidigten die ursprüngliche Position, die so genannte „Warenhüllentheorie“: Die Produkte der sozialistischen Industrien seien nur der Form nach Waren, nicht dem Wesen nach, da es keinen Besitzerwechsel gab. Die „soziale Ungleichartigkeit“ der Arbeit änderte nichts an dieser Tatsache.75 Die „sozialistische Warenproduktion“ war nach wie vor nur auf den Bereich der Konsum- und Exportgüter beschränkt.76 Dennoch gewannen die „Warentheoretiker“ mit dem Abschluss der „zweiten sowjetischen Wertdebatte“ im Juni 1958 die Mehrheit gegenüber den „Warenhüllentheoretikern“.77 Einflussreiche sowjetische Ökonomen wie Lew Gatowski und Stanislaw Strumilin vertraten nun die These, dass das Wertgesetz der sozialistischen Produktion selbst immanent sei. Laut Konstantin Ostrowitjanow gelte es, „die Wirksamkeit des ‚Wertgesetzes‘ in der Phase des ‚entfalteten Aufbaus des Kommunismus‘ zu stärken, um gerade dadurch die Voraussetzungen für das Absterben der ‚Geld-Ware-Beziehungen‘ im kommunistischen Endzustand zu schaffen“.78 Später im selben Jahr vertrat auch KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow auf einer Tagung des Zentralkomitees diese Position.79 Diese bedeutenden Veränderungen in der politischen Ökonomie der Sowjetunion und der DDR bildeten die Grundlage für die Theorie der „Planwirtschaft sozialistischer Warenproduzenten“ in den 1960er Jahren.
5.2 „Selbstverwaltung“ als Voraussetzung für freie Preisbildung
Logischerweise machten „elastische Preispolitik und bewegliche Preise“ tiefgreifende Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur der DDR notwendig. Die „Warentheoretiker“ mussten zeigen, wie „Marktgesetze“ im Sozialismus mehr Spielraum bekommen sollten. Kohlmey konzentrierte sich auf das Finanzsystem und plädierte für eine „beweglichere und rationalere“ Staatsbank, indem er ihr eine autonome Rolle in der Wirtschaft zubilligte.80 Behrens und Benary gingen noch weiter und schlugen die umfassende „Selbstverwaltung der Wirtschaft“ vor. Sie argumentierten, dass die Bedingungen in der DDR eine zentralisierte Planung nicht mehr rechtfertigten:
„Die Zentralisierung sogar in extremer Form ist in solchen Perioden eine Notwendigkeit, in denen tiefgreifende Veränderungen rasch durchgeführt, die Grundlagen des Kapitalismus zerstört und die der sozialistischen Wirtschaft durch zentrale Weisung aufgebaut werden müssen, zumal aber dann, wenn es gilt, militärischen Notwendigkeiten Rechnung zu tragen. Aber ebenso, wie die Zentralisierung keine obligatorische Form der Leitung des sozialistischen Staates ist, so ist auch die zentrale Weisung keine obligatorische Form der Leitung der sozialistischen Wirtschaft.
In dem Maße, wie die ökonomischen Gesetze der sozialistischen Produktion zu wirken beginnen, d. h. in dem Maße, wie sich die sozialistischen Produktionsverhältnisse festigen, muss die Leitung der Wirtschaft durch zentrale Weisung zurücktreten, da sie sonst zu einem Hemmschuh der weiteren Entwicklung wird. Die wachsenden Produktivkräfte und das ökonomische System des Sozialismus geraten dann in Widerspruch zu der Leitung der Wirtschaft durch zentrale Weisung. Es ist deshalb unumgänglich, von der Leitung der Wirtschaft durch zentrale Weisung zur ökonomischen Leitung, d. h. zu einer Leitung mit einem Mindestmaß zentraler Anweisung und einem Höchstmaß an Initiative und Selbständigkeit ‚von unten‘, auf der Grundlage der Ausnutzung der ökonomischen Gesetze, insbesondere des Wertgesetzes überzugehen, sobald sich dieser Widerspruch herauszubilden beginnt.“81
Behrens weicht hier von der leninistischen Auffassung der dialektischen Einheit von Zentralismus und Demokratie ab und behauptet stattdessen, der Zentralismus sei das Gegenteil von Demokratie. Im Namen der „Dezentralisierung“ behauptet Behrens, dass der Staat bereits beginnen muss, „abzusterben“, auch wenn der Übergang zum Sozialismus unvollendet ist. Behrens stellt sein Argument als eine Rückkehr zu den wahren Prinzipien des Marxismus-Leninismus dar:
„Die Auffassung, dass der Staat alles könne und dass jede, auch die privateste Angelegenheit staatlich geleitet und kontrolliert werden müsse, ist nicht sozialistisch, sondern ‚preußisch‘, d. h. junkerlich-monopolistisch. Sozialistisch, das heißt marxistisch-leninistisch, ist die Auffassung vom Absterben des Staates in dem Maße, wie die sozialistischen Produktionsverhältnisse sich festigen und die kapitalistische Bedrohung unwirksam wird. Das aber bedeutet, dass die Selbstverwaltung der werktätigen Massen im staatlichen Leben in der Selbstverwaltung der Wirtschaft ihre Ergänzung finden muss. Sozialismus verlangt Selbstverwaltung der Wirtschaft durch die Werktätigen, weil die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ihre Ergänzung durch die Vergesellschaftung der Verwaltung erfordert. So wie für das Privateigentum an den Produktionsmitteln die Verwaltung der Wirtschaft durch eine von den Werktätigen entfremdete Bürokratie, so ist für das sozialistische Eigentum an den Produktionsmitteln die Verwaltung der Wirtschaft durch die Werktätigen selbst typisch.“82
Der ehemalige Student von Behrens, Arne Benary, schlug ein ähnliches Schema vor und beschrieb zwei Stufen des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus:
„Während in der ersten Etappe der Übergangsperiode der Staatsapparat eine selbständige ökonomische Funktion besitzt, weil die administrative Methode der Leitung objektiv notwendig ist, muss er in der zweiten Etappe diese selbständige ökonomische Funktion schrittweise verlieren. In der ersten Etappe ist der Staatsapparat das Hauptinstrument der proletarischen Diktatur auf wirtschaftlich-organisatorischem Gebiet. In der zweiten Etappe dagegen verliert der Staatsapparat diese Bedeutung; ein funktionsfähiges Zentralbanksystem, das nicht nur als Kontroll‑, sondern vor allem auch als Leitungsinstrument dient, wird z. B. unvergleichlich wichtiger. In der ersten Etappe der Übergangsperiode erfolgt die Vergesellschaftung des Eigentums an den Produktionsmitteln – und damit die Vergesellschaftung der Verfügungsgewalt über sie – zunächst in der Form, dass der zentralisierte Staatsapparat diese Verfügungsgewalt ausübt, Produktionsmittel und Produktion verwaltet. In der zweiten Etappe muss als weiterer Schritt die Vergesellschaftung auch der Verwaltung der Produktionsmittel und der Produktion erfolgen. Die Selbstverwaltung der Wirtschaft kann und muss jetzt an die Stelle der Verwaltung der Wirtschaft durch den zentralisierten Staatsapparat treten.“83
Obwohl im Namen der „Dezentralisierung“ vorgebracht, gingen diese Vorschläge weit über die „Vereinfachung der Planung“ (1955–1957) hinaus. Diese hatte lediglich den Grad der direkten Regulierung des Produktionsprozesses in den VEB durch die Staatliche Plankommission angepasst. Behrens und Benary plädierten für eine völlige Umgestaltung des Planungssystems und eine faktische Umwandlung der VEB in selbstverwaltete Betriebe.
5.3 Die Verteidigung des demokratischen Zentralismus und des Festpreissystems
Zwischen dem Frühjahr 1955 und dem Sommer 1956 fanden in den Volksdemokratien Osteuropas solche grundlegenden Debatten statt. Sie wurden maßgeblich von einem Politikwechsel in der KPdSU beeinflusst, der die anderen kommunistischen Parteien in Verwirrung stürzte und sie ohne gemeinsame Diskussionsgrundlage zurückließ. Die erste große Veränderung trat im Juni 1955 ein, als Chruschtschow mit dem jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito die Belgrader Erklärung unterzeichnete und dessen pluralistisches Konzept der „nationalen Kommunismen“ unterstützte.84 Der Einfluss Titos spiegelt sich deutlich in den Schriften von Behrens und Benary wider: Das politische Programm der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) sprach ebenfalls von der „Dezentralisierung der Wirtschaftsführung“ und dem sofortigen „Absterben von Staat und Partei“. Behrens und Benarys Konzeption von „wirtschaftlicher Selbstverwaltung“ wurde auch eindeutig von den Wirtschaftsreformen der KPJ inspiriert, die im Juli 1950 eingeleitet wurden und staatliche Industriebetriebe in selbstverwaltete Arbeiterkollektive umwandelten, die ihre Preise selbst festlegen und ihr Produktionssortiment selbst bestimmen konnten.85
Der nächste große Wandel erfolgte im Februar 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU, als Chruschtschow Stalin anprangerte und Veränderungen „in Geschichte, Philosophie, Ökonomie und anderen Wissenschaften“ forderte, da diese Bereiche durch „die weit verbreiteten falschen Ansichten im Zusammenhang mit dem Personenkult“ verzerrt worden seien.86 Diese pauschale Erklärung schien zwar frischen Wind zu bringen, stellte aber im Grunde alle Erkenntnisse der sowjetischen Wissenschaft in Frage. In diesem entscheidenden Moment löste die KPdSU das Kominform auf, das 1947 als informeller Versuch gegründet worden war, die multilaterale Koordinierung zwischen den europäischen kommunistischen Parteien nach der Auflösung der Komintern im Jahr 1943 wiederzubeleben. Die Volksdemokratien standen damit ohne eine Plattform zur Diskussion dieser grundlegenden Fragen da.
Angesichts dieser abrupten Veränderungen berief die SED im März 1956 einen dritten (außerordentlichen) Parteitag ein, um die Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU zu diskutieren. Die Partei kündigte an, die Kampagne gegen den „Dogmatismus“ (die 1955 begonnen hatte) fortzusetzen und mehr Kritik und Selbstkritik in der Gesellschaft zu fördern. Die ersten Anzeichen einer politischen Destabilisierung zeigten sich jedoch bereits im Juni 1956, als Polen und Ungarn von gewaltsamen Unruhen erschüttert wurden. Die wachsende Unsicherheit der SED in Bezug auf die Positionen der KPdSU spiegelte sich in einer Resolution wider, die das Zentralkomitee einen Monat später unter dem Titel „Die nächsten ideologischen Aufgaben der Partei“ verabschiedete. Das Zentralkomitee würdigt darin die Arbeiten von Kohlmey und Behrens als „selbständige schöpferische Leistungen vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus“, verteidigt aber auch die Universalität des wissenschaftlichen Sozialismus: Die SED kann „nicht hinnehmen, wenn unter der Flagge der ‚Freiheit der Kritik‘ und des wissenschaftlichen Meinungsstreites die Grundideen des Marxismus-Leninismus preisgegeben werden“.87 Dies war auch eine stillschweigende Kritik an führenden Persönlichkeiten in Polen und Ungarn, die sich Titos Ansatz zu eigen gemacht und mit dem Abbau der zentralen Planung begonnen hatten.
Im Oktober wurde ein Wendepunkt erreicht, als Ungarn in Gewalt versank und Ägypten von Großbritannien, Frankreich und Israel überfallen wurde. Angesichts dieser imperialistischen „Rollback“-Politik entschied sich die SED-Führung dafür, eine aktivere Rolle bei der „Zurückdrängung der bürgerlichen Ideologie“ in der DDR zu übernehmen. Auf dem 30. Plenum des Zentralkomitees im Januar 1957 erkannte Ulbricht die Verdienste des XX. Parteitages der KPdSU bei der Überwindung von „Fehlern“ und „Vereinfachungen“ an, für die „Genosse Stalin die Verantwortung trug“. Ulbricht bestand jedoch darauf, dass die SED weiterhin aus Stalins „marxistischen Werken“ lernen wird. Er wies die Versuche zurück, den XX. Parteitag als einen „Aufruf zur Liberalisierung und zur Angleichung an die bürgerliche Demokratie“ im sozialistischen Block zu interpretieren.88 In ähnlicher Weise lobte der Wirtschaftswissenschaftler Robert Naumann die „sehr zu begrüßende Diskussion zu Fragen der politischen Ökonomie“, die „berechtigte Kritik an Mängeln und Schwächen unserer Wirtschaftspolitik“ hervorgebracht habe.89 Zugleich gingen die Positionen einiger seiner Kollegen (er nannte Behrens und Benary) zu weit, denn sie hätten die „Grundsätze des Marxismus-Leninismus“ in Frage gestellt und drohten damit, „die Arbeiterklasse zu entwaffnen und ihr das wichtigste Instrument, den Staat, die Diktatur des Proletariats, zu schwächen“. Erich Honecker kündigte im Namen des Politbüros an, dass der Kampf gegen den Revisionismus in der Partei geführt werden müsse.90 Für den Bereich der Ökonomie bedeutete dies, dass das neueste Buch von Behrens und Benary (das die oben zitierten Artikel enthalten sollte) nicht ohne kritische Kommentare anderer Ökonomen veröffentlicht werden sollte.
Auf demselben Plenum argumentierte Bruno Leuschner (Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und damit Behrens’ damaliger Vorgesetzter), dass die 1954 begonnene Reduzierung der zentral festgelegten Kennziffern nicht fortgesetzt werden könne, da er befürchtete, dass sich die Planwirtschaft insgesamt auflösen könnte:
„Wir haben auf dem Gebiet der Planung […], die staatlich geplanten Positionen auf 440 reduziert. Das ist das Äußerste. Weiter kann man vorerst nicht heruntergehen. Diese Positionen, das sind solche wie Elektroenergie, Braunkohle, Briketts, Walzstahl, wichtige chemische Grundstoffe und ähnliches, muss die Regierung in der Hand haben.“91
Kurz nach dem Plenum wurden die Artikel von Behrens und Benary in einem Sonderheft der Wirtschaftswissenschaft zusammen mit Kritiken von vier Ökonomen veröffentlicht. Karl Kampfert (Leiter der Gewerkschaftsabteilung im Zentralkomitee) warf Behrens vor, das Wertgesetz zum „entscheidenden [ökonomischen] Gesetz der Übergangsperiode“ zu machen und damit die Bedeutung des Gesetzes der planmäßigen, proportionalen Entwicklung im sozialistischen Aufbau zu vernachlässigen.92 Herbert Luck (Wirtschaftsprofessor an der Universität Rostock) argumentierte, dass Behrens und Benary die logische Konsequenz ihrer Vorschläge nicht zugegeben haben:
„Wird dem Wertgesetzt ein großer Spielraum zur Entwicklung auf die Produktion gegeben, dann muss auch mit der möglichen Konsequenz gerechnet werden, dass das Wertgesetzt schlechthin zum Regulator der Produktion wird.“93
Fred Oelßner wies darauf hin, dass, wenn das Wertgesetz zum Regulator der Produktion wird, die Verteilung der Arbeitskräfte und der Produktionsmittel sich nach dem richtet, was profitabel ist, und nicht nach den Bedürfnissen einer proportionalen Entwicklung.94 Die Sektoren, die in der Phase des sozialistischen Aufbaus größere Investitionen erfordern (z. B. Kohle und Energie), werden nicht in dem erforderlichen Maße wachsen. Mit anderen Worten: Das Planungssystem wird von innen heraus unterminiert.
Luck stimmte mit Behrens und Benary darin überein, dass eine Dezentralisierung grundsätzlich notwendig sei, argumentierte jedoch, dass dies als Übertragung der operativen Verantwortung zu verstehen sei und nicht als Aufsplitterung des Planungssystems in selbstverwaltete Wirtschaftseinheiten. Das jugoslawische Modell war eine Abkehr von der Planung, nicht ihre Weiterentwicklung.
In Bezug auf das Preissystem stimmte Helmut Richter (Wirtschaftsassistent des Zentralkomitees) zu, dass es in der Preispolitik der DDR viele Probleme gab, und räumte ein, dass die Planungsämter die Rolle des Wertgesetzes zu oft „unterschätzten“. Dennoch würde Behrens’ Vorschlag die VEB dazu verleiten, ihre Preise „künstlich“ hochzuhalten, wie es kapitalistische Unternehmen tun. Eine solche Reform berge daher die Gefahr, „die Gruppeninteressen der Betriebe in Gegensatz zu den Gesamtinteressen der Gesellschaft“ zu bringen.95
Lemmnitz argumentierte, dass die von Behrens festgestellten Ineffizienzen daher rührten, dass das Festpreissystem noch nicht in allen VEB eingeführt worden sei.96 Viele Produkte wurden noch zu Preisen verkauft, die von den einzelnen Betrieben festgelegt wurden, und diese Preise spiegelten somit die betriebsspezifisch aufgewendete Arbeit wider und nicht die gesellschaftlich notwendige Arbeit. Hierin lag nach Lemmnitz der eigentliche Verstoß gegen das Wertgesetz. Würden die Preise in den vergesellschafteten Industrien die gesellschaftlich notwendige Arbeit richtig widerspiegeln, würde dies die weniger effizienten VEB zwingen, ihren Arbeitsaufwand zu senken. Es gehe also darum, das Wertgesetz auf diese Weise effektiver „auszunutzen“, nicht darum, ihm mehr Raum zur freien Entfaltung zu geben. Lemmnitz kritisierte, dass Behrens die Funktion und Anwendung des Wertes im Sozialismus missverstanden habe. Die Lösung sei eine bessere Planung, nicht weniger Planung:
„Das Wertgesetz wirkt demnach nicht mehr als eine unerkannte äußere Gewalt auf die Warenproduzenten ein, beherrscht sie nicht mehr, indem es sie zwingt, ihre Waren entsprechend dem gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwand zu produzieren und zu verkaufen. Das Wertgesetz kann und muss jetzt beherrscht und zur planmäßigen Entwicklung der Volkswirtschaft […] ausgenutzt werden. Der sozialistische Staat kann das Wertgesetz durch die Festsetzung einheitlicher Abgabepreise je Produkt ausnutzen, da ihm als Repräsentanten der Arbeiterklasse alle Betriebe gehören. Der sozialistische Staat muss das Wertgesetz durch die Festsetzung einheitlicher Abgabepreise ausnutzen, sonst verstößt er gegen das Gesetz der planmäßigen (proportionalen) Entwicklung der Volkswirtschaft, gegen das ökonomische Grundgesetz des Sozialismus und damit gegen die Interessen der Arbeiterklasse und der mit ihr verbundenen Klasse der werktätigen Bauern.“97
Das Politbüro lehnte die Forderung von Behrens, der Staat solle in der Übergangszeit mit dem „Absterben“ beginnen, rundheraus ab. 1955, nur ein Jahr vor Behrens’ Schrift zu diesem Thema, war Westdeutschland in den antisowjetischen NATO-Block integriert worden. Da die Grenze zu West-Berlin noch offen war, waren westliche Sabotageakte und Propaganda überall zu spüren. Auch in der DDR selbst war weiterhin ein bedeutender kapitalistischer Sektor tätig. Von einer „Unwirksamkeit der kapitalistischen Bedrohung“ (Behrens) konnte unter diesen Bedingungen keine Rede sein. Oelßner wies die Thesen von Behrens und Tito mit dem Argument zurück, dass die Rolle des Staates „unter den Bedingungen des weltweiten Klassenkampfes zwischen Sozialismus und Kapitalismus“ nicht unterschätzt werden dürfe.98
Vielen dieser Meinungsverschiedenheiten lag ein alter Streitpunkt innerhalb der kommunistischen Bewegung zugrunde: Wie ist das Verhältnis zwischen Spontaneität und Bewusstsein beim sozialistischen Aufbau? Die „Warentheoretiker“ plädierten für einen eher Laissez-faire-Ansatz, bei dem der Staat lediglich dafür sorgen sollte, dass die objektiven wirtschaftlichen Gesetze des Sozialismus ungehindert wirken konnten. Ihre Kritiker hingegen argumentierten, dass die Planungsämter die ökonomischen Gesetze studieren und aktiv ausnutzen müssten, um den bewussten Charakter der Planung schrittweise zu erweitern:
„Der Marxismus vertritt die Ansicht, dass wir die ökonomischen Gesetze beherrschen und damit für unsere Ziele ausnutzen können. Es kommt nur darauf an, diese Gesetze und ihre Wirkung richtig zu erkennen. Der Staat nutzt diese Gesetze aus, indem er sie durch juristische Gesetze, Anordnungen und Direktiven unserem Ziel, dem sozialistischen Aufbau, dienstbar macht! Genosse Behrens dagegen meint, Ausnutzen heißt, diese Gesetze wirken zu lassen, das heißt ihrem Selbstlauf freie Bahn zu verschaffen. Darum spricht er auch davon, dass es die Aufgabe der zentralen Staatsmacht sei, solche Bedingungen zu schaffen, die das Wirken der Gesetze ermöglichen.“99
Als Reaktion darauf veröffentlichten Behrens, Benary und Kohlmey 1958 schließlich Artikel, in denen sie sich von der Idee der „wirtschaftlichen Selbstverwaltung“ und des „Absterbens des Staates in der Übergangszeit“ distanzierten. Ihre Kritiker hatten den Angriff auf den demokratischen Zentralismus erfolgreich abgewehrt. Behrens (obwohl 1958 aus der Staatlichen Plankommission ausgeschieden) publizierte weiter als Ökonom und beeinflusste mit seinem 1961 erschienenen Buch Ware, Wert und Wertgesetz die NÖSPL-Reformen der DDR. Seine ökonomischen Argumente – wenn auch nicht seine politischen Schlussfolgerungen – wurden auf der „zweiten sowjetischen Wertdebatte“ im Juni 1958 teilweise bestätigt (siehe Abschnitt 5.1).
Die sowjetischen Ökonomen lehnten jedoch die Idee der freien Preisbildung ab. Da das System der Festplanpreise sowohl in der DDR als auch in der UdSSR beibehalten wurde, kehrte die ökonomische Debatte natürlicherweise zu den Problemen der Festpreisformel zurück (siehe Abschnitt 3). Einige Theoretiker stießen Anfang der 1960er Jahre eine Debatte über die „Messbarkeit des Wertes“ an, wobei Ökonomen wie Ottmar Lendle und Johannes Rudolph die Auffassung vertraten, dass die Widersprüche nur durch die Entwicklung von direkten Arbeitszeitrechnungsmodellen überwunden werden könnten.100 Die anderen Ökonomen, die diesen Ansatz als „noch nicht möglich“ ablehnten, konzentrierten sich stattdessen auf die Frage, wie sich das Reineinkommen bei der Festpreisformel am effektivsten ableiten lässt, um die wirtschaftliche Entwicklung zu stimulieren.101 Diese Auseinandersetzung hielt bis in die späten 1960er Jahre an.
6. Der Abschluss der Übergangsperiode: „Plane mit – arbeite mit – regiere mit!“ (1958–1963)
Die Zeit der Unsicherheit, die mit dem „Neuen Kurs“ 1953 begonnen hatte, wurde durch das 30. Plenum des Zentralkomitees im Januar 1957 beendet. In den folgenden Jahren trieb die SED den sozialistischen Aufbau voran, indem sie die staatlichen Strukturen festigte (z. B. neue Gesetze vom Januar 1957 zur Erweiterung der Volkskammer und zur Gewährleistung einer stärkeren Beteiligung der Arbeiter und der neuen Klasse der Genossenschaftsbauern) und die Planungshierarchie neu organisierte (z. B. neue Gesetze vom Februar 1958 zur direkten Unterstellung der Staatlichen Plankommission unter den Ministerrat und zur Wiedereinführung der Zwischenverwaltung der VEB).102 Mit diesen Maßnahmen sollten die demokratisch-zentralistischen Prinzipien gestärkt werden, indem eine breitere Beteiligung gefördert, bürokratische Hürden beseitigt und die Planungshierarchie weiterentwickelt wurde. Im Oktober 1957 kündigte die Partei außerdem eine elastischere Politik auf dem Lande an, um mehr Landwirte davon zu überzeugen, sich Genossenschaften (LPGs) anzuschließen.103 Nach dem 5. Parteitag der SED im Juli 1958, der sich zum Ziel setzte, „die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus im Wesentlichen abzuschließen“, wurde der „Sozialistische Frühling“ (1958–1960) ausgerufen, um die Umstrukturierung der Landwirtschaft in LPGs abzuschließen.
Eine wichtige wirtschaftspolitische Neuerung in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war die Schaffung der Rechtsform „Betriebe staatlicher Beteiligung“ (BSB). Anfang 1956 gab es in der DDR noch rund 13.000 private Unternehmen, die ein Viertel aller Arbeiter beschäftigten. Anstatt diese Unternehmen pauschal zu verstaatlichen und die Besitzer zu enteignen, entwickelte die SED gemeinsam mit der CDU neue Methoden, um sie in das Planungssystem einzubinden und das Kleinbürgertum schrittweise für den Sozialismus zu gewinnen. Durch Vermögensanlagen erwarb der Staat Eigentumsanteile an rund der Hälfte dieser privaten Unternehmen und konnte somit Einfluss auf die Betriebsführung nehmen und wurde gleichzeitig am Gewinn beteiligt. Die Unternehmer konnten Miteigentümer bleiben und ihre Rolle als Direktoren beibehalten, wurden aber in ihrer Autonomie eingeschränkt. Die SED bezeichnete diese Politik als „kreative Anwendung des Staatskapitalismus“ entsprechend den nationalen Gegebenheiten in der DDR.104 In diesem Zusammenhang wurde der Staatskapitalismus als „eine Wirtschaftsform der Übergangsperiode – ein Kapitalismus, der vom sozialistischen Staat mit dem Ziel zugelassen ist, ihn für den Aufbau des Sozialismus auszunutzen“ verstanden. Diese Politik erweiterte zwar den Umfang des Planungssystems, zielte aber nicht darauf ab, das Privatkapital völlig zu beseitigen. Im Jahr 1960 hatten die BSB einen Anteil von 7,5 Prozent an der Industrieproduktion, während der Anteil der Privatunternehmen immer noch 3,8 Prozent betrug.105 Unmittelbar vor der vollständigen Verstaatlichung im Jahr 1972 waren noch mehr als 5.000 private Unternehmen tätig, die etwas mehr als 14 Prozent der Industriearbeiter beschäftigten.106
Der 5. Parteitag der SED im Jahr 1958 legte ein umfassendes gesellschaftliches Konzept für den Abschluss der Übergangsperiode vor: Der Sozialismus wurde nicht auf die Schaffung formaler Eigentumsverhältnisse reduziert, sondern als Aufbau einer völlig neuen Kultur, eines neuen Bewusstseins und höherer Formen der Demokratie verstanden. In diesem Sinne führte die Partei neue politische Initiativen ein, wie die „Brigaden der sozialistischen Arbeit“, die „Bewegung schreibender Arbeiter“, die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“ und das zehnjährige polytechnische Oberschulsystem. In den VEB wurde auch ein neues Organ eingeführt: die Ständigen Produktionsberatungen, die als Ausschuss von Arbeitern, die von ihren Kollegen gewählt wurden, fungierten, um Probleme im Betrieb zu diskutieren und mit dem Direktor zusammenzuarbeiten, um die Planung auf Betriebsebene zu verbessern.
Auch die anderen politischen Parteien beteiligten sich aktiv an diesem Prozess. Der III. Kongress der Nationalen Front rief im September 1958 die Parole „Plane mit – arbeite mit – regiere mit!“ aus.108 Die CDU sorgte für spezielle wirtschaftliche Ausbildungsprogramme für die Direktoren der neuen BSB, die LDPD erstellte Pläne, um ländliche Kleinbetriebe (z.B. Schmieden) in die LPGs einzubinden, und die NDPD spielte eine wichtige Rolle bei der Ermutigung städtischer Kleinbetriebe, sich Produktionsgenossenschaften des Handwerks anzuschließen, deren Zahl von 300 (1957) auf 4.000 (1960) anstieg.109 Das Gesetzbuch der Arbeit wurde ebenfalls überarbeitet, um zusätzliche Rechte und Pflichten aufzunehmen, die der neuen Entwicklungsstufe der Gesellschaft Rechnung trugen. Lokale Komitees von Arbeitern und Massenorganisationen reichten mehr als 23.000 Änderungsvorschläge zum Gesetz ein, bevor es 1960 verabschiedet wurde.110 Millionen von DDR-Bürgern beteiligten sich auf diese Weise aktiv an den Bemühungen, die Übergangsperiode abzuschließen und neue Formen der sozialistischen Kultur aufzubauen, wodurch das Ende der 1950er Jahre zu einem der Höhepunkte der demokratischen Entwicklung in der DDR wurde.111
Eine der letzten großen Veränderungen des Planungssystems während der Übergangsperiode war die Einführung einer neuen Kennziffer: die „Warenproduktion“.112 Nachdem Planungsspezialisten immer wieder die einseitige Ausrichtung des Systems auf den quantitativen Output kritisiert hatten (was Ende der 1950er Jahre als „Tonnenideologie“ bezeichnet wurde), entwickelte die SED 1961 die Kennziffer „Warenproduktion“, die sich nicht an der Menge der produzierten Güter, sondern an den monetären Einnahmen orientierte, die ein VEB beim Verkauf seiner „Waren“ zu Festpreisen erzielte. Durch die Betonung monetärer Umsatzziele sollte das Planungssystem nun die VEB für eine bessere Einhaltung der Qualitäts- und Sortimentsziele belohnen. Ähnliche Änderungen wurden zu dieser Zeit in der ČSSR, Ungarn und Polen vorgenommen. Die DDR fügte außerdem weitere Indikatoren hinzu, die als „technisch-wissenschaftliche Kennziffern“ bezeichnet wurden. Sie zielten darauf ab, den Anteil der Zwischenprodukte, die in Endprodukte eingehen, zu messen und besser zu koordinieren. Der Grund für diese Änderungen war wiederum der Übergang der DDR von der extensiven zur intensiven Produktion und die damit verbundene Zunahme der Arbeitsteilung.
Das von der SED verfolgte Ziel, die Akkumulationsrate langfristig zu erhöhen, wurde in diesen letzten Jahren der Übergangszeit endlich erreicht. Im Jahr 1950 konnte die DDR nur 12,6 Prozent ihres Nationaleinkommens für Bruttoinvestitionen zurücklegen, der Rest floss in den Konsum. Dies war die niedrigste Akkumulationsrate aller Volksdemokratien in Osteuropa zu dieser Zeit. In den turbulenten Zeiten des „Neuen Kurses“ war die Investitionsquote auf nur 13,1 Prozent gestiegen.113 Mit der 1957 eingeleiteten neuen Offensive stieg die Akkumulationsrate schließlich schneller an, erreichte 1958 19,2 Prozent und blieb danach für den Rest der DDR-Geschichte über 20 Prozent. In dieser letzten Phase des Übergangs waren die Wachstumsraten auch beeindruckend: Das Nationaleinkommen wuchs zwischen 1957 und 1960 mit jährlichen Raten von 7 bis 9 Prozent.105 Ein wichtiger Faktor, der zu diesen Erfolgen beitrug, war die zunehmende wirtschaftliche Integration im RGW. Zum ersten Mal wurden die im zweiten Fünfjahresplan festgelegten Indikatoren für die industrielle Entwicklung mit den Wirtschaftsplänen der anderen RGW-Staaten koordiniert.114 Die RGW-Tagung im Mai 1958 konzentrierte sich insbesondere auf die Förderung einer internationalen Arbeitsteilung in der Maschinenproduktion.115 Freier Austausch von Krediten, Wissen und Technologie hat die Mobilisierung der verfügbaren Ressourcen erheblich verbessert.
Der letzte Vorstoß zur Vollendung der Übergangsperiode war zwar von bedeutenden Fortschritten geprägt, doch die SED-Führung konnte einige ihrer Versprechen nicht erfüllen. Auf dem 5. Parteitag im Juli 1958 erklärte Ulbricht, dass die „ökonomische Hauptaufgabe“ darin bestehe, „die Volkswirtschaft innerhalb weniger Jahre so zu entwickeln, […] dass der Pro-Kopf-Verbrauch der werktätigen Bevölkerung an allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern höher liegt als der Pro-Kopf-Verbrauch in Westdeutschland“.116 Als im September 1959 ein neuer Siebenjahresplan (1959–1965) in Kraft trat, versprach Ulbricht sogar, dass dieses Ziel bis Ende 1961 erreicht werden würde. Die bereits für 1959 und 1960 ehrgeizigen Pläne wurden dementsprechend noch weiter erhöht. Diese Zielstellung wurde der DDR weitgehend durch den Druck des Kalten Krieges aufgezwungen. Die Abwanderung von Bürgern im erwerbsfähigen Alter in den Westen, die 1956 und 1957 bis zu 270.000 betrug, ging nach den Versprechungen der SED auf 152.000 (1958) und 99.000 (1959) zurück.117 Gleichzeitig stand die SED offensichtlich unter dem Einfluss der großspurigen Verlautbarungen der KPdSU über den rasch wachsenden sowjetischen Konsum Ende der 1950er Jahre. Doch indem sie kapitalistische Konsumstandards als Orientierungspunkt für ihre „ökonomische Hauptaufgabe“ übernahm, begann die SED einem Phantom nachzujagen, das sie nicht einholen konnte – und auch nicht einholen sollte. Wie der marxistische Philosoph Hans Heinz Holz 1995 feststellte, umfasst der Sozialismus nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern auch eine souveräne Gesellschaftsauffassung und ein qualitativ neues Bewusstseins- und Kulturniveau:
„Es war ein Grundfehler der Entwicklungskonzeption des XX. Parteitags der KPdSU, es als ökonomisches und gesellschaftliches Ziel zu proklamieren, dass man — in welcher Zeit auch immer — den Lebensstandard der USA einholen wolle. Diese Zielsetzung bedeutete die Unterwerfung unter den Mechanismus einer sich ständig steigernden Warenproduktion und damit die Preisgabe kommunistischer Werte an eine kleinbürgerliche Ideologie des verdinglichten Konsums. Das Programm einer kommunistischen Gesellschaft schließt die Aufhebung der Entfremdung des Menschen an den Warenfetischismus und die Entfaltung von Werten menschlicher Selbstverwirklichung ein — einer Selbstverwirklichung, die sich in Lebenskultur und nicht allein in Konsumstandards ausdrückt.
Gerade der technische Fortschritt, der die Menschen immer mehr von bedrückender Arbeit entlastet und ihnen immer mehr Zeit freigibt, die nicht für die unmittelbare Reproduktion ihres Lebens gebraucht wird, ermöglicht die Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und Tätigkeiten, die Differenzierung menschlicher Interessen und die Ausbildung neuer Lebensinhalte. Der Übergang zu einer neuen Menschheitskultur mit allseitig gebildeten Menschen ist die Chance einer Epoche, in der die Produktivkräfte ein Niveau erreicht haben, das die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der gesamten Menschheit garantieren könnte.”118
Nach der Übernahme dieser Zielstellung wurden die tatsächlichen Verbesserungen der Lebensbedingungen in der DDR nicht unbedingt als solche gefeiert, sondern als „noch nicht gut genug“ empfunden. Dies zeigte sich darin, dass das Einkommen der Arbeiter und Angestellten zwischen 1957 und 1959 im Durchschnitt um 15 Prozent stieg119, die Abwanderung in den Westen aber wieder stark zunahm nachdem die ehrgeizigen Pläne der SED nicht erreicht werden konnten.
Vor dem Hintergrund einer akuten Kriegsgefahr wurde schließlich im August 1961 die Grenze in Berlin geschlossen.120 Die SED sah darin eine Voraussetzung für die Fortsetzung des sozialistischen Aufbaus „ohne die wirtschaftliche und politische Einmischung des Imperialismus“. Mit dem Abschluss der LPG-Bewegung auf dem Lande wurde 1963 der „Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse“ verkündet.121 Im selben Jahr startete die SED das NÖSPL als eine umfassende Reform des Planungssystems.
7. Überlegungen zur Ökonomie des sozialistischen Aufbaus in der DDR
Die 1950er Jahre waren das entscheidendste Jahrzehnt für die sozialistische Staaten in Osteuropa. Im Kampf gegen die westliche Subversion und die jugoslawischen Vorstellungen vom „selbstverwalteten Sozialismus“ errichteten die SED und einige ihrer Schwesterparteien eine grundliegende Architektur sowohl für ihre praktische Wirtschaftspolitik als auch für den Bereich der politischen Ökonomie. Diese Parteien standen vor der Herausforderung, in der Wirtschaftspolitik Neuland zu betreten und sich gleichzeitig gegen die Aggressionen des Westens zu verteidigen. Die heftigen politischen Krisen im Juni 1953 und im Herbst 1956 machten die Folgen von Fehltritten deutlich. Bei einem Vorhaben, das notwendigerweise Experimentieren erforderte, gab es in Wirklichkeit wenig Spielraum für Fehler.
Die festgelegte Wirtschaftsarchitektur bestand aus drei Hauptpfeilern: 1) eine demokratisch-zentralistische Planungshierarchie unter der Leitung der Staatlichen Plankommission, 2) das System von Planfestpreisen, mit dem Arbeitszeit monetär ausgedrückt werden sollte sowie 3) die wirtschaftliche Rechnungsführung und die Eigenerwirtschaftung der Mittel auf Betriebsebene. Rückblickend gesehen ist es bemerkenswert, dass der Aufbau des Sozialismus in Osteuropa zu einer Zeit begann, als es einen deutlichen Mangel an theoretischer Klarheit in der politischen Ökonomie des Sozialismus gab. Vor dem Zweiten Weltkrieg rangen sowjetische Ökonomen noch mit den raschen wirtschaftlichen Veränderungen, die durch die „Große Wende“ (1928/29) ausgelöst worden waren. Sie hatten begonnen, sich mit der Relevanz von Wertkategorien und der Funktion des Geldes im Sozialismus auseinanderzusetzen, aber solche Debatten wurden schnell von der faschistischen Bedrohung überschattet. Nach Kriegsende wurden diese Fragen mit neuer Dringlichkeit wieder aufgegriffen.
Im Bündnis mit der KPdSU und im Antagonismus zur KP Jugoslawiens stützten sich die führenden Parteien in Osteuropa beim Aufbau ihrer eigenen Systeme zwangsläufig stark auf die Erfahrungen und das Planungssystem der UdSSR. Zwar war es logisch, dass bestimmte allgemeine Merkmale in allen sozialistischen Planwirtschaften gleich waren (z. B. ein Festpreissystem), doch war es auch notwendig, die nationalen Bedingungen zu berücksichtigen und die Planungsmethoden und Entwicklungsstrategien in jedem Staat entsprechend anzupassen. In diesem Zusammenhang wirft die Übernahme des sowjetischen Systems des Chosrastschot durch die DDR viele Fragen auf. In der DDR-Literatur und in den SED-Direktiven von 1951/1952 wurde kaum hinterfragt, wie und warum dieses System in der UdSSR entwickelt worden war und ob es für die DDR sinnvoll und angemessen war.
Chosrastschot entstand aus der 1921 eingeführten Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) der Bolschewiki. Es diente den Volkskommissariaten (sowjetischen Ministerien) als Leitlinie für die Verwaltung ihrer staatseigenen Betriebe in einem staatskapitalistischen System. Die Betriebe wurden in „juristisch unabhängige Personen“ umgewandelt, die sich (teilweise) selbst finanzieren sollten. Im Zuge der „Großen Wende“ behielt die KPdSU das Chosrastschot-System bei und passte es an die Erfordernisse des ersten Fünfjahresplans an. Die Partei bezeichnete dieses Systems als die „Dezentralisierung der operativen Funktionen bei gleichzeitiger Zentralisierung der Planung und Leitung in Grundfragen“.122 Die Idee von „Kontrolle durch die Mark“ sollte sowohl die wirtschaftliche Kalkulation als auch die Effizienzsteigerung auf Betriebsebene ermöglichen. Kritiker von Chosrastschot – z.B. Che Guevara – bezeichneten dieses Managementsystem als „Sozialismus mit kapitalistischen Elementen“ oder als „Hybrid von Planung und Markt“, weil es sich bei der Planung auf kapitalistische Kategorien wie Gewinn, Kredit und Wert stützte.123 Dieser Vorwurf ist jedoch irreführend, denn Märkte setzen voraus, dass Privateigentümer Waren austauschen und Chosrastschot hat die Eigentumsverhältnisse (an sich) nicht verändert. Tatsächlich setzten die sozialistischen Staaten die Grundsätze der sogenannten wirtschaftlichen Rechnungsführung ein und machten gleichzeitig rasche Fortschritte bei der weiteren Sozialisierung der Produktionsmittel. Chosrastschot verkörperte keine Marktreform, sondern versuchte lediglich, kommerzielle Aktivitäten zwischen staatlichen Betrieben zu simulieren. Daher die These der „Warenhüllentheoretiker“, dass die in den VEB hergestellten Güter „nur der Form nach, nicht aber ihrem Wesen nach“ Waren sind.
Dennoch stiftete die KPdSU zweifellos große Verwirrung, indem sie kapitalistische Kategorien auf die sozialistische Planung übertrug. Kredit, Geld, Finanzen, Profit – Ökonomen griffen diese Kategorien auf, qualifizierten sie aber als „grundlegend anders“ als ihre Gegenstücke im Kapitalismus. Das Wertgesetz funktioniere in „modifizierter Form“ und die Warenproduktion sei von „besonderer Art“. Wenn jedoch, wie Lemmnitz behauptete, das Wertgesetz im Sozialismus Ausdruck der geplanten gesellschaftlichen Arbeit war und nicht mehr den Widerspruch zwischen privater und gesellschaftlicher Arbeit enthielt, handelte es sich dann nicht um ein völlig anderes Gesetz? Und wenn die Produkte der volkseigenen Industrien nur die „Hülle von Waren“ hatten, warum dann überhaupt die Kategorie „Warenproduktion“ verwenden? Einige Ökonomen, wie z.B. Hans Wemmer, haben dies damals offen in Frage gestellt: „Warum nennen wir es aber weiter Warenbeziehungen bzw. warum macht es so große Schwierigkeiten, für diese effektiv neuen Beziehungen einen neuen Begriff einzuführen?“.124 Laut Wemmer wurden in den sozialistischen Ländern nur „ganz selten völlig neue Begriffe“ entwickelt, weil Wissenschaftler mit der Begriffsbildung „konservativ“ waren.
Zusammengenommen haben dieser theoretische „Konservatismus“ und die Simulation von Marktmechanismen durch Chosrastschot fast zwangsläufig zu großen Missverständnissen geführt, wie beispielsweise Kohlmeys Behauptung, dass „auch Sozialismus Marktwirtschaft ist“. Ohne das analytische Instrumentarium, um die „neuen Beziehungen“ in der Planwirtschaft zu erfassen, war es unvermeidlich, dass Wirtschaftswissenschaftler gegensätzliche Interpretationen von der „Ausnutzung des Wertgesetzes“ vorbrachten (vgl. Lemmnitz’ Forderung nach genaueren Festpreisen und Behrens’ Forderung nach verstärkten kommerziellen Beziehungen zwischen Betrieben). 1957, inmitten der großen Debatte, war die theoretische Verwirrung um die Verwendung kapitalistischer Kategorien so groß, dass einige Planungsspezialisten einfach abschalteten:
„Die Praktiker sind durch diese ganze Diskussion, die ja auf Fragen des Geldes, des Kredits, der Staatseinnahmen usw. ausstrahlt, nur verwirrt worden. Diejenigen, die sich nicht verwirren lassen wollten, haben sich aus der Diskussion herausgehalten und nach wirtschaftspolitischen Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten entschieden.“125
Dieser Frust war zwar nachvollziehbar, doch der Rückzug der „Praktiker“ auf Entscheidungen „nach wirtschaftspolitischen Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten“ stellte zweifellos eine theoretische Kapitulation dar. Anstatt politische Maßnahmen auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter Analysen zu entwickeln, wurde die Theorie eher angepasst, um die bereits umgesetzten Maßnahmen zu rechtfertigen. Das Ergebnis zeigt sich in dem nebulösen Postulat der „Planwirtschaft sozialistischer Warenproduzenten“, das ab 1958 zur Rechtfertigung der erweiterten betrieblichen Autonomie herangezogen wurde.126 In den sowjetischen Lehrbüchern wurde behauptet, dass die Warenproduktion der volkseigenen Industrie immanent sei und die vom Kapitalismus übernommenen Kategorien mit dem Fortschreiten des Sozialismus auf höhere Stufen erweitert und weiterentwickelt werden müssten. Was dies in der Praxis für eine zentral geplante Wirtschaft ohne Märkte, ohne freie Preisbildung und ohne große Privatbetriebe bedeutete, wurde nie umfassend dargelegt. So kam es über die Zeit zu einer Inkongruenz zwischen ökonomischer Theorie und wirtschaftlicher Praxis. Die Wirtschaftswissenschaftler konnten die „neuen Beziehungen“, die das Planungssystem bereits geschaffen hatte, nicht hinreichend erfassen.
Diese theoretische Desorientierung bildete die Grundlage für die widersprüchlichen NÖSPL-Reformen der 1960er Jahren. Die vorherrschenden historischen Darstellungen dieser Reformen haben den Zusammenhang mit Chosrastschot nicht ausreichend untersucht. Das NÖSPL wurde letztendlich nach der Logik von Chosrastschot aufgebaut: Nachahmung des Marktes, ohne die Eigentumsverhältnisse anzutasten.127 Das ausdrückliche Ziel der SED mit dem NÖSPL war es, den „ökonomischen Inhalt“ der wirtschaftlichen Rechnungsführung richtig zur Geltung kommen zu lassen (d.h. Selbstständigkeit der Betriebe, Eigenerwirtschaftung der Mittel und materielle Anreizsysteme).128 Dies war die gleiche Forderung wie die von Kohlmey und Behrens im Jahr 1956, wenn auch mit anderen Lösungsansätzen. Heute werden von NÖSPL-Befürworter oft Parallelen zur Strategie Chinas nach 1978 gezogen, dabei wird jedoch das charakteristische Merkmal der chinesischen „Reform und Öffnung“ vernachlässigt: Die KP Chinas veränderte tatsächlich die Eigentumsverhältnisse und wurde zum Architekten eines echten nationalen Marktes. Außerdem orientierte sich die KPCh neu an der These, dass sie sich in einem frühen „Anfangsstadium des Sozialismus“ befand. In der DDR gab es keine derartigen Veränderungen. Das Land behielt während seines 40-jährigen Bestehens eine zentrale Planwirtschaft mit sozialisierten Eigentumsverhältnissen bei. Das NÖSPL änderte die Eigentumsverhältnisse nicht und schuf nicht die Voraussetzungen für die Entstehung eines Marktes. Die Wirtschaftswissenschaften – noch im „theoretischen Konservatismus“ verhaftet – hielten an der abstrusen Vorstellung fest, das Wertgesetz müsse auf dem Weg zu höheren Stufen des Sozialismus weiterentwickelt werden. Die Inkongruenz zwischen Praxis und Theorie wurde also durch die NÖSPL-Reformen nur noch vertieft.
Auch wenn in diesem Artikel der Schwerpunkt auf Probleme und Streitigkeiten gesetzt wurde, wäre es falsch, deren Auswirkungen auf die DDR-Gesellschaft zu übertreiben. Trotz dieser ungelösten Fragen in der politischen Ökonomie konnte die DDR im Laufe von nur vier Jahrzehnten ein bemerkenswertes Wirtschaftswachstum und eine bemerkenswerte Entwicklung erzielen. Bis Ende der 1980er Jahre hat das Land seine Industrieproduktion mehr als verzwölffacht und sein Bruttoinlandsprodukt verfünffacht, so dass es zu den damaligen fünfzehn führenden Industriestaaten der Welt gehörte. Trotz schwieriger Ausgangsbedingungen, Sabotage und Reparationsverpflichtungen nach dem Krieg gelang es dem Planungssystem, eine schrittweise Verbesserung des Lebensstandards und beispiellose soziale Rechte zu erreichen – nicht nur für Arbeiter, sondern auch für Bauern, die bis dahin keinen bezahlten Urlaub, keine kostenlose Gesundheits- und Kinderbetreuung und keinen Zugang zu Kultur und Weiterbildung kannten. Die Kämpfe dieses Jahrzehnts legten den Grundstein für eine sozialistische Wirtschaft, die bis zu ihren letzten Tagen ohne konjunkturelle Krisen oder Rezessionen weiterwachsen sollte. So gab es zwar zweifellos Defizite in der Planungspolitik, die sich nachteilig auf die Gesellschaft auswirkten, doch hinderten sie die DDR nicht daran, die Tragfähigkeit der Planwirtschaft unter Beweis zu stellen. Das Planungssystem und die dahinterstehende politische Ökonomie bedurften einer Überprüfung und Weiterentwicklung, nicht einer Verdammung und Abschaffung.
Weitere Lektüre
Autorenkollektiv, Graupner, K. und Wittenburg, G. (Hrsg.), Geschichte der politischen Ökonomie des Sozialismus — Umrisse, Verlag Die Wirtschaft Berlin, Berlin, 1986.
Autorenkollektiv unter der Leitung von Lothar Baar, Wirtschaftsgeschichte — Ein Leitfaden, Verlag Die Wirtschaft Berlin, Berlin, 1980.
Autorenkollektiv unter der Leitung von Rolf Badstübner, Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1981.
Bardmann, M., Die Preistypendebatte, ihre Grundlagen und ihr Einfluss auf die praktische Ausgestaltung des Preissystems der DDR, Berlin Verlag Arno Spitz, 1986.
Badstübner, R. und Heitzer, H. (Hrsg.), Die DDR in der Übergangsperiode, Akademie Verlag, Berlin, 1982.
Becker, S. und Dierking, H., Die Herausbildung der Wirtschaftswissenschaften in der Frühphase der DDR, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, 1989.
Bombelles, J., Economic Development of Communist Yugoslavia, Hoover Institution Publications, Stanford University, 1968.
Dunkhase, H., Plädoyer für Planwirtschaft, PapyRossa Verlag, Köln, 2022.
Haffner, F., Das sowjetische Preissystem. Theorie und Praxis. Änderungsvorschläge und Reformmaßnahmen. Bunker & Humblot, Berlin, 1968.
Kissel, P., Vom Wiederaufbau zum Eigentum in den Händen des Volkes, Internationale Forschungsstelle DDR, 2024.
Knauff, R., Der fondsbezogene Preis in der DDR, Philipps-Universität, Marburg, 1970.
Krause, G., Wirtschaftstheorie in der DDR, Metropolis-Verlag, Marburg, 1998.
Kronrod, J.A., Das Geld in der sozialistischen Gesellschaft, Akademie Verlag, Berlin, 1963 (ursprünglich 1960 auf Russisch erschienen).
Matho, F., Wie werden Preise gemacht? Gesellschaftlich notwendiger Arbeitsaufwand und Preis, Dietz Verlag Berlin, Berlin, 1967.
Mühlfriedel, W. und Wießner, K., Die Geschichte der Industrie der DDR bis 1965, Akademie Verlag, Berlin, 1989.
Nick, H., Ökonomiedebatten in der DDR, GNN Verlag, Schkeuditz, 2011.
Protokoll: Finanzpolitische Konferenz vom 17. bis 19. September 1951, Deutsche Finanzwirtschaft, Nr. 17/18, Berlin, 1951.
Roesler, J., Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR, Akademie Verlag, Berlin, 1978.
Roesler, J., Geschichte der DDR, PapyRossa Verlag, Köln, 2013.
Yaffe, H., Che Guevara: Die Wirtschaft der Revolution, Palgrave Macmillan, Hampshire, 2009.
Fußnoten
- Aus einem Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1927. Zitiert im Lehrbuch der politischen Ökonomie der Sowjetunion von 1954.[↩]
- Siehe z.B. Becker, S. und Dierking, H., Die Herausbildung der Wirtschaftswissenschaften in der Frühphase der DDR, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, 1989; Krause, G., Wirtschaftstheorie in der DDR, Metropolis-Verlag, Marburg, 1998; Nick, H., Ökonomiedebatten in der DDR, GNN Verlag, Schkeuditz, 2011.[↩]
- Doernberg, S., Kurze Geschichte der DDR, Dietz Verlag Berlin, 1969, S. 179.[↩]
- Ulbricht, W. Der Fünfjahrplan und die Perspektiven der Volkswirtschaft – Referat und Schlusswort auf dem III. Parteitag der SED, 1950, S. 30.[↩]
- Schultze, R., Die Ausarbeitung des Fünfjahrplanes der DDR 1951 bis 1955. Die Reaktion der Werktätigen und der Klassengegner auf seine Verkündung, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1980, Akademie Verlag, Berlin, S. 37.[↩]
- Diese Parteien waren Mitglieder des sogenannten „Demokratischen Blocks“, einer von der SED geführten Volksfront. Die Änderungsanträge der CDU empfahlen u.a. eine engere Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Betrieben durch den weiteren Ausbau des Vertragssystems zwischen VEB und privaten Unternehmen, eine bessere Materialversorgung kleinerer Betriebe, eine bessere Verteilung der Arbeitskräfte und die geplante Ausbildung jüngerer Fachkräfte. Die LPDP schlug eine Senkung aller Steuern und die Festsetzung eines Höchstsatzes für die Einkommenssteuer auf der Grundlage des geplanten Anstiegs des Volkseinkommens vor, was eine direkte Benachteiligung der Arbeiter zugunsten der Kapitalisten bedeutet hätte. Die LDPD lehnte auch die weitere Entwicklung der Schwerindustrie ab, da dies angeblich die Spaltung der deutschen Wirtschaft vertiefen würde. Siehe Ibid.[↩]
- Siehe: https://www.gvoon.de/gesetzblatt-gbl-ddr-1950/seite-1111–272743.html[↩]
- Roesler, J., Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR, Akademie Verlag, Berlin, 1978. S. 46.[↩]
- Roesler, Herausbildung, S. 44.[↩]
- Wie Walter Ulbricht auf dem dritten FDGB-Kongress feststellte: „Wir haben bei uns keine sozialistische Ordnung, aber bei uns gibt es unter den demokratischen Bedingungen eine volkseigene Wirtschaft, Betriebe volkseigenen Charakters, für die die gleichen Gesetzen gelten.“ Zitiert in Protokoll: Finanzpolitische Konferenz vom 17. bis 19. September 1951, Deutsche Finanzwirtschaft, Nr. 17/18, 1951, S. 219.[↩]
- Siehe: Autorenkollektiv unter der Leitung von Lothar Baar, Wirtschaftsgeschichte — Ein Leitfaden, Verlag Die Wirtschaft Berlin, Berlin, 1980, S. 204. Und: Autorenkollektiv, Graupner, K. und Wittenburg, G. (Hrsg.), Geschichte der politischen Ökonomie des Sozialismus — Umrisse, Verlag Die Wirtschaft Berlin, Berlin, 1986, S. 199.[↩]
- Die separatistische Politik und die Sanktionen des Westens trafen den Osten hart, wie der Warenverkehr zeigt: 1936 gingen 79 % aller Lieferungen aus den deutschen Ostgebieten nach Westdeutschland, nur 21 % gingen ins Ausland. Von den Einfuhren kamen sogar 86 % aus den westlichen Landesteilen und nur 14 % aus dem Ausland. Im Februar 1950 verbot die westdeutsche Regierung vertraglich vereinbarte Stahllieferungen an die DDR im Rahmen des so genannten Interzonenhandels. Dieses Embargo sollte dem Wiederaufbau in Ostdeutschland einen schweren Schlag versetzen.[↩]
- Das Potsdamer Abkommen sah vor, dass Deutschland 10 Milliarden US-Dollar an Reparationen an die UdSSR zahlen sollte (eine geringe Summe angesichts der Kriegsschäden von 485 Milliarden Dollar). Bis 1950 hatte Deutschland etwa 3,67 Mrd. USD gezahlt – hauptsächlich aus der SOZ. Indem die UdSSR 1950 die verbleibenden 6,34 Milliarden halbierte, verzichtete sie auf 3,15 Milliarden Dollar, die Deutschland schuldete. Außerdem verlängerte Moskau die Frist, damit die DDR in den nächsten 15 Jahren kleinere Raten zahlen konnte. Aufzeichnung des Gesprächs des Genossen I.V. Stalin mit den Führern der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht 4. Mai 1950: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2003_4_5_bonwetsch.pdf[↩]
- Siehe Das Kapital, Band 2, Teil 3.[↩]
- Baar, Wirtschaftsgeschichte, S. 191.[↩]
- Badstübner, R. und Heitzer, H. (Hrsg.), Die DDR in der Übergangsperiode, Akademie Verlag, Berlin, 1982, S. 206.[↩]
- Ulbricht, W., Der Fünfjahresplan.[↩]
- Mehr zur Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) siehe Studies on the DDR #3.[↩]
- Das Wertgesetz ist ein inhärenter Bestandteil warenproduzierender Gesellschaften. Es ist der Mechanismus, durch den das Prinzip des gleichen Tausches zwischen Privateigentümern durchgesetzt wird. Wie Marx in Das Kapital ausführlich darlegt, ist das in den Waren verkörperte Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit (in letzter Konsequenz) die Grundlage für deren Austausch. Im Kapitalismus werden die Marktpreise letztlich durch das Wertgesetz bestimmt. Kurz gesagt, dieses Gesetz schreibt vor, dass das gesellschaftliche Produkt auf der Grundlage der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit verteilt wird.[↩]
- Dies bedeutete, dass die DDR 92 Prozent ihres Sozialprodukts verbrauchte. Zum Vergleich: 1950 hatte die Tschechoslowakei eine Akkumulationsrate von 17 Prozent, Polen 21 Prozent und Ungarn 23 Prozent. Roesler, Herausbildung, S. 121–122.[↩]
- Badstübner, S. 138[↩]
- Siehe: Stalin, J., Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR, Dietz Verlag, Berlin, 1952, S. 57.[↩]
- Protokoll: Finanzpolitische Konferenz, S. 218.[↩]
- Siehe Marx, K., Kritik des Gothaer Programms.[↩]
- Vgl. Zahn, L., Die ökonomischen Grundbegriffe der Sowjetplanwirtschaft, Einheit, Jg. 3, Heft 2, 1948.[↩]
- Lemmnitz, A., Das Geld im Sozialismus, Deutsche Finanzwirtschaft, 1948, H. 10/11, S. 18. Siehe auch die Argumentation von Gordin, A., Preis und Preisbildung in der UdSSR, Neue Welt, 1951.[↩]
- Siehe: Rau, H., Die Erfahrungen bei der Durchführung des Planes I. Quartal 1951, in: Die neuen Wirtschaftsaufgaben zur Verbesserung der Lebenslage des Volkes, Bericht an das 6. Plenum des ZK der SED, Juni 1951.[↩]
- Chosrastschot wurde in der DDR als wirtschaftliche Rechnungsführung übersetzt. Nachdem die Bolschewiki 1921 den „Kriegskommunismus“ aufgegeben hatten, führten sie Chosrastschot ein, um die volkseigene Industrie ökonomischer zu gestalten. Die staatlichen Betriebe erhielten mehr Autonomie als wirtschaftliche Einheiten und wurden vom Diktat der Kombinatsdirektoren (die mehrere staatliche Betriebe beaufsichtigten) befreit. Chosrastschot wurde zu Beginn des ersten Fünfjahresplans der UdSSR im Jahr 1929 als Grundlage für die Betriebsführung bekräftigt: Die Unternehmen erhielten eine „angemessene“ finanzielle Selbstständigkeit und juristische Persönlichkeit. Im Jahr 1936 wurden die sowjetischen Betriebe zudem mit eigenen „Direktorenfonds“ ausgestattet, um die materiellen Anreize für eine effizientere Produktion auf Unternehmensebene zu erhöhen. Siehe Bratusj, S.N., Die Entwicklung des sowjetischen staatlichen Betriebs zur juristischen Person in Sowjetwissenschaft, 1949 und Rau, H., Die neuen Wirtschaftsaufgaben, S. 16.[↩]
- Mühlfriedel, W. und Wießner, K., Die Geschichte der Industrie der DDR bis 1965, Akademie Verlag, Berlin, 1989, S. 194.[↩]
- Siehe Willy Rumpf in Protokoll: Finanzpolitische Konferenz, S. 219.[↩]
- Zitiert in Becker und Dierking, Die Herausbildung, S. 439.[↩]
- Lemmnitz, A. Charakter und Rolle der Warenproduktion und des Wertgesetzes in der Wirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik, Einheit, Sonderheft, November 1952, S. 1239.[↩]
- Ebd.[↩]
- Lemmnitz, A., Das Geld im Sozialismus, Deutsche Finanzwirtschaft, Heft 10/11, 1948, S. 18. Der sowjetische Ökonom Konstantin Ostrowitjanow – einer der Hauptautoren des sowjetischen Lehrbuchs „Politische Ökonomie“ von 1954 – war für die Ökonomen der DDR zu dieser Zeit einflussreich: „Die Berechnung der gesellschaftlichen Arbeit in Geld ist die Hauptfunktion des Wertgesetzes in der sozialistischen Wirtschaft. Die monetäre Berechnung bildet zusammen mit den technischen Normen die Grundlage für die Bestimmung der Selbstkosten und der Rentabilität der Produktion in den sozialistischen Staatsbetrieben. Der sowjetische Staat nutzt die monetäre Buchführung als Mittel zur Kontrolle der Produktion durch den Vergleich von geplanten und tatsächlichen Produktionskosten.“ Ostrowitjanow, K., Die sozialistische Planung und das Wertgesetz, in: Sowjetwissenschaften, 1948, Heft 2, S. 18. Ostrowitjanow sollte später einer der ersten sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler werden, der Stalins These in Frage stellte und argumentierte, dass die Produktion in den sozialisierten Industrien in Wirklichkeit eine Warenproduktion sei (siehe Abschnitt 5).[↩]
- Für mehr über die Reform der Industriepreise in der DDR und der UdSSR: Mühlfriedel und Wießner, Die Geschichte, S. 203; Roesler, Die Herausbildung, S. 70; Gordin, A., Preis und Preisbildung in der UdSSR; M. Bardmann, Die Preistypdebatte.[↩]
- Basierend auf Matho, F. Wie werden Preise gemacht? Gesellschaftlich notwendiger Arbeitsaufwand und Preis, Dietz Verlag Berlin, Berlin, 1967.[↩]
- Brar, Wirtschaftsgeschichte, S. 203 und Mühlfriedel und Wießner, Die Geschichte, S. 199.[↩]
- Roesler, Die Herausbildung, S. 71 und Mühlfriedel und Wießner, Die Geschichte, S. 197. Diese Fonds orientierten sich an den sowjetischen Direktorenfonds, die 1936 eingeführt wurden. Im Laufe des ersten Fünfjahresplans in der DDR wuchsen die Direktorenfonds deutlich an und wurden zu einem zentralen Instrument, um materielle Anreize zu schaffen. Im Jahr 1957 wurde dieses Prinzip noch weiter ausgebaut, und zwei Fonds ersetzten nun die Direktorenfonds: die „Betriebsprämienfonds“ und die „Kultur- und Sozialfonds“. Siehe Abschnitt 4.[↩]
- Mühlfriedel und Wießner, Die Geschichte, S. 199.[↩]
- Ulbricht, W. Der Fünfjahresplan, S. 78.[↩]
- Protokoll: Finanzpolitische Konferenz, S. 219 und Roeseler, Die Herausbildung, S. 29. [↩]
- Protokoll: Finanzpolitische Konferenz, S. 220.[↩]
- Die USA warfen 635.000 Tonnen Bomben und 32.557 Tonnen Napalm auf Korea ab. US-General Curtis LeMay erklärte: „Wir … haben jede Stadt in Nordkorea niedergebrannt … wir haben zwanzig Prozent der Bevölkerung getötet“. Westlichen Schätzungen zufolge wurden zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Koreaner aus der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) getötet – 15,6 % bis 26,0 % ihrer Vorkriegsbevölkerung. Weitere Informationen: Der 80. Jahrestag des Sieges im Antifaschistischen Weltkrieg.[↩]
- Für mehr über das System der technisch begründeten Arbeitsnormen, siehe Kissel. Zur steigenden Lohnquote siehe Roesler, Geschichte der DDR, S. 33.[↩]
- Es gab viele Versuche, die Unsicherheiten und Lücken in den politischen Führungen der sozialistischen Länder auszunutzen, insbesondere nach dem Tod von Joseph Stalin im März 1953. Die heftigen politischen Krisen, die unter anderem 1953 in der DDR, 1956 in Polen und im selben Jahr in Ungarn ausbrachen, sind in diesem Zusammenhang zu verstehen.[↩]
- Mehr zu den Ereignissen um den 17. Juni 1953: Was geschah am 17. Juni 1953 in der DDR? https://ifddr.org/17-juni-1953/[↩]
- Nachdem Malenkow im März 1953 sowjetischer Ministerpräsident geworden war, führte er eine Politik des „Neuen Kurses“ ein, um der Abteilung 2 in der UdSSR Vorrang zu geben. Sowohl in der DDR als auch in der UdSSR entbrannte daraufhin eine Debatte über die marxistische Theorie der erweiterten Reproduktion und das Verhältnis zwischen Akkumulation und Konsumtion in der sozialistischen Planung. Siehe Becker & Dierking, Die Herausbildung, S. 365.[↩]
- Badstübner, Die Geschichte, S. 167.[↩]
- Brar, Wirtschaftsgeschichte, S. 194.[↩]
- Ulbricht, W., Fragen der politischen Ökonomie in der Deutschen Demokratischen Republik — 21. Tagung des Zentralkomitees der SED 12. bis 14. November 1954.[↩]
- Roesler, Herausbildung, S. 80 & 250.[↩]
- Roesler, Die Herausbildung, S. 228.[↩]
- Die ursprüngliche Reform des Betriebsprämienfonds von 1957 hatte eine harte Grenze eingeführt: Wenn die Produktion nicht 100 Prozent des Ziels erreichte, wurden die Prämien drastisch gekürzt. Das bedeutete, dass ein fleißiger VEB für Umstände bestraft werden konnte, die außerhalb seiner Kontrolle lagen (z. B. Materialengpässe, die die Produktion vorübergehend unterbrachen). Das neue System von 1964 senkte die Prämien schrittweise entsprechend dem Ausmaß, in dem die Ziele nicht erreicht wurden. Eine Produktion, die nur 5 Prozent unter dem Ziel lag, wurde nicht so stark bestraft wie eine Produktion, die 25 Prozent unter dem Ziel lag. Siehe: Roesler, Die Herausbildung, S. 228.[↩]
- Badstübner, Die Geschichte, S. 162/163 und Mühlfriedel und Wießner, Die Geschichte, S. 204.[↩]
- Mühlfriedel und Wießner, Die Geschichte, S. 204.[↩]
- Siehe: Rau, H., Im Maschinenbau – mehr und bessere Waren herstellen, Bericht an den 4. Parteitag der SED, April 1954.[↩]
- Erich Apel wurde später Leiter der Staatlichen Plankommission bei der Einführung des NÖSPL 1963. Zu dieser Arbeitsgruppe siehe Roesler, J., Der Beitrag der Betriebe sowjetischen bzw. gemischten Eigentums bei der Herausbildung und Festigung der sozialistischen Planwirtschaft in der volksdemokratischen Revolution, Die Große sozialistische Oktoberrevolution und der revolutionäre Weltprozess, Berlin, 1978.[↩]
- Die von Rau (damals Minister für Maschinenbau) und Apel geleitete Arbeitsgruppe kam zu dem Schluss, dass das Planungssystem der SAG „grundsätzlich einfacher und elastischer“ war als das der VEB, weil sie weniger zentral festgelegte Ziele zu erfüllen hatten. Siehe Roesler, Beitrag der SAG.[↩]
- Roesler, Die Herausbildung, S. 155.[↩]
- Ebd., S. 153.[↩]
- Ebd., S. 156.[↩]
- Ebd., S. 158.[↩]
- 25. Plenum des Zentralkomitees der SED, Oktober 1955, zitiert in Lemmnitz, Die marxistische Lehre vom Preis und die Preispolitik der Deutschen Demokratischen Republik, Wirtschaftswissenschaft (WiWi), 1956, S.91. Auch der SED-Politiker Peter Hess schrieb im Dezember 1954 im theoretischen Organ der Partei, der Einheit: „Die ‘Wirtschaftswissenschaft’ [Zeitschrift] muss ein Forum des wissenschaftlichen Meinungskampfes werden!“ (Einheit, Nr.12, 1954[↩]
- Oelßner, F., Zu einigen ökonomischen Problemen der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, WiWi, Heft 3, 1955, S. 299.[↩]
- Brus, W., Zu einigen Problemen der Einwirkung des Wertgesetzes auf die sozialistische Produktion, WiWi, Heft 4, 1955.[↩]
- Kohlmey, G., Einige Fragen der planmäßigen Ausnutzung der Wertformen und des Wertgesetzes in der Periode des Übergangs zum Sozialismus, WiWi, Heft 3, 1956, S. 447.[↩]
- Kohlmey, WiWi, Heft 3, 1956, S. 455.[↩]
- Zitiert in Krause, Wirtschaftstheorie, S. 127.[↩]
- Behrens, F., Zum Problem der Ausnutzung ökonomischer Gesetze in der Übergangsperiode, WiWi, Heft 1, 1957, S. 139.[↩]
- Behrens, Zum Problem der Ausnutzung, S. 138.[↩]
- Ebd. S. 140.[↩]
- Siehe: Diskussion über Wertgesetz und Preisbildung im Sozialismus, Sowjetwissenschaft, Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, Heft 8, 1957.[↩]
- Im sowjetischen Lehrbuch der politischen Ökonomie von 1954 heißt es zu Preisen und Wert im Sozialismus: „Der sozialistische Staat berücksichtigt das Wertgesetz bei der Planung der Preise. Der Preis ist in der sozialistischen Wirtschaft der planmäßig festgesetzte Geldausdruck des Werts der Ware. Bei der Planung der Preise für die im staatlichen Sektor erzeugten Produktionsmittel wird die Wertform nur benutzt, um die für die Produktion aufgewandte gesellschaftliche Arbeit in Geld zu erfassen. Bei der Festsetzung der Preise geht der Staat von den gesellschaftlichen Produktionskosten aus, die in den Zweigen, die Waren erzeugen, den Wert dieser Waren darstellen.“[↩]
- Kronrod, J.A., Das Geld in der sozialistischen Gesellschaft, Akademie Verlag, Berlin, 1963 (ursprünglich 1960 auf Russisch erschienen), S. 127.[↩]
- Altmann, E., Warenproduktion und Wert in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, WiWi, Heft 8, 1957, S. 1203/1204: „Zwischen den staatlichen sozialistischen Betrieben bestehen keine Beziehungen von Warenproduzenten zueinander; sie bilden gemeinsam den Bereich des staatlichen sozialistischen Eigentums mit einem einheitlichen Eigentümer der Produktionsmittel und Produkte. Die Arbeit in den einzelnen Betrieben realisiert sich nicht erst durch den Austausch zwischen den staatlichen Betrieben als unmittelbar gesamtstaatliche Arbeit, sondern direkt in der Produktion. Daran ändert auch nichts die unterschiedliche Produktivität der Arbeit in den verschiedenen Betrieben sowie mögliche Mängel in der Qualität der Arbeit oder im Sortiment der Produkte. Diese Erscheinungen gibt es auch innerhalb eines und desselben Betriebes; es sind Unterschiede im konkreten Charakter der Arbeit, woraus sich aber keinerlei Warenbeziehungen ergeben. In der Lieferung von Produkten des einen volkseigenen Betriebes an den anderen, gleich, ob direkt auf der Grundlage des Staatsplanes oder nur in Vollzug einer vertraglichen Verpflichtung, realisieren sich nicht gesellschaftliche Beziehungen von Warenproduzenten zueinander, findet also kein Warenaustausch statt. Hier vollzieht sich die Verteilung der Produktionsmittel unter die staatlichen Betriebe nur in der Form des Warenaustauschs, ohne dem ökonomischen Inhalt nach Warenaustausch zu sein. Die Produktionsmittel, die zwischen den staatlichen Betrieben kursieren, sind also in dieser Bewegung keine Waren.“[↩]
- Lemmnitz, Die marxistische Lehre vom Preis, S. 95.[↩]
- Anmerkung: Diese Debatte fand nur wenige Monate nach dem Verkauf der staatlichen Maschinen-Traktoren-Stationen an die genossenschaftlichen Kolchosen durch die sowjetische Führung statt und stand damit in direktem Widerspruch zu den Thesen Stalins in „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“.[↩]
- Zitiert in Eggers, W., Die Rolle des ‚Wertgesetzes‘ im sowjetischen Wirtschaftssystem, Osteuropa Wirtschaft, 1960, Heft 1, S. 41.[↩]
- Zitiert in Dunkhase, H., Plädoyer für Planwirtschaft, PapyRossa Verlag, Köln, 2022, S. 17.[↩]
- Zitiert in Krause, Wirtschaftstheorie in der DDR, S. 128.[↩]
- Behrens, Zum Problem der Ausnutzung, S. 117/118.[↩]
- Ebd., S. 125/126.[↩]
- Benary, A., Zur Funktion des Wertgesetzes im System der ökonomischen Gesetze des Sozialismus, WiWi, Heft 1, 1957, S. 89.[↩]
- In der Belgrader Erklärung heißt es, dass „die Fragen der inneren Ordnung, der Unterschiede im gesellschaftlichen System und der Unterschied in den konkreten Entwicklungsformen des Sozialismus ausschließlich Angelegenheit der Völker der betreffenden Länder sind“. Die mit der Sowjetunion verbündeten kommunistischen Parteien hatten immer anerkannt, dass sich der Sozialismus in jedem Land „entsprechend den spezifischen nationalen Bedingungen“ entwickeln würde, hatten aber behauptet, dass es bestimmte allgemeine Merkmale gäbe, die alle sozialistischen Staaten gemeinsam hätten. Dies war ein Eckpfeiler des wissenschaftlichen Sozialismus. Die Belgrader Erklärung wich von dieser Position ab und vertrat ein pluralistisches Verständnis des Sozialismus. Nachdem die KPdSU 1956 die Auswirkungen dieses politischen Wandels gesehen hatte, zog sie diese Position zurück und kehrte 1958 bei den Diskussionen um das neue Parteiprogramm in Jugoslawien zu einer scharfen Kritik an Titos Auffassungen zurück.[↩]
- Siehe J. Bombelles, Economic Development of Communist Yugoslavia, Hoover Institution Publications, Stanford University, 1968, S. 49.[↩]
- Siehe die „Geheimrede“: https://www.marxists.org/archive/khrushchev/1956/02/24.htm[↩]
- Siehe: Neues Deutschland, 31. Juli 1956.[↩]
- Siehe: BArch DY 30/40698 (Deutsches Bundesarchiv), S. 86 & 90.[↩]
- Siehe: BArch DY 30/40696 (Deutsches Bundesarchiv), S. 182 & 183.[↩]
- BArch DY 30/40696 (Deutsches Bundesarchiv).[↩]
- Zitiert in Roesler, Die Herausbildung, S. 158.[↩]
- Kampfert, K., Gegen das Aufkommen revisionistischer Auffassungen in der Wirtschaftswissenschaft, WiWi, Sonderheft 3, 1957, S. 13.[↩]
- Luck, H., Bemerkungen zum Artikel von Behrens, WiWi, Sonderheft 3, 1957, S. 103.[↩]
- Zitiert in Becker und Dierking, Die Herausbildung, S. 456.[↩]
- Richter, Wirtschaftswissenschaft, Heft 1, 1957.[↩]
- Lemmnitz, Die marxistische Lehre, S. 92.[↩]
- Ebd., S. 97.[↩]
- Zitiert in Becker und Dierking, Die Herausbildung, S. 457.[↩]
- Oelßner, zitiert in Becker und Dierking, Die Herausbildung, S. 455.[↩]
- Für weitere Informationen zu dieser Debatte, siehe Dunkhase.[↩]
- In dieser Frage gab es unter den Ökonomen der DDR und der Sowjetunion drei Strömungen: diejenigen, die den erwirtschaftete Gewinn nach der eingesetzten lebendigen Arbeit verteilen wollten (Der Wertpreis oder lohnbezogener Preis), diejenigen, die das Reineinkommen proportional zu den Selbstkosten mit einer einheitlichen Rate in den Preis einbeziehen wollten (der kostenbezogene Preis), und schließlich diejenigen, die einen „Gewinnaufschlag“ entsprechend der Durchschnittsprofitrate (bezogen auf das angewandte Kapital) vorgeschlagen haben (der fondsbezogene Preis). Der fondsbezogene Preis spielte eine zentrale Rolle bei den Preisreformen, die 1964 und 1967 im Rahmen des NÖSPL der DDR durchgeführt wurden. Mehr dazu unter: Autorenkollektiv, Geschichte der politischen Ökonomie – Umrisse, Verlag Die Wirtschaft Berlin, 1986, S. 185 und Bardmann, Die Preistypdebatte.[↩]
- Badstübner, Geschichte, S. 188.[↩]
- Die so genannten Mittelbauern waren bisher zum Beitritt in LPGs des Typs 3 ermuntert worden, die einen höheren Grad der Vergesellschaftung der Produktionsmittel vorschrieben. Nun ermutigte die SED die Mittelbauern, in LPGs des Typs 1 einzutreten, die einen geringeren Grad der Vergesellschaftung darstellten. Siehe Badstübner, Geschichte, S. 192, und Studies on the DDR #3.[↩]
- Autorenkollektiv unter der Leitung von Kalbe, E., Geschichte der sozialistischen Gemeinschaft, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1981, S. 217.[↩]
- Roesler, Geschichte der DDR, S. 47.[↩][↩]
- Roesler, Geschichte der DDR, S. 71.[↩]
- Quelle: Geschichte der SED, S. 439.[↩]
- Kalbe, Geschichte, S. 226.[↩]
- Roesler, Geschichte der DDR, S. 46.[↩]
- Badstübner, Geschichte, S. 206.[↩]
- Roesler, Geschichte der DDR, S. 44.[↩]
- Roesler, Die Herausbildung, S. 161.[↩]
- Heske, G., Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950–1989: Daten, Methoden, Vergleiche, 2009, https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28587.[↩]
- Mühlfriedel und Wießner, S. 151.[↩]
- Autorenkollektiv, Geschichte der SED — Abriss, Dietz Verlag, Berlin, 1978 S. 378.[↩]
- Zitiert nach Badstübner, Geschichte, S. 200.[↩]
- Roesler, Geschichte der DDR, S. 52.[↩]
- Hans Heinz Holz, Kommunisten heute, Neue Impulse Verlag, S. 96.[↩]
- Roesler, 2013, S. 52.[↩]
- Wie John F. Kennedy kurz nach der Schließung der Grenze in Berlin bemerkte: „Warum sollte Chruschtschow eine Mauer errichten, wenn er wirklich die Absicht hätte, West-Berlin zu besetzen? […] Es gäbe keinen Grund für eine Mauer, wenn er vorhätte, die ganze Stadt zu besetzen. Das ist sein Ausweg aus der misslichen Lage. Es ist keine sehr schöne Lösung, aber eine Mauer ist viel besser als ein Krieg.“ https://www.thehistoryreader.com/world-history/president-kennedy-berlin-wall/ [↩]
- Geschichte der SED, S. 420.[↩]
- Siehe den 16. Parteitag der KPdSU im Jahr 1930.[↩]
- Siehe Helen Yaffe: Che Guevara: Die Ökonomie der Revolution.[↩]
- Hans Wemmer, Zu einigen ökonomischen Kategorien der Warenproduktion, WiWi, Heft 2, 1957, S. 238.[↩]
- Hans Wemmer, WiWi, Heft 2, 1957, S. 237.[↩]
- Nach 1958 bezog sich der Begriff „sozialistische Warenproduktion“ nicht mehr auf die Behauptung, dass auch im Sozialismus in verschiedenen Wirtschaftszweigen Warenproduktion stattfinden wird (dies wurde nicht bestritten, da es als unvermeidliches Merkmal des Übergangs vom Kapitalismus angesehen wurde), sondern auf die These, dass die Produktion in der sozialistischen Industrie selbst eine Warenproduktion ist und dass die Produktionsmittel in den volkseigenen Industrien Waren sind.[↩]
- In dem während der NÖSPL-Ära veröffentlichten Lehrbuch der politischen Ökonomie heißt es, dass die „Planwirtschaft sozialistischer Warenproduzenten der wirtschaftlichen Rechnungsführung der sozialistischen Wirtschaftseinheiten“ entspricht. Die wirtschaftliche Rechnungsführung sei „eine objektive Kategorie der sozialistischen Produktionsweise“. Siehe: Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR, Dietz Verlag Berlin, 1969, S. 280. [↩]
- Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR, Dietz Verlag Berlin, 1969, S. 191.[↩]
